Foto des Monats, Januar 2017/Photo of the month, January 2017

Jetzt habe ich auf einmal drei Kategorien: Umgebung, Garten und Hund …

Umgebung:

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Im Garten tut sich ja noch nicht viel, daher noch ein Ruinenfoto:

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Und last but not least, Hund:

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Meine beiden Mittagsschläfer. Sie schlafen während ich das Essen mache.

Ich wünsche euch schon mal einen schönen Februar. Grau soll er werden hier bei uns im hohen Norden, aber das ist ja nichts Neues. Das war ich bereits aus Hamburg gewohnt.

 

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Ruinös …

 

Hier nochmal drei Bilder von den Wirtschaftsgebäuden. Der Westflügel mit dem Stall und der Garage ist ja noch so weit in Ordnung.

Der Ostflügel sieht ja so aus:

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Und gleich links neben dem Steinhaufen hat mein Mann immer geparkt. Ich habe ihn endlich dazu gebracht, an der Westseite des Wohnhauses zu parken.

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Der Ostflügel von der Ostseite, da ist gaaanix mehr … Und der Heizöltank ist vielleicht 5-6 m weit weg von der Bruchbude. Zum Glück bekommen wir im Februar eine neue Heizung, so eine mit Holzpellets, dann gibt es keinen überirdischen Tank mehr, die ist dann nur im Keller.

Der Mittelflügel sieht von hinten auch nicht so toll aus:

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Links auf dem Foto der ehemalige Hühnerstall. Der ist trocken, da können wir erst einmal das Holz und unsere Gartenmöbel hinstellen. Rechts steht eine grosse neuere Scheune für Landwirtschaftsmaschinen. Da steht aber nicht viel drin. Wenn der Boden nicht so feucht wäre, könnten wir unseren Wohnwagen da hineinstellen, aber wir bekommen ihn nicht den Hügel hoch. Sobald es trocken genug ist, beginnt die Saison auch schon wieder.

Und hier ein paar kleinere Dinge, die ich aus dem Westflügel gerettet habe:

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Die Stalllaterne finde ich klasse, leider die einzige, die nicht kaputt war, aber auch die Dachziegelfenster und die beiden Glasziegel lassen sich sicherlich irgendwie anwenden. Ausserdem habe ich noch einige gut erhaltene Ziegelsteine zur Seite geschafft für den „rocket stove“ und ein paar Keramikröhren, aus denen ich ein Flaschenregal a la Meermond für den Grillplatz bauen will.

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Die drei Gewichte gehören zur Tierwaage, die ist leider zu schwer für mich allein. Aber ihr habt ja ein Foto davon gesehen. Die steht im Mittelteil, also nicht ganz so gefährdet. Ups, da steckt ja ein Hund seinen Kopf durch den Zaun …

In den nächsten Wochen werden wir mit Transport beschäftigt sein, aus dem Stall in das Hühnerhaus. Da stehen auch noch Regentonnen aus Plastik, die die Mieter mit den Islandpferden als Tränken benutzt hatten. Zwei davon sind unbeschädigt, und ich werde sie beschlagnahmen. Wo wir den Wohnwagen während der Bauarbeiten hinstellen, müssen wir noch mal sehen. Vielleicht kann der Bauer ihn mit dem Traktor in die Scheune bringen.

Ja, es ist nie langweilig hier!

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen schönen Restsonntag und einen guten Wochenanfang.

Halt, stopp, hier noch ein Gartenfoto. Ich habe hinter den Rosen (auf dem Foto ganz rechts) meine 18 Rhododendrons eingepflanzt (drei sind im Topf) und ein paar mehr Sachen, neue Tulpen (ich kann ja nicht widerstehen), alle meine mitgebrachten Primeln, alle Beerensträucher und Obstbäume, einige Stauden, aber das meiste ist noch in den Töpfen. Die niedrigen Stauden will ich vor die Fliesenreihe pflanzen (da wo die Beutestücke liegen). In dem hohen Gras sind auch noch ein paar kleinere Rosen vergraben, die muss ich noch wieder freibuddeln.

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Der tolle Keramikschornstein ist auch ein Beutestück. (Und drei Milchkannen.)

Randnotiz

Ich wollte nur mitteilen, dass ich inzwischen das Experiment durchgeführt habe, ob man den Frikadellenteig von hier: https://birgitdiestarkeblog.wordpress.com/2016/08/08/vegetarische-frikadellen/      auch als Klösse verarbeiten kann. Man kann. Ich habe Königsberger Klopse mit Kapernsosse gemacht, klappte wunderbar. Ich habe allerdings kein Ei in den Teig getan.

 

Schottlandreise 1974, Teil 7

Perth-Mountquhanie Estate (Cupar, Fife)

26. Juli 1974 (Freitag bis Sonntag, Abreise Montag 29. Juli 1974)

Unser nächstes Ziel ist Mountquhanie Estate, ein grosses Gut im County Fife, in der Nähe des Ortes Cupar. Die Adresse haben wir von einer Franziskaner-Nonne bekommen, einer Bekannten meiner Freundin. Auf einen Brief hin haben uns die Leute dann eingeladen. [Ich weiss nicht mehr genau, warum man uns eigentlich eingeladen hat, aber der damalige Besitzer war einfach sehr gastfreundlich.]

Nach Dundee nimmt uns ein schottischer Politiker namens John Fairly mit [Ich habe gegoogelt und konnte nur einen Jim Fairlie finden, der altersmässig und mit den politischen Aktivitäten passt.] (er war entweder SNP-Politiker oder ein Gewerkschaftsmann). Früher sei er selbst getrampt berichtet er, als er noch studiert hat und kein Geld hatte. In Dundee auf dem Parkplatz haben wir noch eine sehr interessante Unterhaltung mit ihm. Wir erzählen ihm von dem Radikalen aus Invershin. Dazu meint er, dass Schottland in zehn Jahren unabhängig sein wird, ohne Gewalt, auf demokratischem Wege. [Das war 1974. Leider fand das 1984 nicht statt, und die Möglichkeit, ihre Selbständigkeit zu bekommen, hat die Hälfte der Schotten 2014 dann anscheinend boykottiert. Da fragt man sich warum.] Auch die deprimierende Haltung der Schotten ihrem eigenen Land gegenüber erwähnte ich. ”Kein Wunder”, meint er, ”wenn man einem Volk jahrhundertelang erzählt, dess es nichts wert sei, glaubt es am Ende selbst daran!” [Vielleicht haben sie deshalb keinen Mut zur Unabhängigkeit. Aber inzwischen sollte doch eine neue Generation herangewachsen sein.]

