Schottlandreise 1974, Teil 8 (letzter Teil)

Mountquhanie Estate-Stirling-Glasgow-Kirkby Stephen-London-Hamburg

 

29. Juli 1974 (Montag)

Schielende, Zunge beissende Francesca, die ja eigentlich sehr nett ist, fährt uns am nächsten Morgen an die Hauptstrasse nach Edinburgh, auf Befehl von Bob, der uns mit Küsschen verabschiedet. Bob ist wirklich ein netter, patenter Typ.

Gegen Mittag sind wir schon dort, und es sind nur noch zwei Betten in der Jugenherberge frei. Wir müssten also zwei Stunden vor der Tür sitzen, um beim Öffnen um 14.00 Uhr die Ersten zu sein. Wir danken herzlich und ziehen weiter nach Stirling. Diese Stadt ist sehr nett, mit alten Fachwerkhäusern und einem kleinen burgähnlichen Gebäude mit Innenhof und Gittertor als Jugendherberge.

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(Blick auf Stirling town von Stirling Castle aus)

Abends gehen wir den unvermeidlichen Gang in den Pub, den ’Red Lion’, einem Pub für Jugendliche, wo ein einsamer Gitarrist musiziert. Hier sehen wir einen Jungen mit den zurzeit so modernen, einzelnen, eingefärbten Haarsträhnen. Beliebt sind auch diese spanischen Matador-Hosen mit hoher Taille und dann ein Ohrring im linken Ohr. In den Städten laufen die Jungs auch mit Hosen herum, die nur bis zum Knöchel gehen, dafür aber umso weiter sind. Die Mädchen sehen ab Freitag Abend alle gleich aus, denn sie tragen fast ohne Ausnahme die aktuelle Mode und das aktuelle Makeup, ohne grosse Variation. Da stechen wir natürlich ziemlich ab, keine Schminke im Rucksack.

 

30. Juli 1974 (Dienstag)

Am nächsten Morgen planen wir einen Ausflug nach Bannockburn, wo Malcolms Mutter wohnt. Wir kommen ohne Schwierigkeiten hin, aber weder Frau MacInnes noch Malcolm und Margaret sind zuhause. Wahrscheinlich verbringen sie noch einige Tage in ihrem Wohnwagen in Morar, sie hatten sowas angedeutet. Da wir ohnehin in Gammellaune sind, schlendern wir in Bannockburn umher und verbringen die meiste Zeit mit Essen.

[Geschichtliches: The Battle of Bannockburn (24 June 1314) was a significant Scottish victory in the First War of Scottish Independence, and a landmark in Scottish history.

Stirling Castle, a Scots royal fortress, occupied by the English, was under siege by the Scottish army. Edward II of England assembled a formidable force to relieve it. This attempt failed, and his army was defeated in a pitched battle by a smaller army commanded by Robert I of Scotland (Robert the Bruce).

Ich will ja nicht negativ sein, aber viel scheint es ihnen ja leider nicht genützt zu haben …]

 

31. Juli 1974 (Mittwoch) (31. Juli bis 2. August; Abreise 3. August, Sonnabend)

Tags darauf geht es weiter nach Glasgow. Dort wollen wir die nächsten drei Tage verbringen, welch ein Schwachsinn! Ohne Margaret, die mit Eddie und den Mädchen am Loch Windermere ist, wissen wir nicht viel mit uns anzufangen. Hauptsächlich tätigen wir Einkäufe und öden uns etwas an. Meine beste Freundin hat nämlich Heimweh und will endlich nach Hause, während ich am liebsten endlos weiterziehen würde. Abends trauen wir uns allein nirgendwo hinein, ausser in ein wirklich sehr schönes italienisches Restaurant, wo man sehr freundlich und zuvorkommend ist.

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(Jugendherberge in Glasgow)

 

Einige der anderen Herbergsgäste erzählen uns Geschichten, die wieder einmal die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Schotten ins rechte Licht rückt. Ein sehr junger Amerikaner ist irgendwo auf dem Lande total durchgeweicht vom Regen von einem älteren Ehepaar aufgesammelt worden. Sie haben ihn mit nach Hause genommen, ihm Essen gegeben und ihn bei sich übernachten lassen während seine Klamotten trockneten. Am nächsten Morgen haben sie ihm dann noch einen dicken Pullover geschenkt.

Ein anderer Junge erzählt, dass er nachts allein in Glasgow gestrandet war. Ein Polizist hätte alle jungen Tramper, die ihm über den Weg liefen, in dem Unterstand einer Bushaltestelle zusammengesammelt, weil es nachts allein in Glasgow zu gefährlich sei.

