Schottlandreise 1974, Teil 4

Mehr Morar und dann nach Achintraid auf Umwegen

 

11. Juli 1974 (Donnerstag)

Am nächsten Morgen scheint die Sonne! Daher setzen meine Freundin und ich uns in die Landschaft und musizieren. Am gegenüberliegenden Ufer der Bucht erspähe ich die Streifen des weissen Strandes ’The white sands of Morar’, der Morar als Badeort beliebt gemacht hat (bei den Schotten jedenfalls). Wir haben kaum unsere Instrumente ausgepackt, als es wieder anfängt zu giessen.

 

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Im nächsten Sonnenmoment wandern wir zum vier Kilometer entfernten Morar. Bei Licht besehen ist diese Strecke sehr malerisch, aber trotzdem hätte ich gefroren, wenn ich, wie einige Schotten, im Badeanzug am Strand sitzen würde. Aber sie sind ihr Wetter ja gewohnt. Ich bin in einen Rollkragenpullover gekleidet. Am Ende der Reise sind mein Gesicht, die Hände und ein kleines Stück der Unterarme braungebrannt … 

In Schottland sagt man, es ist gutes Wetter, wenn ein Stück blauer Himmel zu sehen ist, das gross genug ist, um einen Kilt daraus zu schneidern.

Die Lachsbäche, an denen wir vorbeikommen, sind alle eingezäunt und privat. Sie sind hauptsächlich im Besitz von Adeligen oder einflussreichen Engländern oder der königlichen Familie, wie praktisch alles Wertvolle in diesem Land. Das muss ein Überbleibsel sein, trotz SNP (Scottish National Paryy) und ”A man’s a man for all that … ”. Das scheint nur Wunschdenken zu sein. Hier der Originaltext des Liedes: (für diejenigen, die nicht das ganze Lied lesen wollen, hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts:

Lieber arm als ein Sklave;
ein ehrlicher Mann, auch wenn arm, ist ein König;
ein selbständig denkender Mann lacht über Titel und Orden;
Lasst uns dafür beten, das Vernunftgefühl und Selbstwert siegen und die Menschen in der ganzen Welt Brüder werden.
Ganz schön fortschrittliche Ideen für das 18. Jahrhundert in Schottland, wo in den Clans immer noch eine ziemlich strenge Hierarchie vorgeherrscht hat.)

Hier der Text des Liedes:

Is there for honest Poverty
That hings his head, an‘ a‘ that;
The coward slave-we pass him by,
We dare be poor for a‘ that!
For a‘ that, an‘ a‘ that.
Our toils obscure an‘ a‘ that,
The rank is but the guinea’s stamp,
The Man’s the gowd for a‘ that.

What though on hamely fare we dine,
Wear hoddin grey, an‘ a that;
Gie fools their silks, and knaves their wine;
A Man’s a Man for a‘ that:
For a‘ that, and a‘ that,
Their tinsel show, an‘ a‘ that;
The honest man, tho‘ e’er sae poor,
Is king o‘ men for a‘ that.

Ye see yon birkie, ca’d a lord,
Wha struts, an‘ stares, an‘ a‘ that;
Tho‘ hundreds worship at his word,
He’s but a coof for a‘ that:
For a‘ that, an‘ a‘ that,
His ribband, star, an‘ a‘ that:
The man o‘ independent mind
He looks an‘ laughs at a‘ that. 

A prince can mak a belted knight,
A marquis, duke, an‘ a‘ that;
But an honest man’s aboon his might,
Gude faith, he maunna fa‘ that!
For a‘ that, an‘ a‘ that,
Their dignities an‘ a‘ that;
The pith o‘ sense, an‘ pride o‘ worth,
Are higher rank than a‘ that.

Then let us pray that come it may,
(As come it will for a‘ that,)
That Sense and Worth, o’er a‘ the earth,
Shall bear the gree, an‘ a‘ that.
For a‘ that, an‘ a‘ that,
It’s coming yet for a‘ that,
That Man to Man, the world o’er,
Shall brothers be for a‘ that.
(1795, Robert Burns)

[Wer an schottischer Geschichte interessiert ist, dem kann ich die Bücher von John Prebble empfehlen: The Highland Clearances, Glencoe und Culloden.]

In Morar setzen wir uns in den niedlichen, wirklich puppigen kleinen Pub. Dort lockt unsere Musik bald ein junges schottisches Ehepaar an, mit dem wir uns angeregt unterhalten. Sie heissen Margaret und Malcolm und stammen aus Bannockburn. Gleich für den nächsten Tag laden sie uns zum Essen in ihrem Wohnwagen ein. Malcolm ist verliebt in die Gitarre meiner Freundin. Am liebsten würde er sie wohl mitnehmen.

