Sofia

Hier wieder eine Geschichte zu dem Projekt „Schreib mit mir“ von Frau Offenschreiben.

 

Sofia hatte endlich Feierabend. Draussen war es dunkel und es regnete schon wieder. Seit drei Tagen nieselte es fast ununterbrochen. Alles war von dieser aufdringlichen Feuchtigkeit durchdrungen. Ein Regenschirm war völlig nutzlos gegen diesen sanften, aber beharrlichen Ansturm, daher hatte sie sich endlich einen praktischen Regenmantel mit Kapuze zugelegt und sogar ein Paar Gummistiefel erstanden.

Nun stand Sofia wie ein personifizierter Wasserfall an der Bushaltestelle und wartete auf die Nummer 22, die sie nach Hause fahren sollte. Ihre Handtasche hatte sie zum Schutz unter dem Mantel über die Schulter gehängt.

Sie sah die Lichter eines Busses, der sich näherte. Als der Bus näher kam, sah Sofia, dass auf dem Display weder Nummer noch Zielstation angegeben waren und trat zurück, damit der Bus nicht hielt. Er hielt allerdings trotzdem an, und die Tür öffnete sich. Der Busfahrer, ein sehr alter Mann mit einer Art Zipfelmütze auf dem Kopf, sah Sofia streng an. ”Meine Güte”, dachte Sofia, ”der muss doch schon lange Rentner sein, wieso fährt der noch Bus? Soll ich da wirklich einsteigen?” Diese stierenden Augen waren fast hypnotisierend, aber noch zögerte Sofia.

Dann bemerkte sie, dass ein Fahrgast die beschlagene Scheibe mit dem Ärmel abwischte und zu ihr hinaus sah. Es war ein Kind, vielleicht 6 Jahre alt. Sofia konnte nicht sehen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, aber sie konnte ein rundes Gesicht mit ebenso runden Augen und vielen blonden Locken ausmachen. War das Kind allein unterwegs? Dazu schien es zu jung zu sein. Jetzt konnte Sofia nicht mehr zögern, sie musste herausfinden, was es mit dem Kind auf sich hatte. Sie zeigte dem Busfahrer ihre Monatskarte, aber er verlangte Kleingeld. ”Ich habe kein Kleingeld”, sagte Sofia, ”ausserdem habe ich ja bezahlt, die Monatskarte ist noch gültig!” Daraufhin winkte der Fahrer sie einfach weiter, schloss die Tür und setzte den Bus in Gang.

Sofia ging unterdessen nach hinten und versuchte, das Kind zu finden. Es waren aber nur ein paar wenige Erwachsene im Bus, kein Kind, wie sehr sie auch suchte. War es Einbildung gewesen? Jetzt sass sie hier in einem Bus, von dem sie nicht wusste, wo er hinfahren würde. Wie sollte sie nur nach Hause kommen? Sie drückte den Halteknopf, aber der Bus hielt nicht an. Sie versuchte es fünf Mal, aber immer ohne Erfolg. War das ein Kidnapping? War der Busfahrer verrückt oder hatte er gar einen Herzinfarkt erlitten? Der Bus schlingerte so merkwürdig. Sie lief nach vorne, um nachzusehen, aber da war kein Busfahrer mehr. Jeden Moment mussten sie in etwas oder jemanden hineinfahren.

Kurzentschlossen setzte sich Sofia hinter das Steuer und versuchte, den Bus auf der richtigen Strassenseite zu halten und gleichzeitig nach der Bremse zu suchen. Nach einer wilden Jagd eine steile Strasse hinunter, gelang es ihr, nach und nach den Bus abzubremsen, bis er zum Stillstand kam.

Wie öffnete man denn nun die Tür? Sofia versuchte es mit dem manuellen Hebel, denn all die Knöpfe und Schalter wollte sie lieber nicht ausprobieren. Es war etwas schwierig, aber es gelang ihr und sie stieg aus. Die anderen Fahrgäste folgten ihr. Wo waren sie gelandet, das war doch nicht ihre Stadt! Das war nicht einmal ihre Zeit! Sie befanden sich in irgendeinem kleinen, altertümlichen Dorf ohne richtige Beleuchtung. Nur aus einigen Häusern drang Licht auf die Strasse.

Die anderen Fahrgäste gingen alle zusammen in eine Richtung, als ob sie wüssten, wo sie hin mussten. Sofia beschloss, ihnen zu folgen, was blieb ihr anderes übrig? Sie kamen zu einem grösseren Haus, aus dem fröhliche Musik erklang und traten ein. Ein grosses Fest schien hier im Gang zu sein. Sie wurden herzlich willkommen geheissen und gebeten sich doch an den Tisch zu setzen, Essen und Trinken käme gleich.

Das war doch seltsam, Sofia konnte sich keinen Reim darauf machen. Auf einmal hörte sie wie aus weiter Ferne eine Stimme ihren Namen rufen; ”Sofia, Sofia!” sanft und lieblich. Sie sah sich nach der oder dem Rufenden um, konnte aber nicht ausmachen, wer es sein könnte. Da war es wieder ”Sofiaaaaa!” dieses Mal etwas eindringlicher. Auf einmal war da nur noch Licht, die Leute, das Fest, alles verschwand und wurde von dem gleissenden Licht verschlungen.

Dann schlug Sofia die Augen auf und sah in das besorgte Gesicht ihrer Arbeitskollegin Maria. Anscheinend lag sie auf der Erde und Maria war über sie gebeugt. ”Ein Bus hat dich angefahren, Sofia. Ich habe es vom Fenster aus mit angesehen und bin sofort runtergelaufen”, sagte Maria. Sie schien tatsächlich ohne Umschweife aus dem Büro gestürzt zu sein, denn sie trug keinen Mantel und war bereits total durchnässt. ”Da kommt der Krankenwagen, Sofia, ich werde mit dir fahren”, sagte Maria, und da wusste Sofia, dass alles gut werden würde.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

4 Gedanken zu „Sofia“

  1. Dankeschön für diesen tollen Beitrag. Es ist eine tolle Geschichte geworden. Ich mochte es sehr, wie du die Pointe am Schluss eingebaut hast. Die arme Sofia. Hoffentlich wird sie wieder.
    Ich habe dich verlinkt
    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

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