Meine Schottlandreise 1973 (Teil 1)

Da war ich 18 Jahre alt. Haha, jetzt rattert bei euch die Rechenmaschine …

Ich habe einige wenige, nicht ganz so tolle Papirfotos gefunden. Das Gros der Bilder existiert in Lichtbildern, die teilweise einem Wasserschaden ausgesetzt waren. Irgendwann im Winter, wenn ich viel Zeit habe, werde ich diese digitalisieren und in mein Schottlandtagebuch einbauen. Bis dahin müssen wir uns mit dem begnügen, was da ist.

Bemerkungen aus der Jetzt-Zeit stehen in eckigen Klammern. Ansonsten habe ich den Text von damals nicht sprachlich überarbeitet.

Ich habe versucht, meine Klassenkameradin zu finden über Facebook, LinkedIn, Internet allgemein, aber es ist mir nicht gelungen. Ich weiss auch nicht, ob ihr Nachname noch derselbe ist. Vielleicht erkennt sie jemand von den Bildern wieder, das wäre doch toll.

Vorwort

1973 bin ich das erste Mal nach Schottland gereist, und zwar mit einer Klassenkameradin, die witzigerweise am selben Tag geboren ist wie ich. Warum Schottland? Ich kann es nicht mehr ganz nachvollziehen, aber ich war angetan von den schottischen Legenden und der Landschaft, die ich auf Bildern gesehen hatte. Ich hatte die ’Highland Clearances’ gelesen und andere Bücher über schottische Geschichte in Romanform.

Wir waren Schülerinnen und mussten unsere Unkosten auf ein Minimum beschränken. Eine Decksüberfahrt auf der ’Prinz Hamlet’ war damals sehr billig. Man schlief einfach irgendwo an Deck. Dann gab es die Interrail-Karten für junge Leute. Die Option, mit dem Zug zu fahren, wollten wir uns offen halten, denn wir hatten keine Erfahrung mit Trampen. Wir sind die ganze Angelegenheit sehr naiv angegangen. Vielleicht weckten wir damit den Beschützerinstinkt der Leute, denn die meisten waren wirklich sehr, sehr hilfsbereit. Vielleicht ist das auch nur die Natur der Schotten. Aber das ist nicht ganz gerecht, denn andere Nationalitäten waren uns gegenüber ebenso entgegenkommend. Tatsache ist aber, dass die Schotten allgemein sehr hilfsbereit und gastfrei waren. Und damals hatte man das Nordseeöl noch nicht entdeckt…

Alles in allem war die Reise ein voller Erfolg, trotz der Kritik, die eine 18-Jährige nun einmal von sich geben muss. Wir haben viele nette Leute kennengelernt. Mit einigen hatten wir noch lange nach der Reise Kontakt. Jedenfalls bin ich 1974 noch einmal hingereist, zusammen mit meiner besten Freundin und doppelt so lange. Ich liebte das Zigeunerleben. Im Prinzip tue ich das immer noch, nur möchte ich es jetzt etwas bequemer dabei haben.

Im Oktober 2012 waren mein Mann und ich eine Viertelstunde in Schottland, als wir in den Northumberland National Park fuhren, von der schottischen Seite aus. Ich möchte ihm wirklich gerne alle die Orte zeigen, an denen ich damals gewesen bin. Einiges wird sich sehr verändert haben, Anderes überhaupt nicht.

 

Doch nun zum Tagebuch der ersten Reise:

TEIL 1, Hamburg-London-Leeds-Barnard Castle-Glasgow

  1. Juli 1973

Die „Prinz Hamlet“ ist im Begriff abzulegen. Gerührt winken Mama und das kleine Brüderchen. Auf dem Deck herrscht eine Affenhitze, unter dem Dach Schwüle und auf dem Schiff sind ziemlich viele Idioten. [Denkt daran, ich war 18!] Die Elbe und später der Ärmelkanal sind spiegelblank. Die Sonne scheint, und es ist herrlich, auf das Wasser zu starren und sich auf Schottland zu freuen.

