Intuition, Teil 3

Wiederum ein Beitrag zu dem Projekt ”Schreib mit mir” von Frau OFFENSCHREIBEN

Es dauerte mehrere Wochen, bis Gwiazda langsam anfing, sich mit den Umständen abzufinden. Erst der merkwürdige Auftritt der Lederbekleideten im Restaurant; dann der junge Mann, der fluchtartig das Restaurant verlassen hatte und den sie später halbtot auf dem Gehsteig gefunden hatte; der Komplott hinterher, der seine gesamte Existenz ableugnete. Das war eine ganze Menge, die sie verarbeiten musste. Aber letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass sie mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wollte, wirklich ganz und gar nichts.

Sie hatte sich auch eine Zeit lang von ihrer Arbeit als Krankenschwester beurlauben lassen. Doch jetzt wollte sie ihr Leben gerne wieder normalisieren.

Der erste Arbeitstag lief friedlich ab. Die Kolleginnen und Kollegen waren alle sehr rücksichtsvoll. Irgendwie hatte ihre Geschichte sich herumgesprochen. Gwiazda wollte aber nicht wissen, was genau erzählt wurde. Es würde sowieso nicht stimmen.

Am Abend ging sie zufrieden nach Hause. Sie würde die Fäden ihres Lebens wieder aufnehmen und alles würde sich ordnen.

Als sie in die Strasse einbog, in der sie wohnte, stand auf einmal ein alter Mann vor ihr. Er sah alt aus, enorm alt, mit unzähligen Falten im Gesicht. Auf dem Kopf trug er eine altmodische Zipfelmütze, die im Gegensatz zu seinem strengen Gesicht und den scharf, ja fast stechend blickenden Augen stand. Sein Mantel war mehr ein Umhang. Was er darunter trug, war nicht zu sehen. Gwiazda fand, dass er der Beschreibung des alten Busfahrers aus der Halluzination ihrer Freundin Sofia nach deren Unfall ähnelte. Genauso hätte sie ihn sich vorgestellt.

”Du verschwendest deine Zeit, Mädchen”, fuhr der Alte sie an. ”Geh nach Hause und finde das Buch, dein Lieblingsbuch, das du sogar mit ins Bett nahmst. Erinnerst du dich denn nicht daran? Öffne es, damit sein Zauber sich dir zeigen kann. Tu es solange du noch kannst!” Nach diesen Worten eilte der alte Mann um die Ecke und verschwand in der Dunkelheit.

Gwiazda erinnerte sich natürlich an das Buch. Es war ein Märchenbuch: Sternchen und der Wanderer. Der Wanderer? Wie hatte sie das nur vergessen können! Die Neugier packte sie, vergessen waren Frustration und Angst. Sie eilte in ihre Wohnung und kramte das Buch hervor. Es lag in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks, wo sie es unter einer Decke versteckt hatte. Warum eigentlich? Sie wusste es nicht mehr. Vielleicht hing es mit dem Tod ihrer Eltern zusammen, die ihr als Kind daraus vorgelesen hatten.

Unter der Decke lag auch ihr alter Wecker mit einer Abbildung des Sternenbilds Orion auf der Scheibe. Beide Gegenstände waren eng mit ihrer glücklichen Kindheit verknüpft, die ein jähes Ende fand, als erst ihre Mutter und später ihr Vater verunglückten; ihre Mutter wurde auf dem Weg nach Hause überfahren und ihr Vater wurde am Arbeitsplatz von einer Palette mit Gasbetonsteinen erschlagen, die sich auf mystische Weise aus den sie haltenden Ketten gelöst hatte, als der Kran sie anhob, um sie in das dritte Obergeschoss des entstehenden Verwaltungsgebäudes zu heben. Ihr Vater hatte die Aufsicht über die Baustelle geführt.

Gwiazda öffnete das Buch. – Nichts tat sich. Sie wartete ein wenig. Plötzlich stieg eine Art Nebel aus dem Buch auf und formte ein Hologramm, das Bild eines Mannes in wehendem Mantel und schwarzem Hut.

Das Hologramm begann zu sprechen. ”Du, der dieses Buch geöffnet hast, bist der letzte Nachkomme der Wanderer. Die Gruppe der Wanderer bildet das Gewissen der Welt. Einstmals waren wir Tausende, jetzt gibt es nur noch fünf. Dein Grossvater ist einer von uns. Dein Vater hat sich geweigert, die Aufgabe zu übernehmen. Er wollte lieber ein normales Leben führen. Es hat ihm nichts genützt. Die Wanderer werden von den Dienern Mammons gejagt, der sich die Menschheit untertan machen will. Sie sind überall! Sie sind gnadenlos! Du musst die Aufgabe weiterführen, du bist das letzte Glied, die letzte Hoffnung!”

”Aber ich bin eine Frau”, warf Gwiazda ein, ”wie kann ich ein Wanderer sein?”

Das Hologramm antwortete nicht, denn es handelte sich hier um eine Aufzeichnung. Gwiazda fragte sich, wann die wohl gemacht worden war, denn früher war sie nicht im Buch gewesen, da war sie sich völlig sicher. Vielleicht hatte ihr Grossvater sie hergestellt nach dem Tod ihrer Eltern? Warum konnte sie sich überhaupt nicht an ihren Grossvater erinnern?

Das Hologramm hatte ihr weder gesagt, was sie tun könnte noch wie sie es tun könnte. Sehr hilfreich war das alles nicht. Jetzt war sie wieder aus ihrem Alltag gerissen, den sie doch so gerne wiederherstellen wollte und hatte noch nicht einmal Anweisungen oder Ratschläge für die von ihr anscheinend erwartete Rettung der Menschheit erhalten. Ob es wohl Pflicht für einen Wanderer war, in der seltsamen Kleidung herumzulaufen? Und welche Rolle spielte ihr ehemaliger Nachbar und angeblicher Freund Holger eigentlich? Diente er Mammon? Der junge Mann, den sie auf der Strasse gefunden hatte, war ein Sympathisant des Wanderers, denn er hatte ihn warnen wollen. Hatte Holger wohlmöglich etwas mit dem Anschlag auf den jungen Mann zutun? Das wäre schrecklich, unvorstellbar! Aber es war sehr merkwürdig, dass Holger am Abend so spät gerade dort war. Und dann war er sang- und klanglos verschwunden. Oder war auch ihm etwas zugestossen und sie verdächtigte ihn ungerechtfertigt?

Sie würde alle diese Fragen nicht am selben Abend beantwortet bekommen, so viel war sicher! Als Erstes würde sie jetzt das Buch noch einmal durchlesen. Vielleicht waren Hinweise darin versteckt. Ansonsten konnte sie nur hoffen, dass sie dem alten Mann noch einmal begenen würde. Das nächste Mal würde sie ihm gezielte Fragen stellen.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

8 Gedanken zu „Intuition, Teil 3“

  1. Sehr schöne Idee. Ich mag die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen so gerne. Es ist super, wie du aus verschiedenen Ideen eine schlüssige Geschichte entwickeltst. Ich bin schon gespannt ob und wie es weitergeht.
    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank!
    Ich fürchte nur, ich habe mich ein wenig aufs Glatteis begeben, out of my depths. Jetzt soll sie die Menschheit retten? Haare rauf!

    Aber jetzt muss es ja irgendwie weitergehen, also nicht irgendwie, es soll ja auch gerne gelesen werden. Ich habe noch keinen blassen Schimmer, wie das Menschheitretten vor sich gehen soll … 😉

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