Schottlandreise 1974, Teil 5

Achintraid-Gairloch-Carbisdale Castle [At that time County Sutherland, now part of ’Highland’]

 

15. Juli 1974 (Montag)

Der Morgen darauf empfängt uns wieder einmal mit grauer, regnerischer Miene. Bis Shieldaig (dem Rentnerkurort) fahren wir mit einem englischen Paar, die einen englischen Schäferhund dabei haben, einer von diesen weiss-grau zottelig befellten Hunden, bei denen man nicht herausfinden kann, was Vorne und was Hinten ist. Seine Ausmasse sind wie die eines einjährigen Bernhardiners. ”Aber er wächst noch!” erzählen die stolzen Besitzer. Dieses Hündchen sitzt nun die ganze Fahrt über auf meinem Schoss und stellt seine Vorderpranken auf meinen ungepanzerten Fuss. Sein blaues Auge (denn das andere ist braun) schielt mich hinter einer Locke hervor vertraulich an, in Augenhöhe! Wenigstens friere ich einmal nicht. (Er ist ein ganz Lieber!)

In Shieldaig werden wir wegen des Wetters noch herzlich bedauert, aber ihre Reiseroute wollen diese mitleidigen Leute dann doch nicht unseretwegen ändern.

Wir müssen schliesslich bis Kinlochewe den Bus nehmen, da so gut wie überhaupt kein Verkehr herrscht und das Wetter immer feuchter und unangenehmer wird. Auch dort stehen wir noch einige Stunden, bis uns ein Lieferwagen bis nach Gairloch mitnimmt, ein bei den Schotten beliebter Urlaubsort. Hier am Meer scheint auf einmal die Sonne, und wir fühlen uns sofort viel besser. Die schottischen Hügel können nämlich bei Nebel und Regen eine reichlich deprimierende Wirkung haben. Wir treffen doch tatsächlich eine Nachbarin von Margaret in Gairloch, mit der wir in Glasgow im Bus gefahren sind.

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Die Jugendherberge Carn Dearg liegt direkt an den Klippen, an einer schmalen Asphaltstrasse, die wenige Kilometer weiter im Sande verläuft. [Das tut sie nicht mehr.] Dies war die erste Herberge, auf die wir treffen, in der man sich mittels Extrajobs eine freie Übernachtung erarbeiten konnte (z. B. Fenstermalen). Wir sind aber zu faul dazu, schliesslich haben wir Ferien!

 

16. Juli 1974 (Dienstag)

Am folgenden Morgen ist das Wetter sonnig aber kalt. Wir besichtigen den Ort Gairloch, etwa 2 Kilometer von der Jugendherberge entfernt, und klettern in den Klippen umher. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht kann man die Berge sehen, aus denen wir am Vortage gekommen sind. Verglichen mit dem Grasland hier sind sie gewaltig und durch die tiefhängenden weissen Wolken, die ihre Gipfel verdecken, wirken sie geheimnisvoll und mit dem Himmel verbunden.

2015-03-07-12-11-16

[Aquarell von meinem Bruder nach einem Foto gemalt. Da müssen also doch Fotos von mir rumschwirren. Ich schaue noch einmal nach. Vielleicht habe ich von den Dias Papierbilder machen lassen.]

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gairloch

Mir, die hier in der Sonne am Wasser sitzt, sind die Berge ein Symbol für das gelobte Land, sie sind meine Brüder, gross und stark. Ich fühle mich eins mit der Erde und glaube an den Frieden.

Ich will:
mich zu den Bergen gesellen;
den Vögeln und dem Wind zuhören,
die mir ihre Weisheit mitteilen,
ohne zu prahlen;
mir Kraft geben lassen von der Sonne;
die Harmonie dieser Schöpfung bewundern
und ein Teil von ihr werden.

 

17. Juli 1974 (Mittwoch)

Als wir wir am nächsten Tag wieder spazierengehen hält ein Auto voller Mädchen neben uns an und sie laden uns zum Kaffetrinken ein. Das weibliche Rudel besteht aus Margaret (17 Jahre) mit zwei Schwestern, die auf mich beide den Eindruck machen, als hätten bei ihnen die Zutaten nicht ganz gereicht, sowie einer befreundeten jungen Frau mitsamt zwei kleinen Töchtern, aus denen Margaret mit Gewalt feine Damen machen will. Sie stammen alle aus Edinburgh. Margarets Eltern leben beide nicht mehr, und jetzt plant sie, das Haus, in welchem wir Kaffee trinken, zu modernisieren. Es handelt sich um eine ehemalige Schule, die sie gemeinsam mit ihren Brüdern gekauft hat. An den Kleiderhaken im Korridor sieht man noch die Namen der früheren Schüler eingebrannt: Gillivray, Farquharson und ähnliche, urgälische Namen. Die junge Frau mit den beiden Töchtern wird in einigen Wochen nach Australien auswandern.