Er hat jedoch auch eine Frage an uns. Vor kurzem ist eine Gruppe Bayern in Schottland gewesen, die erzählt haben, dass sie in Deutschland eine ähnliche Rolle innehaben wie Schottland in Grossbritannien: auch den Bayern wird die Selbständigkeit versagt. Meiner Meinung nach sind die beiden Situationen nicht zu vergleichen. Bayern war ja Mitglied im Deutschen Bund, woraus sich später u. a. die Bundesrepublik Deutschland geformt hat. Bayern ist ja nicht kolonisiert worden von seinen Nachbarn, und seine Rohwaren werden nicht von den Nachbarstaaten geklaut, meine ich jedenfalls. Ich finde die Geschichte sehr aufschlussreich.

Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg über die Tay-Brücke. Sie ist lang, länger, am längsten, wenn man sie bei starkem Gegenwind überqueren soll. Der gegenüberliegende Ort heisst Newport, dem Anschein nach eine Ansiedlung besser gestellter Leute, wo wir im Seymour-Hotel zu Mittag essen. Die junge Kellnerin findet es hier langweilig; sie würde lieber in Dundee wohnen. Ich selber finde Dundee nicht besonders ansprechend. Aber vielleicht gibt es auch dort schöne Stellen.

Bob, der Besitzer von Mountquhanie, holt uns von Newport ab. Felicity, seine Frau, gemahnt an eine stark dekadente Adelige; Bob wirkt mehr bodenständig. Sie haben sechs Kinder, zwei Mädchen und vier Jungen, davon einer noch ein Baby. Auf dem Gut sind immer zwei Aupair-Mädchen angestellt, ’Felicity’s Sklaven’ und Jim, ein Landwirtschaftsstudent, ’Bob’s Sklave’. Ich würde vorziehen, für Bob zu arbeiten. Die Mäden sind nämlich den ganzen Tag mit Abwaschen und Essenkochen beschäftigt und müssen ansonsten die dekadenten Kinder im Auto spazierenfahren oder sonst etwas mit ihnen unternehmen. Bob hat ausserdem eine Landwirtschaftssekretärin, ein kerniges Mädchen.

Um uns unser Essen in irgendeiner Form zu verdienen, bieten wir Bob unserer Hände Arbeit an (diese lilienweissen Hände). Das einzige was mich stört, ist meine saftige Erkältung. Ich fühle mich wirklich schlecht.

Bob findet tatsächlich einen Job für uns. Wir sollen helfen, den Fasanen die Flügel zu stutzen. Es gibt vier grosse Käfige voll mit den Viechern. Sie sollen käfigweise in eine kleine Holzhütte getrieben werden, die vor jedem Gitter steht. Beim ersten Käfig geht das noch vergleichsweise einfach. Währenddessen haben aber die anderen spitzgekriegt, dass da etwas im Gange ist und gebährden sich dementsprechend hysterisch.

Einer von uns muss sich in die Hütte begeben (klein, eng, im Vorwege mit Fasanen gefüllt), sich dort einen Vogel greifen und ihn mit dem Kopf zuerst durch ein kleines Loch nach draussen reichen, das mittels einer Klappe von aussen auf Kommando von dem drinnen Sitzenden geöffnet wird. Dort nimmt der andere das Tier in Empfang und hält ihn fest, während Caroline (die Landwirtschaftssekretärin) die Schwungfedern der Flügel stutzt. Wir spielen uns sehr bald gut ein. In der Hütte zu sitzen ist unangenehm. Die verängstigten Tiere bekommen Angstdünnschiss und beissen und kratzen, so weit es ihnen auf diesem engen Raum überhaupt möglich ist.

Am Ende dieser Schlacht verladen wir die Fasanen in Gitterkörbe und bringen sie in ein grosses Freigehege, während Bob die Häuschen für die neuen Küken herrichtet. Diese sind bis jetzt auf einem leeren Heuboden in einer leeren Scheune untergebracht, in kleinen, runden Käfigen, die leider oben offen sind. Als wir damit loslegen, sie einzufangen, entwetzt eine stattliche Anzahl über die Umzäunung und versteckt sich hinter den praktischerweise überall rumstehenden Spanplatten. Fasanenküken sind goldig, wie alle Küken. Ich weiss nicht, wie viele es sind, sehr viele jedenfalls, eine endloses Gewusel. Ich finde es irgendwie grausam, diese vielen Küken in nur zwei Gitterkörben zu transportieren, übereinander gestapelt wie Sardinen. Alle überstehen den Transport auch nicht heil; sie kommen mit verklebten, blutigen Federn oder einem gebrochenen Bein oder Flügel an. (Aber Landwirte haben da irgendwie ein dickeres Fell. Wie sonst kann man Tiere grossziehen, nur damit sie von irgendwelchen Leuten abgeknallt werden? Aber ich selbst bin ein scheinheiliger Fleischesser: wenn ich die Tiere selber töten müsste, wäre ich Vegetarier.) [Seit 1983 bin ich Vegetarier.] Wir zählen die Küken in die Häuschen, wo Bob inzwischen Wärmlampen aufgehängt hat, denn es sollen möglichst in jedem die gleiche Anzahl sein.

Einen Hund gibt es auch auf der Farm, einen gänzlich unerzogenen, schwarzen, glattfelligen Inselhund namens Moy, der zwar schön, aber entsetzlich lästig ist. Beim Essen beisst er uns spielerisch unter dem Tisch in die Beine und reisst alles vom Tisch herunter, was nicht niet- und nagelfest ist, wenn man ihn allein in der Küche lässt. Einmal verteilt er ein halbes Pfund Butter auf dem Fussboden und bestreut sie mit dem Inhalt einer grossen Tüte Erdnüsse (Erdnussbutter, hehe).

