Schottlandreise 1974, Teil 3

Glasgow-Crianlarich-Morar 

9. Juli 1974 (Dienstag)

Zum Glück wissen wir am nächsten Morgen, wohin wir uns wenden müssen, denn ich kenne den Weg zum Loch Lomond noch vom letzten Jahr. Auf unserem Weg zur Autobahn kommen wir durch ein seltsames Viertel. Das Erste was auffällt ist, dass da so viele Menschen einfach nur rumstehen, hauptsächlich Männer. Wenn man in die Innenhöfe hineinschaut, hinter einer hohen Mauer oder einem hohen Zaun, sieht man, dass die Häuser einstöckige Baracken sind mit einem Brunnen im Hof. Bei dem einen Haus kann man das Innenleben sehen. Der Fussboden ist aus gestampfter Erde … Dies ist für mich das erste Mal, dass ich Slums sehe. Ich hätte nie gedacht, dass es in Westeuropa derartige Armut geben könnte. [Nach der Entdeckung des Nordseeöls geht es wohl besser.] Als wir einen älteren Herrn in sehr abgetragenen Kleidern nach dem Weg fragen, antwortet er uns in schönem, gepflegtem Englisch. Man kann eben nie nach dem Äusseren gehen.

Hier passiert es uns zum ersten Mal, dass uns dumme Typen mitnehmen wollen: Ein etwa 18-19jähriger Bubi mit drei 10-12jährigen, von einem Ohr zum anderen grinsenden Jungen. Erst wollen wir nicht mit, weil der Wagen schon so überfüllt ist, dann lassen sie uns im Unklaren, ob sie überhaupt in unsere Richtung fahren, ”we might”! Wir steigen trotz alledem ein. Unterwegs hält der Älteste noch einmal an, um unsere Rucksäcke im Kofferraum zu verstauen. Dieser ist mittels eines Drahtes verschlossen, den der Junge umständlich losnestelt. Während er am Basteln ist, fragt er uns, was von Sex hielten. Als wir unsere Abneigung bekunden, hat er es gerade geschafft, den Draht zu lösen. Jetzt muss er ihn unverrichteter Dinge wieder zutüteln, während wir hohngrinsend daneben stehen. Wir brechen jedoch erst in lautes Gelächter aus, als sie abfahren. Wir wollen ihn vor den Kleinen nicht allzu sehr blamieren.

Nach einigen kurzen Lifts wandern wir am schönen Loch Lomond entlang. Das Wetter ist leider gemischt, und wir sind sehr froh, als uns schliesslich ein Kleinlaster mit nach Crianlarich nimmt. Wir können von Glück sagen, dass überhaupt jemand hält, denn die Hauptstrasse am Loch Lomond und durch die Trossachs ist nur eben gerade so breit, dass zwei Touristenbusse aneinander vorbeikommen und mit ihren Dächern die untersten Zweige der Bäume abrasieren. 

lochlomond_panorama

Hier gibt es noch mehr schöne Bilder: [Ich habe im offline Text die Links verkürzt, aber dann kommt beim Kopieren die URL nicht mit rüber, daher also leider die langen Links]

https://www.google.dk/search?q=Loch+Lomond&biw=1366&bih=586&tbm=isch&imgil=ZjC631yqBh6HWM%253A%253BCxCUUPcNlNr9lM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.visitscotland.com%25252Faccommodation%25252Finns-restaurant-with-rooms%25252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%25252F&source=iu&pf=m&fir=ZjC631yqBh6HWM%253A%252CCxCUUPcNlNr9lM%252C_&usg=__x3XNFED4pmFU5y2pYROEIVUJVfA%3D&ved=0CCsQyjc&ei=olv8VOgvxrc8m5iAgAQ#imgdii=ZjC631yqBh6HWM%3A%3Bs8_-kB-Qbwg8xM%3BZjC631yqBh6HWM%3A&imgrc=ZjC631yqBh6HWM%253A%3BCxCUUPcNlNr9lM%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.visitscotland.com%252Fcms-images%252F2x1%252Fregions%252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%252Floch-lomond-north%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.visitscotland.com%252Faccommodation%252Finns-restaurant-with-rooms%252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%252F%3B740%3B370

Crianlarich ist ein sehr kleiner, netter Ort. Die Jugendherberge dort gehört zur Gattung ’simple’ und ist dementsprechend kalt. Daher gehen meine Freundin und ich in den Dorfpub, um uns aufzuwärmen. Dieser Pub ist der erste und letzte, in dem wir Volksmusik zu hören bekommen, allerdings vom Plattenteller.

yha_crianlarich

(Jugendherberge in Crianlarich, hier noch mehr Bilder:

https://www.syha.org.uk/where-to-stay/highlands/crianlarich.aspx (die haben schöne neue Betten bekommen)

 