Zurück in der Herberge treffen wir auf einen baumlangen, dürren Radwanderer, der uns schon in Morar aufgefallen ist wegen der ungeheuren Lebensmittelmengen, die er verschlingt. Er verspeist mindestens drei gehäuft volle Teller mit undefinierbaren Cereals und zum Nachtisch patscht er sich grünen Salat auf sein Weissbrot. Er erinnert sich nicht an mich, als ich ihn anspreche, was er aber sehr bedauert und sich dementsprechend oft entschuldigt. ”Ich kann mir keine Gesichter merken”, sagt er.

 

18. Juli 1974 (Donnerstag)

Am nächsten Morgen brechen wir wieder in Richtung Norden auf. Wir wollen so weit wie möglich die Westküste hinauf. Wir haben sagenhaftes Glück und sind kurze Zeit später in Ullapool, einem netten kleinen Fischerort mit einer netten kleinen Jugendherberge. Ullapool ist sehr touristisch, aber nicht so voller Tand wie z. B. Aberfoyle oder Fort William, sondern mit Niveau. Man rät uns, nachts mit den Fischlastern nach Norden zu trampen, aber das erscheint uns doch zu riskant und unbequem.

 

19. Juli 1974 (Freitag)

Von Ullapool nimmt uns James Munro mit, ein älterer Herr aus Lairg am Fluss Shin, mit dem wir noch lange Jahre danach brieflich in Verbindung stehen werden. ”I like a good knee in the front”, meint er, als ich mich neben ihn setze, was ich in meiner Dusseligkeit mal wieder nicht kapiere. Er überzeugt uns sehr schnell davon, dass es Unsinn wäre weiter nach Norden zu trampen, weil dort so gut wie kein Autoverkehr ist. Das merken wir ja jetzt schon. Stattdessen nimmt er uns mit nach Invershin im Herzen Sutherlands, wo er uns im Pub einen Drink spendiert. Für meine Freundin gibt es einen Hot Toddy (ein Grog mit Whiskey), da sie stark erkältet ist. Neidisch ruhen meine vom Alkohol ungetrübten Augen auf ihr.

Der Weg zur Jugendherberge ist recht ungewöhnlich. Wir gehen zu einem stillgelegten Bahnhof, auf dessen Auffahrt in grossen, weissen Buchstaben ’SNP’ steht (Scottish National Party. Wir sind im erzpatriotischen Teil angelangt.) Von dort geht es auf einer Eisenbahnbrücke über den ’Kyle of Sutherland’, über diverse Zäune, durch ein Loch in der Mauer und einen endlosen Hügel hinauf. Diese Herberge ist in einem grossen Schloss, Carbisdale Castle, untergebracht. Irgendein englischer Adeliger hatte seine Gemahlin hierher abgeschoben. Der Abenteuerweg ist zu empfehlen, wenn man nicht 5,5 Kilometer bis zur nächsten Brücke (Bonar Bridge) wandern will und auf der anderen Seite dann 5,5 Kilometer wieder zurück.
[Leider musste das schottische Jugendherbergswerk Carbisdale Castle aufgeben, da die Instandhaltung zu kostspielig wurde. Es steht jetzt zum Verkauf. Die Wikipedia ist noch nicht ganz auf dem Laufenden, da steht immer noch, dass es eine Jugendherberge ist:

Carbisdale Castle was built in 1907 for the Duchess of Sutherland (die abgeschobene Dame) on a hill across the Kyle of Sutherland from Invershin in the Scottish Highlands.]

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Carbisdale Castle mit schottischer Fahne.

Da das Wetter erträglich warm ist, legen wir uns später auf eine Wiese in der Nähe der Herberge. Mir ist so wohl, dass ich kurzerhand einschlafe. Daher bin ich etwas konfus, als uns wenig später ein Junge anruft und nach dem Weg fragt. Ich erkläre es ihm ausführlich, einschliesslich Loch in der Mauer. Ich muss nicht sehr zuverlässig gewirkt haben, da er den Weg nicht nimmt, wie er mir später mitteilt. Er geht den langen Weg über die nächste Brücke. Selber Schuld! [Das mit der Eisenbahnbrücke ist immer noch so.]

 

10. Juli 1974 (Sonnabend)

Am nächsten Morgen erspähe ich den langen Radwanderer wieder, der dieses Mal schnurstracks mit einem Waschbottich voller Cornflakes auf mich zukommt mit den Worten: ”Diesmal erkenne ich dich wieder!” (Raffiniert dieser Charme.)

Nachmittags mache ich einen Ausflug zu Fuss in das nächstliegende winzige Dorf, da meine beste Freundin das Bedürfnis hat, allein zu sein. Unterwegs treffe ich eine alte Dame, die mir erzählt, dass der Salat dieses Jahr ganz wunderbar sei und mir aus einer Riesentüte Bonbons anbietet. So eine nette Dame!