[Ich kann mich nicht an die älteren Jungs erinnern, vielleicht waren die gar nicht anwesend, nur an die beiden Mädchen und das Baby.] Die Mädchen besitzen Ponies, die reichlich fett aussehen. Ich äussere den Wunsch zu reiten, da wollen die beiden Mädchen natürlich auch und stiefeln und spornen sich, nur um ohne Sattel auf einem ungestriegelten Pony zu reiten. Die Tiere sind lange nicht geritten worden und wollen es offensichtlich auch dabei belassen. Wir müssen sie sage und schreibe aus der Koppel schieben! Einmal draussen, zeigen sie sich williger. Ich sitze auf dem grösseren Pony, eines der Mädchen hinter mir. Es könnte sehr lustig sein, wenn Moy (der Hund) nicht hinter uns herjagen und nach dem Pony schnappen würde. Als er sich dann im Schweif unseres Ponys verbeisst und sich mitschleifen lässt, wir es diesem zu viel. Es springt einige Male mit allen Vieren in die Luft (mit zwei Reitern!!!) und schlägt aus mit dem Resultat, dass Moy jaulend davonläuft. Das Pony muss ihn hart getroffen haben. Wir sehen ihn wie einen schwarzen Blitz ein paarmal um das Haus jagen und dann darin verschwinden. Den Rest des Tages bleibt er verschollen, wie auch meine Reitgenossin. Wir sind bei den Bocksprüngen natürlich ausgestiegen, aber wir sind ja nicht tief gefallen und in weiches Gras. Jedenfalls habe ich den Rest der Zeit das Pony für mich alleine. Und Moy wird sich wohl nicht so bald wieder in die Nähe eines Ponys wagen.

Felicity plant inzwischen ihre Urlaubsreise. Ihre Wahl fällt auf Zypern, von wo, wegen des Krieges, gerade alle Ausländer evakuiert werden. (Aber sowas heisst ja nicht mehr Krieg, sondern ’Konflikt’.) Sie liebe es, dorthin zu fahren, wo nicht so viele Touristen sind und wo es etwas zu erleben gibt. (Ich finde diesen Snobismus widerlich. Da sterben schliesslich Menschen!)

An unserem letzten Tag in Mountquhanie kommt ein neues Aupair-Mädchen an, Francesca aus Edinburgh. Die Mädchen hoffen, dass sie keine ’Beauty Queen’ ist, denn die seien zu nichts zu gebrauchen.

Wir gehen abends zu fünft in den Pub (Jim mit vier Frauen, Hahn im Korb), zu einem Begrüssungstrunk für Francesca und einem Abschiedstrunk für uns, da wir am nächsten Tag aufbrechen wollen. Ich finde es ziemlich langweilig, denn es wird fast nur getratscht. Francesca ist ganz nett. Nur eines mag ich nicht: sie unterstreicht ihre Erzählungen manchmal dadurch, dass sie schielt, ihre Zunge herausstreckt und sich darauf beisst. Das soll sicher ’cute’ sein, aber nach dem xten Mal verliert es seinen Reiz und wirkt affig (jedenfalls auf mich, vielleicht sehen Männer das anders). Jim scheint jedenfalls sehr von ihr eingenommen zu sein. Er gibt uns auch endlich eine plausible Antwort auf die Frage, warum man Milch in den Tee tut: ”Weil er sonst zu heiss ist!”

[Damals war das Gut hauptsächlich landwirtschaftlich beschäftigt, jedenfalls ist das in meiner Erinnerung so. Heutzutage werden Zimmer im Gutshaus und Cottages auf dem Gut an Touristen vermietet, oft Golftouristen. (Es liegt ja dicht an St. Andrews, dem schottischen Golf-Mekka.) So fein wie auf der Webseite sah es meiner Meinung nach damals in den Räumen nicht aus, aber vielleicht habe ich sie nur nicht gesehen. Wir haben in der Küche gegessen … http://www.standrews-cottages.com/mountquhaniehouse/ Einer von Bobs vielen Söhnen wohnt jetzt dort. Die Seite scheint es nicht mehr zu geben, hier der Link zu Google, ihr müsst selber zu Google Earth rüberklicken: https://www.google.dk/maps/@56.3792588,-3.0595592,388m/data=!3m1!1e3%5D

(Fortsetzung, die letzte, folgt)

Tag ??? der Zeitrechnung nach Jackies Ankunft

Hier noch ein paar aktuelle Bilder von der kleinen Terrier-Dame … naja, Dame ist wohl zu viel gesagt. Sie kennt nur zwei Zustände, süsses Kuscheltier oder springendes, schnappendes Beissmonster. Ich bin mal gespannt, ob wir ihr das noch abgewöhnen können, dass Beissen. Wenn sie in ihrem Hyperzustand ist, nützt es nichts zu fotografieren, das ergibt nur eine weisse Wolke. Aber wenn sie schläft, sieht sie aus als könnte sie kein Wässerchen trüben.

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Hey, kann man hier nicht mal in Ruhe schlafen, Alter?

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Aparte Schlafhaltung …

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… noch apartere Schlafhaltung.

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Oh, grosser Däne, ich verneige mich vor dir!

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Als wir ihren Auslauf gebaut haben, haben wir sie am Wasserschlauch festgemacht, damit sie nicht abhaut. Den hat sie einfach hinter sich hergeschleppt.

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Der Auslauf ist schön gross geworden, hier kann sie rumwetzen. Der Zaun geht jeweils von einer Ecke des Hauses (Giebelseite nach Osten) über die Grasfläche. Der Busch rechts ist mit eingezäunt sowie ein Stück des Wildwuchses links (ihre geliebten Riesendiesteln auch), damit sie einen Kxxxplatz hat. Sie hat aber inzwischen gelernt, auch auf den Waldspaziergängen zu machen. Die liebt sie!

In der Sindal-Kommune gibt es mehrere schöne Waldflächen. Die schönste (in unseren Augen) ist der alte Naturschutzpark, in dem auch Damwild lebt. Dort gibt es bis zu 200 Jahre alte Buchen und Tannen. In diesem Waldstück herrscht eine besondere Atmosphäre. Dieser Ort ist nicht für die Forstwirtschaft genutzt worden, obwohl alte und umgestürzte Bäume entfernt werden. Im Folgenden ein paar Bilder. Ich bin ein wenig ausgeflippt mit der Kamera, daher mache ich es wieder so, dass ich nur wenige Bilder hier reinsetze und dann einen Link angebe, wo Interessierte sich alle Bilder ansehen können. Wir liefen zweimal einer Damwildgruppe über den Weg.