10. Juli 1974 (Mittwoch)

Am nächsten Morgen erkundigen wir uns beim Warden nach unserem obligatorischen Job, den jeder erledigen muss, bevor er die Jugendherberge verlässt. Das kann zum Beispiel so etwas sein wie Fussboden im Schlafsaal fegen oder ähnliche kleine Arbeiten. Wir sollen in unserem Schlafsaal die Wolldecken ordentlich zusammengelegt am Fussende der Betten anbringen. Wir erledigen das, und als er zur Besichtigung kommt, fängt er unfein an zu lachen. Er will nämlich die Decken auf eine ganz bestimmte Art und Weise gefaltet haben. Woher soll ich denn das wissen? Ich Ausländer! Beim Lachen stösst er mit dem Rücken gegen den Feuerlöscher, der hinter einem Vorhang an der Wand hängt. Das reizt ihn zu erneutem Kichern, und er tastet den Gegenstand ab, weil er glaubt, dass da jemand hinter dem Vorhang steht. (Und da tastet er ab?) Mir wird ein wenig mulmig zumute, als er sich so aufführt, völlig normal ist das nicht, und schaue beunruhigt zu meiner Freundin hinüber. Aber er kriegt sich wieder ein und wir falten erneut Decken.

An der Strasse brauchen wir nicht lange zu warten, als ein junges, englisches Ehepaar anhält und uns fragt, wo sie seien. ”In Crianlarich”, antworten wir, und unsere ’perfekte’ Aussprache lässt sie fragen, ob wir Schottinnen seien. Sie nehmen uns mit in Richtung Nord-Westen.

Wir fahren am Rannoch Moor vorbei und dann durch Glencoe. Ein Teil der Schlucht sieht sehr seltsam aus, völlig platt und grün mit kleinen Pfützen oder fast Seen durchsetzt sowie einzelnen Bäumen und Findlingen. Diese Felsen sind ausnahmslos abgerundet (Gletscher?) und liegen wahllos verstreut, so als hätten zwei Armeen von Riesen sich damit gegenseitig beworfen. Ich muss an die Geschichte der Feinnh denken, der Urbewohner dieser Gegend aus der gälischen Sage, ein Volk von Helden, das seinen Wohnsitz auf dem angrenzenden Gebirge hatte.

glencoe

(Das ist schon ziemlich atemberaubend!)

Es gibt auch eine Geschichte die besagt, dass nach dem Gemetzel von Glencoe seitens der Campbells an den MacDonalds hier nie wieder die Sonne scheinen würde. Tatsächlich werfen die Gebirge auf beiden Seiten dunkle Schatten in das Tal und das übrige Licht wird von den tief hängenden Wolken bzw. dem aufsteigenden Nebel gedämpft. Ich neige zu der Ansicht, dass dieses an der allgemeinen hohen Luftfeuchtigkeit des Tales liegt, und dass auch vor dem Massaker hier nie oder selten die Sonne geschienen hat.

Das Pärchen lädt uns in das Glencoe Nationalmuseum ein, ein kleines, uraltes Shieling (ein traditionelles Haus aus Natursteinen gebaut und mit Stroh gedeckt https://www.google.dk/search?q=Glencoe&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b&gws_rd=cr&ei=-PN5WOnOCciOsgHev5qICQ#q=Glencoe+national+museum). Ausser den alten Trachten und Waffen kann man sich diverse Bücher über die Sagen und die geschichtlichen Ereignisse ansehen. In solchen Momenten bedaure ich immer, dass man von einem Autobesitzer abhängig ist und nicht unbegrenzt Zeit hat. [Jetzt gibt es zusätzlich noch sowas: Before you explore, find out more about the landscape, history and wildlife at the award-winning Glencoe Visitor Centre. Including exhibition, viewing platform, cafe, shop and ranger information point. Das sind relativ neue Gebäude. Die gab es damals noch nicht.]

Wir brechen dann nach einer Weile in Richtung Westküste auf. Zu unserem Glück fahren die Engländer die Strasse am Loch Leven entlang, einem wunderschönen, zwischen bewaldeten Steilhängen gelegenen See. Anstatt die Autofähre über den Loch Head zu nehmen, wie die meisten Autofahrer, setzen wir mit der Ballahulish Fähre über, zwei verrückten, umgebauten Schiffen, die jedesmal umdrehen müssen vorm Anlegen, da man nur am Heck hinauffahren kann und rückwärts wieder runterfahren muss. [Es sieht auf der Karte so aus, als ob es jetzt eine Brücke über den Loch Head gibt. Sicherlich hat sich viel verändert!]

[Guckt mal, was ich gefunden habe, einen YouTube Film mit der Fähre! https://www.youtube.com/watch?v=ubCyOTkGJIw Ich habe mich aber getäuscht mit dem rückwärts runterfahren, die hatten eine drehbare Ladefläche!]

