Schottlandreise 1974, Teil 7

Perth-Mountquhanie Estate (Cupar, Fife)

26. Juli 1974 (Freitag bis Sonntag, Abreise Montag 29. Juli 1974)

Unser nächstes Ziel ist Mountquhanie Estate, ein grosses Gut im County Fife, in der Nähe des Ortes Cupar. Die Adresse haben wir von einer Franziskaner-Nonne bekommen, einer Bekannten meiner Freundin. Auf einen Brief hin haben uns die Leute dann eingeladen. [Ich weiss nicht mehr genau, warum man uns eigentlich eingeladen hat, aber der damalige Besitzer war einfach sehr gastfreundlich.]

Nach Dundee nimmt uns ein schottischer Politiker namens John Fairly mit [Ich habe gegoogelt und konnte nur einen Jim Fairlie finden, der altersmässig und mit den politischen Aktivitäten passt.] (er war entweder SNP-Politiker oder ein Gewerkschaftsmann). Früher sei er selbst getrampt berichtet er, als er noch studiert hat und kein Geld hatte. In Dundee auf dem Parkplatz haben wir noch eine sehr interessante Unterhaltung mit ihm. Wir erzählen ihm von dem Radikalen aus Invershin. Dazu meint er, dass Schottland in zehn Jahren unabhängig sein wird, ohne Gewalt, auf demokratischem Wege. [Das war 1974. Leider fand das 1984 nicht statt, und die Möglichkeit, ihre Selbständigkeit zu bekommen, hat die Hälfte der Schotten 2014 dann anscheinend boykottiert. Da fragt man sich warum.] Auch die deprimierende Haltung der Schotten ihrem eigenen Land gegenüber erwähnte ich. ”Kein Wunder”, meint er, ”wenn man einem Volk jahrhundertelang erzählt, dess es nichts wert sei, glaubt es am Ende selbst daran!” [Vielleicht haben sie deshalb keinen Mut zur Unabhängigkeit. Aber inzwischen sollte doch eine neue Generation herangewachsen sein.]

Er hat jedoch auch eine Frage an uns. Vor kurzem ist eine Gruppe Bayern in Schottland gewesen, die erzählt haben, dass sie in Deutschland eine ähnliche Rolle innehaben wie Schottland in Grossbritannien: auch den Bayern wird die Selbständigkeit versagt. Meiner Meinung nach sind die beiden Situationen nicht zu vergleichen. Bayern war ja Mitglied im Deutschen Bund, woraus sich später u. a. die Bundesrepublik Deutschland geformt hat. Bayern ist ja nicht kolonisiert worden von seinen Nachbarn, und seine Rohwaren werden nicht von den Nachbarstaaten geklaut, meine ich jedenfalls. Ich finde die Geschichte sehr aufschlussreich.

Wir verabschieden uns und machen uns auf den Weg über die Tay-Brücke. Sie ist lang, länger, am längsten, wenn man sie bei starkem Gegenwind überqueren soll. Der gegenüberliegende Ort heisst Newport, dem Anschein nach eine Ansiedlung besser gestellter Leute, wo wir im Seymour-Hotel zu Mittag essen. Die junge Kellnerin findet es hier langweilig; sie würde lieber in Dundee wohnen. Ich selber finde Dundee nicht besonders ansprechend. Aber vielleicht gibt es auch dort schöne Stellen.

Bob, der Besitzer von Mountquhanie, holt uns von Newport ab. Felicity, seine Frau, gemahnt an eine stark dekadente Adelige; Bob wirkt mehr bodenständig. Sie haben sechs Kinder, zwei Mädchen und vier Jungen, davon einer noch ein Baby. Auf dem Gut sind immer zwei Aupair-Mädchen angestellt, ’Felicity’s Sklaven’ und Jim, ein Landwirtschaftsstudent, ’Bob’s Sklave’. Ich würde vorziehen, für Bob zu arbeiten. Die Mäden sind nämlich den ganzen Tag mit Abwaschen und Essenkochen beschäftigt und müssen ansonsten die dekadenten Kinder im Auto spazierenfahren oder sonst etwas mit ihnen unternehmen. Bob hat ausserdem eine Landwirtschaftssekretärin, ein kerniges Mädchen.