Abends ziehen Susi und ich uns in die Cafeteria zurück, um uns Schlafplätze für die Nacht zu sichern. Wir bekommen einige freundliche Angebote von Mannschaftsmitgliedern, ob wir nicht eine Kabine wollten usw. Wir verzichten und legen uns auf die Bänke. Mitten in der Nacht rattert ein armer Irrer an der Musikbox herum. Es zieht aus allen Ecken, aber schliesslich siegt die Müdigkeit und wir schlafen ein.

Am nächsten Morgen, 4. Juli 1973, kommen wir in Harwich an. Von dort geht es gleich weiter mit dem Zug nach London. Wir sparen 10 pence für den Bus und gehen die fünf Minuten zum Bahnhof zu Fuss, mit dem Erfolg, dass wir vor all den anderen dort sind und uns unsere Sitzplätze noch aussuchen können. Das Verstauen der Rucksäcke bereitet uns Schwierigkeiten, bis wir schliesslich den einen kurzerhand auf den Tisch stellen.

Der Zug fährt ab. Es ist Ebbe. Boote liegen auf dem Watt der Bucht verstreut. Dann sind wir bei Ebbe reingekommen, wie geht denn das? Oder ist gar nicht Ebbe, und die Bucht sieht immer so aus?

Wir fahren durch eine Landschaft, die an Schleswig-Holstein erinnert. Auf den Bahnhöfen stehen alte, verschnörkelte Holzbänke, und um die Zäune an den Bahnsteigen ranken die herrlichsten Rosen.

Nach und nach sehen wir mehr Häuser, und Susi teilt mir mit, dass wir schon in London seien.

Liverpool Street Station: ein entsetzliches Gewimmel. Wir zwängen uns durch die Menschenmenge und es gelingt uns, in eine Bank zu kommen, wo wir Geld umtauschen wollen. Man hat uns geraten, dies erst in England zu tun, weil wir dort einen besseren Kurs bekämen.

Dann kämpfen wir uns zum Bahnhof zurück und fahren zum Hydepark. Der Marsch entlang der total überlaufenen Oxford-Street gleicht einem Albtraum. Ich laufe blindlings hinter Susi her, die mir den Weg bahnt. [Wenn man einen Rucksack auf dem Rücken hat, kann man sich ganz schnell Platz verschaffen, indem man sich einfach einige Male mit Schwung umdreht …] Vom Hydepark sehe ich zu dem Zeitpunkt nur eine riesige Rasenfläche und weit hinten am Horizont ein paar Bäume. Wir legen uns nämlich gleich vorne auf die Wiese, übernächtigt und hungrig wie wir sind, um etwas zu essen. Wir sind eigentlich auf dem Weg zur Jugendherberge, aber wir wissen, dass dort noch nicht geöffnet ist.

Ein wenig später machen wir uns dann wieder auf den Weg. Die Jugendherberge liegt in der Nähe der St. Paul’s Cathedral. Ein Schwarm internationaler Jugendlicher blockiert bereits den Gehweg und die Strasse. Bald ist Einlass. Wir ächzen die Treppen hoch, denn natürlich müssen wir ganz nach oben. In unserem Zimmer sind ausser uns noch zwei sehr nette Italienerinnen. Es gelingt mir, die eine zu verärgern, indem ich sie frage, ob sie Spanierinnen seien. [Also das war nicht mit Absicht! Scout’s honour! Ist doch alles Latein!] Sie berichtet die schlimme Beleidung der „Tedesca“ ihrer Freundin, und ich höre sowas wie „scandalo“ und muss lachen, weil ich das übertrieben finde. Nun denken sie, wir verstehen Italienisch. Aus Rache fragen sie dann uns, ob wir Engländerinnen seien, was wir weit von uns weisen.

 

  1. Juli 1973

Wir wandern am nächsten Tag sieben Stunden durch die Stadt (Pausen schon abgerechnet). Wir starten am Victoria Embankment, wo ich einige schöne Fotos mache, die leider alle schwarz werden. Nur das eine blöde Bild von mir auf einer Bank wird gut. Big Ben ist meiner Meinung nach ein Ausbund an Scheusslichkeit, (meine ehrliche Meinung). Westminster Abbey finde ich schöner. Dort liegen viele interessante Menschen begraben, u. a. Darwin. Dann zieht es uns zum Regent’s Park, den wir unter vielen Mühen endlich finden. Wir legen uns auf den Rasen, ziemlich die einzigen Besucher zu diesem Zeitpunkt, und schlafen ein. Um 13.00 Uhr wachen wir auf und sind auf einmal überall von Engländern umringt. Mittagspause?

