Meine Schottlandreise 1973 (Teil 4)

Es ist wohl an der Zeit für den vierten und letzten Teil der ersten Schottland-Saga. Jaha, es gibt noch eine zweite, 1974, weil’s so schön war! Ich habe für Teil 4 leider nur zwei Bilder, und zwar von der schönen Deeside in der Nähe von Braemar. Wie gesagt werde ich im kommenden Winter noch mehr Bilder digitalisieren und sie nachträglich einflechten. Saga 1974 kommt dann ab Januar oder so.

Doch nun zu

TEIL 4, Elgin-Lossiemouth-Elgin-Aberdeen-Braemar-Inverey-Braemar-Perth-Edinburgh-London-Hamburg

18. Juli 1973 (Mittwoch)
Am nächsten Tag ist wieder schlechtes Wetter, aber wir lassen uns von unserem Vorhaben, an die Küste zu wandern, nicht abbringen. Wir sehen zum ersten Mal seit langem wieder braune Kühe, die uns anmuhen. Wir muhen zurück. Die Hochlandkühe sind nämlich schwarz und haben keine Hörner. Weiter unten an der Küste bekommen wir sogar eine Gruppe dieser langhaarigen ’King of the Glen’ Kühe zu Gesicht. Der Bulle hat ein imposantes Gehörn. Wir beschliessen heroisch, nicht zu trampen, und gelangen schliesslich nach Lossiemouth, wo die Sonne scheint. Na also! Ich finde die Stadt sehr reizvoll. Ein netter kleiner Hafen, viele alte Häuser und natürlich ein Tearoom. Der herrlichste Strand ist vorhanden und wir berauschen uns an der See. Auf der Mauer von einem Park lassen wir uns nieder und essen Brötchen. Wir unterhalten uns noch mit einer älteren Dame und ihrem Hund, bevor wir auf weitere Entdeckungsreise und Einkaufstour gehen (Lebensmittel natürlich). Im Tearoom können wir leider keinen Tee bekommen, weil alle Plätze für mittags vorreserviert sind. So weichen wir auf einen Imbiss aus und bewegen uns dann Elgin-wärts. ”Aber diesmal trampen wir.” Das Tagebuch erwähnt nicht, wer von uns das gesagt hat … wir tun es jedenfalls.

Es hält auch gleich jemand, und zwar ein Bauer aus Forres (Elgin liegt ca. auf halbem Wege von Lossiemouth nach Forres, gut für uns). Unterwegs platzt ihm ein Reifen. ”Sorry, Ladies” meint er. Als ob das seine Schuld ist. Ich nehme nach dem Reifenwechsel wieder im Kofferraum Platz in Gesellschaft von Joghurtkisten. Wir erzählen dem Bauern, dass wir auf dem Hinweg nicht mitgenommen worden sind, aber eigentlich auch gar nicht trampen wollten. ”Sie warten immer noch auf einen gutaussehenden jungen Mann” sagt er augenzwinkernd. Verlegenes Schweigen. Soll man sagen ”Jetzt haben wir ihn ja gefunden”? Susi und ich sind manchmal wirklich ein wenig schwerfällig. Aber da sagt er auch schon: ”Ich fische hier nach einem Kompliment. Wissen Sie was das ist?” Verkrampftes Lachen.

Nachdem er uns ausgeladen hat, machen wir Elgin unsicher. Wir besichtigen die alte Kathedrale, die irgendein irrer Räuberhauptmann mal abgebrannt hat. Daneben ist der Stadtpark, mit Tennisplatz, Kinderspielplatz, riesiger Tummelwiese, dem ’Green’, und einem Teich zum Rudern. Susi war sehr verwundert, wie schlecht die alle Tennis spielen und sie versauen ja den ganzen Platz. Da kann ich leider nicht mitreden, ich habe nicht die geringste Ahnung von Tennis. Susi spielt schon ziemlich lange. Für die Kleinen wird Kaspertheater gespielt. Aber wir sehen ebenso viele Erwachsene wie Kinder vor dem Zelt. Dann ist es Zeit zum Essen. Wir gehen in ein kleines Restaurant, nachdem wir mit China-Palast und Erste-Klasse-Hotel geliebäugelt haben. Ich esse Haggis, ein schottisches Nationalgericht aus Schafsinnereien und Gerstenkörnern, während Susi sich wieder an einer Hähnchenhälfte versucht. Das Tier ist sehr widerspenstig und springt ihr fast vom Teller. Ein junger Mann am Nebentisch fragt uns, ob wir etwas dagegen haben, wenn er raucht. Wir verneinen dass, aber ich frage mich, was er wohl getan hätte, wenn wir ’ja’ gesagt hätten. Anschliessend gehen wir in ein Selbstbedienungsrestaurant und essen Eis mit Früchten. Dann streichen wir fünf Mal um eine Bäckerei herum, bis wir schliesslich doch jeder zwei Stück Kuchen in der Hand halten.

Hinter der Jugendherberge entdecken wir später einen Terrassengarten, der bis zum Fluss runter geht und wo der Warden Kaninchen hält. Von dort aus sehen wir einen Jahrmarkt, den wir abends aufsuchen. Er besteht hauptsächlich aus Spielautomaten, aber es gibt auch drei bis vier Karusselle und ein Angelspiel. Einen Rasen weiter findet ein Fussballspiel statt, welches wir auch noch mit unserer Anwesenheit beehren. Bevor wir zurückgehen, werfen wir noch einen Blick hinauf zur Jugendherberge, die oberhalb des Flusses Lossie regelrecht thront. Ich wundere mich darüber, wie schön die meisten Jugendherbergen in Schottland gelegen sind. Ich beklage mich nicht! Es ist mir völlig recht!