 

12. Juli 1974 (Freitag)

Margaret und Malcolm machen mit uns am Nachmittag eine Sightseeing-Tour in der Umgebung, und wir besichtigen eine salmon nursery (Lachszucht oder wie nennt man das auf Deutsch?) am Loch Aylort. Malcolm würde gerne hier an der Küste Arbeit finden, denn sein Wunschtraum ist, einen Fischkutter zu besitzen.

Abends sitzen wir gemütlich beisammen. Vom Wohnwagen aus kann man die bizarren Umrisse der Inseln sehen (Hebriden), mit den seltsamen Namen ’Rum’, ’Eigg’ und ’Muck’. Margaret zeigt mir eine typische schottische Handarbeit, Schmucksteine aus gepresster Heide (heather gem). Das sieht sehr hübsch aus, und je nachdem, welche Gewächsteile benutzt werden, sind die Ringe oder Manschettenknöpfe oder Kettenanhänger überwiegend grün oder violett. Ich kaufe mir später einen Ring, dessen ’Stein’ aus in Scheiben geschnittenen Heidestämmchen gemacht ist. Der ist dann natürlich in Brauntönen.

heather-gems-2

Malcolm ist auch einmal in Glencoe gewesen. Dort hat der Wirt im Pub ihn gefragt: ”Are you a Cambalaich?” – ”No, I am a MacInnes, why?” – ”Because I am not serrrving a Campbell over this counter!” – Fast 300 Jahre nach dem Massaker noch so ein unversöhnlicher Hass.

 

13. Juli 1974 (Sonnabend)

Margaret und Malcolm geben uns am nächsten Morgen einen Lift bis zur Hauptstrasse bei Fort William, wofür wir äusserst dankbar sind, denn die Strasse dorthin ist total ’deserted’. Ausser uns ist kein Fahrzeug weit und breit zu sehen. Ein Pärchen sitzt bereits am Strassenrand und auf unsere Frage, ob sie auch trampen wollen, bekommen wir zur Antwort: ”Wir warten auf den Bus! Trampen ist ARBEIT!”

Wir werden ziemlich schnell von zwei Jungen Männern aus Glasgow mitgenommen, David und Joe. Inzwischen hat der ’Glasgow Fair’, die Industrieferien in der zweiten Julihälfte, begonnen. Während dieser zwei Wochen trifft man die Glaswegians über ganz Schottland verstreut an. David und Joe stellen sich als sehr nett heraus. David hat lange, glatte, blonde Haare und anscheinend ein sanftes Wesen, das meine beste Freundin sofort anzieht. Joe dagegen ist klein und gedrungen, mit dunklem, kräftigen Haar und einem prächtigen Schnurrbart. Seine Augen blitzen vor Lebensfreude und Humor, wenn er Witze macht oder Geschichten erzählt.

Eigentlich wollen wir alle vier nach Skye. ’Failteach an Eileann’ steht auf einem Schild, ’Willkommen auf der Insel’, was ich später, dank meines Büchleins ’Gaelic without groans’ mühelos übersetzen kann. [Damals gab es eine Fähre von Kyle of Lochalsh nach Skye. Seit 1995 gibt es die Skye Bridge.] Leider sind alle Jugendherbergen besetzt (ja, ja, Glasgow Fair) und wir müssen aufs Festland zurück. In Kyle of Lochalsh gibt es noch Betten, aber man bittet uns, nach Achintraid weiterzufahren, da wir ein Auto haben und man Wanderer berücksichtigen möchte. Wir rufen vorher dort an, ob wir unterkommen würden, bevor wir uns auf den Weg machen. David und Joe sind so nett, uns den ganzen Weg mitzunehmen.

Achintraid ist ein winziges Nest am Loch Kishorn, mit Blick auf die Applecross Mountains auf der anderen Seite des Lochs. [Applecross ist auch ein sehr beliebter Urlaubsort bei den Schotten. Das County hiess damals Ross & Cromarty, wurde aber 1975 aufgelöst und in ’Highland’ und ’Western Isles’ unterteilt.]

achintraidlochkishorn

[In Achintraid hat sich anscheinend nicht viel verändert. Eines der Häuser direkt an der Wasserkante war früher die Jugendherberge. Auf dem Foto ist gerade Niedrigwasser.]

