Intuition, Teil 5

Es vergingen wiederum einige Wochen, Gwiazda zählte sie nicht, und nichts geschah. ’Typisch’, dachte Gwiazda, ’all diese Geheimniskrämerei für nichts und wieder nichts!’

Als sie an dem Tag abends nach Hause kam, sass Holger in ihrem Wohnzimmer und lächelte ihr freudig entgegen. Anstelle einer Begrüssung platzte es aus ihr heraus: ”Was fällt euch eigentlich ein, immer einfach so in meine Wohnung einzudringen? Wie zum Teufel kommt ihr hier herein?”

Holger sah sie verdattert an und meinte: ”Wieso, ich dachte du wüsstest Bescheid!”

”Nichts weiss ich, gar nichts weiss ich, ich werde immer nur mit Geschwafel abgespeist und jetzt reicht es mir! Ausserdem weiss ich nicht einmal, für wen du eigentlich arbeitest und was du mit dem Attentat auf den jungen Mann zu tun hattest!”

Holger war verletzt, das konnte man deutlich sehen. ”Wie kannst du nur so etwas von mir denken! Ich habe den jungen Mann gerettet! Und jetzt bin ich hier, um dich zu retten und Phase Exitus einzuleiten!”

”Phase Exitus? Was soll das denn sein?” fragte Gwiazda, ”sollen wir in eine neue, schönere Welt auswandern?” Letztere Frage hatte einen stark sarkastischen Unterton.

”So könnte man das nennen”, erwiderte Holger, ”hier ist übrigens deine Gasmaske. Pünktlich um 24.00 Uhr morgen Nacht musst du sie aufhaben, sonst schläfst du ein und wachst nie wieder auf.”

Gwiazda starrte ihn mit offenem Mund an. ”Was redest du da? Wollt ihr die ganze Menschheit umbringen? Seid ihr völlig verrückt geworden?”

”Sternchen, es geht nicht mehr anders. Die Mammon-Krankheit ist zu weit fortgeschritten, und der Grossteil der Menschheit hängt ihm an oder ist total gleichgültig. Nur die Wanderer und ihre Anhänger und Familien werden gerettet werden und an einem sicheren Ort eine neue Menschheit aufbauen.”

Gwiazda traute ihren Ohren nicht. ”Ihr grössenwahnsinnigen, selbstgerechten …. ” ihr fehlten die Worte. ”Ich werde die Maske nicht aufsetzen! Ausserdem werde ich sämtliche Geheimdienste der Welt informieren, die werden euch schon das Handwerk legen!” Sie schrie jetzt.

”Uns?” fragte Holger süffisant, ”du und deine Familie sind tief in alles involviert. Spiel hier nicht die Heilige! Wenn wir untergehen, gehst du mit uns!”

Gwiazda war sprachlos. Vieles hatte sie erwartet, aber nicht so eine radikale Massnahme. ”Was ist mit all den Kindern, die könnt ihr doch nicht einfach umbringen! Was können die für die Taten oder Gleichgültigkeit ihrer Eltern”, räsonierte sie.

”Gwiazda”, sagte Holger, ”ich finde es auch furchtbar, aber es gibt keinen anderen Weg mehr, glaube mir! Die Menschheit muss von vorne beginnen. Und besser mit uns als mit den Anhängern Mammons, denn sie sind dabei, den ganzen Planeten zu zerstören.”

”Ich weiss nicht”, erwiderte Gwiazda, ”es erscheint mir Unrecht Gott zu spielen. Wenn der ganze Planet stirbt, kann doch auch ein neuer Anfang gemacht werden, aber dann hat niemand von uns ein Urteil über andere ausgesprochen.”

”Doch Gwiazda, die Anhänger Mammons sind bereits dabei, die Menschheit nach ihren eigenen Kriterien ’auszudünnen’, wie sie das nennen. Unsere Massnahme kann daher sogar als Notwehr angesehen werden.”

”Aber so viele Unschuldige werden sterben”, rief Gwiazda verzweifelt.

”Niemand ist unschuldig”, erwiderte Holger, ”und jetzt musst du entscheiden, was du willst. Wenn du wirklich Alarm schlagen willst, muss ich dich betäuben bis morgen Nacht. Bitte mache das nicht notwendig! Du kannst natürlich selber entscheiden, ob du die Maske anlegen willst oder nicht, aber ich hoffe, dass du es tun wirst! Wir brauchen dich!”

Gwiazda war wie zu einer Salzsäule erstarrt. Sie kam nicht einmal auf die Idee „Warum braucht ihr mich?“ zu fragen. Holger sah sie prüfend an. Sie nickte und Holger verliess die Wohnung. Gwiazda liess sich auf das Sofa fallen; sie fühlte sich schwindelig. Die Gasmaske lag anklagend auf dem Boden. Was sollte sie tun? Sollte sie die Wanderer verraten und gemeinsam mit ihnen bestraft werden? Sollte sie ganz einfach die Maske nicht aufsetzen? In beiden Fällen würde sie nie erfahren, wie die Wanderer sich eine neue Menschheit vorstellten und wie sie das zuwege bringen wollten. Das war ein zynischer Gedankengang. Der Zweck heiligt die Mittel? Das war nie ihre Devise gewesen. Ob das mit dem ’Ausdünnen’ wohl stimmte? Sie würde es bis morgen Mitternacht nicht schaffen können, alle Aussagen, die man ihr gegenüber gemacht hatte, zu überprüfen. Wie hatte sie nur so naiv sein können?

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

11 Gedanken zu „Intuition, Teil 5“

      1. Ja, das ist ein guter Denkansatz! Was tun diese paar Überlebenden dann? Werden sie nicht auch irgendwann wieder an die Stelle kommen an der sich alles teilt und von vorne beginnt? Hmmmm……

        Gefällt 2 Personen

    1. Die Auswahl ist ja ganz einfach, nicht wahr? Alle Pro-Wanderer und deren Familien, denn sie sind ja die Guten oder? 😉 Die Kinder sind dann der erste Unsicherheitsfaktor, denn die werden die ganze Angelegenheit höchstwahrscheinlich hinterfragen, sobald sie Teenager sind.

      Gefällt 1 Person

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