Es war gar nicht so einfach …

… Anfang der Siebziger 18 Jahre alt zu sein. 1970 hatte man das Wahlalter von 21 auf 18 herabgesetzt. Wenn man der Wikipedia Glauben schenken kann, wurde erst im Januar 1975 die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Im Jahr 2015 kommt einem das vorsintflutlich vor, aber um von zuhause auszuziehen brauchte ich damals mit 18 noch das Einverständnis meiner Eltern. Raus musste ich. Meine Mutter und ich gingen einander allzusehr auf die Nerven. Ich war so weit, dass ich fast permanent Magenschmerzen hatte. Also zog ich ein halbes Jahr vor dem Abitur in ein Zimmer in einem Vorort von Hamburg. Für alle die interessanten Dinge, wie Studentenunruhen und Hippie-Bewegung war ich zu jung gewesen. Baader-Meinhof dagegen bekam ich noch voll mit. Das war die reine Hysterie; überall wurden Autos angehalten und mit Maschinenpistolen herumgewedelt. Menschen, die keine Angst davor haben, zu sterben, sind die gefährlichsten. Ich hatte genauso viel Angst vor den panischen Polizisten …

Einige Jahre vorher hatte man uns die Notstandsgesetze beschert. Deutschland hat nach dem 2. Weltkrieg einen Statusvertrag anstatt eines Friedensvertrags bekommen, was auch immer das bedeutet, und das Wort ”Krieg” wurde aus dem deutschen Wörterbuch ausgemerzt und mit ”Verteidigung” ersetzt. Das bisherige Kriegsministerium hiess jetzt somit Verteidigungsministerium usw. Somit gab es dann auch plötzlich eine „Angriffsverteidigung“. Die Berliner Stachelschweine machten sich damals gekonnt lustig darüber.

Mein älterer Bruder war bei einer der Studentendemonstrationen dabei, die dann in Polizeigewalt ausarteten. Was er mir darüber berichtete hat mir für immer das Vertrauen in die Polizei genommen. Und ich war damals naiv, wenn man mich mit den 15- bis 18jährigen von 2015 vergleicht. Wenn ich so zurückdenke, war ich wohl damals selbst für meine Zeit naiv … also im Vergleich zu meinen Schulkameraden. Gegen unbewaffnete Studenten waren sie mutig genug, die Bullen, aber wenn es gegen Rocker ging, die mit Ketten bewaffnet waren, zogen sie den Schwanz ein, das habe ich selber einmal beobachtet. Klar, dass die Studenten dann auch rabiater wurden.

Heute sind die 18jährigen bereits so weltklug und selbständig. Sie wissen, was sie wollen und haben Selbstvertrauen. Bei mir war das damals eine Mischung aus Unsicherheit und Minderwertigkeitskomplexen. Ich wusste gar nichts über die Welt, ausser was ich in Abenteuerbüchern gelesen hatte. 

Ich hatte das Glück, ins Gymnasium gehen zu dürfen, damals waren das noch 9 Jahre (5.-13. Schuljahr). Das gab mir eine Gnadenfrist, denn ich wusste mit 15 oder 16 Jahren nicht, was ich für den Rest meines Lebens machen wollte. Ich wusste es nicht einmal mit 18. Nichts erschien mir so faszinierend, dass ich es fünf Jahrzehnte lang als Beruf haben wollte.

Ich entschied mich dann für zwei Kriterien für eine Berufsausbildung: 1) sie musste kurz sein und 2) ich wollte Spanisch lernen. Diese Gelegenheit erhielt ich dann in der Fremdsprachenschule Hamburg, wo ich zur fremdsprachlichen Sekretärin ausgebildet werden sollte. Die Schulzeit betrug ein Jahr, und ich lernte Spanisch, zwar Geschäftsspanisch, aber die Grundkenntnisse waren ja für alle Bereiche dieselben. Zudem war die Ausbildung kostenlos. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass die Zeit in der Fremdsprachenschule wohl eine der langweiligsten war, die ich je durchlebt habe, obwohl ich viel fehlte, u. a. wegen der Hepatitis, die ich mir im April 1973 angelacht hatte; obwohl ich später dankbar für die Ausbildung war, denn sie hat mich damals aufgefangen. Glücklicherweise teilte meine beste Freundin dieses Jahr mit mir, was die Situation einigermassen erträglich machte.