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Die letzten 10 oder so Fotos im Ordner sind alle von den Damhirschen und -damen. Da muss man etwas zoomen. Die sind nicht ganz so scharf, aber man kann doch die imponierenden Geweihe der Hirsche erkennen.

https://www.dropbox.com/sh/0aaohpl1nsxez5b/AACFvP-S9zL34aYv7XUeVym1a?dl=0

 

Schottlandreise 1974, Teil 6

Carbisdale Castle-Kingussie-Birnam auf Umwegen-Perth

 

22. Juli 1974 (Montag)

Der nächste Morgen bringt zur Abwechslung einmal Regen und wir versuchen krampfhaft zu trampen. Zwei Französinnen aus der Herberge finden wir unweit auf der Mauer sitzend, von einem Schirm überdacht. Sie wollen lieber stundenlang warten, als 5,5 Kilometer zu Fuss zum nächsten Verkehrsknotenpunkt zu gehen. Wie ziehen dies aber vor und kommen auch ganz gut weg. Wir schlagen uns mit kurzen Lifts von Dorf zu Dorf bis nach Inverness durch. Einer der Fahrer ist ein Bauer, der uns stolz erzählt, dass er gestern sein Heu eingefahren habe, obwohl Sonntag war und die Nachbarn ihn deswegen schief angucken. Heute wäre ihm alles vollgeregnet, wie allen anderen.

In Inverness wimmelt es mit Zivilisation, was uns nach längerer Zeit im Hinterwald einigermassen verwirrt. Die Leute, die wir nach dem Weg fragen, sind sämtlichst selber Fremde, was man u. a. an dem breiten schottischen Akzent hören kann, denn in Inverness spricht man tatsächlich ein gutes Hoch-Englisch, wie wir des öfteren auf unserer bisherigen Reise feststellen konnten.

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(Inverness, die ‚wimmelnde Zivilisation‘)

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Schöne alte Stadthäuser

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Inverness Castle

Wir finden jedoch trotzdem die richtige Strasse (quer durch die central Highlands via Aviemore). Wir stehen kaum, da hält ein Wagen von AA-Service an (sowas wie der deutsche ADAC), der uns mitnimmt. Unterwegs winkt ein Ehepaar, dessen Wagen am Strassenrand steht. Pflichtbewusst hält unser Fahrer an, kommt jedoch schnell zurück. ”Sie wollten nur bis zur nächsten Werkstatt mitgenommen werden. Ihr Auto hat eine Panne, aber sie gehören zu einem anderen Strassen-Service.”

In Aviemore setzt er uns ab mit dem Rat, uns hier nach Unterkunft in der Jugendherberge zu erkundigen. Wenn es keine Betten mehr gäbe, würde er uns in zwei Stunden bis nach Kingussie mitnehmen. Es gibt sogar zwei Jugendherbergen in Aviemore, aber keine freien Betten. Aviemore gefällt uns sowieso nicht. Es ist ein mondäner Skitouristen-Ort und dementsprechend teuer. Wir fahren also mit dem AA-Herren weiter gen Kingussie. Auf der Fahrt fällt mir auf, dass an den Dorfläden überall ’Mackenzie’ dransteht. Ich schliesse haarscharf daraus, dass wir uns auf Mackenzie Boden befinden. Unterwegs versuchen wir zum ersten Mal bewusst, zu kostenloser Übernachtung eingeladen zu werden. Wie bedienen uns dabei jammernder Bemerkungen über die Möglichkeit, dass in der Jugendherberge in Kingussie auch keine Betten mehr frei sind und was wir dann wohl machen sollen. Er beisst aber nicht an.

In Kingussie erkundigt sich unser AA-Mann in der Jugendherberge für uns. Er ist nämlich mit dem Warden befreundet, der Mackenzie heisst. Er selbst heisst auch Mackenzie, aber sie sind nicht miteinander verwandt. Es seien noch Betten frei, verkündet er. Er ist bestimmt heilfroh darüber. Vielleicht hat er sogar den Warden bekniet, um uns loszuwerden. Wir bedanken uns jedenfalls überschwenglich bei ihm und betreten erwartungsvoll die Herberge. ”Diese Herberge ist belegt, wir haben keine freien Betten”, empfängt uns der Warden. Ich fange fast an zu heulen, während der Warden sich gar nicht wieder einkriegt vor Lachen. Meine beste Freunding ist feinfühliger und merkt sofort, dass er uns veräppelt. Seine Frau ist ein Drachen, wie wir bald erfahren sollen. Als meine Freundin im Schlafraum Gitarre spielen will, schiesst sie herbei wie ein geölter Blitz und meint, dass das nicht ginge. Auf unsere Frage ”Warum nicht?” Erhalten wir die Antwort: ”Es geht nicht, es ist nicht erlaubt!” – Wir fügen uns, aber verstehen es nicht, denn schliesslich stören wir niemanden und wir beschmutzen oder zerstören auch nichts mit Gitarrespiel. Später berichtet uns ein Mädchen, dass die Frau hinter der Tür gelauert habe, ob meine Freundin wohl wieder anfangen würde zu spielen (Befehlsverweigerungskomplex).

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[Das Hermitage guesthouse könnte durchaus die damalige Jugendherberge gewesen sein. Leider gibt es viele von den Herbergen nicht mehr.]

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(Kingussie Marktplatz)

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Wir gehen abends wieder einmal in einen Pub, in die Lounge. Dort macht sich ein langer, hässlicher Knabe an uns heran. Er stammt aus Glasgow und arbeitet gegenüber im Hotel. Er bietet uns zwei Schlafplätze in den Bedienstetenzimmern an, denn dann könnten wir doch morgen zum Volksfest gehen und brauchten nicht um 22.00 Uhr in der Jugendherberge zu sein. Wir gucken uns die Räumlichkeiten an, aber sie erscheinen uns genauso zweifelhaft wie der ganze Typ. Man kann die Tür nicht abschliessen! Zu alledem ist mir aufgefallen, dass uns die Leute in der Lounge alle so komisch angeguckt haben. Er scheint ein junger Mann mit ’bad reputation’ zu sein. Da wir nicht gleich wissen, wie wir ihn wieder loswerden sollen, gehen wir mit ihm in den Pub seines Hotels. Gegen die Lounge ist dies eine regelrechte Kaschemme, aber es gibt einen Fernseher! Der Freund unseres Casanovas setzt sich zu uns, ein widerlicher Fettwanst. Sie sind beide ein wenig angetrunken und reden etwas unvorsichtig. Meine Freundin schnappt einiges auf, dass wir ’unwillig’ seien oder Ähnliches. Schliesslich entschuldigen die beiden sich einen Moment, wohl, um sich abzusprechen. Ich erzähle meiner Freundin von meinen Beobachtungen in der Lounge, die uns zusammen mit dem Gehörten sehr bedenklich stimmen, und wir versuchen, die Leute auszufragen. ”Dieser Junge ist nicht gut, er ist ein Trunkenbold”, sagt meine Freundin zu ihrem Nachbarn. Der gute Mann meint nur: ”Mädels, wenn ich ihr wäre, würde ich die Tür von aussen zumachen!” – Das tun wir dann auch mit unfeiner Hast und der ganze Pub fängt brüllend an zu lachen.

