Eine ganz normale Familie (1)

Gestern bekam ich meinen kaputten Laptop und einen USB-Stick mit meinen Dokumenten vom Desktop zurück. Es ist gelungen, meine Familiengeschichte und meine WP-Fotos sind gerettet.

Ich dachte mir, einfach ins kalte Wasser zu springen und mit dem Anfang anzufangen … nämlich der Vorgeschichte, was weiss ich überhaupt von meinen Eltern und Grosseltern.

Vorwort

Die Geschichte meiner Eltern und Grosseltern werde ich nur in groben Zügen skizzieren, da das alles Hörensagen ist. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass alle Aussagen, die ich in diesen Geschichten über mein Leben und meine Familie mache, meine persönliche Sicht der Dinge darstellt. Ich bin sicher, dass meine Brüder vieles ganz anders wahrgenommen haben. Ich kann auch nicht ausschliessen, dass ich Dinge falsch verstanden oder falsche Schlussfolgerungen gezogen habe. Auch ist es durchaus möglich, dass Dinge nicht in dem Jahr geschehen sind, in welchem ich sie darstelle. Ich versuche mir beim Schreiben vorzustellen, wie ich aussah zu der Zeit und dann mein Alter zu raten. Ich habe einfach keinen Sinn für Jahreszahlen.

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges 1945 war mein Vater 20 Jahre alt und meine Mutter 17 Jahre alt.

Während des Krieges fuhr mein Vater auf italienischen Handelsschiffen zur See, erst als Schiffsjunge und zum Schluss als Funker. Als die Italiener dann die Loyalität wechselten, wurde er auf einem deutschen Kriegsschiff nach Norwegen, nach Kirkenes geschickt. Das war sicherlich ein Glück für ihn, selbst wenn auch dort die Jahre vom Krieg gekennzeichnet waren. [Papa hat meinem ”kleinen” Bruder erzählt, dass er gegen Ende des Krieges in Flensburg-Mürvik stationiert war, in der Marineschule, wo dann noch während seiner Wache nachts ein Tiger-Panzer auf ihn zugerollt kam und er sich fast in die Hose gemacht hätte. Ausserdem hat er einige Landkarten aus Görings Befehlswagen geklaut. Die hat mein ”kleiner” Bruder jetzt.]

Meine Mutter wurde gegen Ende des Krieges mit ihrer Schulklasse mit der Kinderlandverschickung in die Holledau (Hallertau) gebracht. Die Mädchen wohnten dort bei Bauern. Das war aber keine reine Wohltätigkeitsveranstaltung, denn sie mussten Hopfen ernten. Als sie die Nachricht im Radio hörte, dass die Engländer auf Hamburg marschierten, riss sie mit zwei Klassenkameradinnen aus und versuchte, nach Hamburg zurückzukommen. Das war nicht so einfach. Sie reisten hauptsächlich mit Zügen des Truppentransportes, ziemlich im Zickzack durch Deutschland, mussten sich bei Fliegerangriffen in die Gräben werfen etc. etc.

Ein Erlebnis erwähnte meine Mutter besonders: sie hatten einige junge Soldaten kennengelernt, sehr nette junge Männer. Aber dann wurde sie Zeuge, wie einige Juden, die in ein Lager gebracht werden sollten, versuchten zu flüchten. Unter ihnen eine Frau mit nur einem Bein. Der ach so sympathische junge Mann zückte seine Pistole, richtete sie auf die Frau und sagte: ”Steh auf, du Judensau!” Ich glaube, dass dieses Erlebnis das Weltbild meiner Mutter erschüttert hat. Jedenfalls fand sie den jungen Mann danach nicht mehr sympathisch.

Sie kam mit dem letzten Zug nach Hamburg hinein, bevor die Engländer einmarschierten. Als sie nach Hause kam, war das ganze Haus zerbombt und sie wusste nicht, wo ihre Familie war. Wie sie es schliesslich herausgefunden hat, weiss ich nicht.

