Schreib mit mir Teil 28

Eine Initiative von Frau Offenschreiben

Seit einem halben Jahr teilen Karsten und Stig sich eine kleine Dreizimmerwohnung in Hamburg, in der Langen Reihe hinter dem Hauptbahnhof. Nicht die beste Gegend, aber billig. Eigentlich ist es Karstens Wohnung, denn sein Name steht auf dem Mietvertrag. Aber er hatte vor sechs Monaten per Annonce einen Mitbewohner gesucht, um Geld zu sparen, denn er ist Student, Student der Theologie. Er will Pastor werden und Gottes Wort unter die Menschen bringen. Er ist zwar nicht der einzige Theologe, aber er hält sich für besonders berufen, denn Gott hat zu ihm gesprochen und ihm den Auftrag gegeben, die Menschheit eines Besseren zu belehren.
Mit Stig, einem schwedischen Geschäftsreisenden jüngeren Alters, hat Karsten einen guten Griff getan, wie er meint. Sie sehen sich nur zum Frühstück, trinken Kaffee zusammen, teilen die Morgenzeitung, und dann geht jeder seines Weges. Stig ist öfter auf mehrtägigen Geschäftsreisen, dann hat Karsten die Wohnung für sich allein und kann seine zukünftigen Predigten laut üben. Der Tonfall ist wichtig, eindringlich, mahnend, aber nicht von oben herab, mehr in der Art von ”wir sind ja alle Sünder, keiner von uns ist würdig”. Das kommt besser an, meint Karsten.

Stig weiss nichts von den grossartigen Plänen, die Karsten für die Menschheit hegt. Ihre Gespräche am Frühstückstisch sind sparsam, man hebt die Kaffeetasse und schaut sich über die Zeitung hinweg an, das war’s dann auch schon.