Den Rest des Abends verbringen wir beschaulich im Gemeinschaftsraum. Wir treffen einige junge Leute aus dem flämischen Teil Belgiens, die eifrig auf Flämisch auf uns einreden, weil sie aus irgendeinem Grunde glauben, dass wir auch aus Belgien sind.

 

23. Juli 1974 (Dienstag)

Die nächste Nacht wollen wir am Fluss Tummel verbringen. Wir werden von einem älteren englischen Ehepaar mitgenommen. Sie erzählen uns von Lord Atholl, der als einziger noch eine Privatarmee von, ich glaube, 20 Mann besitzt. Er soll eine Frau, die ein gut gehendes Hotel führte, aus seinem county rausgeekelt haben mittels Boycott, um auch noch diese Einnahmequelle in seinen Besitz zu bekommen. Wahrscheinlich hat er auch Drohungen und Bestechung angewendet. Irgendwie wirft die Angelegenheit ein seltsames Licht auf diesen reichen Lord.

Das Ehepaar überredet uns, mit nach Pit Lochry zu kommen, wenige Kilometer über unsere Abzweigung hinaus. Da wir noch viel Zeit zu haben glauben, essen wir mit den beiden, die wirklich goldig sind und besichtigen anschliessend Pit Lochry. Es ist eine puppige kleine Stadt. In einem Buchladen treffen wir die belgische Horde aus Kingussie wieder.

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Wir sehen auch einige College-boys in Kilt und müssen feststellen, dass nicht jeder ihn tragen kann. (Der blonde Riese aus Braemar vom letzten Jahr, der sah gut aus im Kilt. Ein Bild von einem Mann!)

Schliesslich trampen wir zu unserer Kreuzung zurück. Die uns bestimmte Strasse sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus, so leer und schlecht instandgehalten. Ein VW-Bus voller Kinder verschiedener Nationalität nimmt uns mit bis dorthin, wo die Jugendherberge sein musste. Aber, wo ist das Schild? Ich gehe zum Queen’s Hotel hinunter, einem schönen, gut erhaltenen Schloss, um zu fragen. Ich bekomme Hemmungen, als ich die elegante Halle betrete, die dick mit wunderbarer Teppichware ausgelegt ist. Ich komme mir in meinen Jeans und der Öljacke wie ein richtiger Satteltramp vor. Im Grunde bin ich das ja auch. Ich erfahre, dass dieses Schloss bis Ende letzten Jahres die Jugenherberge gewesen sei. (Man sollte sich also doch jedes Jahr einen neuen Jugendherbergsführer zulegen!) Das ist ein harter Schlag für uns, so verlassen an einsamer Waldstrasse gestrandet. Vor allem schüttet es alle zehn Minuten wie aus Eimern.

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[Es könnte gut dieses Hotel gewesen sein. Ein Queen’s Hotel gibt es nicht mehr.]

Da kommt wie ein rettender Engel eine Frau aus einem Haus und geht auf ihr Auto zu. Meine beste Freundin spricht sie an, ob sie uns nicht mitnehmen könnte, erklärt ihr die Situation. Wenig engelhaft schlägt sie es schroff ab und will uns nach Loch Rannoch schicken (das heisst noch weiter in die Walachei), lässt sich dann aber zögernd dazu überreden, uns einzuladen. Meine Freundin lässt nämlich nicht locker, weil wir eine reichlich schlechte Chance für uns sehen, von hier wegzukommen und dementsprechend verzweifelt sind. Meine Freundin entwickelt in solchen Situationen oftmals Mut und Selbstüberwindung, während ich resigniere. Ich habe Hemmungen gehabt, die Frau anzusprechen und bin in Gedanken schon zu Fuss unterwegs gewesen …

Unterwegs schwärmen wir von Fluss Tummel und davon, wie herrlich es sein muss, hier ein Haus zu haben. Dadurch stimmen wir sie merklich freundlicher.

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Und es ist nicht einmal gelogen, denn dies ist eine der schönsten Regionen Schottlands, also von dem was wir bisher gesehen haben. (Es ist erstaunlich, wie leicht man Leute mit Schmeicheleien und Komplimenten gewinnen kann, seien sie auch noch so klug oder gerissen.) Schliesslich kommen wir noch auf die Glaswegians zu sprechen, ein ergiebiges Thema in Schottland. Man sollte allerdings vorher sondieren, wie der Gesprächspartner über sie denkt. Wir erzählen aber frank und frei, dass wir sie gar nicht so schlimm finden, wie man sie uns immer schildert. Im Gegenteil, wir haben uns sehr wohl gefühlt in Glasgow. Damit treffen wir glücklicherweise ins Schwarze! Unsere Dame fällt enthusiastisch ein und meint wiederholt: ”There is not a thing wrong with the Glaswegians!” – Wir haben ihr Herz gewonnen. Vielleicht stammt sie oder jemand, den sie kennt, aus Glasgow.

Glücklich wieder in Pit Lochry bedanken wir uns diverse Male für ihre grosse Hilfsbereitschaft und ernten so ein Lächeln und ein ”You are welcome”. (Scheinheilige Alte, denke ich ebenso scheinheilig.) Plötzlich wankt eine total betrunkene alte Frau an uns vorbei und unsere Dame kommentiert voller Verachtung: ”What a disgrace!” – Meine Freudin findet es typisch für diese Frau, so etwas zu sagen.