Mein Grossvater mütterlicherseits war Krankenpfleger und wurde als Sanitäter an die russische Front geschickt, wo er dann auch gefangen genommen wurde. Meine Grossmutter war Krankenschwester und hatte für zwei Kinder zu sorgen. Der jüngere Bruder meiner Mutter starb allerdings ziemlich früh. Ich kann mich nicht daran erinnern wann, aber vor dem Teenager-Alter. Er hatte ätzendes Reinigungsmittel aus einer unmarkierten Flasche getrunken. Bei der notwendigen Operation bekam er dann eine Bauchfellentzündung und starb. Meine Oma muss sich ein Leben lang Vorwürfe gemacht haben, denn sie hat dieses Mittel in Reichweite ihrer Kinder aufbewahrt. Das muss schrecklich sein, mit sowas zu leben. Das erklärt wohl auch Einiges in Bezug auf ihre Ehe und ihr sonstiges Auftreten.

Während mein Vater gerne von Norwegen berichtete, ja sogar gerne noch einmal dorthin gefahren wäre, und nach Einnahme von Alkohol die Trainingstouren länger und die Rucksäcke schwerer wurden, wenn er von seiner Zeit in Kirkenes berichtete, erwähnte mein Grossvater seine Zeit in der russischen Gefangenschaft niemals auch nur mit einem einzigen Wort.

Laut meiner Mutter begann nach Kriegsende für sie die schwere Zeit mit Hunger und Kälte. Hauptsächlich wurden Steckrüben gegessen. Alles wurde aus Steckrüben gemacht, auch Mehl und Kaffeeersatz. Die haben sie dann auch meistens noch gestohlen, weil die Essenmarken wohl nicht besonders reichlich bemessen waren. Kohlen haben sie auch gestohlen. 1945 und 1946 waren wohl ziemlich schlimme Winter und Brennmaterial war nicht zu bekommen. Nachts sind die jungen Leute dann auf die Bahnhöfe geschlichen und haben Kohlen von den Zügen geklaut. Einmal wurde sie geschnappt. Der Soldat fragte sie dann, wie es käme, dass ein Mädchen mit Abitur stehlen ginge. Als ob Menschen mit Abitur nicht frören und hungerten.

Mein Vater erzählte nach dem Krieg, dass er in der Hitlerjugend gewesen war und dass man ihnen erzählt hätte all die Gerüchte über Konzentrationslager wären nur Propaganda, um das deutsche Volk zu verleumden. Als dann hinterher alles an die Öffentlichkeit kam, war er ziemlich betroffen.

Meine Mutter hatte sich vor dem Bund Deutscher Mädel gedrückt und kam dann vor der Kinderlandverschickung auch nicht mehr da hinein. Und hinterher war das ja sowieso zu spät. Auch sie schien nichts von den Konzentrationslagern gewusst zu haben. Die damals Erwachsenen, meine Grosseltern, werden wohl mehr mitbekommen haben. Aber alle hielten den Mund, denn bei den Nazis gab es ja die Sippenhaft. Wenn einer danebentrat, wurde die ganze Familie, und zwar Grossfamilie, verhaftet. Die Familie meiner Mutter bestand zum grössten Teil aus Sozialdemokraten, die unter dem Nazi-Regime keine Arbeit bekamen bzw. sie verloren. Aber Soldaten durften sie dann werden! Einer von ihnen arbeitete dann nach dem Krieg bezeichnenderweise für das Hamburger Abendblatt. Ich denke mal, alle wollten nach dem furchtbaren Krieg einfach nur leben und zur Hölle mit den Ideologien.

Meine Mutter lernte meinen Vater über seine Schwester kennen, die, wie sie selbst, im Postscheckamt in Hamburg arbeitete. Seine Eltern waren nach dem Krieg nach Rostock gezogen, weil mein Grossvater nur dort Arbeit als Fischereikapitän bekommen konnte.

Über die Familien meines Grossvaters mütterlicherseits und meiner Grossmutter väterlicherseits weiss ich überhaupt nichts. Das fällt mir jetzt erst auf. Meine Grossmutter mütterlicherseits ist in Mecklenburg auf einem Bauernhof aufgewachsen mit ihrer Mutter und 11 Geschwistern (6 Schwestern und 6 Brüder). Eine der Schwestern stellte sich dann später als Nichte heraus. Die Mutter hatte anscheinend den ”Fehltritt” einer Tochter als ihr eigenes Kind ausgegeben. Ähnliches habe ich schon öfter gehört. Die ”fehltretende” Tochter ist jung gestorben, woran weiss ich nicht. Meine Grossmutter erzählte nur, dass die Schwestern sie gedeckt hätten, wenn sie nachts auf Abenteuer ausging und sich durch das Fenster absentierte, weil der älteste Bruder, in Abwesenheit eines Vaters, wohl sehr als das strenge Familienoberhaupt auftrat. Meine Oma lehnte jeden Kontakt mit ihren Brüdern kategorisch ab und wurde sehr wütend, als die Schwester-Nichte mich als Kind mal zu einem von ihnen mitnahm. Wer weiss, was da vorgefallen ist …