An dem einen Abend gehen wir in der Umgebung der Jugendherberge spazieren, als uns ein blonder, leicht angetrunkener Schotte anspricht. Ich glaube er heisst Alex. Er will uns unbedingt einen ganz tollen Pub zeigen. Auf dem Weg dorthin schlägt er uns andauernd plump vertraulich auf die Schulter. Die Bardame in dem Pub ist rassig anzusehen, mit kurzen, glatten, schwarzen Haaren, sehr bemalt, aber das folgt wohl mit dem Beruf. Alex nennt sie ’Fury’: ”This is Fury, she is a really good friend”.

Danach schleppt er uns noch in eine andere Kneipe, wo, wie mir scheint, hauptsächlich blutjunge Mädchen (so um die 13 Jahre alt) und ältere Herren verkehren. Einer davon gesellt sich zu uns, ein Freund unseres Blonden. Es ist ein typischer Schleimi und versucht, mit mir ins Gespräch zu kommen. Er versucht alle möglichen Themen, unter anderem Fussball (gähn). Ich erwidere bei jedem Versuch nur: ”I do not know anything about this!” oder ”I am not interested in that!” – Auf diese Weise bin ich ihn sehr bald los.

Von meinem afrikanischen Freund empfängt mich in der Herberge ein Brief, in dem er mir genaue Anweisungen bezüglich seiner Stiefel gibt. Snake skin ist out! Wie gut, dass wir sie nicht zu Anfang der Reise gekauft haben.

 

3. August 1974 (Sonnabend)

Von Glasgow aus brechen wir auf in Richtung Heimat. Wir wollen in Barnard Castle übernachten, denn irgendwie hätte ich Alan gern wiedergesehen. Es hängt aber nur ein Zettel mit ’sorry, no vacancies’ an der Tür. Da ich trotzdem mit ihm sprechen will, er aber nicht da ist, gehen wir erst einmal in eine Snackbar. Ich gehe dann allein, ohne Gepäck noch einmal los. Diesmal ist er da. King, sein schwarzer Hund, springt auf mich zu, zum Beschnuppern. Aber wo ist Topsy, der Sanfte, Gefleckte? Alan bestätigt mir den Inhalt des Zettels, erkennt mich jedoch nicht. Er meint nur, dass wir in der Jugendherberge von Kirkby-Stephen wohl gut aufgehoben sein würden. Ich bedanke mich und verziehe mich eilends.

Nach Kirby-Stephen nimmt uns ein seltsamer junger Mann mit, der sich gerade ein Haus gebaut hat. Er gibt sich sehr sozial und hat immer einen Scherz auf den Lippen. Man weiss bei ihm nicht, was ernst gemeint ist. Die Jugendherberge ist winzig, ich glaube sie hat 28 Betten. Der Warden ist schon etwas älter und sitzt etwas verloren und unbeachtet im Gemeinschaftsraum/Küche herum Aber was hätte man mit ihm reden sollen? [Heute meine ich, dass man unbedingt ein Gesprächsthema hätte finden müssen.]

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(The Black Bull Hotel)

 

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(Kirkby Stephen von oben)

Abends wollen wir uns, wie immer, ein wenig amüsieren. Glücklicherweise sprechen uns zwei Männer an, die uns eine Empfehlung geben, so dass wir in den Dorfclub eintreten können. Man weiht uns in die Feinheiten des Bingo ein, eines in meinen Augen langweiligen Lottospiels. Die Musik der ganz flotten Band ist mir lieber. Die Anwesenden scheinen das Spiel jedoch tierisch ernst zu nehmen. Sie regen sich richtig auf, wenn man eine Nummer, die aufgerufen wird nicht auskreuzt. Die spinnen, die Römer!

 

4. August 1974 (Sonntag)

Der nächste Tag bringt uns herrliches Sonnenwetter, und wir wandern ein wenig durch die Umgebung. Im Gasthaus ’Black Bull’ erfrischen wir uns. Es sind ausschliesslich Männer anwesend, die meine beste Freundin zu einem Gitarrenspiel zu überreden versuchen. Sie weigert sich mit der Bemerkung, dass sie nur für Kühe und Schafe spiele. Daraufhin fangen diese erwachsenen Männer wie die Idioten an zu muhen und zu mähen. Wir kriegen uns kaum wieder ein vor Lachen. Da das Wetter sich verschlechtert, beeilen wir uns zurück zur Herberge.

