Goldilock und ich ziehen nach Wilhelmsburg

[Genau, zum Wochenende noch eine Goldilock-Geschichte, was zum Schmunzeln oder Kopfschütteln, wie man nun so geartet ist. Wenn ich manchmal zurückdenke, wo ich in meiner Naivität – obwohl ich selber mich natürlich für enorm welterfahren hielt – überall hineingeschlittert bin, kann ich nur froh sein, dass es immer glimpflich ausging.)

 

Wilhelmsburg grenzte 1979 direkt an den Hamburger Freihafen an. Ich meine, dass Goldilock und ich in der Ernastrasse wohnten, und zwar ganz am Ende, vor dem Zaun zum Freihafen. Da stand ein einsamer Wohnungsblock. Zwischen ihm und den anderen war eine grosse Lücke mit gar nichts. Goldilock fand das soooo romantisch. Ich habe nur schallend gelacht, als ich das Haus sah, aber ich hatte nichts dagegen, dort einzuziehen. Es war billig mit guter Bus- und Bahnverbindung in die Innenstadt. Ich hatte nämlich, genau wie Goldilock, die kleinkarierten Nachbarn von unserem Vorortkaff satt und wollte da weg. Wir hatten von unserem jungen Kollegen, der uns das Haus vermietete, erfahren, dass unsere ’Sache’ im Dorfrat diskutiert wurde. Da war für mich Schluss mit lustig.

Wilhelmsburg war damals auch unter dem Namen ’Klein Istanbul’ bekannt, denn 80% der Einwohner waren Türken. Vielleicht gab es 10% Deutsche und 10% andere Nationalitäten, z. B. Italiener, Portugiesen, Spanier und auch ein paar Afrikaner. Es war ein sehr altes, durch den Hafen geprägtes Viertel. Spannend eigentlich, mit Brücken und Wasser und sogar viel grün. Von unseren Zimmerfenstern aus konnten wir den Freihafen beobachten; das Küchenfenster lag zur Strasse hin und das letzte Zimmer hinten hatte direkten Blick auf das Einzelhaus der italienischen Grossfamilie. Da war immer etwas los, besonders am Wochenende. Wir benutzten das Zimmer hauptsächlich zum Bügeln und hatten dann gleichzeitig immer Unterhaltung. Am Wochenende fielen nämlich sämtliche Sippenmitglieder ein und veranstalteten ein grosses Hallo. Der Höhepunkt war das Wochenende, an welchem sie mit einer Ziege nach Hause kamen, die sie alle in Atem hielt, weil sie nicht dafür gesorgt hatten, dass die Umzäunung in Ordnung war. Man wird mich der Vorurteile beschuldigen, aber die Italiener waren bei weitem die lautesten Nachbarn. In unserer Strasse konnte man immer hören, wo Italiener wohnten.

Unsere Küche hatten wir so eingerichtet, dass Goldilock vom Stuhl aus den Kühlschrank bedienen konnte und ich die Besteckschublade und das Geschirr, ungemein praktisch. Von dort aus konnten wir alle Leute sehen, die die Strasse heraufkamen, z. B. den Postboten (mit dem Goldilock dann noch unbedingt eine Affäre anfangen musste) und wer das Haus verliess. In unserem Haus wohnten zwei türkische Familien und ansonsten, wenn man ehrlich ist, ziemlich fertige Typen, von denen einer den Hausmeisterposten innehatte. Wir können uns nicht beklagen, sie waren alle sehr nett zu uns, aber so ganz geheuer waren sie mir nicht immer alle.

Anscheinend hatten diejenigen, die vorher in unserer Wohnung gewohnt hatten, ein Bordell betrieben (ist das nicht ein Ding, das Bordell verfolgte uns). Als da nun wieder zwei Frauen einzogen, nahm man in der Nachbarschaft an, dass dem wieder so wäre. Eines Morgens hörte ich lautes Schimpfen im Treppenhaus. Goldilock, die gerade die Treppe fegte, wurde von einem nichtdeutschsprachigen Türken ’angesprochen’. Er machte eine unzweideutige Geste, die Goldilock später als ’obzön’ bezeichnete und sie schimpfte indigniert mit ihm unter anderem mit dem Ausspruch: ”Dies ist ein anständiges Haus!” Ich wäre fast die Treppe runtergefallen vor Lachen. Ein anständiges Haus voller kleiner Krimineller und Schwindler und Kindern, die die Nachbarn beklauten. Ich konnte mich gar nicht wieder einkriegen, was Goldilock dann noch mehr erboste. Sie hatte mehr Unterstützung von meiner Seite erwartet. Ich meinte nur zu ihr, dass sie doch mal die rosarote Brille abnehmen sollte, wenn sie die Strasse runterging

Goldilock hatte zu dem Zeitpunkt ihren Führerschein verloren. Wir hatten leider eines Nachts ’auf dem Zwutsch’, wie der Hamburger sagt, die Aufmerksamkeit von Polizisten auf uns gezogen, da wir uns nicht entscheiden konnten, wo wir hinwollten und daher dauernd die Fahrspur wechselten. Leider hatte Goldilock etwas Alkohol im Blut …

Zwischenzeitlich hatte sie sich um einen Job beworben, wo sie eigentlich einen Führerschein brauchte. Da hat sie ganz cool gesagt, sie hätte einen, obwohl der bei der Polizei lag. Sie sollte 6 Monate Schulung mitmachen und erst danach zu Kunden fahren und ging davon aus, dass sie nach dem halben Jahr ihren Führerschein wiederhaben würde. Bei sowas konnte sie wirklich eiskalt sein. Das wäre mir zu nervenaufreibend gewesen. Sie hatte keine Garantie dafür, dass sie den Schein zu dem Zeitpunkt wiederhaben würde. Aber, sie hatte! Glück muss der Mensch haben. Ich hätte mich von dem Gedanken zurückhalten lassen, wie peinlich es doch wäre, wenn die Sache aufflöge. Solcherlei Überlegungen hatte sie gar nicht. Für sie war das ein Glücksspiel, mal gewinnt man, mal verliert man. Das gab ihr natürlich ein wesentlich freieres Auftreten. Sie war eine ziemlich gute Vertreterin. Ich meine, sie hätte den Leuten im ewigen Eis Kühlschränke verkaufen können. Oder einem Wüstenscheich Sand. 