19. Juli 1973 (Donnerstag)
Abschied von Elgin bei Regen. Endloses Warten am Ortsausgang. Wenigstens kommt ein Bäckerwagen vorbei. Schliesslich hält doch jemand, ein Geschäftsreisender aus Lossiemouth. Als wir ihm erzählen, wie gut uns seine Stadt gefällt, ist er uns gleich wohlgesonnen. Er stammt eigentlich aus England, zieht es aber vor, in Lossiemouth zu wohnen. Kann ich verstehen! Wir haben ein sehr ernsthaftes Gespräch über Gastarbeiter. Er mag Pakistani nicht. ”Sie schlafen mit 10 Leuten in einem Raum. Wenn einer von der Arbeit kommt, legt er sich in ein Bett, aus dem ein anderer gerade aufgestanden ist, um zur Arbeit zu gehen. Das ist ihr Leben!” – Er scheint der Ansicht zu sein, dass die Pakistani dieses Leben gerne mögen. Ich will ihn jedoch nicht mit meiner Meinung verärgern, da er uns bis Aberdeen mitnehmen will. Ein Blick rüber zu Susi; wir sind uns einig.
Unterwegs spendiert er uns noch einen Kaffee, und als ich ihn frage, ob es ihm gar nichts ausmache, sich zwei nasse Tramper mit zwei nassen Rucksäcken in sein schönes Auto zu laden, meint er: ”Es ist nicht mein Auto!” – Anscheinend fahren die Leute in Schottland selten ihre eigenen Autos …

In Aberdeen geht der erste Weg zur Post und dann weiter in den unvermeidlichen ’Light Bite’, wo ich endlich meine seit vier Stunden überfüllte Blase erleichtern kann. Dann beginnt der endlose, inzwischen oft erprobte Marsch an den Rand einer Stadt, da das Geld für den Bus fehlt (Essen ist wichtiger). Wir stehen nicht lange, da rauscht ein gelber Sportwagen heran und hält. ”Hi”, rothaarig, rotbärtig. ”Hi”, kurzhaarig, lincolnbemützt [Lincoln cap] Sie wollen nach Braemar, wir eigentlich nach Ballater. Auf jeden Fall ein richtig guter Lift! Nach kurzer Zeit entscheiden wir uns, auch lieber nach Braemar zu fahren. Zum Einen sind wir die ’simple’ Herbergen mit ihrem kalten Wasser satt, zum Anderen scheinen die beiden sehr gute Gesellschaft zu sein. ”Seid ihr Schottinnen?” – ”Nein, wir sind Deutsche!” – ”Oh, ihr seht aber schottisch aus!” – ”Wir sind ganz bestimmt Deutsche! Seid ihr Schotten!” (der Wagen hat ein Glasgower Nummernschild). ”Nein, ich bin ein Deutscher aus Dortmund”, sagt Herr Rübezahl (auf Deutsch). – ”Glaubt ihm nicht, er lügt wie gedruckt!” kommt es von Herr Mütze. Ich werde etwas unsicher, denn Herr Rübezahl spricht ausgezeichnet Deutsch. Susi hat natürlich gleich beim ersten ’Hi’ geschnallt, dass die beiden Amerikaner sind ”Und der Akzent, Mensch, Stella!” – Ich habe in meiner Ahnungslosigkeit fast wieder einen ’scandalo’ geschaffen … Wir erfahren also, dass Herr Rübezahl Quinn heisst und aus Boston stammt, während Herr Mütze Wesley heisst, ’Scotty’ genannt wird und aus Chicago kommt. Wesley hat am Goethe-Institut in Dortmund Deutsch gelernt. Das bedeutet natürlich, dass wir nicht über Dinge reden können, die sie nicht verstehen sollen. Leider verstehen sie auch noch beide Französisch.

An einer Tankstelle halten sie an. ”Wollt ihr was trinken?” fragen sie uns. ”Was gibt es denn?” – ”Orange, Zitrone, schwarze Johannisbeere.” – ”Ich möchte Orange!” – ”Ich Kirsche!” – ”Gibt’s ja nicht.” – Dann Zitrone, nein, doch lieber schwarze Johannisbeere.” – ”Und du?” – ”Ich möchte nichts.” Letzteres war ich wahrscheinlich, denn ich hatte noch meine Blasenprobleme von Aberdeen in Erinnerung. Schliesslich gibt es Orange für drei. Während Wes draussen herumläuft lehnt Quinn sich genüsslich zurück und schlürft seinen Saft. ’Wamm’, Wes knallt die Tür zu, wo Quinn den Arm halb draussen hat und der Saft ergiesst sich über sein ganzes Zeug. ”Los jetzt”! ruft Wes. Ah, die Reifen brauchen noch Luft. ”Ihr sitzt da im Auto und ich mache die ganze Arbeit!” beschwert er sich. – ”Wozu haben wir dich denn?” fragt Quinn. Aber letztendlich kommen wir doch nach Braemar.

