Meine Schottlandreise 1973 (Teil 3)

TEIL 3, Aberfoyle-Trossachs-Loch Achrey- Loch Venachar-Callender-Fort William- Alltsaigh-Inverness-Elgin (noch keine Bilder, sorry)

 

  1. Juli 1973 (Donnerstag)

Am nächsten Tag geht alles sehr schnell. Ein Schotte nimmt uns mit nach Aberfoyle. Unterwegs überholen wir noch die beiden jungen Schotten aus der Jugendherberge (die Schüchternen), die früher aufgebrochen sind als wir.

Die Strasse, die zu den Trossachs führt, ein Nationalpark und unser nächstes Ziel, ist wieder einmal sehr steil, natürlich nach oben. Das Schild, das uns mitteilt, dass wir uns auf dem Privatgebiet der englischen Königin bewegen, gibt uns keine Erleichterung. Gerade als wir endlich oben auf dem Hügel ankommen, hält ein englisches Ehepaar an, um uns mitzunehmen. Diverse Umräumungen sind nötig. Hundchen kommt auf den Schoss, und dann geht’s los. Der Mann war während des Krieges sechs Jahre auf den Orkney-Inseln stationiert. Er hatte sich geschworen, nie wieder nach Schottland zurückzukommen. Nun ist er doch da und bereut, es nicht schon früher getan zu haben.

Sie liefern uns um 9.30 Uhr in der Jugendherberge Trossachs ab. Dort treffen wir zwei Engländer aus Loch Ard wieder, die sich nur wundern, wie schnell wir von dort rübergekommen sind. ”Ihr habt den Rekord gebrochen!” sagt der eine. Da wir so gut in der Zeit liegen, beschliessen wir, nach Loch Kathrine zu wandern. Ich hege romantische Erwartungen, denke an ’The Lady of the Lake’ und dergleichen. Aber Seltsames erwartet uns dort: Zuerst ein riesiger Parkplatz, mit Autos übersät; Susi und ich blicken uns an: Was ist denn hier los? Volksfest? Doch dann begreifen wir: Touristenattraktion. Loch Kathrine ist jetzt die Wasserversorgung von Glasgow, daher hat man das ganze einstmals schöne Loch fein säuberlich eingezäunt und mit einer asphaltierten Strasse umgeben. Auf der wandern die Heerscharen der Touristen zu dem Stein, der verkündet, dass Prinzessin Margaret irgendetwas Verdienstvolles getan hat, verharren einen Moment in heiligem Schweigen und gehen dann zurück, um entweder im Restaurant zu essen oder um Andenken zu kaufen. Ich bin völlig verstört, und dann auch noch so viele Deutsche hier. Wir sind ja nicht nach Schottland gekommen, um Deutsche zu treffen!

Susi und ich ergreifen die Flucht und gehen einen See weiter, Loch Achray, unaussprechlich der Name, doch es ist schön hier. Es ist nur ein sehr kleines Loch und natürlich ist weit und breit ausser uns kein Tourist zu sehen. Wir setzen uns auf eine Bank vor einer alten Kirche und geniessen die Umgebung. Nach einer Weile gehen wir weiter den See entlang und landen schliesslich in einem Ort namens Brig o’Turk. Dort setzen wir uns in den Tearoom, denn es fängt an zu regnen. Erst bestellen wir bescheiden Tee und Sandwiches. Nach fünf geschriebenen Postkarten regnet es aber immer noch. Wir bestellen also auch noch einen High Tea und schwelgen in Lebensmitteln: erst etwas Warmes mit Eiern und Pommes Frites und dann Kuchen und noch mehr Sandwiches, die kleinen dreieckigen. Alles in Allem ein schöner, friedlicher Tag. Das kann man vom morgigen nicht sagen, aber morgen ist auch Freitag der dreizehnte.