Irgendwie gelangen wir auf wunderbare Weise nach Soho, wo wir in einer kleinen Nebenstrasse auf einen Markt stossen, wo eine Ein-Mann-Band Musik spielt (mit Fusstrommel und allem Drum und Dran). Der Junge ist ein guter Gitarrist. In Soho gibt es die herrlichsten Pubs mit Holzfassaden und goldenen Buchstaben über der Tür. Auf einmal, ich weiss nicht wie (ihr habt sicher inzwischen erraten, dass wir keinen Stadtplan dabei haben …), befinden wir uns auf dem Piccadilly Circus, von Touristenmassen umwogt. In der Carnaby Street ist es ähnlich; man hört fast nur Deutsch.

Die italienischen Restaurants enttäuschen mich etwas. Ich habe noch nie mehrere Italiener in einer Gruppe zusammen erlebt, wo nicht entweder mit grossen Armbewegungen diskutiert oder gescherzt und gelacht wurde. Aber hier nur ernste Gesichter und unfreundliche Bedienung. Hat die Reserviertheit der Engländer abgefärbt oder ist man hier als Deutsche nicht gern gesehen?

Was mir in London gut gefällt ist, dass man aussehen kann wie man will und machen kann, was man will, ohne dass man angeglotzt wird. Aber die Hektik macht mich nervös. Man kann nirgendwo stehen bleiben, ohne dass gleich jemand in einen hineinläuft.

 

  1. Juli 1973

Wir nehmen den Zug von London über Doncaster nach Leeds. Richtig, wir haben ja die Interrail-Tickets! Leeds ist nicht besonders hübsch, eine Industriestadt, aber von dort ist es nicht mehr weit nach Schottland. Wir steigen aus und schlängeln uns mit unseren furchterregenden Rucksäcken durch die Menschenmenge (auch hier). Wir folgen irgendeinem Wegweiser, natürlich in die falsche Richtung!

An einem Busbahnhof frage ich einen Mann nach der A66. Kennt er nicht. Fragen Sie doch mal im Büro. Gut, ich frage im Büro. ”Ich habe keine Ahnung, fragen Sie doch mal den Busguard, der müsste es wissen.” Ich frage den Busguard (und störe ihn beim Dirigieren der Busse). Die Strassen kennt er leider nicht, ich soll ihm einen Ort nennen. Hier schlägt das Schulenglisch fehl. Er benutzt das Wort ”place” und nicht ”town”. Ich verstehe nicht, was er meint.

Wir gehen erst einmal weiter. Oh, Wonne, wir sichten einen Verkehrspolizisten! Wir fragen ihn nach der A66 und erzählen ihm, dass wir nach Glasgow wollen. ”Glasgow? Ich bin von da!” Er lächelt uns an mit seinen beiden Zähnen, die ihm noch geblieben sind. Von dem, was er sagt, verstehen wir leider nicht viel, denn er ist tatsächlich aus Glasgow. Wir erfahren aber, dass wir im Begriff sind, nach Süden zu gehen. Natürlich müssen wir nach Norden gehen. Gut. Wir drehen um. ”Wenn wir wieder am Busbahnhof vorbeikommen, lachen die sich tot!” meint Susi. Bald sind wir wieder da, wo wir losgegangen sind und wandern in die entgegengesetzte Richtung weiter. Oh, Wunder, schon wieder zwei Verkehrspolizisten, dazu noch weibliche! Sie kennen den Weg so genau, dass wir nicht alles behalten können, aber irgendwie kommen wir zu einer Autobahn. Pech nur, dass sie nach London führt.