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(Invercauld bridge over the river Dee near Braemar)

Abends kommen Wes und Quinn auf die gute Idee, in den Pub zu gehen und uns allen ’a pint of bitter’ zu bestellen. Schmeckt gut. Da ich kein Biertrinker bin, weiss ich nicht, womit man es vergleichen kann. Mit Guinness vielleicht? Es ist sehr dunkles Bier. In einem ordentlichen Pub, der was auf sich hält, kann man Darts spielen (ein Pfeilwurfspiel). Susi und die Jungs vergnügen sich damit. Ich mit meiner Kurzsichtigkeit melde Pass. Aber wir sind mal wieder hungrig und bestellen uns zweimal pies und sausage rolls. Ich habe eine sehr ernsthafte Diskussion mit Wes über Sprachen, unser jeweiliges Zuhause, Vorurteile gegen Völker und schliesslich über den Sinn von Diskussionen. Dann halte ich es nicht mehr aus; ich muss raus an die Luft. (Zu viel Zigarettenrauch, meine Augen tränen.) Da wir etwas angeschickert sind, springen wir die Mauer runter, anstatt den Weg zu nehmen.

Wir starren hinunter auf den Dee. Susi und Rob Roy, wie Quinn sich nennt, beginnen mit Steinchen zu schmeissen. Rob hopst durch die Gegend wie der Krüppel aus dem ’Tanz der Vampire’ ”Hng, hng” von sich gebend und Steine um sich schmeissend. Ich mache mir fast vor Lachen in die Hose und muss irgendwie an den ’unheimlichen Platscher’ von den Pichelsteinern denken. Vier kleine Jungs blicken ängstlich zu uns herüber. ”Er ist ein wenig zurückgeblieben” ruft Scottie ihnen zu, was sie mit einem verkrampften Lächeln zur Kenntnis nehmen und dann schleunigst das Weite suchen. Scottie hat eine Vorliebe für den schottischen Akzent, den er fortwährend imitiert und wundert sich, dass ich alles verstehe. Und noch ein Kompliment: ”Du bist keine richtige Deutsche!” Das bedeutet, dass ich nicht dem allgemeinen Vorurteil entspreche, das man von Deutschen hat. Vor allem vertrage ich kein Bier. Wir gehen auf die andere Strassenseite, um von dort auf den Fluss zu starren, während Wesley sich mit einer Frau unterhält, die wir angesprochen haben, nichtsahnend, dass wir sie nicht wieder loswerden würden.

Wir fahren zur Jugendherberge zurück, denn es ist bereits spät. Wir spielen Karten und die Unterhaltung läuft in drei Sprachen. Dann kommt der weibliche Warden, packt Scottie an den Schultern und meint: ”Du hast für heute genug geschummelt!” Schluss, aus, Zapfenstreich, zu Bett. Treppe rauf, Scottie traurig angucken, ihm ’five’ geben und ab in die Koje.

20. Juli 1973 (Freitag)
Trauriger Freitag Morgen. Adieu Scottie, Adieu Rob Roy. Abschiedsfoto unter dem Schild der Touristeninformation. Wir tauschen keine Adressen aus, erwarten nicht, uns jemals wiederzusehen. Scottie reibt sich im Scherz die Augen. Ich lache, obwohl mir nicht danach zumute ist.

Susi und ich machen uns bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg nach Inverey entlang der herrlichen Deeside. Die Hügel sind mit Heidekraut bedeckt. Ein lila Meer durchbrochen von hellgrünen Flecken. Der Fluss windet sich durch das Tal, und je höher wir kommen, desto mehr können wir mit einem Blick erfassen. In der Richtung, wo Inverey liegen muss, ist nur Wald zu sehen. Ehe wir es erreichen, sollen uns noch drei Regenschauer überraschen.

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Wir kommen an einer prächtigen weissen Brücke vorbei, die zu einem Luxushotel gehört, das wohl irgendwo dort hinten im Wald versteckt liegt.
Inverey:
10 Häuser
1 Telefonzelle
2 Briefkästen (wozu zwei?)
1 winzige Jugendherberge mit 14 Betten
1 Camping-Platz
1 Brücke
1 Bed and Breakfast
Viele Zäune, Bäume, Schafe und Forst
Das alles verteilt auf 3 Kilometer.

Aber wir treffen endlich mal einen jungen, gut gebauten Schotten in Kilt (bisher waren es nur ältere, fette). Wir halten Mahlzeit im Wald. Dort ist es relativ trocken. Es zieht uns zurück nach Braemar und ab in die italienische Cafeteria. Zurück in die Jugendherberge, Postkarten schreiben, ins Bett, Augen zu, gute Nacht. (Irgendjemand hat da ganz enorme Blähungen. Es klingt wie Maschinengewehrfeuer!)

21. Juli 1973 (Sonnabend)
Wir stehen extra früh auf und gehen extra früh an die Strasse, da noch sechs andere Mädchen nach Perth oder Edinburgh trampen wollen. Der Erfolg: während der ersten 45 Minuten kommt überhaupt kein Auto vorbei. Dann mal alle halbe Stunde eines, aber voll mit Kaffeetanten (Wochenende!!!). Das Ergebnis: Stehen von 09.00 bis 11.45 Uhr; Mittagessen in der italienischen Cafeteria; Stehen von 12.30 bis 13.45 Uhr; Erkundigung nach einem Bus. Hähä, da ist nur einer in Richtung Aberdeen. ”Bis der Bus fährt können wir auch noch versuchen zu trampen”, meint Susi. Und siehe da, es halten zwei Schotten: ”Wir fahren nach Perrithth!” – Oh, Mann, was ist denn das? Susi schnallt mal wieder schneller: ”Ja, da wollen wir hin!” – ”Bist du sicher?” frage ich sie. Wir rein ins Auto: Wunderschönes Glenshee! Leider unbeschreiblich, selbst hinfahren, bitte! Die Old Military Road entlang sehr malerisch.