 

  1. Juli 1973 (Freitag)

Singend gehen wir am nächsten Morgen auf der Landstrasse. Loch Venachar ist wunderschön, und das Wetter ist es auch. Ein Franzose nimmt uns mit bis nach Callender, nicht sehr weit, aber besser als laufen. Eine Weile müssen wir danach dann doch noch gehen, bis wir einen idealen Trampplatz entdecken, einen Parkplatz. Seltsamerweise stehen dort zwei Schotten in Kilt gekleidet und mit Dudelsäcken und spielen hier ganz mutterseelenallein in der Landschaft ’Amazing Grace’. Wir grüssen höflich ’Guten Morgen’ und stellen uns einige Meter von ihnen entfernt auf. Doch oh Schreck in der Morgenstunde: Es nahen drei Busse, die gegenüber vom Parkplatz anhalten, und drei Busladungen erregter Engländer ergiessen sich mit gezückten Kameras auf die Strasse und blockieren den Verkehr, was sie jedoch nicht zu stören scheint. Im Nu sind wir umzingelt. Aber das eigentliche Interesse gilt natürlich den beiden Schotten. Wir greifen unser Gepäck und flüchten an die andere Ecke des Parkplatzes. Als die Horde sich wieder den Bussen zuwendet, ernten Susi und ich einige neugierige Blicke: Zwei echte Tramper auf freier Wildbahn! Dann ist der Spuk, der nur ca. drei Minuten gedauert hat, vorbei.

Dann sammeln uns zwei Schotten auf. Zuerst erscheinen sie uns ein wenig suspekt, aber sie entpuppen sich als sehr nett. Wir erzählen ihnen von dem Vorfall mit den Bussen. Ihr Kommentar: ”Die spinnen, die Engländer!” Sie nehmen uns bis Strathyre mit, von wo aus wir bei einem alten Camper bis zur Kreuzung Killin-Crianlarich mitfahren können. Er versucht hartnäckig, uns dazu zu bewegen mit nach Killin zu kommen, wo es doch so schön ist! Aber wir haben einen Zeitplan und können uns nicht allzu viele Umwege oder Verzögerungen erlauben. Von der Kreuzung kommen wir mit zwei weiteren Schotten bis nach Crianlarich mit und von dort noch einmal mit einem Schotten ganz bis zur Kreuzung Oban-Fort William. Nach längerem Warten nimmt uns schliesslich ein englischer Fotograf mit nach Fort William. Dort umwogt uns sogleich das wilde Treiben der Zivilisation. Aber erst einmal brauchen wir Sandwiches! Zur Jugendherberge müssen wir dann noch fast drei Kilometer laufen. Das ist ja für uns inzwischen ein Klacks, aber es regnet ziemlich ekelhaft. Die Jugendherberge liegt mitten in einer Schlucht umgeben von imposanten Bergen. Die Wolken hängen fast auf dem Boden, und es ist dementsprechend extra feucht. Es ist nett dort, aber ungewöhnlich rummelig. Es ist eine grosse Herberge. Mich nervt der Betrieb etwas nach einer Woche Landleben.

Das Publikum ist sehr international, Schweiz, Finnland, Frankreich, Italien, Japan, Dänemark und sehr stark Deutschland. Der Regen zwingt einige Camper in die Jugendherberge. Wir treffen zwei Hamburger, die sich mit ihrem Zelt auf einmal mitten im Bach befunden haben. Das Wasser ist so schnell angestiegen, dass nicht einmal alle ihr Zelte retten konnten. Während wir zu Abend essen hören wir einen Hubschrauber. Wir treffen auch alte Bekannte wieder. Zum Einen den deutschen Engländer von Loch Ard, der mit dem schrecklichen Akzent, und ein Pärchen, das wir bereits in den Trossachs getroffen haben. Sie ist Schottin und er Däne. Die beiden haben sich in Wien kennengelernt und sprechen österreichisches Deutsch mit ihrem jeweiligen Akzent. Das klingt sehr charmant. Der Däne versucht, mit uns anzubändeln. Er scheint seiner schottischen Gefährtin überdrüssig zu sein. Schade, denn sie ist wirklich sehr nett, und wir gehen natürlich nicht auf ihn ein. Blöder Typ. Die beiden Hamburger bemerken es auch und gucken verwundert.

 

  1. Juli 1973 (Sonnabend)

Am nächsten Morgen hören wir, dass ein Unfall in Glen Nevis passiert ist, daher der Hubschrauber. Jemand ist nicht so glimpflich davongekommen, wie die beiden Hamburger.