Wir versuchen, nach Birnam weiterzutrampen bei einer Wechseldusche von brennender Sonne und Platzregen. Diesen Wassermengen, die auf uns herabfallen, hält nicht einmal die Imprägnierung unserer Rucksäcke stand. Schliesslich nimmt uns ein Arbeitswagen mit, mit einigen Jungs, die uns gerne bis Perth im Auto hätten. Wir wollen aber in Birnam übernachten (Macbeth!!!), wo uns wieder eine ’simple’ Jugenherberge erwartet. Ich glaube sie gehört zu den primitivsten überhaupt 

Ein jüngeres deutsches Ehepaar mit zwei Kindern trifft ein. Sie wollen mal etwas anders und abenteuerlicher übernachten. Für diese Leute ist eine Jugendherberge offensichtlich ein Riesenschritt zurück zur Natur. Sie führen sich auf wie Helden an der Front und als ob eine Herberge nun DER Geck wäre. Ich fühle mich stark genervt und erkläre ihnen, dass sie morgens vor dem Aufbrechen noch alle einen Job erledigen müssen, da dies so üblich ist. (Die Kenntnis dessen hindert sie jedoch nicht daran, am nächsten Morgen die Dummen zu spielen und ihre Ausweise zu verlangen, ohne nach ihren Jobs zu fragen. Der Warden, ohnehin kein jubilierender Typ, wird noch saurer. Ich hoffe in dem Moment nur, dass keiner bemerkt, welcher Nationalität wir sind.)

Am Abend in Birnam gehen wir in einen kleinen gemütlichen Pub. Dort treffen wir ein sehr nettes Ehepaar aus Neuseeland. Wir berichten ihnen, dass wir planen, in Neuseeland Schafe zu züchten. Sie belächeln das ein wenig, geben uns aber trotzdem ihre Adresse und laden uns ein, für ein halbes Jahr oder länger rüberzukommen. Nur Kind und Kegel sollen wir bitte zuhause lassen.

Ein alter Schotte erzählt uns von seiner Soldatenzeit im Rheinland, wo er ein sehr nettes Mädel gehabt hat. Die meisten Schotten sehen Deutschland für eine grosse Nation an, im Gegensatz zu Schottland, was mich einigermassen traurig stimmt (dass sie ihr eigenes Land so gering schätzen), aber sie warnen uns auch vor möglicher Deutschfeindlichkeit. Wir begegnen auf der ganzen Reise keiner Deutschfeindlichkeit. Nur in der Zeitung lese ich von zwei Fällen in London, wo Mädchen in der Untergrundbahn und der Eisenbahn auf Grund ihrer deutschen Nationalität umgebracht worden sind. Wie gesagt wir haben keinerlei Feindseligkeit erlebt.

 

24. Juli 1974 (Mittwoch)

Die nächste Trampstrecke nach Perth ist sehr kurz. Wir haben herrlichstes Sommerwetter, um uns die Stadt anzusehen.

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(Perth, South Inch)

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(Perth, North Inch [Perth, the smallest city in Scotland, it is situated between two inches, remember?]

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[… und die Brücke im Hintergrund, die im Mittelalter von den Römern gebaut wprden war…]

 

25. Juli 1974 (Donnerstag)

Für den nächsten Tag planen wir einen Ausflug ins Nachbar-County Angus. Ein Fischlastwagenfahrer, der nach Aberdeen will, nimmt uns mit. Der Fahrer verkündet uns, dass er jeden Morgen an derselben Stelle um 10.00 Uhr vorbeikomme, falls wir irgendwann vielleicht noch einmal mitfahren wollen.

Angus ist ein völlig von der Landwirtschaft erschlossenes Gebiet, hochzivilisiert, denn überall sind Zäune. Hier können wir uns nicht, wie in Morar, in die Landschaft setzen wo wir wollen, sondern müssen uns mit dem Strassenrand begnügen. Zurück nach Perth fahren wir auf einer anderen Strasse. Vor der Stadt wohnen Zigeuner auf den Seitenstreifen. Ohne die Menschen könnte man das Ganze für einen Schrottplatz halten. Es sieht sehr arm aus. [Ich habe in der Zwischenzeit Fahrendes Volk in verschiedenen Ländern gesehen. Nicht einmal in Rumänien sah es so schlimm aus. Am besten ist man in Frankreich organisiert. Dort gibt es an den Landstrassen spezielle Übernachtungsplätze für die Roma, mit Brunnen. Auch scheinen sie dort wohlhabender zu sein.]

Perthshire wird auch Dewar’s Country genannt, wegen der vielen Whiskey-Brennereien. Meiner Freundin gefiel Perth nicht besonders. Ich selber hege eine Vorliebe für diese Stadt, ohne genau sagen zu können, warum.

Abends führen wir wieder unsere Pubstudien durch. Der etwas feinere, hinten in einem Hotel, ist langweilig. Niemand unterhält sich mit uns. Der ordinäre Central Pub ist interessanter. Ein älterer Herr redet uns mit Geschichten voll, wo er überall schon gewesen ist, wie viele Sprachen er spreche etc., und er setzt dabei eine Connoisseur-aller-Dinge-Miene auf. Als er seine Nase pudern geht, kommen drei andere, jüngere Männer und rahmen uns ein. Sie erzählen uns, dass niemand mehr mit diesem Mann spreche, deshalb mache er sich an Fremde heran, die ihm wenigstens noch zuhören. Er ist tatsächlich ein Nerver ersten Ranges. Während wir uns mit den anderen unterhalten, versucht er uns von hinter deren Rücken auf die Schulter zu tippen und unsere Aufmerksamkeit wiederzugewinnen. Der eine junge Mann erzählt mir erst, dass seine Frau auch immer Jeans trägt. Jetzt berichtet er von einer Dänin, die einen ganzen Sommer mit ihm in seinem Wohnwagen verbracht hat: ”That was a fine lass!” (Oho, denke ich, diese feinen Anspielungen. Mit der Treue nimmt man es in Great Britain nicht so genau, habe ich den Eindruck.)

(Fortsetzung folgt)

Schottlandreise 1974, Teil 5

Achintraid-Gairloch-Carbisdale Castle [At that time County Sutherland, now part of ’Highland’]

 

15. Juli 1974 (Montag)

Der Morgen darauf empfängt uns wieder einmal mit grauer, regnerischer Miene. Bis Shieldaig (dem Rentnerkurort) fahren wir mit einem englischen Paar, die einen englischen Schäferhund dabei haben, einer von diesen weiss-grau zottelig befellten Hunden, bei denen man nicht herausfinden kann, was Vorne und was Hinten ist. Seine Ausmasse sind wie die eines einjährigen Bernhardiners. ”Aber er wächst noch!” erzählen die stolzen Besitzer. Dieses Hündchen sitzt nun die ganze Fahrt über auf meinem Schoss und stellt seine Vorderpranken auf meinen ungepanzerten Fuss. Sein blaues Auge (denn das andere ist braun) schielt mich hinter einer Locke hervor vertraulich an, in Augenhöhe! Wenigstens friere ich einmal nicht. (Er ist ein ganz Lieber!)