Um uns unser Essen in irgendeiner Form zu verdienen, bieten wir Bob unserer Hände Arbeit an (diese lilienweissen Hände). Das einzige was mich stört, ist meine saftige Erkältung. Ich fühle mich wirklich schlecht.

Bob findet tatsächlich einen Job für uns. Wir sollen helfen, den Fasanen die Flügel zu stutzen. Es gibt vier grosse Käfige voll mit den Viechern. Sie sollen käfigweise in eine kleine Holzhütte getrieben werden, die vor jedem Gitter steht. Beim ersten Käfig geht das noch vergleichsweise einfach. Währenddessen haben aber die anderen spitzgekriegt, dass da etwas im Gange ist und gebährden sich dementsprechend hysterisch.

Einer von uns muss sich in die Hütte begeben (klein, eng, im Vorwege mit Fasanen gefüllt), sich dort einen Vogel greifen und ihn mit dem Kopf zuerst durch ein kleines Loch nach draussen reichen, das mittels einer Klappe von aussen auf Kommando von dem drinnen Sitzenden geöffnet wird. Dort nimmt der andere das Tier in Empfang und hält ihn fest, während Caroline (die Landwirtschaftssekretärin) die Schwungfedern der Flügel stutzt. Wir spielen uns sehr bald gut ein. In der Hütte zu sitzen ist unangenehm. Die verängstigten Tiere bekommen Angstdünnschiss und beissen und kratzen, so weit es ihnen auf diesem engen Raum überhaupt möglich ist.

Am Ende dieser Schlacht verladen wir die Fasanen in Gitterkörbe und bringen sie in ein grosses Freigehege, während Bob die Häuschen für die neuen Küken herrichtet. Diese sind bis jetzt auf einem leeren Heuboden in einer leeren Scheune untergebracht, in kleinen, runden Käfigen, die leider oben offen sind. Als wir damit loslegen, sie einzufangen, entwetzt eine stattliche Anzahl über die Umzäunung und versteckt sich hinter den praktischerweise überall rumstehenden Spanplatten. Fasanenküken sind goldig, wie alle Küken. Ich weiss nicht, wie viele es sind, sehr viele jedenfalls, eine endloses Gewusel. Ich finde es irgendwie grausam, diese vielen Küken in nur zwei Gitterkörben zu transportieren, übereinander gestapelt wie Sardinen. Alle überstehen den Transport auch nicht heil; sie kommen mit verklebten, blutigen Federn oder einem gebrochenen Bein oder Flügel an. (Aber Landwirte haben da irgendwie ein dickeres Fell. Wie sonst kann man Tiere grossziehen, nur damit sie von irgendwelchen Leuten abgeknallt werden? Aber ich selbst bin ein scheinheiliger Fleischesser: wenn ich die Tiere selber töten müsste, wäre ich Vegetarier.) [Seit 1983 bin ich Vegetarier.] Wir zählen die Küken in die Häuschen, wo Bob inzwischen Wärmlampen aufgehängt hat, denn es sollen möglichst in jedem die gleiche Anzahl sein.

Einen Hund gibt es auch auf der Farm, einen gänzlich unerzogenen, schwarzen, glattfelligen Inselhund namens Moy, der zwar schön, aber entsetzlich lästig ist. Beim Essen beisst er uns spielerisch unter dem Tisch in die Beine und reisst alles vom Tisch herunter, was nicht niet- und nagelfest ist, wenn man ihn allein in der Küche lässt. Einmal verteilt er ein halbes Pfund Butter auf dem Fussboden und bestreut sie mit dem Inhalt einer grossen Tüte Erdnüsse (Erdnussbutter, hehe).