Wir fragen eine Gruppe Bauarbeiter. Sofort entwickelt sich eine lebhafte Diskussion zwischen den Vieren. Ein fünfter steigt aus dem Auto. ”Sie müssen wieder zurückgehen”, sagt einer. Ein anderer zeigt in die entgegengesetzte Richtung. ”Gehen Sie da runter. Die grosse Strasse führt zur A1 nach Norden.” ”Lass sie lieber zur A65 nach York gehen, auf der Autobahn dürfen sie nicht trampen”, rät ein dritter. Wir werfen einen Blickauf die Karte (ja, wir haben eine Karte, nur keine Stadtpläne …), und stellen fest, dass York völlig aus der Richtung liegt. Wir wollen schliesslich nach Glasgow. Die Männer streiten sich noch eine Weile. Einer schlägt uns vor, hier auf dem Rasen zu übernachten. Dazu muss gesagt werden, dass es in der Zwischenzeit angefangen hat zu regnen, und zwar recht heftig. Wir setzen uns wieder in Bewegung. Unser Ziel die A1 nach Schottland.

Wir kommen wieder an einem Busbahnhof vorbei. (Nein, nicht derselbe von vorhin!) Wir essen erst einmal. Schliesslich sind zweieinhalb Stunden vergangen, seit wir aus dem Zug gestiegen sind! Wir trinken Tee in einer Cafeteria. Ich vergesse am Thresen umzurühren (ich nehme Zucker in den Tee und Milch, jawohl!). Glücklicherweise habe ich meistens einen Teelöffel in meiner Jackentasche. Ich nehme ihn also, rühre meinen Tee um, lecke den Löffel ab und stecke ihn wieder in die Tasche. Ein älterer Herr gegenüber will sich totlachen. Ich lächele ihn an und benutze die Gelegenheit, um noch einmal nach dem Weg zu fragen. Er blickt sinnend auf die Kreuzung: ”Ja, wenn ich das nur wüsste. Ich fahre immer nur mit dem Bus!”

In unserer Verzweiflung wählen wir schliesslich die Strasse, die nicht nach York führt. Es gibt die A65 und die A67. Von der A66 ist nichts zu sehen. Die Strasse, auf der wir jetzt gehen, sieht auf jeden Fall so aus, als ob sie aus der Stadt heraus führt. Wir fragen noch einmal an einer Tankstelle. ”Gehen Sie hier weiter. Zwischen einem Pub und einem Kino gehen Sie dann rechts hoch, dann kommen Sie zur A1!” Wir sind also bereits auf dem richtigen Weg, sehr beruhigend. Nach ungefähr eineinhalb Kilometern kommen wir zu Pub und Kino. Der Hügel, den wir hinauf gehen müssen, verschlägt mir die Sprache. Ein Mann meint: ”Die A1? Das ist noch weit, über eineinhalb Kilometer!” Ich finde mich langsam damit ab, in einem Busunterstand übernachten zu müssen. Welch erhebendes Gefühl überkommt uns jedoch, als wir in der Ferne ein grünes Schild mit der Aufschrift ’A1, The North’ sehen! Erleichtert setzen wir uns auf eine Bank, um erst einmal etwas zu essen.

Ich habe gerade ein ganzes Ei im Mund, als ein Lastwagen anhält. Wir haben noch nicht einmal die Daumen in Positur gehabt. Susi springt wie von einer Tarantel gestochen auf und lässt mich mit der Eierdose und einer offenen Flasche sitzen. Ich springe ebenfalls auf, verliere den Deckel von der Flasche, bücke mich danach, richte mich wieder auf und ’zack’ knallt mir das Kochgeschirr, dass ich sehr genial hinten am Rucksack befestigt habe, auf den Kopf. Ich renne brüllend hinter Susi her, mit Flasche und Eierdose im Arm: ”Mach mir doch das Kochgeschirr wieder runter! Mach mir doch … usw.”

Der Fahrer ist sehr fürsorglich. Unsere Rucksäcke packt er hinten unter eine Plane, damit sie nicht nass werden. Wir klettern hinein, mit Umweg über das Vorderrad, wegen Nichvorhandenseins eines Trittbrettes. Wir unterhalten uns mit dem Fahrer, und er zeigt uns ein Bild von seiner Freundin. Er will uns anscheinend beruhigen hinsichtlich seiner Absichten. Ich finde das richtig nett. Nach einigen, nicht allzu vielen Kilometern setzt er uns wieder ab. Er versucht noch, einen vertrauenswürdigen Lastwagen für uns anzuhalten, hat aber damit kein Glück.