Abends zieht es uns in den Pub (wir müssen dazu wieder über die Eisenbahnbrücke), wo wir die Künstlerseele der Umgebung, Joe, den Maler, mit seinem schönen Collie kennenlernen. Einer der Schotten an unserem Tisch erzählt dauernd Witze über Iren, die ich aber nur zur Hälfte verstehe. Er ist der erste und vielleicht einzige Schotte, der in wahrhaft italienischem Tempo spricht. Meine Freundin unterhält sich derweil mit einem jungen, betrunkenen und kaputten Typ, der ihr leid tut. Er will am nächsten Tag heiraten, scheint aber nicht sehr begeistert von der Idee zu sein und bittet meine Freundin, bei ihm zu bleiben. Immer wieder zeigt er ihr Patronen, die er in der Hand hält und prophezeit, dass es in drei Jahren das Schloss nicht mehr geben würde und den Pub auch nicht, da beides Engländern gehört. ”Wir werden sie alle töten, alle, mit Frauen und Kindern! Wir müssen sie auslöschen”, sind seine Worte. Den anderen ist das peinlich und sie erklären ihn für verrückt und meinen, dass er nur so reden kann, weil er nicht weiss, wie schrecklich ein Krieg ist.

Schliesslich trifft mein Radwanderer ein. Nach einiger Zeit der Unterhaltung fragt er mich, ob ich mit ihm Spazieren komme, seine Freunde vom Campingplatz abholen. Das fehlt mir gerade noch, keine Lust, so lehne ich ab. Kaum ist der Eine fort, kommt der Nächste: Keith der tooling engineer (Werkzeugmacher), der Junge, der nach dem Weg zur Herberge gefragt hat. Er wird von einem bärtigen jungen Mann begleitet, der sich als Australier herausstellt, aber erst nachdem ich ihn natürlich gefragt habe, ob er Amerikaner sei, worüber er ziemlich beleidigt ist (scandalo, scandalo). Keith fragt, ob sie sich zu uns setzen dürfen und ohne auf die Antwort zu warten sitzt er auch schon neben mir und zwängt mich derartig zwischen sich und dem Stuhl meiner Freundin ein, dass ich sie mit offenem Mund anstarre und es mir die Sprache verschlägt ob seiner Frechheit. Der Radwanderer kommt zurück, sieht uns mit den anderen und ertränkt seinen Kummer in Whiskey. Er geht dann auch früher nach Hause, während sich seine so genannten Freunde über ihn lustig machen, weil er keinen Alkohol verträgt. Tolle Freunde!

 

21. Juli 1974 (Sonntag)

Am nächsten Tag wandern wir zu den Shin-Fällen. Die Strasse, die hinauf führt, ist wunderbar angelegt: ruhig, bergig, herrlich! Am Wegrand finden wir Walderdbeeren, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe und esse. Auf dem ’Gipfel’ erwartet uns eine Überraschung, denn dort stehen eine Lunchbude, ein Andenkenladen und Autos in stattlicher Anzahl. Ich fühle mich an den Ausflug zum Loch Kathrine vom Vorjahr erinnert. Die Leute strömen am Wochenende (es ist Sonntag) zu den Fällen, um die Lachse springen zu sehen. Die Shin-Fälle sind mir jedenfalls vergällt. Ich sehe sie mir nicht einmal an. Meine Freundin kauft eine Postkarte, wo natürlich ein Lachs beim Springen drauf zu sehen ist. Es ist allerdings eine derartig plumpe Trickaufnahme, dass sie mir nur ein müdes Grinsen abringt. Der Lachs ist nicht nur fast so gross, wie der ganze Wasserfall, sondern es ist auch deutlich zu sehen, dass er aufgemalt ist (der Lachs). Aber die Karte hat absolut Kitschwert.

 

(Fortsetzung folgt)

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

9 Gedanken zu „Schottlandreise 1974, Teil 5“

    1. Das weiss ich leider nicht. Wir haben hinterher keinen Kontakt zu den Mädels gehabt. Aber ich bin sicher, dass Margaret und ihre Brüder, mit denen sie die alte Schule zusammen gekauft hat, kein hypermodernes Condo daraus gemacht haben. (Die beiden jüngeren Mädchen schienen als einziges Interesse zu haben sich zu prügeln.) Wenn ich da mit meinem Mann hinkommen sollte, werde ich nachforschen.

      Gefällt 1 Person

      1. Du hattest ja berichtet, dass die zwei anderen Mädchen von der Cleverness eher im unteren Segment der Menschheit angesiedelt waren. Und sie prügelten sich also gerne… Menschen gibt’s…. 😉
        Wäre doch mal interessant zu sehen, was aus der alten Schule und auch an Margaret geworden ist, oder?
        Sei lieb gegrüßt
        AnDi

        Gefällt 1 Person

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