Die Schwester-Nichte war eine sehr warmherzige und liebe Person, aber den Männern sehr zugetan. Auch sie bekam ein uneheliches Kind, hatte aber das Glück, einen Mann zu treffen, der sie auf Händen trug und ihren Sohn adoptierte. Mein Vetter war ein ganz lieber Junge, ich mochte ihn sehr gerne. Sein Adoptivvater war überzeugter Kommunist, und alle Familientreffen endeten in politischen Diskussionen. Auf der anderen Seite hatte er immer zwei bis drei Jobs, um seiner Frau eine schöne Mietwohnung in einem guten Viertel, Pelzmäntel und Schmuck zu beschaffen. Darüber schmunzelten wir alle, von wegen Kommunismus, aber ich mochte den Onkel sehr gerne. Er war aufrichtig und hatte ein grosses Herz. Leider starb er relativ früh an einem Infarkt in der U-Bahn, wo natürlich alle dachten, dass er betrunken war und sich daher nicht um ihn kümmerten. Mein Vetter folgte seinem Beispiel, sich ganz für die Familie aufzuopfern.

Mein Grossvater väterlicherseits, der Seebär hatte fünf Brüder, einer davon war Polizist, einer hatte ein Meiereigeschäft und von den anderen weiss ich nichts. Den Polizisten habe ich sogar einmal getroffen. Meine Tante meint, dass da wohl auch noch zwei Schwestern waren, von denen die eine jung gestorben ist. Mein Grossvater hat nie über seine Brüder geredet und ein Vetter zweiten Grades meines Vaters, also der Enkel eines der Brüder meines Grossvaters, den ich in Dänemark aufgegabelt habe oder er mich, wusste gar nicht, dass mein Grossvater existierte. (Nochmal durchlesen, dann wird es deutlicher.) Was da wohl vorgefallen sein mag?

Von den Geschwistern meiner Grossmutter mütterlicherseits habe ich drei Schwestern, die Schwester-Nichte und einen Onkel getroffen. Einige der Frauen waren Krankenschwestern. Das war wohl in der Generation ausser Dienstmädchen die einzige Berufsmöglichkeit für Mädchen. Meine Grossonkel waren alle in der Leibgarde, weil sie über 1,80 m gross waren. (Die wurden dann auf edle Weise totgeschossen.)

Ich besitze ein Foto von meiner Mutter, wo sie auf einem Motorrad sitzt, das mein Vater aus zweien zusammengebastelt hat. Er hat auch immer seine Autos selber repariert, bis dann mehr und mehr Elektronik ins Bild kam, da musste er aufgeben.

Mama erzählte von einer Tour auf dem Motorrad, auf der Papa sie in einer scharfen Kurve verlor und das gar nicht gleich bemerkte. Sie landete in irgendwelchen Büschen und ihr war nichts passiert. Als Papa dann endlich zurückkam, lag sie immer noch in den Büschen und war dabei, sich totzulachen und konnte deshalb nicht aufstehen. Nach dem Krieg war so ein Erlebnis sicherlich nicht weiter schlimm …

Soweit die Basis für mein Leben.

(Fortsetzung folgt höchstwahrscheinlich. Ich muss ein bisschen sortieren)

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

7 Gedanken zu „Eine ganz normale Familie (1)“

    1. Nun, meine Eltern sind eben im Krieg aufgewachsen. Das war wohl nicht sehr witzig. Wie soll man Kindern sowas erklären? Kinder leiden immer unter dem Mist, den die Erwachsenen anzetteln. Wie die in Aleppo. Die armen Menschen, die wollen doch auch nur leben.

      Ich habe mal von einem Vietnamesen gelesen, der wurde zu Beginn des Krieges geboren und war am Ende 20 Jahre alt. Der kannte gar nichts anderes, für den war Krieg normal.

      Gefällt 1 Person

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