Es könnte alles eitel Sonnenschein sein, wenn nicht die aufdringliche Nachbarin wäre, eine junge und äusserst hübsche Frau, die in Karstens Augen zu viel Interesse an den beiden jungen Männern an den Tag legt, fast schon schamlos. Jedes Mal wenn sie einen der beiden trifft, fragt sie ob Karsten und Stig schwul wären, ein Paar gewissermassen. Stig guckt sie nur kühl an und ignoriert sie, aber Karsten findet dieses Benehmen empörend und protestiert vehement. Damit erreicht er allerdings nur, dass die freche Person ihn dann auffordert ihr zu beweisen, dass er heterosexuell ist. Hemmungsloses Weibsstück!
Das hemmungslose Weibsstück heisst Alexandra, ist gross und schlank und mit einer prachtvollen Mähne schwarzen, gelockten Haares gesegnet. Dazu gesellen sich ein heller Teint und dunkelblaue Augen und fertig ist die perfekte keltische Schönheit. Es ärgert sie masslos, dass keiner der beiden jungen Männer anbeisst. Beide sind auf ihre Weise gutaussehend. Karsten hat etwas von einem Dichter. Er sieht aus, als ob er nie richtig hier und jetzt anwesend ist, sondern immer auf irgendeiner Wolke schwebt. Ausser wenn er sie ausschimpft natürlich. Er hat zarte Gesichtszüge und braunes gewelltes Haar und ist vielleicht ein ganz klein wenig zu dünn.
Stig, der Kühle, ist mehr der männliche Typ, vielleicht vergleichbar mit Jean-Claude Vandamme. Aber er ist völlig unnahbar. Alexandra hat keinen von ihnen je mit einer Frau zusammen gesehen, daher auch der Verdacht der Homosexualität.
Alexandra arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant in der Langen Reihe. Das ist nicht ihr Traumjob, aber sie ist noch jung, gerade erst zwanzig Jahre alt, und muss sich erst noch überlegen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen will. Im Moment benutzt sie ihre Freizeit dazu, Stig und Karsten nachzustellen. Das wird langsam zu einer richtigen Besessenheit.
Sie hat beide schon viele Male verfolgt. Karstens Tagesablauf ist langweilig. Er geht nur in die Uni, Einkaufen und Wäschewaschen. Mehr scheint in seinem Leben nicht stattzufinden. Stig ist ein anderer Fall. Es gelingt ihm immer, Alexandra in kürzester Zeit abzuhängen, als ob er wüsste, dass sie ihm nachsteigt. Sie weiss daher immer noch nicht, wo er hingeht und mit wem er sich trifft.
Eines Morgens bietet sich jedoch eine andere Möglichkeit. Alexandra will gerade an Karsten und Stigs Wohnung vorbeigehen – sie wohnen ein Stockwerk unter Alexandra – als sie bemerkt, dass die Wohnungstür nicht richtig geschlossen ist. Sie kann nicht widerstehen und öffnet die Tür ganz vorsichtig, so dass sie hineinspähen kann. Irgendwo in der Wohnung ist jemand dabei, laut ein Gedicht aufzusagen oder sowas, sie kann die Worte nicht hören, aber der Tonfall ist reklamierend. Sie schleicht sich in den Korridor der Wohnung und sieht Karsten in der Küche hin- und hergehen, ein Ei in der Hand, in der anderen mit dem Löffel gestikulierend und vor sich hinredend. Sie hört jetzt vielfach die Worte ”Gott”, ”Jesus Christus” und ”wir armen Sünder” heraus. Ach du meine Güte, denkt Alexandra, wie ist der denn drauf. Die Neugierde treibt sie dazu, die erste Tür zu ihrer Rechten vorsichtig zu öffnen. Das sieht nach Karstens Zimmer aus, Bücher über Bücher auf allen freien Flächen. Die Titel lassen auf christliche Literatur schliessen. Deswegen ist er so verklemmt, denkt sie.
Sie probiert die Tür auf der linken Seite. In diesem Zimmer sieht es sehr spartanisch aus. Keine Bücher, keine Bilder, keine Poster, überhaupt nichts Persönliches. Neugieriger als je zuvor geht sie hinein und schliesst die Tür hinter sich. Sie zieht nacheinander alle Schubladen auf, kann aber ausser Kleidungsstücken nichts finden, was ihr etwas über Stig erzählen könnte. Sie schaut unter das Bett. Da liegt ein flacher Kasten. Ist das eine elektrische Gitarre? Sie zieht den Kasten unter dem Bett hervor. Nein, der ist zu schmal, keine Gitarre. Sie öffnet den Kasten … und klappt ihn gleich wieder zu. Hat sie richtig gesehen? Sie schaut noch einmal: richtig, in dem Kasten liegt ein Gewehr, und zwar so eines wie sie Hitmen in Gangsterfilmen immer benutzen, mit Schalldämpfer und allen möglichen aufschraubbaren Teilchen. Alexandra kann den Blick nicht abwenden. Ein Messias und ein Hitman, was für ein Paar, denkt sie.
In dem Moment öffnet sich die Tür und Stig kommt herein. Alexandra schreit auf, klappt den Kasten zu und schiebt ihn unter das Bett. Aber Stig hat gesehen, was sie da gemacht hat. Durch den Schrei wird Karsten aufmerksam und stürzt ebenfalls ins Zimmer, nur um mit ansehen zu müssen, wie Stig dabei ist Alexandra zu erwürgen. Karsten bricht in eine laute Klage über die sündhafte Menschheit aus und bittet Gott um Gnade für Alexandra und Stigs schwarze Seele. Vor lauter Verblüffung lockert Stig seinen Griff um Alexandras Hals, die ihm geistesgegenwärtig ihr Knie in die Weichteile stösst und sich losreisst, während er sich vor Schmerzen zusammenkrümmt. Alexandra fängt laut an ”Hilfe, Mörder” zu schreien, während Karsten in seinem Klagegesang fortfährt. Durch all den Lärm werden noch mehr Nachbarn in die Wohnung gelockt, einige davon Rausschmeisser auf dem Kiez, die sich über Stig hermachen. Irgendjemand ruft die Polizei, Stig wird festgenommen und Karsten und Alexandra werden ebenfalls in einen Streifenwagen geladen, um ihre Erklärungen abzugeben.
Bevor sie auf der Wache in verschiedene Verhörlokale geführt werden, gelingt es Alexandra Karsten ”mein Held, ich werde dich heute Nacht belohnen” zuzuflüstern, woraufhin er in eine neue Klage über den Zustand der Menschheit ausbricht. Der Polizist, der ihn verhören soll, rauft sich die Haare.

 

Advertisements

Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

6 Gedanken zu „Schreib mit mir Teil 28“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s