Entscheidungen (Kurzgeschichte von Stella,oh,Stella. Zartbesaitete Wesen, sollten hier nicht lesen!)

In unserem neuen Zuhause sind wir von Nachbarn aus vielerlei Ländern umgeben. Es funktioniert soweit alles gut, denn man hat nicht viel miteinander zu tun. Das kann einem merkwürdig vorkommen, aber wir sind Eigenbrötler, und das sind die anderen anscheinend auch.

Aber, von dem einen Grundstück hört man Schreien. Eine Frau, die schreit. Es hört sich krank an, verzweifelt. Manchmal ist da auch ein Mann. Dann kann es passieren, dass man die Frau ganz normal sprechen hört. Sonst schreit sie immer. An einigen Tagen schreien dann der Mann und die Frau einander an. Dann hört man dort auch zwei Mädchen, ein kleineres, das heult und ein etwas älteres, das mitschreit. Dies findet meistens im Freien statt oder aber im Haus bei offenen Fenstern.

Man mag schon gar nicht mehr in den Garten gehen.
Das Schlimmste ist, dass man nicht weiss, ob man sich einmischen soll oder nicht. Ob man sich bei der Genossenschaft beschweren soll. Aber sie hört sich so desparat an!

Wir erfahren von anderen Nachbarn, dass diese Frau in der Kommune wegen PTSD (post traumatic stress disorder) behandelt wird. Sie muss also schlimme Dinge gesehen und erlebt haben. Man erzählt uns, dass es sich um Flüchtlinge aus Rumänien handelt. Der Name klingt allerdings albanisch. Vielleicht aus dem Kossovo? Beschweren fällt dann flach. Man kann die armen Menschen schliesslich nicht noch mehr verfolgen.

Es fällt mir aber nicht leicht, zuzuhören. Tut sie den Mädchen was an? Wenn der Vater zu Besuch kommt, weint das kleine Mädchen, wenn er wieder wegfährt. Einmal ist sie ganz verzweifelt. Der Mann spricht Dänisch mit den Kindern, daher weiss ich, dass er der Vater ist, denn sie nennen ihn Papa. Er sagt: ”Ich fahre nicht weg. Ich muss nur etwas kaufen, ich bin gleich wieder da!” Die Kleine heult unbeirrt weiter. Die Frau fängt an zu schreien. Ach, ach …

Nach einem Jahr nehme ich mir endlich ein Herz und gehe hinüber. Ich nehme ein selbst gebackenes Brot mit, das kommt immer an. Die Hecken sind ungewöhnlich hoch um das Grundstück. Sie werden kaum geschnitten. Es wundert mich, dass die Genossenschaft nicht darauf besteht, aber mir soll’s recht sein. Ich klingele an der Tür. Ein Mädchen öffnet mir. Sie ist vielleicht um die 10 oder 11 Jahre alt. Ich frage sie, ob ihre Mutter da ist, ich wollte mich gerne als neue Nachbarin vorstellen, und ob ihre Mutter Dänisch verstünde. ”Nein”, bekomme ich zur Antwort, ”aber ich kann übersetzen.” Das passt mir gar nicht in den Kram. Was ich mit der Frau zu bereden habe, hätte ich gerne ohne Beisein der Kinder zur Sprache gebracht.

Stattdessen frage ich das Mädchen, wie es ihr ginge. Sie schaut mich ernst an. ”Ist es wegen Mamas Schreierei?” fragt sie. ”Ja”, sage ich, ”ich bin um euch besorgt. Schlägt sie euch?” – Das streitet sie vehement ab, also wahrscheinlich doch. ”Bitte sagen Sie niemandem etwas”, fleht sie mich an. ”Wenn man Mama in ein Heim steckt, kann ich vielleicht nicht mit meiner Schwester zusammen bleiben. Was soll dann aus ihr werden, sie ist doch noch so klein!” Warum sie denn nicht bei ihrem Vater wohnen können, frage ich sie. ”Der arbeitet auf einer Ölplattform in der Nordsee, der ist fast nie da. Man würde uns in Pflegefamilien geben.” Das ist ja eine schöne Schererei!

Nun kommt auch die Mutter an die Tür. Man sieht ihr an, dass sie Gespenster plagen, aber sie ist freundlich zu mir. Ich gebe ihr das Brot und stelle mich vor, erzähle ihr, dass wir neu zugezogen sind. Das Mädchen übersetzt. Irgendwo im Haus fängt die Kleine an zu weinen. Die Frau verabschiedet sich und geht ins Haus zurück.

