Astra

Zu ”Schreib mit mir 31” von Frau Offenschreiben

Hier meine Geschichte;

Astra lebte seit vielen Jahren allein in einer gemütlichen kleinen Holzhütte im nahegelegenen Wald. Obwohl die meisten Leute des Dorfes, der Kreisstadt, der Hauptstadt, ja, des ganzen Reiches Silvania ihre Dienste in Anspruch nahmen, war ihnen ihre Magie oder was sie dafür hielten suspekt. Astras Entscheidung für sich allein zu leben, wurde daher allgemein begrüsst.

Auch äusserlich setzte Astra sich von den anderen Menschen ab. Sie war stets in ein rotes Kleid gehüllt mit einem vielfarbigen, breiten Schal um die Schultern. Da sie sich viel im Wald aufhielt, um Kräuter und andere Pflanzenteile zu sammeln, war dieser Farbenreichtum vorteilhaft, gab es doch den einen oder anderen kurzsichtigen Jäger in der Umgebung. Astra konnte man jedenfalls nicht mit einem Tier verwechseln.

Astra bereitete Tränke verschiedener Art zu, die allerdings keine wirklichen Zaubertränke waren, sondern deren Wirkung einfach nur auf den natürlichen Kräften von Pflanzen basierte. Einer ihrer beliebtesten war ein Liebestrank, kein Potenzverstärker, sondern einer, der die Person des Herzens dazu bringen konnte, einem zugetan zu sein. Der absolute Liebling war jedoch der Trank, der die negativen Gedanken und Sorgen in den Menschen auslöschte. Wer sollte das auch nicht wollen?

Auch geschäftlich war dieser Trank ein Gewinner, denn der sorgenfreie, positive Zustand hielt nicht lange an. Die Menschen erschufen ständig neue negative Gedanken und Ängste in ihren Köpfen, daher war jeder, der einmal Kunde wurde, ein Kunde für’s Leben.

Sehr wichtige Ingredienzen für den Sorgenfreitrank waren Lavendel, Mistel und Euphoria. Mehr verriet sie niemandem.

Eines Abends, als Astra in ihrem Kessel rührte, der an einer Kette über der Feuerstelle hing, klopfte jemand an den Türrahmen der offenen Tür, um auf sich aufmerksam zu machen.
”Frau Astra, ich brauche dringend Euren Trank, der die Sorgen und negativen Gedanken fortnimmt. Ich kann die Last nicht mehr ertragen”! sagte eine Frauenstime.
”Kommt doch herein und setzt Euch”, erwiderte Astra, ”dann können wir darüber reden.”

Es handelte sich bei dem späten Gast um eine ältere Frau, die unter einem unscheinbaren Umhang sehr elegante Kleidung trug.
”Bitte fragt mich nicht, wer ich bin, ich darf es Euch nicht sagen, Frau Astra! Aber ich brauche den Trank, an Vergütung soll es nicht fehlen!”

Das gefiel Astra überhaupt nicht. Sie wusste gerne, wem sie ihren Trank gab und hörte auch gerne etwas über die Gedanken, die die Leute loswerden wollten. Aber sie konnte der Frau nicht ihre Hilfe verweigern und gab ihr wohl oder übel eine Flasche von dem Sorgenfreitran

”Einen Schluck, morgens, mittags und abends”, sagte sie zu der Frau, ”nicht mehr und nicht weniger, dann werden ihre Sorgen und negativen Gedanken verschwinden”. Dankbar nahm die Frau die Flasche entgegen und ging eilends von dannen. Astra blieb mit einem merkwürdigen Gefühl im Magen zurück.

Nach einigen Wochen erreichte Astra die Nachricht, dass der König zu einer Reichstrauer aufgefordert hatte. Es war zwar niemand gestorben, aber ein Unglück war es dennoch: Seine Frau schien geisteskrank geworden zu sein. Sie war wie eine lebende Tote, ohne Gefühlsregungen, ohne Sprache, ohne Anteilnahme. Niemand konnte sich erklären, was geschehen war.

Astra war neugierig, legte ausnahmsweise ein unauffälliges braunes Kleid und einen grauen Umhang an, da sie unerkannt bleiben wollte, und machte sich auf den Weg in die Reichshauptstadt. Sie wollte die Frau sehen, denn vielleicht konnte sie ihr helfen. Wie gross war ihr Schrecken jedoch, als sie nach einer langen, beschwerlichen Reise feststellen musste, dass die Frau des Königs dieselbe war, die damals am Abend zu ihr gekommen war und um den Sorgenfreitrank gebeten hatte. Zum Glück erkannte sie Astra nicht, denn diese fühlte sich schuldig an dem Zustand der Frau, ohne zu wissen warum. Was war geschehen? Worin lag der Fehler? Traurig reiste Astra wieder heim und hörte auf, den Sorgenfreitrank zu brauen, sehr zum Entsetzen ihrer Mitmenschen. Auf die Frage warum, antwortete sie, dass sie eine Ingredienz im Wald nicht mehr finden konnte und ohne diese konnte sie es nicht verantworten, den Trank herzustellen.

Aber was war passiert? Die Frau des Königs hatte anscheinend einen Punkt erreicht, an dem sie ausschliesslich negative Gedanken und Sorgen hatte, so dass sie nach dem Einnehmen des Tranks völlig leer war. Es gab keinen einzigen positiven Gedanken mehr in ihrem Kopf, der als Grundlage zur Schaffung neuer Gedanken dienen konnte.

Welche Lehre könnte man daraus ziehen? Die innere Stimme nicht zu ignorieren und der Negativität nicht zu viel Raum zu geben?

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

15 Gedanken zu „Astra“

  1. Ich hatte so ein Zombie-Bild vor Augen. Die sehe ich mehr als seelenlose Wesen an, aber das muss bei der Frau ja nicht so sein. Die hatte vielleicht auf einmal ein reges Seelenleben anstelle des negativen Gedankenlebens. Der Gedanke gefällt mir. Vielleicht ändere ich das in der Geschichte noch ab.

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    1. Beides hat seinen Zweck zu seiner Zeit, aber letzten Endes müssen wir selber die Verantwortung für uns und unser Tun und Lassen übernehmen, auch wenn Gespräch und Kräuterkunde hilfreich sein können.
      Ich dachte später noch, dass diese Tränke ja auch nur Symptombehandlung sind, genau wie die meiste Medizin, die Ursachen bleiben bestehen, und die können wir nur selber erforschen und beheben.
      Wenn wir einsehen, dass hinter den meisten negativen Lebensäusserungen Ängste stehen, mal grösser, mal kleiner, sind wir schon ein Stück weiter. Dann kann man sich fragen, warum und wovor man Angst hat, und was ist eigentlich das Schlimmste, das passieren kann? Das hat für mich schon so manche Situation entschärft.

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