Wir verbringen den Tag in Fort William und Umgebung. Fort William selbst ist sehr touristisch. Andenkenläden, Tartan-Läden und Tearooms wechseln einander ab. Alle wollen natürlich in die Schaufenster gucken, was einige Einheimische verärgert, denn hier geht man schliesslich links. Ich weiss nicht mehr, was wir dort eigentlich gemacht haben. Wahrscheinlich haben wir Sandwiches gegessen … Wir sind jedenfalls nicht in die Berge gegangen, deren höchster Ben Nevis ist, der höchste Berg nicht nur Schottlands, sondern auch Grossbritanniens.

 

  1. Juli 1973 (Sonntag!!!)

Bei herrlichstem Sonnenschein versuchen wir von Fort William wegzukommen. Nach langem, geduldigen Warten, und nachdem ich wieder einmal versucht habe, ein Polizeiauto anzuhalten, nehmen uns zwei Jungs aus Glasgow mit nach Spean Bridge. (Ich bin kurzsichtig, aber eitel. Daher habe ich während der letzten Tage bereits eine Ambulanz, ein Müllauto und andere Vehikel anzuhalten versucht, und Susi hat mich angefleht, doch bitte meine Brille aufzusetzen.) Ihr Gebrabbel ist fast nicht zu verstehen; Glaswegian ist wirklich schrecklich und nur ganz entfernt mit Englisch verwandt.

Spean Bridge scheint ein Tramper-Paradies zu sein. Jedenfalls können sich die vier bereits vorhandenen kaum von diesem Ort trennen. Susi und ich schultern unser Gepäck und bewegen uns 50 Meter weiter bis zu einem Parkplatz voller Autos. Aber wir haben natürlich vergessen, dass Sonntag ist. Niemand hat Platz für uns, weil alle ihre Autos mit wertlosem Trödel vollgestopft haben.

So stehen wir eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden (das eine Tramper-Pärchen gibt auf und nimmt den nächsten Bus), vier Stunden. Einer der Rest-Tramper kommt zu uns rüber. Er ist Schotte aus Glasgow und hat Schulferien. Mit ihm stehen wir die fünfte Stunde. Ich unterhalte mich angeregt mit ihm, verstehe aber nur einen Bruchteil von dem, was er erzählt. Er ist sehr nett und freundlich. Nach jedem zweiten Wort sagt er ’you know’. Er erzählt uns endlose Geschichten von irgendeinem Amerikaner, aber ich verstehe leider nicht, worum es geht. Vielleicht ist das mit dem Amerikaner auch schon falsch verstanden. Nur eines verstehen wir: Er hat letzte Nacht im Freien übernachtet, irgendwo bei einer Kirche, und es hat fürchterlich geregnet. ”Ich muss ja einen schrecklichen Slang sprechen, wenn ihr mich nicht versteht!” sagt er bedrückt. Sein Gepäck besteht aus einer Angel und einem Beutel, der so gut wie leer aussieht, nachdem er ihm eine Zeitung entnommen hat. ”Ich versuche, nach Skye zu kommen, zum Fischen, you know!” Wir wünschen ihm viel Glück. Natürlich kommt er vor uns weg, allein und mit dem Minigepäck.

Wir müssen uns einige schadenfrohe Blicke und dumme Bemerkungen von Autofahrern gefallen lassen, die auf Spean Bridge anhalten, um im Angesicht eines Soldaten-Denkmals zu futtern. Die ganz Aktiven pilgern die 50 Meter vom Parkplatz zum Denkmal und lassen sich dort auf die Platte bannen. Man soll von dort auch einen guten Ausbslick auf den Ben Nevis haben, aber wir finden nicht heraus, welcher von den vielen Bergen es nun ist. Keiner von den Leuten, die wir fragen, weiss es.

Viele, viele Touristenbusse können wir beobachten. Mit zweien wollen wir uns näher beschäftigen. In dem einen wird eine Ansprache auf Englisch und Deutsch gehalten. Das lässt uns aufmerken. Und da kommen sie, die Touristen mit ihrem leeren Glotzblick, den sie auf zwei arme, verzweifelte Tramper heften und sich nur von der Anwesenheit des Denkmals ablenken lassen.

Dann noch ein Bus, voller Schotten: Ein älter Herr erklärt uns, dass heute ein schlechter Tag zum Trampen sei, weil Sonntag, aber dass uns schon jemand mitnehmen wird und ”good luck”. Neben mir steht ein sprachbehinderter junger Mann. Er zeigt auf jedes neu ankommende Auto, sicher, dass es halten und uns mitnehmen wird, bitter enttäuscht, dass es nicht geschieht.

