Intuition, Teil 6

Intuition, Teil 6

 

Gwiazda verbrachte Stunden damit hin- und her zu überlegen. Nur eines war sicher: sie würde die Gasmaske nicht benutzen. Sie wollte nicht Teil eines Verbrechens dieses Ausmasses sein. Irgendwann siegte die Erschöpfung und Gwiazda schlief auf dem Sofa ein.

So bemerkte sie nicht, dass Holger zurückkam, ihr etwas in den Arm spritzte und zwei junge Männer mit einer Tragbahre in ihre Wohnung liess, die sie in einen Krankenwagen trugen, der mit Blaulicht vor dem Haus hielt. Ihre Entführung wurde als Notfall getarnt. Holger schloss die Wohnung ab, warum eigentlich?

 ————————–  ***  ————————–

Als Gwiazda aufwachte, wusste sie nicht, wo sie wahr. Dieses Zimmer hatte sie noch nie gesehen. Sie wühlte sich schwach, benommen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Jemand klopfte an die Tür und trat ein. Es war Holger. ”Du bist wach, wie schön!” rief er aus, ”wie fühlst du dich?”

”Ich weiss nicht. Wo bin ich, was ist passiert?”

”Wir sind alle auf Stewart Island, einer grossen Insel vor der Küste Neuseelands. Exitus ist vorbildlich verlaufen. Menschen, Tiere, Lebensmittel etc. etc. alles ist reibungslos rübergeschafft worden. Und dann haben wir die Boote zerstört.”

Gwiazda war sprachlos und starrte Holger stumm an.

”Ich musste dich betäuben, sonst hättest du die Gasmaske nicht aufgesetzt, das war mir klar!” sagte Holger, ”aber wir brauchen dich als Leitfigur für die neue Menschheit. Du bist die Mutter des neuen Volkes. Verfolgt von den Anhängern Mammons, deine Eltern von ebendiesen ermordet, du bist unsere Heldenfigur, die diese Gruppe zusammenhalten soll.”

Gwiazda fühlte sich nicht sehr heldenhaft. Noch nie in ihrem Leben war sie so schockiert gewesen wie jetzt. Sie war gefangen genommen worden, ganz einfach. Jetzt war sie an dieses Projekt gebunden, ob sie wollte oder nicht. Sie gab vor wieder zu schlafen. Sie war einfach noch nicht stark genug, sich dieser neuen Realität zu stellen.

Am nächsten Tag kam ihr Grossvater zu Besuch. Er war der ’einsame Wanderer’ und ging immer noch in Hut und wehendem Mantel gekleidet. Er erzählte Gwiazda, wie sie jahrelang diese Operation vorbereitet hatten, immer in der Gefahr schwebend, dass die Diener Mammons sie entdecken würden. Aber es war ihnen gelungen 900 Menschen auf diese Insel zu bringen. Familien aller Nationalitäten, Hautfarben und Religionen. Das Ziel war diese Menschen sich vermischen zu lassen, so dass am Ende alle sehr individuell aussahen und es keine Gruppen mehr geben würde, zu denen man zugeordnet werden konnte. ’Die haben keine besonders gute Menschenkenntnis’, dachte Gwiazda, ’ohne Schubladen können die meisten Menschen gar nicht leben; Schubladendenken gibt ihnen Sicherheit.’ Aber natürlich konnten diese Wandereranhänger besondere Menschen sein.

”Wir haben nur zwei Gesetze, die für ein friedliches Miteinander ausreichen sollten: ’Einer für alle, alle für einen’ und ’was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu’, das reicht völlig. Alle arbeiten drei Stunden am Tag in den Feldern und drei Stunden in ihrem anderen Beruf, wenn sie einen haben, ansonsten 6 Stunden in den Feldern oder beim Fischen. Bis alles eingerichtet ist, wird die Nahrung hauptsächlich aus Fisch und anderen Meerestieren bestehen. Die Leute sind in guter Stimmung und zuversichtlich. Ich hoffe, dass du sehr bald zu ihnen reden können wirst.” erzählte ihr Grossvater.