In Fort William setzt uns das Pärchen ab. Diese Stadt ist noch genauso wie letztes Jahr: Gefüllt mit Touristen und Souvenir-Läden. Meine Freundin und ich besorgen uns erst einmal einige Sandwiches, um dann in einem Pub bei Hot Pie über unsere nächsten Schritte zu beraten. Wir planen, uns die Westküste etwas näher anzusehen.

invernesszivilisation

Link zur Webseite, von wo dieses Bild stammt: https://www.google.dk/search?q=fort+william+scotland&biw=1366&bih=586&tbm=isch&imgil=CMrXSP8NkH-x8M%253A%253B-JNm8r9ZUjJyCM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fen.wikipedia.org%25252Fwiki%25252FFort_William%25252C_Scotland&source=iu&pf=m&fir=CMrXSP8NkH-x8M%253A%252C-JNm8r9ZUjJyCM%252C_&usg=___C8nMv0UiP-VrcLCfVXlyGRP5HI%3D&ved=0CDkQyjc&ei=fVj8VN20MoeZ7Aa8yYDQBA#imgdii=CMrXSP8NkH-x8M%3A%3Bs8WLgE5d8yWEPM%3BCMrXSP8NkH-x8M%3A&imgrc=CMrXSP8NkH-x8M%253A%3JNm8r9ZUjJyCM%3Bhttp%253A%252F%252Fupload.wikimedia.org%252Fwikipedia%252Fcommons%252F1%252F1f%252FFort_William_High_Street.jpg%3Bhttp%253A%252F%252Fen.wikipedia.org%252Fwiki%252FFort_William%252C_Scotland%3B2576%3B1932

Die Strasse nach Westen ist leider sehr unbefahren. Das wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so regnen würde. Ein junger Mann nimmt uns schliesslich einige Dörfer weit mit bis Corpach, das hauptsächlich aus Hotel und Bahnhof besteht. Dort stehen wir einige Stunden in einer Telefonzelle, denn es giesst in Strömen und nicht ein einziges Auto kommt vorbei.

Auf einmal gesellen sich zwei Jungen zu uns, Franzosen, die uns eröffnen, dass in 15 Minuten ein Zug nach Morar und Mallaig fahren würde. Wir packen diese Gelegenheit beim Schopfe. Die beiden Franzosen sind sehr nett, der eine lang und dünn, der andere rund und klein. Der Dünne trägt ein schwarz-weisses Bonnet und ich frage ihn, ob das der Tartan ’Scott black and white’ wäre. Er ist verärgert und sagt stolz, dass das die Nationalfarben der Bretagne seien! (Mein Talent, einen Scandalo zu verursachen scheine ich ja nicht verloren zu haben.) – Auf meiner Flöte spielt er uns bretonische Tänze vor, die mich an alt-schottische und irische Weisen erinnern 

In Morar steigen wir aus. Die Jungen wollen weiter, quer über die Inseln. Von Morar-Bahnhof sind es nur noch vier Kilometer bis zur Jugendherberge. Das ist keine grosse Entfernung, jedenfalls bei gutem Wetter! Es giesst aber immer noch und wir sind bald überzeugt, dass wir an der Herberge schon vorbei sind. Dann kommen wir an Häusern vorbei und auf unsere Frage nach dem Weg zur Jugendherberge Garramore antwortet man uns: ”Just carry on!” – Also schleppen wir uns weiter, hügelauf, hügelab, gegen Wind und Wetter. Unterwegs treffen wir auf den jungen Mann, der uns in Fort William aufgesammelt hat. Er bastelt mit einem Freund an einem Boot. Er erkennt uns wieder und winkt uns zu.

Schliesslich kommen wir doch an, klitschnass und völlig fertig. Eine heisse Mahlzeit bringt uns jedoch bald wieder in gute Laune. [Ja, damals waren wir noch kernig und sportlich!]

http://www.privatehousestays.com/l/Accommodation/Garramore-House- [Garramore ist jetzt ein Bed & Breakfast, keine Jugendherberge mehr. Die Bilder sind beschützt, ich konnte sie nicht runterladen. An dieses Haus erinnere ich mich. Da waren wir ja auch drei Nächte, und es ist ein sehr schönes Haus.]

Fortsetzung folgt

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

6 Gedanken zu „Schottlandreise 1974, Teil 3“

    1. Sei ein bisschen nachsichtig! 😉 Ich war damals 19 Jahre alt und hatte keinen blassen Schimmer von Frankreich inklusive Bretagne. Die Auslandsreisen mit meinen Eltern sind meistens in das ehemalige Jugoslawien gegangen und einmal in die Türkei. Auslandsreisen waren während meiner Kindheit noch nicht sehr üblich.

      Gefällt 2 Personen

  1. Was für eine Reise! Mit jedem Teil wird uns klarer, dass wir definitiv auch in dieses Land reisen müssen. Vor haben wir es schon lange, nur die Zeit lässt es aktuell nicht zu. Aber es dauert nicht mehr lang, dann haben wir die Möglichkeit!!!
    Liebe Grüße
    AnDi

    Gefällt 1 Person

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