Schottlandreise 1974, Teil 1

Ich hatte ja versprochen, jetzt im Januar mit der zweiten Schottland-Saga zu beginnen. Die ist in insgesamt 8 Teilen, denn wir waren ja doppelt so lange weg.

Hier also der Anfang:

Schottland 1974, Teil 1, Hamburg-London-Kendal

Wie man bereits im Tagebuch von 1973 lesen konnte, war ich sehr angetan von Schottland. Daher wollte ich im darauffolgenden Jahr noch einmal hin, und zwar alle sechs Wochen der Sommerferien. Meine beste Freundin und ich. Wir teilten ja den Schmerz der eigentlich ganz nützlichen Fremdsprachenschule, und jetzt wollten wir die letzte Möglichkeit teilen, sechs Wochen an einem Stück auf der Wanderschaft zu sein. Denn ab nächstes Jahr würden wir arbeiten müssen.

Ich habe keine Daten im zweiten Tagebuch stehen, aber meine Recherche hat ergeben, dass die Sommerferien in 1974 für Hamburg vom 1. Juli bis zum 10. August stattfanden. Was das Fährschiff anbelangt, scheinen es in den beiden Jahren zwei verschiedene gewesen zu sein, die aber beide ’Prinz Hamlet’ hiessen. Das gibt Sinn, denn die Cafeteria sah das zweite Mal ganz anders aus. Es gab keine gepolsterten Sitzbänke mehr, auf denen man einigermassen bequem schlafen konnte. Die zweite Prinz Hamlet, wurde dann abgelöst von der ’Hamburg’ und der ’Admiral of Scandinavia’. Am 28. Februar 2002 wurde der Fährverkehr von Hamburg aus eingestellt und nach Cuxhaven verlegt. Dieser Fährverkehr wurde dann am 6. November 2005 eingestellt. Keine Fähre mehr nach England. Seit 2014 kann man auch von Esbjerg nicht mehr nach Newcastle segeln. Die Flüge und die Mietautos sind zu billig geworden. Na, das war ein Kursus in Fährologie. Aber ihr wisst ja sicher, wie das ist, wenn man erst einmal anfängt, im Internet zu recherchieren …

Dieses Tagebuch enthält auch noch anderweitige Lücken. Es sieht fast so aus, als ob ich mit anderen Dingen als mit Schreiben beschäftigt war …

Ich werde erst einmal davon ausgehen, dass wir am 28. Juni abgesegelt sind. Ich konnte keine alten Fahrpläne auftreiben. Vielleicht finden wir unterwegs im Tagebuch irgendwelche Hinweise auf Wochentage oder so, die uns Aufschlüsse geben können. Da ist eine Bemerkung von einem Wochenende am 16. und 17. Reisetag (Juli), das würde mit Abfahrt 28. Juni passen, denn eine Abreise am 5. Juli würde nicht mit einer Rückreise innerhalb der Sommerferien passen, die ja am Wochenende 10./11. August endeten.

 

28. Juni 1974 (Freitag)

Bei schönstem Sonnenwetter legt die ’Prinz Hamlet’ ab. Sowohl Schiffsdeck als auch die St. Pauli Landungsbrücken sind gleichmässig überfüllt und bieten ein sommerlich buntes Bild. Meine beste Freundin und ich verspüren keine besondere Lust, für die Filmkamera meines Vaters zu posieren und verschwinden schleunigst in der Menschenmenge. Ich will nichts mehr sehen, denn eigentlich bin ich schon auf der anderen Seite des Kanals.

prinz-hamlet

Leider kann selbst meine Fantasie mich nicht vor der Eintönigkeit der Überfahrt bewahren. Doch ein stiller Beobachter kann sich ein wenig die Zeit vertreiben. Da gibt es z. B. den Möchtegern-Lebemann und seinen schmierigen Freund, die sich gleich zwei Mädchen aufreissen und lautstark auf dem Deck herumprotzen. Der Schönere von beiden bezeichnet sich selbst als ’a clever fox’ (er ist Deutscher), bestellt am laufenden Meter Sekt und ist sehr erstaunt, dass die Mädchen nicht die nächste Woche mit ihm zusammen in seinem Bett verbringen wollen. Die an Deck befindlichen Passagiere kommen dabei unterhaltungsmässig voll auf ihre Kosten.