’Zu ihnen reden? Ach ja, sie war ja die Mutter der Nation’, dachte Gwiazda spöttisch.

Von dem Tag an wurde sie nicht in Ruhe gelassen. Holger kam, der Grossvater kam, und eine ältere Dame kam sie besuchen. Sie war auch ein Wanderer oder würde man hier Wanderin sagen? Sie machte ihr klar, wie wichtig ihre Rolle war. Sie müsste sich überlegen, wie sie die Leute ansprechen und motivieren würde und, das Wichtigste, sie müsste einen neuen Namen bekommen, der einer ’Mutter der Nation’ würdig war. Gwiazda benutzte diesen Ausdruck nur in Gedanken. Die Wanderer nannten sie ’unsere Heldin’.

Sie hatte den Eindruck, dass man sie erst aus dem Zimmer lassen würde, wenn sie sich fügte. Da sie ins Zimmer gesperrt nichts herausfinden konnte, musste sie wohl oder übel erst einmal mitspielen und dann weitersehen. Nun gut, eine motivierende Ansprache und ein Heldenname. Das würde sie können oder? Erst einmal der Name.

Ihr Name Gwiazda bedeutete ’Stern’ auf Polnisch, und Freunde nannten sie normalerweise ’Sternchen’. Die jetzigen Kinder glaubten, dass sie das Sternchen aus dem Buch ’Sternchen und der Wanderer’ war, hatte Holger ihr erzählt. Aber Sternchen passte nicht mehr als Name, bei all der Verantwortung, die Gwiazda anscheinend tragen sollte.

Wie wäre es mit ’Kind der Sterne’ oder ’Sternenkind’, aber sie war kein Kind mehr, dann könnte sie genausogut ’Sternchen’ beibehalten. ’Madame Etoile’? Das klang nach Puffmutter. ’Star Girl’? ’Star Woman’? Das klang nach Superheldin, nicht ideal, aber besser als die anderen Namen. ’Sternenkönigin’? Ziemlich anmassend, nicht wahr? ’Orion’? Das müsste doch Respekt einflössen, klang aber irgendwie männlich. ’Pleijada’? Oh, nein, dann konnte sie sich gleich ’Asteroida’ nennen.

Warum nicht ”Astra”? Per aspera ad astra, durch Mühsal zu den Sternen. Dann war Stewart Island auf jeden Fall noch Teil der Aspera …

Eines stand fest, sie musste aus diesem Zimmer raus, damit sie sich ein Bild von der Lage der Dinge machen konnte. Sie musste mit den anderen Leuten sprechen, hören wie sie dachten, warum sie bei diesem Verbrechen mitgemacht hatten. Ihr war klar, dass sie so natürlich nicht reden durfte, aber denken konnte sie schliesslich immer noch was sie wollte.

’Astra’ also, das klang gut. Das lateinische Motto könnte sie in ihre motivierende Ansprache einbauen. Am besten war, sie würde mit ”ich bin keine grosse Rednerin” beginnen, denn dann waren die Erwartungen nicht so hoch und sie musste keine lange Rede schreiben. Sie liess sich Papier und Kugelschreiber bringen und begann, ihre Antrittsrede als Heldin der neuen Nation zu entwerfen.

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

5 Gedanken zu „Intuition, Teil 6“

    1. Danke dir! Man scheint sich von der Durchmischung das Abnehmen von Konfrontationen zu erhoffen. Aber Streit ist wohl ein integrierter Teil des Menschseins. Irgendein Grund wird immer gefunden, um jemanden auszugrenzen. Wie wäre es wenn man jeden Tag ein wenig Cannabis ins Essen mischte, dann gäbe es keinen Kampf … 😉 … wäre doch gut für Stewart Island. 😀

      Gefällt 1 Person

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