Perth ist eine wirklich entzückende kleine Stadt, sehr sauber, sehr freundlich. Hier wollen wir zwei Tage bleiben, weil wir in unserer immensen Klugheit zu vermeiden versuchen, wieder an einem Sonntag zu trampen. In unserer immensen Blödheit haben wir allerdings vergessen, noch mehr Geld umzutauschen. Nun haben wir kein britisches Geld mehr, was tun? ”Wir können dem Warden ja sagen, dass wir Montag früh gleich wechseln gehen und dann bezahlen.” Das muss Susi gesagt haben, das klingt so vernünftig. Der Plan wird verabschiedet. Erst einmal müssen wir noch warten, denn die Herberge ist noch nicht geöffnet. Vor der Tür sitzt eine Horde Holländer, die sich sehr originell vorkommen. Wir beschliessen, noch ein wenig Perth zu erkunden. Aus einem unerfindlichen Grund erwarten wir, dass noch irgendwo eine Bank geöffnet hat, bis uns einfällt, dass ja Sonnabend ist. Die Erkenntnis mit dem Paukenschlag; kann man nichts machen. Dann nicht! Mensch, sind wir blöd.

Doch der Warden ist eine Seele von Mensch. Ich habe ihm noch gar nicht die gesamte Problematik dargelegt, als er schon mit dem Vorschlag kommt, dem wir ihm machen wollen. Zusätzlich drückt er uns noch 5 Pfund in die Hand! Also alles bestens. Aber wir müssen trotzdem haushalten, denn bei der Fressorgie in Elgin haben wir unnötig viel Geld verpulvert. Ich stelle fest, dass ich auf der Fähre nach Hause nur noch 2 DM besitzen würde und sehe mich schon in Hungerkrämpfen winden. (Ich kann ja nicht wissen, was auf der Fähre passiert. Aber alles zu seiner Zeit!) Wir gehen dann noch in der Nähe der Jugendherberge spazieren und ich merke mir, was ich am nächsten Tag fotografieren will. Ich kann mich an den Vorgärten nicht sattsehen. Sie sind sehr individuell gestaltet. Rosen gibt es eigentlich fast in jedem, nur unterschiedlich in Farbe und Quantität. Der eine Garten fliesst über mit Rosen in den herrlichsten Farben, von denen ich viele noch nie gesehen habe; der andere zeigt spartanisch eine Rasenfläche mit Kiesumrandung. Wieder andere sehen aus wie die Grabstätten in Ohlsdorf. Besonders geschmackvoll machen sich die griechischen Statuen und Pötte auf Marmorsockeln, umrahmt von wilder Hecke. Die Anwohner scheinen sich in ihrer Freizeit in den Gärten gestalterisch auszutoben, die offensichtlich etwas vom Wesen ihrer Besitzer widerspiegeln. Es gibt auch einen einzelnen total asphaltierten ’Vorgarten’.

22. Juli 1973 (Sonntag)
Am Sonntag gehen wir auf Entdeckungstour. Perth ist wirklich sehr hübsch. Die Tür- und Fensterrahmen sind in Schottland oft bunt angemalt, und anscheinend auch mit selbst zusammengemischten Farben, was ein äusserst individuelles Bild gibt. Nun sehe ich also in Perth einen umzäunten Rasen, und der Zaun ist olivgrün angemalt, man sieht ihn kaum vor dem Gras. Diese Farbe habe ich in ganz Schottland, also da, wo wir gewesen sind natürlich, noch nicht gesehen.

Wir versuchen, einige Sehenswürdigkeiten zu finden, die im Reiseführer stehen, z. B. das ’Fair maiden’ Haus, sind dann aber ziemlich enttäuscht. Die Häuser, die nicht im Polyglott stehen, sind viel schöner, z. B. die Royal Bank of Scotland oder die Polizeiwache. Wir verziehen uns in den nördlichen Park, wo ich ein wunderschönes Foto vom Tay und dem gegenüberliegenden Ufer mache.

Ein Arbeitsloser mit seinem Hund kommt zu uns und unterhält sich mit uns. Der Hund heisst Nehru, genannt Nehru-Zero und wird gleich zutraulich. ”Sie haben einen guten Charakter. Ein Hund merkt das sofort!” – Der Mann ist Pole und erzählt uns allerlei Geschichten wo und gegen wen er alles schon gekämpft hat. Ich kann nicht alles verstehen, denn er spricht schliesslich schottisches Englisch mit polnischem Akzent, aber eines verstehe ich: er hat nie gegen Deutsche gekämpft. Schottland gefiel ihm nicht, ”keine Arbeit”. Nach Polen wollte er auch nicht zurück wegen der Kommunisten. Er berichtet ferner, dass es in Perth viele Mulattenkinder gibt, deren Väter sich eiligst verzogen haben, und dass die Brücke über den Tay aus dem Mittelalter von den Römern stammt … [Information: Die Römer sind gar nicht bis nach Schottland gekommen, sondern haben sich in Nordengland hinter dem Hadrian’s wall verschanzt. Die besagte Brücke ist ca. 1600 gebaut worden. Zum Mittelalter muss ich wohl nichts sagen …] Nachher kommt noch sein Freund Jim, ein Schotte aus Fife, auch arbeitslos. Er stinkt entsetzlich, ist aber so rührend glücklich, dass er mit uns reden kann.