 

5. August 1974 (Montag)

Am nächsten Morgen steht London vor unserem inneren Auge. Kirkby-Stephen am Morgen ist eine sehr ruhige, einsame Angelegenheit. Wir rechnen uns schon aus, wie viele Stunden wir wohl stehen müssen, als ein Mini mit zwei jungen Männern hält. Und wo wollen sie hin? Nach London! Glück muss der Mensch haben! Sie stammen aus Glasgow und fahren öfter mal nach London. Normalerweise nehmen sie immer die M6, die Autobahn an der Westküste. Nur heute haben sie ausnahmsweise die A1 gewählt, ”zur Abwechslung”. Ist das nicht Glück? – Sie heissen Lesley und Robert. Lesley klein und rundlich, ein lebenslustiger Glasgower; Robert etwas grösser, blond und schlank mit einem Hauch von Cowboy-Image. Lesley kann Gitarre spielen und trägt Lieder von Billy Connolly vor. Er findet uns nett. ”It is fine to meet nice girls. There are so many not nice girls.” – Robert wird immer stiller. Ich habe den Eindruck, die andere Sorte Mädchen wäre ihm lieber gewesen. Lesley lebt von seiner Frau getrennt, da er Kinder haben möchte und sie nicht. Er will aber zu ihr zurück.

In London fahren wir wie die Irren, das macht Spass! Wir veräppeln einige indische Hoheiten, die mit Chauffeur durch London gondeln und denen wir merkwürdigerweise andauernd wieder begegnen. Lesley und Robert haben eine Ladenkasse transportiert, die sie an einen Imbissbesitzer verscherbeln wollen. Aus irgendeinem Grunde war es jedoch nicht die richtige. Nun ist die weite Fahrt vergeblich gewesen. ”We can as well dump it into the river! I am not going to take it all the way back”, meint Lesley. Er versucht, das Ganze mit Humor zu nehmen. Aus Robert werde ich nicht schlau.

Ich rufe vom Chelsea Bahnhof Badhe und Bola an und erfahre, dass wir nicht bei ihnen übernachten können, der Hauswirt erlaube es nicht. Wir versuchen also, wieder in unserer altbekannten Summer Hostel unterzukommen. ”Wir sind verzweifelt”, sage ich zum Empfangsmenschen. ”Ich auch”, bekomme ich zur Antwort. Schliesslich bringen sie uns für eine Nacht auf Feldbetten unter.

Den weiteren Abend verbringen wir im Hyde Park und beobachten den Sonnenuntergang über dem See.

 

6. August 1974 (Dienstag)

Wir sind bei Badhe und Bola zum Essen eingeladen. Sie bedauern sehr, dass sie uns nicht beherbergen konnten. Bola hat extra Hähnchen für uns gekocht, damit wir auf der Fähre was Ordentliches zu Essen haben!

Ich kaufe dann noch ein fabelhaftes Paar Stiefel in rot und blau metallic für meinen afrikanischen Freund und hoffe nur, dass sie ihm gefallen werden.

 

7. August 1974 (Mittwoch)

Die Überfahrt ist dann ereignislos, zum Glück, kein Sturm, keine Seekrankheit. Meine beste Freundin und ich sind aus verschiedenen Gründen sehr melancholisch und grüblerisch gestimmt. Ich wäre am liebsten zurückgeschwommen, genau wie letztes Mal. Meine Freundin verbringt die Nacht draussen auf einer der Rettungskisten. Mir ist das aber zu kalt und ich bleibe in der übel riechenden Kantine.

Eines steht fest: ich bin bestimmt nicht zum letzten Mal in Schottland gewesen!

[Tipp: wenn man nicht fliegen möchte, gibt es eine Fähre von Rotterdam nach Hull, wo man bereits ziemlich im Norden Englands ist. Ausserdem kann man sich dann auf dem Weg nach Schottland auch gleich noch das sehenswerte Yorkshire und den wunderbaren Lake District ansehen. Das werden mein Mann und ich jedenfalls ausprobieren. Leider kann das erst etwas in 2018 werden.]

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

6 Gedanken zu „Schottlandreise 1974, Teil 8 (letzter Teil)“

  1. Oooh, schade, schon ist die Reise vorbei…..

    Schön war es und wir sind schon jetzt gespannt, was Du berichten wirst, wenn Du mit Deinem Mann von Schottland zurück kommen wirst! 🙂

    Liebe Grüße
    AnDi

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