Mein vierzigster Geburtstag

Mein Mann und ich hatten geplant, an meinem vierzigsten Geburtstag auf die kanarischen Inseln zu fliegen. Zum Einen, weil mein Geburtstag am 3. Januar ist, einer schrecklichen Jahreszeit, zum Anderen, weil wir einer in Dänemark so beliebten ”Überraschungsparty” aus dem Weg gehen wollten. Diese Partys werden von Leuten organisiert, die einem angeblich nahestehen, und man findet dann Menschen in seiner Wohnung vor, die man selber niemals einladen würde. Es herrscht ein richtiger Kult um diese ”vollen” Geburtstage, 40, 50, 60 etc., als ob sich da was Grundlegendes ändern würde.

Wir buchten unsere Reise irgendwann im November, und aus einem unerfindlichen Grund bestellten wir eine Versicherung (cancellation insurance), was wir noch nie gemacht hatten.

Das erwies sich als klug, denn nach einer unauskurierten Bronchitis bekam ich eine einseitige Mittelohrentzündung, die dann in einer Lungenentzündung kulminierte. Wir waren damals selbständig, und ich ging auch bei Fieber arbeiten, denn ohne mich ging es ja nicht … 😉

Nach ein paar Tagen mit hohem Fieber riefen wir den Notarzt, der mich abhörte, aber nichts feststellte. Als es über Neujahr nur schlimmer und schlimmer wurde, brachte mein Mann mich an meinem vierzigsten Geburtstag ins Krankenhaus. Der untersuchende Arzt war ganz entsetzt über das, was er in meiner Lunge hörte, liess mich röntgen, und behielt mich gleich dort. Zwischenzeitlich kamen die Röntgenfotos, auf denen überhaupt nichts zu sehen war. Zum Glück hatte der Arzt genügend Selbstvertrauen (”Ich weiss, was ich gehört habe”) und liess mich trotzdem einweisen und sofort an einen Tropf legen. Später stellte sich dann heraus, dass man ihm die falschen Fotos gegeben hatte. Mein Name ist in Dänemark nicht gerade selten, daher hätte man auf die Versicherungsnummer schauen sollen, was offensichtlich nicht geschehen war.

Dank dieses Arztes also wurde ich nach einer Woche Verschleppung der Lungenentzündung ins Krankenhaus eingewiesen. Mein Hämoglobin im Blut war so niedrig, dass man mir eine Bluttransfusion geben wollte. Darauf verzichtete ich dankend und nahm lieber Tabletten.

Die ersten drei Tage und Nächte war ich mehr oder weniger total umnebelt von Fieber und Medikamenten. In der einen Nacht dachte ich, dass ich jetzt ganz bestimmt abkratze. Ich träumte nämlich, dass man hinter mir her war und mein Licht auslöschen wollte. Ich bemerkte nicht einmal, dass mein Mann am Bett sass, das auf dem Gang stand. Auf dem Gang befanden sich wohl nach und nach so an die sechs Betten, weil wegen einer Lungenentzündungsepidemie die Kapazität des Krankenhauses überfordert war.

Als ich dann etwas klarer wurde, und ja, ich habe überlebt, begann ich meine Umgebung wahrzunehmen. Im Zimmer neben meinem Gangplatz lagen einige ältere Herren. Wenn mich nicht alles täuschte, war der eine permanent dabei zu onanieren. Die Laute, die er von sich gab, liessen darauf schliessen und die Bemerkungen der Schwestern, dass seine Windel ja schon wieder nass wäre. Wenn die nur gewusst hätten!

Das Personal war freundlich und hilfsbereit bis auf eine richtig unhöfliche, ruppige Nachtschwester (nachstehend Ruppi genannt).