Schliesslich nimmt uns doch ein englisches Ehepaar mit nach Invergarry. Unterwegs sehen wir noch unseren Angler aus Glasgow, der erneut den Daumen raushält.

In Invergarry treffen wir auf eine wahre Horde von Trampern, ein Franzose; 3 Mädchen, die schon 7 Stunden hier stehen; ein Pärchen und noch ein Junge. Wir ergreifen wieder einmal die Flucht. Auf der Landstrasse treffen wir noch ein Pärchen. Das Mädchen heisst Linda und kommt aus Glasgow. Linda sagt uns einen Bus voraus, der auch tatsächlich kommt. Ich kann beobachten, warum die schottischen Streichhölzer so kräftig gebaut sind: man muss sie am Asphalt anreissen, nicht an der Schachtel! Das Wetter ist so schön wie selten. Wir nehmen aber trotz und alledem den Bus. Jetzt ist es genug mit dem Beine in den Bauch stehen. Zum ersten Mal geniessen wir Schottland vom Bus aus. Wir passieren Fort Augustus, das ganz nett aussieht und enden in der Jugendherberge in Invermoriston, das aus einer Kirche, einem Laden, einem Hotel, einer Tankstelle, die gleichzeitig als Post figuriert und dann eben der Jugendherberge namens Alltsaigh besteht. Letztere ist sehr schön gelegen, direkt am Loch Ness mit Kiesstrand. Das Wasser spült dicht am Haus an Land. Leider ist sie eine Herberge der Klasse ’simple’, das bedeutet kein warmes Wasser zum Duschen.

Aber noch schlimmer: 75% der Wanderer sind Deutsche, und was für welche! Eine riesige Gruppe, fünf Jungen, 3 Mädchen und ein Betreuerehepaar. (Das ist eine grosse Gruppe für eine kleine Jugendherberge.) Die Gruppenmama belegt sämtliche Kocher mit ihren Kartoffelpuffern, die nachher doch kalt werden, weil niemand zum Essen kommt. Einem Engländer entreisst sie ein Besteck mit den Worten ”alles privat, alles privat”.

Dann noch ein Ehepaar mit einem Kind, das so richtig ungezogen und impertinent ist und die anderen Leute belästigt. Neben uns sitzen zwei deutsche Jungs, die nur über alles und jedes meckern. Meine Güte, bin ich genervt. Ich verziehe mich ans Loch. Dort sitzen noch drei Deutsche, ein ewig knutschendes Pärchen und die Freundin des Mädchens. Ich schlage mich in die Büsche. Man kann auf dem Kiesstreifen am Loch entlanggehen bis zur Brücke. Später legen Susi und ich uns auf den Kies in die Sonne und träumen. Abends treffen noch die Bonner ein, die wir schon in London getroffen haben, und noch zwei Mädchen, die auf den Orkneys gewesen sind.

 

  1. Juli 1973 (Montag)

Am Montag wandern Susi und ich nach Invermoriston, um mal wieder einzukaufen. Unterwegs begegnet uns ein alter Mann, den wir schon am Vortag gesehen haben. Er scheint Schottland zu Fuss zu durchwandern, nur mit einem kleinen Beutelchen als Gepäck. Wir erstehen erst einmal Apfelgelee und Brötchen, schauen uns dann die Royal Church of Scotland an und gehen danach ins Hotel zum Tee. Wir bestellen jeder zwei Sandwichpakete (= 4 Dreiecke). ”Sie müssen sehr hungrig sein”, kommentiert die Bedienung. Nach dieser ausgiebigen Mahlzeit beschliessen wir, uns ein wenig zu bewegen. Der erste Halt findet auf einer Brücke statt. Und ich habe meinen Fotoapparat nicht dabei, so ein Mist! Etwas weiter liegt eine Bungalowsiedlung für Touristen. Nichts wie weg! Susi will unbedingt noch den alten Friedhof von Invermoriston besichtigen. In der Tankstelle fragen wir nach einem Weg durch den Wald, denn es ist ein sehr schöner Wald: Zwei Meter steiler Fels über der Strasse, darüber Fichtenwald. Der Tankwart spricht Deutsch, aber einen Weg gibt es nicht. Schade, denn so ganz ohne Weg, nicht mal einem klitzekleinen, ich weiss nicht, in Schottland verläuft man sich zu leicht.