Idyllisch bei Sonnenschein, der hier seltener ist als Kühe. Es gibt hier nur Schafe, und zwar von einer besonderen Art, mit dichtem, sehr weissem, krausem Fell, anders als die sonst üblichen schmuddeligen und zotteligen Hochlandschafe.

loch_kishorn_sheep

Wir bieten an, für David und Joe zu kochen. Wir wollen etwas Besonderes machen, Curry-Bananen auf Reis. Die Mahlzeit übernehme ich. Neben mir kocht ein junger Mann eine einsame Muschel. Er guckt interessiert in meinen Topf und findet den Inhalt sehr ’aussergewöhnlich’, man ist ja höflich in Grossbritannien. Er gefällt mir auf Anhieb! Ich schätze ihn auf Anfang 30, das Gesicht sehr männlich, aber nicht auf Macho-Art, und sein Haar ist wie Schafwolle, nur schwarz. Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis ich das Ergebnis meiner Kochkünste zu Tisch trage. Joe und David sind nicht sehr begeistert. Dazu muss ich sagen, dass wir weder Curry noch Salz übrig haben, und ich auch nicht die Geistesgegenwart besitze, meinen neuen Bekannten, den mit der Muschel, um Salz zu bitten. Wahrscheinlich haben mich seine blaugen Augen zu sehr abgelenkt! Unsere beiden ’Chauffeure’ fanden das Essen ”very filling” und pickten sich nur die Rosinen und die Bananen heraus.

Als Gegenleistung laden sie uns nach Strathcarron in den Pub ein. Es ist sehr voll dort. Wahrscheinlich ist Strathcarron eine Art ’Kreisdorf’, wo sich am Wochenende alle Welt trifft.

strathcarronhotelpub

Ich habe das Gefühl, als ob David und Joe uns unter sich verteilt haben, und zwar meine Freundin zu Joe und mich zu David. Das klappt nun aber nicht, denn ich halte mich an Joe, da ich weiss, dass meine Freundin sich David ausgeguckt hat, und ich denke ja eigentlich an den Muschelmann. Sie machen jedoch gute Miene zum bösen Spiel und es wird ein sehr netter Abend. Eine Band spielt Folklore, aber erst, als wir schon auf dem Weg zurück zur Jugendherberge sind, denn um 22.00 Uhr werden die Haustüren abgeschlossen. David und Joe sind ein bisschen angetörnt und fahren extra langsam, um das Beisammensein zu verlängern. ”Wenn die Tür zu ist, übernachten wir eben draussen!” meinen sie. Darüber sind wir nun nicht so begeistert. Wir kommen aber rechtzeitig an. Es ist auch noch kaum jemand im Bett. Ich frage Schwarzkopf nach seiner Muschel. ”Ich habe sie weggeworfen, sie sah nicht gut aus!” meint er. Er hat eine Zeichnung vom Aufenthaltsraum gemacht, mitsamt den nassen Klamotten, die über dem Ofen trocknen. Ich finde sie sehr gut, und er zeigt mir noch andere. ”Ist Zeichnen ihr Hobby?” frage ich ihn. – ”Nein, es ist sozusagen mein Beruf!” – Mehr lässt er sich nicht aus, und ich finde es unhöflich, weiterzufragen.

 

14. Juli 1974 (Sonntag)

Am nächsten Morgen ist meine einzige Sorge, ob er schon fort ist. Er ist nicht! Meine Freundin und ich begleiten die beiden Jungs zur Strassenkreuzung. Auf dem Rückweg treffen wir den Schwarzgelockten. ”Ich dachte ihr seid abgereist!” sagt er. – ”Nein, nur die Jungs”, antworten wir. – ”Ich dachte ihr seid zusammen!” er wieder. – ”Nein, sie haben uns nur einen Lift bis hierher gegeben”, stellen wir die Sache klar. Es folgt noch ein kleines Geplänkel, woher, wohin demnächst und ein beiderseitiger, tief bedauernder Blick.

Den Nachmittag verbringen wir in Shieldaig (ca. 15 km von Achintraid entfernt, an Loch Torridon gelegen). Ein deutscher Tourist nimmt uns mit. ”Da stehen zwei Mädchen so einsam im Moor, das ist ja wie bei Shakespear!” meint er. Er fühlt sich ganz offensichtlich als unser Retter und Gönner. Shieldaig ist ein Vier-Häuser-Luftkurort für Rentner. Der Tearoom ist aber wunderbar. (Rentner wissen immer, wo es das beste Essen und den besten Kuchen gibt, besonders die älteren Damen.) Hier kaufe ich auch meinen Gälischleitfaden ’Gaelic without groans’. Wegen schlechten Wetters machen wir uns jedoch bald auf den Rückweg.

Gegen Abend klart es auf, Sonnenschein und blauer Himmel über der Bucht! Meine Freundin und ich setzen uns auf etwas weiter voneinander entfernt liegende Felsen und spielen Musik. Ich fürchte, dass man meine Flöte bis zur anderen Seite des Lochs hören kann. Ich muss allerdings zugeben, dass mein Instrument einen guten Klangt hat und es sich im Freien über dem Wasser wunderbar anhört. Dieser Abend war wirklich ein schöner Wochenendabschluss. [Aha, das war also ein Sonntagabend!]

Fortsetzung folgt

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

3 Gedanken zu „Schottlandreise 1974, Teil 4“

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