Im Laufe des Nachmittags begegnen wir noch einer sehr netten Irin, einer Berlinerin und zwei Hamburgern. Viele von uns verbringen eine harte Nacht auf dem Fussboden der Kantine, einem Schmelztiegel von allen möglichen Überzeugungen und sozialen Schichten. Für meine Freundin und mich ist die Nacht zusätzlich auch noch relativ kühl, denn unsere sagenhaft warmen, da alugefütterten (denn das reflektiert die Eigenwärme), leichten, da ohne Daunen, weltraumerprobten Astronautenschlafsäcke erweisen sich als absolute Enttäuschung. Auf gut Deutsch: wir frieren uns den Arsch ab! Nach längerer Überlegung kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir wohl doch nicht, wie ursprünglich geplant, im Freien übernachten werden.

 

29. Juni 1974 (Sonnabend)

Das Wetter am nächsten Morgen ist schlecht, kalt und griesgrämig. Ich nehme meine Flöte, die ich dieses Mal dabei habe (eine Piccolo, passt in die Jackentasche) und setze mich in einer windgeschützten Ecke auf einen Rettungsmaterialkasten. ”Sind Sie Schottin?” fragt mich ein Mann. – ”Nein.” – Aber Sie spielen doch schottische Volkslieder!” – ”Ja.” Das soll wohl männliche Logik sein. Meine Freundin kommt auch dazu und singt auf ihrer Gitarre, die sie fest entschlossen ist, sechs Wochen durch Schottland zu schleppen. Ich sehne mich nach Aktivität, nach dem ’Auf und davon’.

In Harwich angekommen verlaufen wir uns erst einmal auf dem Weg zum Bahnhof (das mache uns mal jemand nach in so einer kleinen Stadt) und entdecken dabei einen Sandwich-Laden! Wir kaufen einen kleinen Vorrat, um sie in der Bahn zu essen. Doch, oh wie so trügerisch ist äusserer Anschein! Man hat fein säuberlich dünne Scheiben Käse und Schinken an den Rand des Sandwiches gelegt und die Mitte kahl gelassen! Ich fühle mich betrogen! Irgend jemand erzählt mir später, dass das in England so üblich sei. Also nicht das Betrügen, sondern diese Arte Brote! Ich habe jedoch während der folgenden sechs Wochen nie wieder solche Sandwiches gegessen. Allerdings geht unsere Reise ja hauptsächlich durch Schottland, aber soll das bedeuten, dass die Engländer schottischer sind als die Schotten?

Nach Ankunft in London gehen wir erst einmal zur Jugendherberge, eine ’summer hostel’, die nur in der Hauptsaison geöffnet hat. Das Einkaufszentrum um St. Pauls Cathedral herum ist mittlerweise fertiggestellt und sieht genauso hässlich aus wie alle anderen.