Von der Bungalowsiedlung aus habe ich Wohnhäuser am Berg gesehen. Welch ein Leben: viel Wald, viel Berg, ein Haus, aber keine Wege! Gib mir so ein Leben!

Auf dem Rückweg schlagen wir uns einmal rechts in die Büsche, dann links den Berg hinauf. Da sitzen wir zwei Meter über der Strasse und es wird uns ein bisschen schwindelig. Ich habe Gelegenheit zu beobachten, dass die schottischen Fliegen genauso langsam sind, wie die schwedischen, dass muss an der Luftfeuchtigkeit liegen.

In der Herberge erwartet uns wieder die deutsche Invasion. Susi und ich sind beide etwas melancholisch. Wir beschliessen, am nächsten Tag mit dem Bus nach Inverness zu fahren, damit wir früh genug ankommen, um unser Gepäck abzustellen. Um elf Uhr kommen noch zwei deutsche Mädchen in unser Zimmer, eine aus Berlin und eine aus Dortmund. Die aus Berlin geht mir ziemlich auf den Keks, besonders als sie uns erklärt, wie man trampt. Gute Nacht! – Dann kommt die Wanzenpanik: Ich habe zwei kleine schwarze Punkte am Oberkörper, die sich als stichhaltige, hart gepanzerte Insekten erweisen (Zecken). Wahrscheinlich habe ich sie mir auf der Holzfällerwiese (rechts in den Büschen) eingefangen, denn sie sitzen auf dem Bauch (ich trage kein Unterhemd) und am Bein, genau an der Stelle, wo meine Hose eingerissen ist.

 

  1. Juli 1973 (Dienstag)

Der Weg nach Inverness ist schön. Man trifft viele urschottische Namen, z. B. Drumnadrochit. Inverness empfängt uns mit einem Grauschleier und Nieselregen. Mein erster Eindruck ist: alt und eng und romantisch; und das ist es. Nur die Brücken über den Fluss sind neu. An jedem Laternenpfahl und an den Tankstellen hängen Blumentöpfe. Auf der Hauptstrasse kämpfen Verkehrs polizisten mit Autos und Fussgängerschwärmen. Das Schloss sieht relativ neu aus. Von dort schiesse ich ein schönes Bild auf die alten Häuser. [Seltsamerweise muss in dem Moment die Sonne geschienen haben, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann.] In der Jugendherberge stellen wir unser Gepäck in eine Abstellkammer und versuchen, Inverness zu entdecken. Es ist leider bedeckt mit Touristen, wir können es nicht ausgraben. Ins Museum gehen wir, wo ich zum ersten Mal Bücher mit gälischen Gespenstergeschichten sehe. Ich versuche später, die Bücher als Taschenbücher zu bekommen, aber ausserhalb des Museums ist nicht einmal die Verfasserin (Sorche Nic Leodhas) bekannt.

Als wir um zwei Uhr wieder zur Jugendherberge kommen, stockt uns der Atem. Der gesamte Vorplatz ist mit jungen Leuten überfüllt, wie bei einem open-air Festival. Wieder einmal flüchten wir und beschliessen weiter zu trampen bis nach Elgin, der nächsten Station unserer Reise. So haben wir denn Gelegenheit, Inverness noch ausführlicher und mit dem Rucksack auf dem Rücken kennenzulernen. Am ersten Kreisverkehr ausserhalb der Stadt, bei einer Tankstelle, bauen wir uns auf und gehen vorsichtshalber jeder noch einmal für Damen. Ich stehe wartend an der Ausfahrt, Susi ist noch nicht wieder da, als ein dunkelblauer Kombi anhält, um uns mitzunehmen. Das Schönste: jener Menschenfreund stammt aus Elgin!