Wir besichtigen den Park ”North Inch” genannt. Er besteht hauptsächlich aus einer riesigen Rasenfläche und einer riesigen Golfanlage. Am Rand liegen noch Tennishalle und Kinderspielplatz. Das unvermeidliche Denkmal am Eingang des Parks wirkt etwas verloren vor diesen grossen Flächen. Danach bewegen wir uns in Richtung ”South Inch”, auch ein Park. Der Pole hat uns einen Witz darüber erzählt: Welche Stadt ist die kleinste in Schottland? Perth, sie passt zwischen zwei inches. Hier ist mehr los. Eine Band spielt und auf dem Teich tummelt sich die Jugend in Ruderbooten. Wir setzen uns auf eine Bank und beobachten zwei Jungs, die irgendein Abenteuer spielen. Schliesslich werden wir mit einbezogen. Wir scheinen feindliche Indianer oder so etwas zu sein. Zum Abschluss streifen wir noch einmal an den Vorgärten entlang. Cheerio Perth, ich hoffe wir sehen uns wieder!

23. Juli 1973 (Montag)
Als wir am Montag aus der Jugendherberge kommen, hält ein Auto neben uns: ”Hallo, die Damen, wollen Sie mitfahren? Ich muss ganz an die Nordspitze und möchte nicht gerne alleine fahren.” Einer der vielen Geschäftsreisenden anscheinend. Wir wollen ja nach Edinburgh, aber uns fällt ein, dass einer der Holländer nach Norden wollte. Wir sagen es dem Mann und beschreiben ihm Aussehen und möglichen Standort des Jungen. Wir selbst stellen uns an die Strasse nach Edinburgh. Und natürlich haben wir den Warden bezahlt, ist doch klar! Zum ersten Mal schlagen wir einen Lift ab. Ein junger Mann, der uns ein paar Meilen mitnehmen will. Wir wollen ja nach Edinburgh, und manchmal ist es blöd, wenn man dann mitten in der Walachei steht. Wir tun recht daran, denn einige Zeit später hält ein Auto, dass uns ganz bis nach Edinburgh mitnimmt. Der Fahrer hat eine Hand verloren und bedient sich einer anschnallbaren Kelle, die er über eine Kugel am Steuerrad stülpt. So kann er sehr sicher fahren. Ich finde das ungeheuer praktisch. Die Strassen sind sehr befahren. Ich wundere mich, denn wenn man seitwärts in die Landschaft geht, trifft man kaum einen Menschen. Es gibt anscheinend viele englische Touristen, die sich Schottland nur vom Auto aus ansehen. Man trifft sie nirgendwo, wo man nicht mit dem Auto hinkommen kann.

Um über die neue Brücke über den Firth zu kommen, muss man 30 p bezahlen. Unser Fahrer regt sich auf: ”Das ist doch lächerlich. Früher konnte man mit der Fahre umsonst übersetzen. Jetzt haben sie die neue Brücke gebaut, mit unseren Steuergeldern, und jetzt müssen wir auch noch bezahlen, wenn wir sie benutzen wollen. Lächerlich!” – Irgendwie hat er Recht. Doch da sind wir auch bereits in Edinburgh. Er setzt uns mitten in der Innenstadt ab, damit wir gleich auf dem Marsch zur Jugendherberge die Stadt kennenlernen können. Wir müssen ungefähr 15 Minuten gehen. Vor der Herberge sitzt nur ein Junge. ”Weil die meisten nicht wissen, dass in den Grosstädten die Herbergen schon um 14.00 Uhr aufmachen.” sagt er. Das ist natürlich gut für uns. Wir haben das auch nicht gewusst, aber nun sind wir ja da. Wir gehen allerdings erst einmal in einen Imbiss … [Für Edinburgh habe ich verschiedene Ausprachen gehört: Edinborough, Edinbarra mit gerolltem „R“ und in Edinburgh selber Edinbro.]

Später treffen wir einen Hamburger namens Rainer, der uns fragt, ob er mit uns kommen dürfe. Ich habe ein ungutes Gefühl, Susi wohl auch, aber irgendwie tut er uns leid. Als wir los wollen, schleppt er noch einen anderen Deutschen an, Wilfried mit Namen. Wilfried geht mir furchtbar auf die Nerven. Wir gehen einkaufen und essen und treffen uns in den Princess Street Gardens, unterhalb des Schlosses, um dort im Gras zu sitzen. Abends gehen Susi und Rainer ins Kino (die zehn Gebote) und ich sehe mich schon mit Wilfried im Gemeinschaftsraum hocken. Ich sage, dass ich Haare waschen will, ”Gute Nacht dann” und entfliehe. (Susi erzählt mir später, dass Rainer versucht hat, mit ihr anzubändeln, aber total abgeblitzt ist.) Mit ’Androcles and the lion’ setze ich mich später dann doch noch unten zu einem Jungen an den Tisch. Er ist Amerikaner und angehender Schriftsteller. Er spricht sehr viel über sich selber und meint, dass er an einem Tag eine Stadt kennenlernen kann. Er ist drei Monate in Deutschland gewesen und spricht ziemlich gut Deutsch. Er ist eigentlich sehr nett, obwohl ich ihn nicht so ganz ernst nehmen kann. Er lächelt und meint: ”Man sollte hier eine Party feiern. Es sind so viele junge Leute hier, die sich langweilen!” – Der löwnmähnige Franzose, der uns schon in Perth mit seiner Arroganz auf die Nerven gegangen ist, verschönert auch die Halle mit seiner Anwesenheit. Nun denn, gute Nacht!