summerhostelstpaulslondon

Summer hostel in der Nähe  von St. Paul’s Cathedral

Ich rufe den Schwager meines afrikanischen Freundes an, bei dem wir schon angemeldet sind, und wir verabreden uns an der U-Bahn. Während ich auf ihn warte, fragen mich zwei Engländerinnen nach der Kathedrale, und ich erkläre ihnen den Weg. Ich glaube, sie haben nicht einmal bemerkt, dass ich Ausländerin bin. Dann bemerke ich einen Afrikaner, der mich prüfend anschaut, wie ich ihn, dann aber mit einem Zeitungsverkäufer spricht und daraufhin enteilt. Ich laufe hinterher und hole ihn in der Kantine der Jugendherberge ein. Es war tatsächlich der Schwager. Zu dritt fahren wir zu ihm und seiner Frau nach Hause. Die Schwester meines Freundes ist ein äusserst liebenswertes Geschöpf. Sie empfängt uns so herzlich, als ob wir alte Freunde wären. Der Schwager schenkt mir ein afrikanischen Batik-Hemd mit vielen Löchern und dann folgt das unvermeidliche Bilderbegucken. Das ist bei allen meinen afrikanischen Freunden eine Leidenschaft. Leider fotografieren sie grundsätzlich nur Familienmitglieder und Freunde, und das nicht einmal sehr gut. (Einige besonders typische Exemplare befinden sich noch in meinem Besitz.) [O.k., o.k., in meiner Familie gab es auch solche Familienfotobegeisterten, ich gebe es zu. Und ich selber stehe im Verruf, hauptsächlich ’Blümchen im Wind’ zu fotografieren, mehr oder weniger scharf, je nach Windstärke. Wir haben also einander nichts vorzuwerfen. Inzwischen sind noch ’Vögel im Wind’ dazugekommen.]

Schliesslich bringt uns der Schwager wieder zum Bus. Einige Jugendliche schreien uns hinterher: ”Badhe loves the white!” Das ist ihm peinlich und er bittet uns, diese dummen jungen Leute zu ignorieren. Naja, Vorurteile gibt es eben überall. Badhe lädt uns ein, auf der Rückreise bei ihnen zu essen und zu übernachten. Ausserdem will er mir helfen, die Schlangenlederstiefel zu kaufen, die sich mein Freund so sehr wünscht, und zwar mit Plateau-Sohle, die sind im Augenblick in gewissen Kreisen der letzte Schrei.

 

30. Juni 1974 (Sonntag)

Am nächsten Tag hat Badhe dann aber doch keine Zeit und die Schuhe bekomme ich nicht. (Das ist ganz gut so, wie sich später herausstellt.) Meine Freundin kommt auf die äusserst kluge Idee, sie auf der Rückfahrt zu besorgen, dann können wir sie mitnehmen und das Porto sparen, denn ich wollte nicht so gerne sechs Wochen lang auch noch ein paar langschäftige Stiefel mit mir herumschleppen. Man muss sich doch über die Probleme wundern, die zivilisierte Leute haben!

Ich kann mich nicht daran erinnern, was wir an dem Tag noch in London gemacht haben. Sightseeing nehme ich an und ’Lite Bites’.

 

1. Juli 1974 (Montag)

Wir sind froh, als wir am nächsten Tag losfahren. Wir nehmen die U-Bahn bis ganz an den Stadtrand, um an die Autobahn nach Norden zu kommen. Zu unserem Pech ist an der Endstation aber keine Auffahrt zur Autobahn, so dass wir mit dem Buss noch eine ganze Strecke wieder stadteinwärts fahren müssen. Wir werden dann aber sehr schnell mitgenommen, obwohl die Strasse von Trampern umsäumt ist. Das junge Pärchen, das uns aufsammelt, wollte uns erst gar nicht mitnehmen, denn sie haben uns wegen unserer gelben Öljacken für Amerikanerinnen gehalten, und ”Americans never pick anbody up!” – Von dem Moment an halten uns übrigens alle Leute für Deutsche wegen der gelben Öljacken, denn die sind 1974 bei uns gross in Mode. Wir sollen sie noch arg beschimpfen (die Jacken) in der nächsten Zeit. Wir wurden in der Höhe von Rugby abgesetzt.

Unser nächster ’Chauffeur’ ist Joe, ein Lastwagenfahrer aus Wigan. Ich erzähle ihm, dass ich George Orwell’s Buch ’The road to Wigan Pier’ gelesen habe und frage ihn, was es mit dem ’Pier’ auf sich hat, die Stadt läge ja so mitten im Land und keine grösseren Gewässer in der Nähe (oder?). Ich habe Joe’s Erklärung überhaupt nicht verstanden. Er sprach mit ziemlich starken Akzent (Lancashire???). [In Wigan gibt es einen Kanal, der wohl für Schiffahrt benutzt wird/wurde. Ein Viertel in Wigan, das am Kanal liegt, mit Speichern, heisst ’Wigan Pier’. Uuuund es gibt dort ein Restaurant, das ’The Orwell’ heisst! Alles gegoogelt.]