In Shieldaig werden wir wegen des Wetters noch herzlich bedauert, aber ihre Reiseroute wollen diese mitleidigen Leute dann doch nicht unseretwegen ändern.

Wir müssen schliesslich bis Kinlochewe den Bus nehmen, da so gut wie überhaupt kein Verkehr herrscht und das Wetter immer feuchter und unangenehmer wird. Auch dort stehen wir noch einige Stunden, bis uns ein Lieferwagen bis nach Gairloch mitnimmt, ein bei den Schotten beliebter Urlaubsort. Hier am Meer scheint auf einmal die Sonne, und wir fühlen uns sofort viel besser. Die schottischen Hügel können nämlich bei Nebel und Regen eine reichlich deprimierende Wirkung haben. Wir treffen doch tatsächlich eine Nachbarin von Margaret in Gairloch, mit der wir in Glasgow im Bus gefahren sind.

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Die Jugendherberge Carn Dearg liegt direkt an den Klippen, an einer schmalen Asphaltstrasse, die wenige Kilometer weiter im Sande verläuft. [Das tut sie nicht mehr.] Dies war die erste Herberge, auf die wir treffen, in der man sich mittels Extrajobs eine freie Übernachtung erarbeiten konnte (z. B. Fenstermalen). Wir sind aber zu faul dazu, schliesslich haben wir Ferien!

 

16. Juli 1974 (Dienstag)

Am folgenden Morgen ist das Wetter sonnig aber kalt. Wir besichtigen den Ort Gairloch, etwa 2 Kilometer von der Jugendherberge entfernt, und klettern in den Klippen umher. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht kann man die Berge sehen, aus denen wir am Vortage gekommen sind. Verglichen mit dem Grasland hier sind sie gewaltig und durch die tiefhängenden weissen Wolken, die ihre Gipfel verdecken, wirken sie geheimnisvoll und mit dem Himmel verbunden.

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[Aquarell von meinem Bruder nach einem Foto gemalt. Da müssen also doch Fotos von mir rumschwirren. Ich schaue noch einmal nach. Vielleicht habe ich von den Dias Papierbilder machen lassen.]

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Mir, die hier in der Sonne am Wasser sitzt, sind die Berge ein Symbol für das gelobte Land, sie sind meine Brüder, gross und stark. Ich fühle mich eins mit der Erde und glaube an den Frieden.

Ich will:
mich zu den Bergen gesellen;
den Vögeln und dem Wind zuhören,
die mir ihre Weisheit mitteilen,
ohne zu prahlen;
mir Kraft geben lassen von der Sonne;
die Harmonie dieser Schöpfung bewundern
und ein Teil von ihr werden.

 

17. Juli 1974 (Mittwoch)

Als wir wir am nächsten Tag wieder spazierengehen hält ein Auto voller Mädchen neben uns an und sie laden uns zum Kaffetrinken ein. Das weibliche Rudel besteht aus Margaret (17 Jahre) mit zwei Schwestern, die auf mich beide den Eindruck machen, als hätten bei ihnen die Zutaten nicht ganz gereicht, sowie einer befreundeten jungen Frau mitsamt zwei kleinen Töchtern, aus denen Margaret mit Gewalt feine Damen machen will. Sie stammen alle aus Edinburgh. Margarets Eltern leben beide nicht mehr, und jetzt plant sie, das Haus, in welchem wir Kaffee trinken, zu modernisieren. Es handelt sich um eine ehemalige Schule, die sie gemeinsam mit ihren Brüdern gekauft hat. An den Kleiderhaken im Korridor sieht man noch die Namen der früheren Schüler eingebrannt: Gillivray, Farquharson und ähnliche, urgälische Namen. Die junge Frau mit den beiden Töchtern wird in einigen Wochen nach Australien auswandern.

Zurück in der Herberge treffen wir auf einen baumlangen, dürren Radwanderer, der uns schon in Morar aufgefallen ist wegen der ungeheuren Lebensmittelmengen, die er verschlingt. Er verspeist mindestens drei gehäuft volle Teller mit undefinierbaren Cereals und zum Nachtisch patscht er sich grünen Salat auf sein Weissbrot. Er erinnert sich nicht an mich, als ich ihn anspreche, was er aber sehr bedauert und sich dementsprechend oft entschuldigt. ”Ich kann mir keine Gesichter merken”, sagt er.

 

18. Juli 1974 (Donnerstag)

Am nächsten Morgen brechen wir wieder in Richtung Norden auf. Wir wollen so weit wie möglich die Westküste hinauf. Wir haben sagenhaftes Glück und sind kurze Zeit später in Ullapool, einem netten kleinen Fischerort mit einer netten kleinen Jugendherberge. Ullapool ist sehr touristisch, aber nicht so voller Tand wie z. B. Aberfoyle oder Fort William, sondern mit Niveau. Man rät uns, nachts mit den Fischlastern nach Norden zu trampen, aber das erscheint uns doch zu riskant und unbequem.

 

19. Juli 1974 (Freitag)

Von Ullapool nimmt uns James Munro mit, ein älterer Herr aus Lairg am Fluss Shin, mit dem wir noch lange Jahre danach brieflich in Verbindung stehen werden. ”I like a good knee in the front”, meint er, als ich mich neben ihn setze, was ich in meiner Dusseligkeit mal wieder nicht kapiere. Er überzeugt uns sehr schnell davon, dass es Unsinn wäre weiter nach Norden zu trampen, weil dort so gut wie kein Autoverkehr ist. Das merken wir ja jetzt schon. Stattdessen nimmt er uns mit nach Invershin im Herzen Sutherlands, wo er uns im Pub einen Drink spendiert. Für meine Freundin gibt es einen Hot Toddy (ein Grog mit Whiskey), da sie stark erkältet ist. Neidisch ruhen meine vom Alkohol ungetrübten Augen auf ihr.