Eine halbe Stunde vor Mitternacht stürmen diverse französische Mädchen in unser Zimmer. Sie lärmen auch noch nach Mitternacht, bis ich auf Französisch bemerke, dass ich gerne schlafen würde. Da senkt sich Ruhe auf den Schlafsaal.

24. Juli 1973 (Dienstag)
Am nächsten Morgen warten wir auf Rainer. Als er aber um 10.00 Uhr immer noch nicht erschienen ist, gehen wir. Vielleicht ist er sauer wegen der Abblitze vom Vorabend. Wilfried ist glücklicherweise abgereist. Die Sonne scheint und wir sind’s zufrieden. Vor uns geht eine junge Frau mit Kinderkarre. Wir hören, dass sie mit dem Kind Deutsch spricht. Urplötzlich bleibt sie stehen und wir rennen sie fast um. ”Sorry!” sagt sie. ”Macht nichts”, antworten wir auf Deutsch. Sie blickt erstaunt auf. Dann kommt sie hinter uns her. ”Sind Sie aus Deutschland? Leben Sie hier?” Wir klären sie über uns auf. Sie, Heide, lebt mit ihrem Mann und den Kindern seit drei Jahren in Schottland. Dieses Jahr im September werden sie nach Deutschland zurückgehen. Als wir ihr erzählen, wie wenig Geld wir noch haben, lädt sie uns sofort zum Abendessen ein. Ein Hochgefühl überkommt uns. Wieder ein netter Mensch mehr in unserer Bekanntschaft.

Wir gehen zum Schloss, wo bereits für die Highland Games die Tribünen aufgebaut werden. (Einer der wichtigsten Orte für Highland Games ist übrigens Braemar. Dort werden sie von der Königin eingeläutet.) Von Schloss aus hat man einen grossartigen Ausblick über Edinburgh. Drüben auf Calton Hill steht eine Anleihe von der Akropolis. Oder? Eigentlich sieht es wie ein Sonnentempel aus. Störend sind natürlich die Touristenmassen. Einige posieren auf Kanonen, einige an der Seite von Gardesoldaten, die so eine schöne Uniform tragen: Kilt, schwarze Jacken, Schuhe mit weissen Gamaschen, Tartanmütze und -strümpfe sowie der unvermeindlich Sporran. Was muss das für ein schönes Bild ergeben: Ein fröhlich grinsender, fetter Tourist neben einem jungen, betreten zur Seite schauenden Gardesoldaten. Drumherum eine Horde gerührt zusehender Menschen.

Susi und ich verdrücken uns seitwärts in eine dunkle Gasse und sehen uns den Grassmarket an, wo man früher um Pferde und Ähnliches gefeilscht hat. Um die trockenen Kehlen der Händler zu kurieren, hat man rund um den Platz herum die herrlichsten Pubs gebaut, leider alle zu teuer für uns. Ein Mac ist am Renovieren. Auf die Leiter, die er benutzt, wäre ich nicht einmal mit verbundenen Augen gestiegen: keine Sprosse ist ungeflickt. Unser Weg führt uns durch eine finstere Gegend, bis wir an einer Buchhandlung wieder auf eine Hauptstrasse kommen. Eine Musterbuchhandlung ein Weltwunder in Grossbritannien, nichts wie hinein! Die Bücher sind nicht nur alphabetisch, sondern auch nach Fachgebieten sortiert. In anderen Buchläden, wenn es sie denn überhaupt gibt, ist es Zufall, wenn einer die Bücher findet, die er sucht. Aber ich habe schon in London zwei und in Elgin drei Bücher gekauft. Jetzt ist das Geld alle.

Dann landen wir in den Princess Street Gardens und lauschen dem Unterhaltungsprogramm, das dort jeden Tag veranstaltet wird. Nach den Highland dancers tragen drei Mädchen schottische Folklore vor: Ein amerikanisches Lied, ein irisches Lied, ein schottisches Lied, ein amerikanisches Lied. Zwischendurch spielt ein älterer Herr Orgel. Er hat ein unwahrscheinliches Repertoire, das alle Musikarten und Epochen umfasst. Jung und Alt, Ausländer und Einheimische treffen sich dort. Wir treffen auch Rainer, der nunmehr versucht, mit mir anzubändeln. Ne, ne, ne, ne, nich, nich! Als Susi sagt, dass ihr langweilig ist, meint er: ”Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen!” – Susi und ich gucken uns an und müssen lachen. So ein rotzfrecher Typ! Als er von unserer Einladung bei Heide hört, will er natürlich mitkommen. Er liegt uns den ganzen Tag in den Ohren, auch noch abends in der Jugenherberge, bis Susi sich schliesslich verkrümelt: ”Ich muss noch Haare waschen!” – Nun bin ich allein mit der Plage, aber es gelingt mir, ihn abzuwimmeln. Er ist so unendlich von sich selber eingenommen, das ist unerträglich. [Witzigerweise treffen sowohl Susi als auch ich ihn später noch einmal. Susi in Frankreich, nicht so lange nach der Schottlandreise. Ich auf einer Tramptour mit meiner besten Freundin von Berlin zurück nach Hamburg. Er war noch genauso aufdringlich und wortführend wie in Schottland. Er erkannte mich nicht wieder, und ich habe nichts gesagt. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Die Berlin-Tour ist auch eine Geschichte für sich … Eigentlich witzig, dass wir beide ihn wiedertreffen, ohne es zu planen und an so verschiedenen Orten. Der Mann kommt herum. Aber vielleicht trifft man auch andere Leute wieder, man bemerkt sie nur nicht, weil sie nicht so dominierend auftreten.] Der Abend bei Heide wird sehr nett, und wir bekommen die Erlaubnis, am nächsten Tag unsere Rucksäcke bei ihnen unterzustellen und gleich noch eine Einladung zum Haggis-Essen, weil ich davon so geschwärmt habe. [Ich scheine hinterher nie Kontakt mit Heide und Mike gehabt zu haben. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, ein Kärtchen mit ”Dankeschön” für all die guten Taten geschickt zu haben. Sie wollten ja im September nach Deutschland zurück, und die Adresse hatten wir nicht, aber trotzdem. Irgendwie untypisch für mich, bilde ich mir ein.]