Wir stellen uns also wieder in Positur. Nicht lange danach hält ein PKW an mit einem sehr netten jungen Mann darin. Er will nach Edinburgh. Kurz vor Scotch Corner (einem grossen Kreisverkehr) komme ich jedoch auf die glorreiche Idee zu sagen, dass wir um 18.00 Uhr in einer Jugenherberge sein müssen. ”In welcher?” – ”In irgendeiner!” Bei Scotch Corner schauen wir auf die Karte. Die nächstliegende Jugendherberge ist in Barnard Castle, 8 Kilometer von hier. Unser Fahrer, dieser Engel, fährt uns bis zur Haustür. Erleichtert stürzen wir hinein, schliessen gewissenhaft die Tür, schauen uns eingehend das Gestell mit den schmutzigen Schuhen an und gehen daran vorbei. Ein schlanker, schwarzhaariger Endzwanziger stürzt auf uns zu und fällt fast in Ohnmacht.  ”Würdet ihr bitte die Schuhe ausziehen, ja? Hinter der Tür steht ein Regal dafür. Und würdet ihr bitte die Tür zumachen! Nur Deutsche kommen so stampf, stampf irgendwo rein!” Na, das fängt ja gut an. Ich drehe mich um. Tatsächlich, die Tür steht sperrangelweit offen. Es dauert eine Weile, bis ich sie richtig schliessen kann. Sie hat so einen merkwürdigen Drehknauf, den man in einer bestimmten Position festhalten muss, bis es ’klick’ macht, sonst kann man von vorn anfangen.

Nass, aber zufrieden begeben wir uns in die Küche, nachdem wir unser Gepäck abgestellt und uns häuslich niedergelassen haben. Der Warden (Jugendherbergsleiter? Ich bleibe bei ’Warden’) rennt hin und her und macht Witze; wir kommen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Das mit den Deutschen hatte er auch nur als Spass gemeint, sagt er jedenfalls. Sein Lieblingsspruch ist ”Just a joke, you know!” Eine Gasflamme ist völlig beschmiert, da ist was los! ”Das war eine nette, saubere Küche, bevor diese beiden Damen hier hereinkamen!” Und später: ”Nach Schottland wollt ihr? Ein schreckliches Land mit schrecklichen Leuten. Hier, dieser junge Mann, Peter, stammt von dort!” Wir fragen ihn, ob wir Milch bestellen können. ”Wie viele Gallons?” Susi und ich gucken uns unsicher an. Wieviel ist das in Litern? ”Einen Liter”, versuchen wir. ”A litter? Ja es ist schrecklich, wie die Leute mit ihrem Dreck herumschmeissen”, bekommen wir zur Antwort. So ging das den ganzen Abend.

Um 22.00 Uhr lädt uns Alan, der Warden, zu einem Whiskey ein. Wir haben eine sehr ernsthafte Unterhaltung über unsere Probleme, gegenwärtige und zukünftige und vor allem über die Schwierigkeit, ein Warden zu sein. Alan besitzt einen ganzen Zoo: Zwei sehr nette Hunde, eine Katze, Goldfische und einen Vogel.

Das Wetter ist inzwischen richtig lausig. Alan meint: ”Jeder beklagt sich über den Regen. Ich verstehe das gar nicht. Erst diese armen Radfahrer und jetzt ihr. Was habt ihr gegen Regen?” Wir erfahren, dass vor zwei Stunden ein schlimmer Sturm in Leeds gehaust hat! Haben wir ein Glück gehabt!

 

  1. Juli 1973

Am nächsten Morgen ist uns das Wetter freundlich gesonnen. Barnard Castle ist eine sehr nette kleine Stadt, und der Abschied fällt uns nicht leicht. Alan schenkt uns Kuchen als Wegzehrung. Ich mache noch ein Foto von ihm, dann ziehen wir weiter. Der Rucksack drückt ziemlich sofort. Das Schloss fällt uns ins Auge. Wir zücken die Kameras. Danach schleppen wir uns einen Hügel hoch. Von dort überblicken wir die Lage: Eine nette, kleine Strasse, hügelrunter, hügelrauf, wie in Dänemark an den Förden. Viel Verkehr ist hier allerdings nicht, und so betreten wir mutig das Hügelmeer, um die acht Kilometer zur Hauptstrasse zu Fuss zu gehen. Unterwegs strecken wir jedoch immer wieder hoffnungsfroh den Daumen raus, und siehe da, ein Wagen voller Arbeiter hält. Sie grinsen uns an mit ihren Zahnlücken, und uns ist ein bisschen mulmig zumute. Wir steigen trotzdem ein. ”Sie müssen sich in den Laderaum setzen. Das ist nicht sehr bequem.” – ”Ach, das macht überhaupt nichts!” (Immerhin sparen wir so acht Kilometer Fussmarsch …) Susi setzt sich auf einen Farbeimer und ich auf zwei kleine aufeinander gestellte Gipskartons, die sich als ziemlich wackelig erweisen.