Der Weg zur Jugendherberge ist recht ungewöhnlich. Wir gehen zu einem stillgelegten Bahnhof, auf dessen Auffahrt in grossen, weissen Buchstaben ’SNP’ steht (Scottish National Party. Wir sind im erzpatriotischen Teil angelangt.) Von dort geht es auf einer Eisenbahnbrücke über den ’Kyle of Sutherland’, über diverse Zäune, durch ein Loch in der Mauer und einen endlosen Hügel hinauf. Diese Herberge ist in einem grossen Schloss, Carbisdale Castle, untergebracht. Irgendein englischer Adeliger hatte seine Gemahlin hierher abgeschoben. Der Abenteuerweg ist zu empfehlen, wenn man nicht 5,5 Kilometer bis zur nächsten Brücke (Bonar Bridge) wandern will und auf der anderen Seite dann 5,5 Kilometer wieder zurück.
[Leider musste das schottische Jugendherbergswerk Carbisdale Castle aufgeben, da die Instandhaltung zu kostspielig wurde. Es steht jetzt zum Verkauf. Die Wikipedia ist noch nicht ganz auf dem Laufenden, da steht immer noch, dass es eine Jugendherberge ist:

Carbisdale Castle was built in 1907 for the Duchess of Sutherland (die abgeschobene Dame) on a hill across the Kyle of Sutherland from Invershin in the Scottish Highlands.]

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Carbisdale Castle mit schottischer Fahne.

Da das Wetter erträglich warm ist, legen wir uns später auf eine Wiese in der Nähe der Herberge. Mir ist so wohl, dass ich kurzerhand einschlafe. Daher bin ich etwas konfus, als uns wenig später ein Junge anruft und nach dem Weg fragt. Ich erkläre es ihm ausführlich, einschliesslich Loch in der Mauer. Ich muss nicht sehr zuverlässig gewirkt haben, da er den Weg nicht nimmt, wie er mir später mitteilt. Er geht den langen Weg über die nächste Brücke. Selber Schuld! [Das mit der Eisenbahnbrücke ist immer noch so.]

 

10. Juli 1974 (Sonnabend)

Am nächsten Morgen erspähe ich den langen Radwanderer wieder, der dieses Mal schnurstracks mit einem Waschbottich voller Cornflakes auf mich zukommt mit den Worten: ”Diesmal erkenne ich dich wieder!” (Raffiniert dieser Charme.)

Nachmittags mache ich einen Ausflug zu Fuss in das nächstliegende winzige Dorf, da meine beste Freundin das Bedürfnis hat, allein zu sein. Unterwegs treffe ich eine alte Dame, die mir erzählt, dass der Salat dieses Jahr ganz wunderbar sei und mir aus einer Riesentüte Bonbons anbietet. So eine nette Dame!

Abends zieht es uns in den Pub (wir müssen dazu wieder über die Eisenbahnbrücke), wo wir die Künstlerseele der Umgebung, Joe, den Maler, mit seinem schönen Collie kennenlernen. Einer der Schotten an unserem Tisch erzählt dauernd Witze über Iren, die ich aber nur zur Hälfte verstehe. Er ist der erste und vielleicht einzige Schotte, der in wahrhaft italienischem Tempo spricht. Meine Freundin unterhält sich derweil mit einem jungen, betrunkenen und kaputten Typ, der ihr leid tut. Er will am nächsten Tag heiraten, scheint aber nicht sehr begeistert von der Idee zu sein und bittet meine Freundin, bei ihm zu bleiben. Immer wieder zeigt er ihr Patronen, die er in der Hand hält und prophezeit, dass es in drei Jahren das Schloss nicht mehr geben würde und den Pub auch nicht, da beides Engländern gehört. ”Wir werden sie alle töten, alle, mit Frauen und Kindern! Wir müssen sie auslöschen”, sind seine Worte. Den anderen ist das peinlich und sie erklären ihn für verrückt und meinen, dass er nur so reden kann, weil er nicht weiss, wie schrecklich ein Krieg ist.

Schliesslich trifft mein Radwanderer ein. Nach einiger Zeit der Unterhaltung fragt er mich, ob ich mit ihm Spazieren komme, seine Freunde vom Campingplatz abholen. Das fehlt mir gerade noch, keine Lust, so lehne ich ab. Kaum ist der Eine fort, kommt der Nächste: Keith der tooling engineer (Werkzeugmacher), der Junge, der nach dem Weg zur Herberge gefragt hat. Er wird von einem bärtigen jungen Mann begleitet, der sich als Australier herausstellt, aber erst nachdem ich ihn natürlich gefragt habe, ob er Amerikaner sei, worüber er ziemlich beleidigt ist (scandalo, scandalo). Keith fragt, ob sie sich zu uns setzen dürfen und ohne auf die Antwort zu warten sitzt er auch schon neben mir und zwängt mich derartig zwischen sich und dem Stuhl meiner Freundin ein, dass ich sie mit offenem Mund anstarre und es mir die Sprache verschlägt ob seiner Frechheit. Der Radwanderer kommt zurück, sieht uns mit den anderen und ertränkt seinen Kummer in Whiskey. Er geht dann auch früher nach Hause, während sich seine so genannten Freunde über ihn lustig machen, weil er keinen Alkohol verträgt. Tolle Freunde!

 

21. Juli 1974 (Sonntag)

Am nächsten Tag wandern wir zu den Shin-Fällen. Die Strasse, die hinauf führt, ist wunderbar angelegt: ruhig, bergig, herrlich! Am Wegrand finden wir Walderdbeeren, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe und esse. Auf dem ’Gipfel’ erwartet uns eine Überraschung, denn dort stehen eine Lunchbude, ein Andenkenladen und Autos in stattlicher Anzahl. Ich fühle mich an den Ausflug zum Loch Kathrine vom Vorjahr erinnert. Die Leute strömen am Wochenende (es ist Sonntag) zu den Fällen, um die Lachse springen zu sehen. Die Shin-Fälle sind mir jedenfalls vergällt. Ich sehe sie mir nicht einmal an. Meine Freundin kauft eine Postkarte, wo natürlich ein Lachs beim Springen drauf zu sehen ist. Es ist allerdings eine derartig plumpe Trickaufnahme, dass sie mir nur ein müdes Grinsen abringt. Der Lachs ist nicht nur fast so gross, wie der ganze Wasserfall, sondern es ist auch deutlich zu sehen, dass er aufgemalt ist (der Lachs). Aber die Karte hat absolut Kitschwert.

 

(Fortsetzung folgt)