25. Juli 1973 (Mittwoch)
Nach dem Abliefern der Rucksäcke zieht es uns erst einmal in die Thistle Lane, wo nach Aussage unserer Gastgeber jeden Mittwoch eine Ramschauktion stattfindet. Bis um 11.00 Uhr lassen wir uns auf einer Treppe nieder, als Heide sich nähert. Sie will gerne mit uns auf den Markt gehen. Eine Mahagoni-Anrichte, die niemand haben will, geht für 10 p weg, während irgendein Idiot 2.40 £ für zwei blöde Pötte gibt. Jedenfalls kann man sich dort billig eine Wohnung einrichten, wenn man etwas Glück hat. Und wenn man nicht anspruchsvoll ist. Anschliessend werden wir von Heide zu Kaffee und Kuchen eingeladen: ”Heute ist alles ungeheuer gratis. Ich war gerade bei der Bank!” – Kurz darauf beschreiten wir den Pilgerpfad zu den Royal Botanical Gardens. Die habe ich mir gewünscht. Eine herrliche Anlage: Gut gepflegte, helle Tropenhäuser, regelrechte Blütenhecken, teppichartiger Rasen, Sonnenschein und wenig Touristen. Und, das Beste: Es gibt einen Tearoom! Ich bemerke einige bizarr geformte Bäume, anscheinend Nadelbäume, die ich noch nie gesehen habe. Bildungshungrig wie wir sind, besichtigen wir die Modern Art Gallery, um dann in den Tearoom zu stürzen und Zuckerstücke zu klauen. Ein Riesenangebot Schlemmersalate erwartet uns neben einem Regal voller Kuchen. Ach, ist das schmackhaft. [Halt! Stopp! Auszeit! Hatte Heide uns nicht gerade zu Kaffee und Kuchen eingeladen? Und wir waren doch so gut wie pleite oder?] Vor dem Gebäude stehen einige Plastiken. Die eine gefällt mir: The Risen Christ, von einem Künstler, der so heisst wie ein Beatles-Manager. [Jacob Epstein] Ich mache ein geniales Foto von dem schwarzen Ding. Er steht nämlich im Schatten, so kann man den Auferstandenen nur ahnen.

Eine geschlagene Stunden rollen wir rund in Sonnenschein und grünem Grase, bevor wir uns wieder auf den Weg zu den Princess Street Gardens machen. Weit in der Ferne sehen wir das Schloss. Mensch, sind wir weit gelaufen! Der Weg führt uns durch ruhige kleine Strassen, bis zum Ziel unserer Wünsche: Zum dritten Mal das Touristenprogramm. Auf dem Rasen sitzend treffen wir einen total verrückten Italiener: krummbeinig, sonnenbebrillt, mit Schimpansengesicht, Reno ist sein Name. Er erzählt uns wilde Geschichten, wie blöd sich manche Italiener benehmen. Er selber habe sich während seines Deutschlandaufenthalts total geändert. Er meint, die schottischen Mädchen lieben ihre Freunde nicht richtig, sie sagen nur ”er ist o.k.” Und im Bus fangen sie an, wildfremde Männer zu küssen und gehen mit ihnen ins Bett, ohne mit ihnen auch nur ein einziges Wort gewechselt zu haben. ”Sie sind sehr heiss, die schottischen Mädchen. Zwölfjährige gehen mit Matrosen!” Oh, Mann, denke ich nur. Er redet ununterbrochen und fragt dann: ”Mögt ihr euch eigentlich mit mit unterhalten?” – Wir sind noch gar nicht zu Wort gekommen! Zum Glück verschwindet er bald und wir auch.
Ein Stöhnen entringt sich meiner Kehle, denn als Resultat des Wanderns sind acht dicke, wassergefüllte Blasen an meinen Füssen zu sehen, die ich mir bei Heide und Mike erst einmal aufsteche. Susi leiht mir in ihrer Selbstlosigkeit ihre ergrauten Tennissocken, damit die Schuhe nicht so drücken. Ich kann trotzdem kaum gehen, und am Abend sollen wir zum Hauptbahnhof marschieren, denn Bus war mal wieder nicht drin. Heide und Mike haben Mitleid und beschliessen, einen Freund zu besuchen, der sie nach Hause und uns zum Bahnhof fahren soll. Das tut er denn auch. Garry ist sein Name, und er fährt einen uralten Mini [Morris Minor]. Wir passen tatsächlich hinein mit unserer Ladung.