Inzwischen hatten sich mir ja weitere Kranke auf dem Gang zugesellt, unter anderem eine ältere Dame und ein Vagabund. Die ältere Dame war sicher schon so um die 80 und sehr still und zurückhaltend. Nun konnte sie nicht immer schlafen und setzte sich dann auf ihr Bett. Sie störte niemanden, trotzdem wurde sie von Ruppi angeschnauzt, dass sie sich gefälligst ins Bett legen sollte. Mein Bett war ein wenig abgeschirmt, vielleicht wegen der Ansteckungsgefahr? Ruppi lugte zu mir rein. Ich sass auch im Bett, weil ich im Liegen nicht so gut Luft bekam. Sie wollte was sagen, aber ich gab ihr was mein Mann ”den Blick” nennt, und sie zog sich eilends zurück.

Der Vagabund war, wie sicher auch der Onanierer, etwas verwirrt. Nachts schob er die Rolltische durch die Gegend, nicht nur seinen eigenen, manchmal ins Badezimmer hinein. Das Personal konnte dann zusehen, wie sie die wiederfanden und zusortierten. Weniger angenehm war, dass er die Sachen der anderen Patienten durchwühlte. Als er die Taschen meines Mantels untersuchte, fragte ich ihn, was er denn da mache, woraufhin er murmelte ”nein, das gehört nicht meinen Leuten” und sich verzog. Er war der nachtaktivste von uns allen und hielt das Personal auf Trab.

Einer der älteren Herren aus dem Zimmer stand eines Morgens auf und zog sich an, da er durch den Onanierer wachgehalten wurde. Ruppi kam und schimpfte, wodurch wir anderen auch alle wach wurden und verlangte, dass er sich wieder hinlegte. Mitten im Ausschimpfen erklang dann der Weck-Gong. ”Und was sagst du jetzt, wa?” schnauzte der Mann Ruppi an. Sie schnauzte noch kurz zurück und ging dann ihres Weges.

Nach einigen Tagen wurden wir umgelegt, also an eine andere Stelle verlegt. Das Altherrenzimmer wurde geräumt, und sechs Damen, inklusive meiner selbst wurden dort reingerollt.

Von da an ging’s bergauf, jedenfalls für mich. Mir gleich gegenüber lag eine alte Dame, die keine Lust mehr zum Leben hatte. Sie verweigerte Essen und bekam Flüssigkeit aus dem Tropf. Die Schwestern waren sehr liebevoll zu ihr, obwohl sie ihr mit Zwangsernährung drohen mussten. Sie durften sie nicht verhungern lassen. (Also wenn ich einmal keine Lust mehr habe, dann verstecke ich mich irgendwo in Schweden im Wald. Sie tat mir sehr leid.) Aber die Schwestern nahmen sich die Zeit, ab und zu einmal reinzukommen und mit ihr zu sprechen. Das fand ich schön.

Dort sah ich zum ersten Mal das in Dänemark so beliebte ”Øllebrød”, ein Matschbrei aus eingeweichtem Brot, Bier und Sahne. Es sah aus wie K…., roch wie K…. und daher habe ich es nie probiert. Es soll oder besser kann angeblich sehr lecker schmecken.

Was ich auch gut fand war, dass man die tägliche Kleidung im Krankenhaus bekam, d. h. Unterwäsche, das offene Nachthemd und Socken. Das kannte ich nicht aus Deutschland, und ich weiss natürlich nicht, ob das immer noch so ist.

Später musste ich mir von meinen Freunden anhören, dass mein Mann ja vieieieiel schlimmer aussah als ich … da war kein Mitleid zu holen!   😉

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

10 Gedanken zu „Mein vierzigster Geburtstag“

    1. Ich wollte dich auch verlinken, konnte dein Beitrag aber auf die Schnelle nicht finden. Danke für das Verlinken!

      Ich finde die Geschichte nicht nur traurig. Ich fand es schön zu sehen, wie liebevoll die Schwestern sich um die alte Dame bemühten. Das ist nicht selbstverständlich. Und den Vagabunden, die alten Männer und Ruppi fand ich sehr unterhaltsam.

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