Die vier Arbeiter stammen aus Newcastle (sprich: Nuhkassel, mit Betonung auf der zweiten Silbe). Dort haben sie ihre eigene Rasse, ihre eigene Sprache, und alles ist am besten in Nuhkassel, sogar der Whiskey. Sie erzählen uns auch, dass Glasgow ”pretty ruff” wäre, und dass man uns dort sicher die Kehlen durchschneiden wird. In Brough (auf Newcastlerisch ’Bruff’) setzen sie uns ab. Sie zeigen uns dort einen Propeller von einem Flugzeug, dass im 2. Weltkrieg abgestürzt war. Ich glaube es war ein Russe. [Ich habe versucht, das zu überprüfen, kann aber nichts finden. Ich muss wohl noch einmal dorthin und nachschauen, ob da eine Gedenktafel steht. Es scheint mir im Nachhinein etwas unwahrscheinlich zu sein, dass das ein russisches Flugzeug war. Was machte der über England?]

Von dort nimmt uns ein junger Mann bis nach Penrith mit. Er will in den Lake District, zum Fischen. Seiner Meinung nach ist der Lake District die schönste Landschaft der Welt. Er versucht uns zu überreden, mit ihm dort hinzufahren. ”Mein Wohnwagen steht da.” Da wir nicht sehr begeistert reagieren meint er: ”Es gibt eine Menge Jugendherbergen im Lake District.” Trotz und alledem, wir wollen gerne nach Schottland.

In Penrith hält ein Lastwagen neben uns. Der Fahrer sagt mehrmals ”Ich fahre nach Friess”. Schliesslich schaue ich auf die Karte, wo ist Friess? Dann geht mir ein Licht auf: Dumfries! Der Fahrer ist Schotte (daher auch die Aussprache) und wohnt dort. Er sieht recht ungepflegt aus mit eine Woche alten Bartstoppeln, ist aber sehr nett, wenn auch einsilbig. Wahrscheinlich ist er lange unterwegs gewesen.

In Dumfries sammelt uns ein älterer Engländer auf. ”Ich nehme normalerweise niemanden mit, aber Sie sehen nicht gefährlich aus”, begrüsst er uns. Er ist unheimlich nett und bringt uns nach einer ausgedehnten Sightseeing-Tour bis zur Tür der Jugendherberge in Glasgow. ”Ich will doch nicht, dass Sie nachts in der Stadt verloren gehen!” Er ist dabei, Deutsch zu lernen und gibt uns seine Adresse zwecks Briefwechsel. [Mit George, so hiess er, habe ich regelmässigen Briefkontakt gehabt und ich habe ihn auch öfter besucht. Er wohnte an der Ostküste, in der Nähe von Durham. Er ist weit über 90 Jahre alt geworden.] Das Wetter ist im Gegensatz zum Vortag einzigartig. Strahlende Sonne, tiefblauer Himmel. Trotzdem haben wir nicht richtig Lust, uns die Stadt anzusehen. Einmal haben wir natürlich Vorurteile nach all den Warnungen, wie gefährlich es in Glasgow ist, zum anderen haben wir anscheinend beide einen grüblerischen Tag.

Wir gehen in ein vertrauenswürdig aussehendes italienisches Restaurant, um zu essen. Es ist sehr teuer, aber dafür schmeckt es wenigstens nicht. Nur der Tee ist fabelhaft. Mein halbes Hähnchen ist so widerspenstig, dass mir bald der Appetit vergeht und ich das Besteck in den Ring werfe. Mein Teller sieht aus wie ein Schlachtfeld. Ich bewundere Susi, die ihre Hälfte meisterhaft bezwingt.

Fortsetzung folgt

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

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