Wir brauchen nicht lange auf den Zug zu warten. Er füllt sich mit Touristen und anderem Getier (uns zum Beispiel). Wir stürmen ein Abteil, in dem bereits vier andere Leute sitzen. Susi erschlägt fast einen jungen Mann mit ihrem Rucksack, was bei mir einen lautstarken Lachkrampf auslöst. Die vier blicken mich ’bewildered’ an. Alle wollen gerne schlafen, bis auf den jungen Mann rechts neben Susi, der noch liest. Ich einige mich mit meinem Gegenüber, was das Ausstrecken der Beine anbelangt, sehr vernünftig der Mann. Der Zug fährt an. Wie gerne wäre ich noch rausgesprungen; es kamen Tränen hoch, scheisse. Der französische Löwe marschiert draussen auf dem Gang vorbei. Oje, der ist auch wieder da. Ruhe kehrt ein. Da fängt der ’Leser’ an, sich lautstark sein Bett bzw. seinen Sitz zu bereiten. ’Rattatattatat’, das Rollo ist unten; ’knall’, die Tür ist zu. Dann ein emsiges Wühlen. Nach einer halben Ewigkeit ist er fertig. ”Good night” verkündet er lautstark. Ich wünsche ihm angenehmes Ersticken. Abermals wird es ruhig. Ich schlafe schon fast, als ’bump, bump, bump, rumms’ ”Tickets please!” – Noch so ein Selbstmordkandidat.

26. Juli 1973 (Donnerstag)
In aller Herrgottsfrühe erreichen wir London. Die letzten Pennies verprassen, den Rucksack umschnallen und dann nichts wie ab zur Liverpool Street Station, zu Fuss natürlich, jeder Schritt ein gequälter Aufschrei von acht Blasen. Und dann führt Susi uns auch noch einen zehnminütigen Umweg. Meine Füsse und ich sind sehr ärgerlich. Susi ist auch nicht gerade in strahlender Sonntagslaune. Zum Einen haben wir elendig geschlafen, zum Anderen haben wir keine Lust, wieder nach Hause zu fahren.
Liverpool Street Station: Panik, von wo fährt unser Zug nach Harwich? Wer kann es uns sagen? Keiner! Nach emsigem Suchen finden wir den richtigen Bahnsteig. Es wälzen sich wahre Findlinge von unseren Schultern. Rucksack runter, rein in den Zug, Harwich, raus aus dem Zug, Rucksack rauf, rein ins Zollgebäude, raus aus dem Zollgebäude, rauf aufs Schiff, Rucksack runter, rein in die Cafeteria. Es war Mistwetter. Das Schiff schaukelte ein bisschen. In meiner Dummheit esse ich Apfel und Schokolade durcheinander, vermischt mit Kaffee und Tee.

Das Schiff legt ab. Es schaukelt ein bisschen mehr, ach, wie lustig! Aber dann, aber dann auf dem Ärmelkanal, meine Güte! Man darf die Kaffeebecher nur noch halb voll schenken, wenn man trocken an seinem Tisch ankommen will. Susi fühlt sich schlecht. Ich versuche, ihr eine Tablette zu besorgen. Der Mann am Thresen fragt: ”Sind Sie seekrank?” – ”Nein, noch nicht.” – Was nicht ist, kann noch werden, denke ich mir. Ach, ja, eine Stunde später ist es soweit, das grosse Kotzen. Kurz darauf noch einmal. Ich beschliesse, auf der Toilette zu verweilen, da es sich nicht lohnt, immer zur Cafeteria zurückzugehen. Im Liegen ist es besser zu ertragen, daher lege ich mich im Toilettenraum auf den Fussboden. Da liegen bereits zwei andere Mädchen. Alle halbe Stunde stehe ich auf und entleere die Gallenflüssigkeit aus meinem Magen, denn etwas anderes ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr drin. Ich erwarte jeden Moment, dass mein Magen mit hochkommt. Ab 21.00 Uhr habe ich Ruhe, im Gegensatz zu vielen anderen. Ich habe also noch Glück. Susi bringt mir meinen Schlafsack. Sie fühlt sich inzwischen besser. Irgendjemand hat ihr doch noch eine Tablette gegeben. Von der Mannschaft werden auch welche ausgegeben. Sie stehen aber unter dem Verdacht, Placebos zu sein.

27. Juli 1973 (Freitag)
So habe ich also am nächsten Morgen noch etwas von meinen kostbaren letzten zwei DM gespart, und Hunger habe ich auch nicht gerade. Die Befürchtungen, die ich in Perth hatte, waren also unbegründet: keine Hungerkrämpfe, sondern Kotzkrämpfe. Ich hätte nie geglaubt, dass Seekrankheit so schrecklich ist.

Susi erzählt mir, dass so gegen Mitternacht der Sturm noch einmal ganz furchtbar gewesen sei. Da war ich bereits im totalen Kotz-Koma. Sie sei mit ihrem Schlafsack auf dem Fussboden ins Rutschen gekommen und am anderen Ende der Cafeteria auf einem Typen gelandet. Dieser habe sie einfach an den Füssen gepackt und zurückgeschubst.

Wir gehen an Deck. Grauer, kalter, regnerischer Morgen. Wir stehen alle an der Reling und beten, dass wir doch bald in die Elbmündung segeln. Das Frühstückscafe ist nicht sehr gut besucht.
Die ganze Überfahrt über, also in den Momenten, wo nicht gekotzt wurde, haben Susi und ich gegreint: ”Wir schwimmen zurück!”

Ende der ersten Schottland-Saga.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

4 Gedanken zu „Meine Schottlandreise 1973 (Teil 4)“

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