Joe ist klein, drahtig und sehr nett. Er nimmt uns mit bis in seine Heimatstadt (ein Pfundslift, man sehe sich die Strecke auf der Karte an – ja, wir haben wieder eine dabei: Rugby-Wigan, ca. 160 Kilometer) und spendiert uns unterwegs noch apple pie und white coffee. Wir unterhalten ihn dafür mit irischen Volksliedern wie ”If you want your child to grow …” und ”Seven drunken nights”, allerdings nur die ersten fünf Strophen, denn die beiden letzten kenne ich nicht. Die Dubliners haben das Lied in der Hamburger Musikhalle gesungen, ohne die letzten beiden Strophen. [Und wenn ich sie gekannt hätte, hätte ich behauptet, sie nicht zu kennen.] Zum Abschied küsst er uns die Hand, und das doch tatsächlich mit einem Tränchen im Auge, und lädt uns zu einem Bier ein, falls wir uns durch Zufall jemals einmal wieder treffen sollten. Cheers, Joe, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass wir dich wiedersehen!

Joe lässt uns an einem ausserordentlich tramperungünstigem Strassenknotenpunkt zurück, einem Kreisverkehr, wo die Autos nicht richtig anhalten können. Uns schwant unheilvolle Wartezeit, da auch noch ein reizvolles, rotgelocktes Wesen an unsere Ecke kommt. Ein kleiner französischer Bubi springt aus dem Gebüsch und will sich zur Führungsperson unserer kleinen Gruppe ernennen. ”I wait ’ere, you ’ide, and when a car comes, I” und er stopft zwei Finger in den Mund, um ein Pfeifen anzudeuten. Wie ist der Kleine doch niedlich! Als schliesslich ein Wagen hält, nimmt er uns drei Mädchen mit, obwohl fast kein Platz ist, und lässt den Kleinen stehen. Da tut er uns denn doch leid!

Das rothaarige Mädchen ist eine Studentin aus Glasgow, die auch noch am heutigen Tag dorthin gelangen will. Da hat sie noch viel vor! Sie erzählt uns, dass sie immer alleine trampt, sie hat es auch in Italien getan. ”You are brave” sage ich. – ”I’m not brave, I’m jus shtuppid!” meint sie. Aber man glaube ja nicht, dass ihre Aussprache typisch schottisch oder im geringsten Glaswegian ist, oh, nein, Glaswegian sollen wir noch kennenlernen, bis jetzt haben wir noch keinen blassen Schimmer von dem, was uns erwartet!

londonkendalmap

(Strecke London – Kendal)

Der Fahrer des Wagens, John Mansfield, Segelsportler aus Kendal, lädt uns ein, bei ihm zu übernachten. Er stellt uns auch gleich an zum Abwaschen, Teppich saugen und Betten beziehen, aber das ist ja auch in Ordnung. Er hat eine deutsche Freundin in Kiel, auch Seglerin. Am besten gefällt mir sein Kater, schwarz von der Nasen- bis zur Schwanzspitze. John warnt mich vor ihm, Kater können ruppig sein, meint er. Aber er lässt sich wohl eine Stunde lang mein Streicheln gefallen, ohne etwas anderes zu tun als zu schnurren (also der Kater).

Als John unsere weltraumerprobten Astronautenschlafsäcke sieht, fängt er schallend an zu lachen. Ich friere sogar noch mit Schlafsack unter einer dicken Daunendecke! Wahrscheinlich reflektiert die Alufolie in dem Fall die Eigenkälte.

http://www.visitcumbria.com/sl/kendal/

(Fortsetzung folgt)

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

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