Wir wagen uns in sein Abenteuerauto, das hauptsächlich mit Zeitungspapier sowie leeren und vollen Limonadenflaschen beladen ist. Der Fahrer stellt sich als Experte im Trampen heraus! Als er noch jung war, ist er durch ganz Europa und Australien getrampt, mit keinem Gepäck ausser dem, was er auf dem Leibe trug und einem kleinen Beutelchen für Seife und Essen. Das scheint eine speziell schottische Reiseart zu sein. Er ist jetzt bereits der dritte dieser Art, den wir treffen, erst der Angler aus Glasgow, dann der alte Wanderer und jetzt er. Er empfiehlt uns, nur einmal am Tag zu essen, denn das sei besser für den Magen. Und dann haben wir ja für sein Empfinden viel zu viel Gepäck dabei: ”Ihr schleppt zu viel Kram mit euch rum. Ihr versaut euch eure Ferien. Ihr bringt euch um!” – Er ist sehr besorgt um uns und gibt uns noch weitere gute Ratschläge: ”Kauft billig und dann SCHMEISST es weg!” – Ausserdem erfahren wir, dass man als Mädchen nicht in Italien, Frankreich und Australien trampen sollte, während es sonst überall ungefährlich sei, besonders in Schottland. ”In Schottland ist es sogar für ein Mädchen alleine völlig sicher.” – Die Gegend um London bezeichnet er als zweifelhaft. ”Zu viele Touristen.” – Engländer sind für ihn allerdings auch Touristen, zumindest auf schottischem Boden. ”Und ich nehme keine langhaarigen Jungs mit. Langhaarige sind Säufer!” – Wir können ihn nicht davon überzeugen, dass es auch anständige langhaarige Jungs gibt. Als wir in Elgin einfahren zeigt er uns sein Haus, dass er selbst gebaut hat und dann fährt er uns sogar noch zur Jugendherberge.

Der Warden bekommt fast eine Herzattacke, als wir sagen, dass wir zwei Nächte bleiben wollen. ”Niemand bleibt mehr als eine Nacht in Elgin!” – Doch, wir. Wir haben uns nämlich vorgenommen, einen Tag an die Küste zu gehen, da Susi Sehnsucht nach dem Meer hat. Das machen wir dann auch am folgenden Tag, aber erst durchzuckt uns noch ein Schreck. Meine Tragetasche ist weg und mit ihr Susis Fotoapparat und meine neuen Schuhe aus Inverness. Im Auto liegengelassen, so war es. ”Wat’n Glück, dass der Mac uns sein Haus gezeigt hat.” – Wir machen uns also auf den Weg zu unserem Wohltäter und bekommen auch gleich die Gelegenheit, uns Neu-Elgin anzuschauen. Wir passieren eine Horde junger Bauarbeiter, die auch sofort anfangen zu gröhlen: ”Hallo, Mädels, schenkt mir ein Lächeln, nur ein Lächeln!” – ”Kommt her, ich bin ein sehr netter Junge!” – Sie rufen noch, als sie uns schon gar nicht mehr sehen können.

Leider ist niemand zuhause, als wir ankommen, obwohl sämtliche Türen offen stehen. So setzen wir und auf die Gartenmauer und warten geduldig. Nach zehn Minuten kommt er schon angefahren mit Söhnchen. ”Der Warden muss mich kennen, er hat euch den Weg gezeigt.” – Aber nicht doch; er hat uns doch selber sein Haus gezeigt. Der Warden hat ihn doch gar nicht zu Gesicht bekommen. Wir sagen ihm das aber nicht, wozu?

Dann gehen wir zurück, um eine Tasche reicher und essen aus Erleichterung erst einmal einen Apfel. ”Mensch Birgit, wenn wir jetzt wieder da vorbeikommen und dann noch mit Tasche!” Und richtig, lautes Gelächter von der Baustelle. ”You must be very hungry!” – Irgendwie machen wir auf Schotten immer den Eindruck, sehr hungrig zu sein.

Als wir wieder zur Jugendherberge kommen, machen wir uns erst einmal etwas zu Essen. Der Warden hockt von morgens bis abends in seinem Glaskabuff und klimpert auf seiner Gitarre. In unserem Zimmer schlafen noch vier Mädchen von irgendeiner religiösen Gemeinschaft und zwei andere, die zu einer Grossfamilie gehören. Als sie sehen, dass wir uns nackt waschen, haben sie Gesprächsstoff für die halbe Nacht. Die andere Hälfte ist mit Gesprächen über Jungs ausgefüllt. Offensichtlich haben sie nicht mitbekommen, dass wir Englisch verstehen. Sie selber waschen sich in Rollkragenpullovern und ziehen sich unter ihren Maxinachthemden um. Nun ja, jeder auf seine Art.

(Forstsetzung folgt)

Ich bin die nächsten 5 Tage offline, falls ihr euch vernachlässigt fühlen solltet … 😉

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

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