Versprechen

 

Mein Mann und ich hatten die 80 überschritten, und das Leben begann wirklich mühsam zu werden: Wehwehchen, Schmerzen, Bewegungslosigkeit. Dann wurde bei meinem Mann die Alzheimer-Diagnose gestellt.

Wir hatten eine Absprache: keine aktive Sterbehilfe, aber auch keine künstliche Lebensverlängerung. Der Gesundere würde auf den anderen aufpassen, bis er starb.

Ich löste unseren Haushalt auf und verkaufte, verschenkte, vererbte all unser Habengut und unsere Wertgegenstände. Dann suchte ich uns einen kleinen stillgelegten Bauernhof in Nordschweden, in der Nähe von Haparanda, wo niemand wohnen will, dicht an der Grenze zu Finnland.

Dort schlugen wir im Sommer 2003 unsere Zelte auf. Das ist im übertragenen Sinne zu verstehen, denn dort stand ein wunderschönes, gemütliches, kleines Holzhaus in schwedisch Rot mit weissen Kanten. Fliessend Wasser und Elektrizität gab es natürlich nicht, aber das Haus hatte einen grossen Eisenofen, einen alten Kochherd, der mit Holz betrieben wurde und einen Dieselgenerator für Licht. Was brauchte man mehr? Ein Ziehbrunnen befand sich direkt vor dem Haus. Ein junger Mann aus Haparanda sorgte für Feuerholz. Die langen dunklen Winter waren hart, aber ich war entschlossen durchzuhalten.

Meinem Mann ging es nach und nach schlechter, bis er mich nicht mehr erkannte. Das war eine schwere Zeit. Eines nachts im August 2006 schlief er dann ganz friedlich ein. Ich hatte so viele Jahre Zeit gehabt, mich darauf vorzubereiten, aber es traf mich trotzdem wie ein Schlag. Ich war wie gelähmt. Was jetzt? Ich wäre ja gerne gleichzeitig mit ihm gegangen, um ihn vor Unbilden auf der anderen Seite zu bewahren. Er liess sich so leicht durch schöne Bilder vom eigentlichen Weg ablenken. Anscheinend hatte es nicht sollen sein. Ich fühlte mich auch nicht dem Sterben nahe.

Ich konnte es im Haus nicht aushalten und beschloss, in den Wald zu gehen. Dort setzte ich mich an einen Baum gelehnt an einen kleinen Bach und begann zu dösen. Nach einer Weile, ich weiss nicht wie lange ich geschlafen hatte, wachte ich auf und sah einen Wolf vor mir stehen, der mich intensiv betrachtete. Ich streckte ihm die Arme entgegen und rief: ”Freund, hilf mir auf die andere Seite!”

Der Wolf sah mich nur an und legte sich dann quer über meine Beine zum Schlafen. Ein unbändiges Lachen stieg in mir auf und am liebsten hätte ich losgegluckst, aber ich wollte den Wolf nicht stören, er lag da so friedlich. Ich beherrschte mich also mit Mühe und Not und fand mich mit der merkwürdigen Situation ab. Ich schlief sogar wieder ein. Vielleicht war das alles nur ein Traum?

Hier könnte die Geschichte enden.

Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Ich wurde durch einen Gewehrschuss geweckt. Ich fühlte den Wolf hochzucken und dachte nur: ”Oh, nein!”

Es waren drei Männer. Der eine hatte geschossen. ”Sind Sie verletzt?” riefen sie mir zu. Ich war wie rasend und schrie sie an: ”Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Müsst ihr immer alles Schöne verderben?”

Sie sahen mich verständnislos an, denn in ihren Augen hatten sie mir ja gerade das Leben gerettet. Ich beugte mich über den Wolf und brach in hemmungsloses Schluchzen aus.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

8 Gedanken zu „Versprechen“

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