Später entdeckte ich dann, dass ich gerne Sekretärin war. Unterstützend im Hintergrund zu arbeiten war genau das Richtige für mich. Auf Leute zugehen und Waren anpreisen war dagegen so gar nicht mein Ding.

Im September 2013 habe ich mich vorzeitig pensionieren lassen … war wohl doch nicht so toll! Aber das kann auch an meinem letzten Arbeitsplatz liegen … 😉

[Jetzt wisst ihr mal ein bisschen mehr über mich, was für eine alte Tante ich eigentlich bin und so weiter … im Herzen ein Heavy-Rock-Hippie mit Sozi-Hintergrund (in Hamburg geboren und aufgewachsen, aber eben nicht in Blankenese, sondern in Barmbek).]

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

15 Gedanken zu „Es war gar nicht so einfach …“

  1. Alte Tante: nein.
    1. Hab dich im realen Leben gesehen, mit dir gelacht, mit dir diskutiert. Definitiv nicht.
    2. Du hast weniger graue Haare als ich und ich war Anfang der 70 er noch nicht einmal geplant!
    Herzliche Grüße 💕

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  2. Schon in recht jungen Jahren fing ich an, mich für die 68er-Bewegung und die RAF in den 70ern, 80ern und 90ern zu interessieren. Damals wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass ich das alles miterlebt hätte (da ich Jahrgang 78 bin kann ich mich lediglich an die Steckbriefe und Fahndungen nach der zweiten und dritten RAF-Generation erinnern), wenn ich dann allerdings die Erinnerungen von Zeitzeugen – so wie Dir hier – lese, wird mir klar, dass ich froh sein kann, dass mir diese Hysterie und Unruhe aus diesen Jahren erspart blieb.

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    1. Hysterie ist das richtige Wort. Die Polizei war panisch, wenn da Fahndungen liefen, denn die RAF schoss ja einfach drauf los. Für die war das Krieg. Es ist ja nicht einmal so, dass man die total nicht verstanden hätte, aber ich bin nun einmal der Meinung, dass das Ziel nicht die Mittel heiligt und dass man kein Recht hat andere Menschen zu töten, selbst wenn man meint, dass sie das verdient hätten.

      Solange Andreas Baader und Ulrike Meinhoff am Leben waren, wäre da nie Ruhe eingekehrt, denn die RAF machte ja dauernd neue Anschläge, um die beiden frei zu bekommen. Du weisst vielleicht, was ich andeuten will … 😉

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      1. Ja, ich verstehe das sehr gut. Und nachdem ich jahrelang jedes Buch und jede Doku über die RAF verschlungen habe, stehe ich ihr heute wesentlich kritischer gegenüber als noch vor 10 -15 Jahren. Auch wenn ich ihr in der Sache nach wie vor nahe stehe.

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    1. Macht nichts, das kann man schon zusammenstellen. Ich meine nicht, dass die Attentate in der geballten Form auftraten wie zu Zeiten Baader/Meinhof. Es gab ja auch noch andere Gruppen, z. B. im Osten Deutschlands, ich erinnere mich gerade nicht an den Namen.

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      1. Also die Attentate an Karry, von Braunmühl, Zimmermann, Beckurts, Herrhausen und Rohwedder waren zwischen 81 und 91, da war die erste Generation tot und die Zweite saß im Knast – diese sechs Attentate sind bis heute nicht wirklich aufgeklärt, geschweige denn, dass es eine Anklage oder gar eine Veruteilung gegeben hätte. Die Täter sind bis heute frei, wenn sie noch leben. Interessant auch, dass es drei Fälle von Schusswaffengebrauch waren, davon wurden zwei im eigenen Haus getötet und die drei fast identischen Bombenanschläge mit Lichtschranken.

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  3. Du weisst ganz offensichtlich mehr darüber als ich. Genau in der Dekade hatte ich einen Weg eingeschlagen, der mich ganz woanders hinführte.

    Ich folgte dann auch nicht mehr im Detail mit. Da passierte ja so viel überall in Europa, IRA, ETA usw., die ja auch bis lang in die Neunziger aktiv waren (ETA wohl immer noch).

    Als Mein Mann und ich Mitte der Neunziger in Paris waren, ging gerade eine Bombenserie um an Metro-Stationen und hauptsächlich jüdischen Einrichtungen. Der Wahnsinn nahm/nimmt ja kein Ende.

    Deswegen finde ich es auch so merkwürdig, wenn Leute sagen „Kommt der Terror JETZT auch nach Europa“ … 😉

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