[Ich kann mich nicht an die älteren Jungs erinnern, vielleicht waren die gar nicht anwesend, nur an die beiden Mädchen und das Baby.] Die Mädchen besitzen Ponies, die reichlich fett aussehen. Ich äussere den Wunsch zu reiten, da wollen die beiden Mädchen natürlich auch und stiefeln und spornen sich, nur um ohne Sattel auf einem ungestriegelten Pony zu reiten. Die Tiere sind lange nicht geritten worden und wollen es offensichtlich auch dabei belassen. Wir müssen sie sage und schreibe aus der Koppel schieben! Einmal draussen, zeigen sie sich williger. Ich sitze auf dem grösseren Pony, eines der Mädchen hinter mir. Es könnte sehr lustig sein, wenn Moy (der Hund) nicht hinter uns herjagen und nach dem Pony schnappen würde. Als er sich dann im Schweif unseres Ponys verbeisst und sich mitschleifen lässt, wir es diesem zu viel. Es springt einige Male mit allen Vieren in die Luft (mit zwei Reitern!!!) und schlägt aus mit dem Resultat, dass Moy jaulend davonläuft. Das Pony muss ihn hart getroffen haben. Wir sehen ihn wie einen schwarzen Blitz ein paarmal um das Haus jagen und dann darin verschwinden. Den Rest des Tages bleibt er verschollen, wie auch meine Reitgenossin. Wir sind bei den Bocksprüngen natürlich ausgestiegen, aber wir sind ja nicht tief gefallen und in weiches Gras. Jedenfalls habe ich den Rest der Zeit das Pony für mich alleine. Und Moy wird sich wohl nicht so bald wieder in die Nähe eines Ponys wagen.

Felicity plant inzwischen ihre Urlaubsreise. Ihre Wahl fällt auf Zypern, von wo, wegen des Krieges, gerade alle Ausländer evakuiert werden. (Aber sowas heisst ja nicht mehr Krieg, sondern ’Konflikt’.) Sie liebe es, dorthin zu fahren, wo nicht so viele Touristen sind und wo es etwas zu erleben gibt. (Ich finde diesen Snobismus widerlich. Da sterben schliesslich Menschen!)

An unserem letzten Tag in Mountquhanie kommt ein neues Aupair-Mädchen an, Francesca aus Edinburgh. Die Mädchen hoffen, dass sie keine ’Beauty Queen’ ist, denn die seien zu nichts zu gebrauchen.

Wir gehen abends zu fünft in den Pub (Jim mit vier Frauen, Hahn im Korb), zu einem Begrüssungstrunk für Francesca und einem Abschiedstrunk für uns, da wir am nächsten Tag aufbrechen wollen. Ich finde es ziemlich langweilig, denn es wird fast nur getratscht. Francesca ist ganz nett. Nur eines mag ich nicht: sie unterstreicht ihre Erzählungen manchmal dadurch, dass sie schielt, ihre Zunge herausstreckt und sich darauf beisst. Das soll sicher ’cute’ sein, aber nach dem xten Mal verliert es seinen Reiz und wirkt affig (jedenfalls auf mich, vielleicht sehen Männer das anders). Jim scheint jedenfalls sehr von ihr eingenommen zu sein. Er gibt uns auch endlich eine plausible Antwort auf die Frage, warum man Milch in den Tee tut: ”Weil er sonst zu heiss ist!”

[Damals war das Gut hauptsächlich landwirtschaftlich beschäftigt, jedenfalls ist das in meiner Erinnerung so. Heutzutage werden Zimmer im Gutshaus und Cottages auf dem Gut an Touristen vermietet, oft Golftouristen. (Es liegt ja dicht an St. Andrews, dem schottischen Golf-Mekka.) So fein wie auf der Webseite sah es meiner Meinung nach damals in den Räumen nicht aus, aber vielleicht habe ich sie nur nicht gesehen. Wir haben in der Küche gegessen … http://www.standrews-cottages.com/mountquhaniehouse/ Einer von Bobs vielen Söhnen wohnt jetzt dort. Die Seite scheint es nicht mehr zu geben, hier der Link zu Google, ihr müsst selber zu Google Earth rüberklicken: https://www.google.dk/maps/@56.3792588,-3.0595592,388m/data=!3m1!1e3%5D

(Fortsetzung, die letzte, folgt)

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

3 Gedanken zu „Schottlandreise 1974, Teil 7“

  1. Bei Perth denken wir spontan erst mal nicht an Schottland! Sieh an, man lernt nie aus!

    Ja, Beautyqueens sind für Kinder in der Regel nicht zu gebrauchen!

    Und nun kommt schon die letzte Fortsetzung…. schade! War es doch so schön mit Dir durch Schottland zu reisen! Wir wollen uns dann einfach auf die letzte Etappe freuen! 🙂

    Liebe Grüße und einen schönen Abend
    AnDi

    Gefällt 1 Person

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