Ich verspreche dem älteren Mädchen, niemandem etwas zu sagen und mich nicht bei der Genossenschaft zu beschweren. Es wird unser Geheimnis bleiben. Ich bitte sie allerdings eindringlich darum, zu mir zu kommen, sobald sich die Situation verschlimmert. Das verspricht sie mir.

Alles bleibt beim Alten: die Frau schreit, die Kinder schreien, der Mann schreit.

Bis dann eines Tages, ungefähr ein halbes Jahr später, die Elfjährige bei uns anklingelt und fragt, ob sie mich sprechen könnte.

Es geht um ihre kleine Schwester. Sie hat sie seit vier Tagen nicht mehr gesehen. Ihre Mutter hält die Tür zu ihrem Schafzimmer, dass sie mit der Kleinen teilt, verschlossen. Sie behauptet das Kind wäre krank, aber es ist kein Laut zu hören. Das ist doch unnatürlich für so ein kleines Kind. Ich frage sie, ob sie ihren Vater benachrichtigt hat. Das hat sie, aber der kann erst in zwei Tagen kommen, am Wochenende. Hat sie ihm denn nicht den Ernst der Situation klargemacht? Doch, hat sie, aber er kann nicht weg, sonst verliert er seine Arbeit. Verdammt, was mache ich jetzt? Soll ich rübergehen und meine Hilfe anbieten, einen Arzt zu rufen? Dann haue ich aber das Mädchen in die Pfanne, dann weiss die Mutter, dass sie mich um Hilfe gebeten hat.

Ich bitte das Mädchen um die Telefonnummer ihres Vaters. Ich rufe abends bei ihm an und versuche ihm zu vermitteln, wie besorgt seine Tochter ist. Er sagt, dass seine Frau nicht gewalttätig ist. Wahrscheinlich stimme es, dass die Kleine krank ist. Er werde am Wochenende kommen, gleich am Sonnabend Morgen. Damit muss ich mich also zufrieden geben. Ich bin jetzt wirklich unruhig, aber was kann ich tun?

Am nächsten Tag fange ich das Mädchen auf dem Weg zur Schule ab und erzähle ihr, was ihr Vater gesagt hat. ”Nur noch heute und morgen, und dann ist er da. Alles wird sich klären”, versuche ich sie zu beruhigen. Ganz gelingt es mir nicht. ”Da kommt so ein seltsamer Geruch aus dem Zimmer meiner Mutter”, sagt das Mädchen, ”so als ob sie gar nicht mehr sauber macht.” Ach du Scheisse, was jetzt? Soll ich die Polizei rufen? ”Nein, bloss das nicht”, sagt das Mädchen, ”das fehlte gerade noch. Ich warte lieber auf meinen Vater.”

Sonnabend kommt. Drüben fährt ein Auto in die Einfahrt. Der Vater ist gekommen, nehme ich an. Kurz darauf bricht die Hölle los. Geschrei, Gebrüll, wie noch nie zuvor. Die Frau stösst ein Geheul aus, dass mir das Mark in den Knochen gefrieren lässt. Der Mann brüllt völlig ausser sich, die Elfjährige schreit total hysterisch. Ich laufe hinüber. Andere Nachbarn sind bereits dort. In der Einfahrt kniet ein Mann und hält ein kleines Kind auf den Armen. Er brüllt unartikuliert. Das Kind ist tot.

Wir stehen alle betroffen in der Einfahrt. Irgendjemand ruft die Polizei, die dann zusammen mit einem Krankenwagen ankommt und die gesamte Familie mitnimmt. Wir bleiben noch eine Weile stehen, gelähmt vom Schock. Dann gehen wir ohne miteinander zu sprechen auseinander.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

7 Gedanken zu „Entscheidungen (Kurzgeschichte von Stella,oh,Stella. Zartbesaitete Wesen, sollten hier nicht lesen!)“

  1. Nun war es ja glücklicherweise nicht so, aber die Möglichkeit war da. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und wählte dann abzuwarten. In diesem Fall „no harm done“, aber es ist ja nicht immer so.

    Ich kann alle beruhigen, die Kinder werden nicht misshandelt, sie haben keine Angst vor der Mutter. Inzwischen haben wir herausgefunden, dass da auch ein Junge war, den hörte man nie. Wir haben sie mal alle drei bei uns in der Strasse getroffen und eine Unterhaltung gestartet. Nette, offene Kinder, alle drei! Keiner von ihnen schreit, ausser wenn sie zuhause sind.

    Aber da sind noch andere Dinge, die in der Wohngegend vor sich gingen. Vielleicht berichte ich mal davon.

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