Von Wilhelmsburg aus plante Goldilock dann ihre diversen Projekte, um schnell und mit wenig Anstrengung viel Geld zu verdienen. Leider traf sie dann auch noch einen verkrachten, kleinkriminellen Steuerhinterzieher auf Bewährung, der mit Zuhältern Geschäfte machte und sie darin bestärkte, dass nur Idioten Steuern bezahlen. (Hm, und wohin hat ihn das gebracht?) Die grosse Frage war, wer denn der wirkliche Idiot war, denn der gute Mann hatte die Zuhälter betrogen und sich ausserdem nicht bei der Polizei gemeldet, wie er hätte sollen. Jetzt wurde er sowohl von der Polizei als auch von den Zuhältern gesucht. Da war er im Grunde in Wilhelmsburg ganz richtig gelandet und so zog er bei uns ein. Aber jetzt hingen wir plötzlich mit drin. Davon war ich nicht so begeistert. Da er ’Geschäfte’ machen wollte, konnten wir unser Telefon nicht mehr frei benutzen. Aber einmal hing ich fast eine Stunde lang am Telefon. Darüber war er so wütend, dass er sich bei der armen Goldilock lautstark über mich beschwerte. Ich wüsste doch … und ich wäre doch nicht dumm, ich hätte schliesslich Abitur. Das fand ich wieder urkomisch. Ich hätte den undankbaren Typen rausgeworfen, wenn ich Goldilock gewesen wäre. Nun musste der arme Mann doch tatsächlich aus dem Haus gehen und von einem öffentlichen Telefon anrufen! (Letztendlich hinterliess er eine unbezahlte Telefonrechnung von mehr als 500 DM.

Durch meine Schusseligkeit (trotz Abitur) endete sein Aufenthalt bei uns. Das Telefon ging so gegen 1 Uhr morgens, ich hatte schon geschlafen und nahm ab, noch nicht ganz wach. Ein Mann erzählte irgendetwas von einem Paket, dass er für den Steuerhinterzieher abliefern wollte, aber die Adresse brauchte. Wenn ich nicht so schlaftrunken gewesen wäre, hätte ich sicher Lunte gerochen, aber ich gab ihm unsere Adresse. Goldilock und Steuerhinterzieher waren zwischenzeitlich aus ihrem Zimmer gekommen und wollten wissen, was denn los sei. Ich erzählte. Steuerhinterzieher wurde leichenblass, ”Wie konntest du nur so blöd sein!” Blitzschnell, aber nicht ohne noch viel Gezeter, zog er sich an und verschwand in die Nacht. Nicht sehr viel später klopfte es an unsere Tür. Ohne zu öffnen fragte ich: ”Wer ist da?” Da stand ein Mann draussen vor der Tür, der sagte, wir sollten den Chef anrufen. ”Welchen Chef?” fragte ich. Er nannte einen Namen und irgendwas mit einer Mühle, aber ich wusste nicht wovon er redete. Wir sollten den Chef anrufen oder er würde die Tür eintreten. Inzwischen war Goldilock gekommen und sie wusste, wen wir anrufen sollten. Das war der Oberzuhälter. Der sprach dann mit ihr und versprach ihr, wenn man jemals den Steuerhinterzieher bei uns finden würde, dann würden sie unsere Wohnung kurz und klein schlagen. Das machte mich wütend und ich sagte zu Goldilock: ”Jetzt legst du auf und ich rufe die Polizei an. Jetzt reicht es mir!” Ich wurde dann auch etwas lauter, so dass der ’Chef’ mich hören konnte. Als er mich mit der Polizei drohen hörte, war er überzeugt, dass der Steuerhinterzieher nicht bei uns war, denn der wurde schliesslich von der Polizei gesucht. Er konnte ja nicht wissen, dass mir zu dem Zeitpunkt ziemlich gleichgültig war, was mit dem Steuerhinterzieher passierte. Goldilock sprach dann noch etwas mit ihm und dann war anscheinend auf einmal alles in Ordnung. Der Mann hinter der Tür verschwand. Goldilock meinte dann zu mir, dass die Leute völlig harmlos wären. Völlig harmlos? Man hatte gerade damit gedroht, unsere Tür einzutreten und unsere Wohnung zu verwüsten

Ich gab dann noch einen kleinen Extraauftritt mit ”der Mann kommt hier nicht mehr über die Schwelle” und Ähnlichem. Goldilock fragte dann, was sie machen sollte, wenn er seine Sachen holen käme. ”Bring sie ihm raus. Lass ihn nicht in die Wohnung!” meinte ich. Im Gegensatz zu ihr war mir klar, das man mit den ach so harmlosen Leuten nicht spassen sollte. Es dauerte dann noch eine Weile bis er kam. In der Zwischenzeit ging Goldilock die Sachen durch, die er bei uns im Keller deponiert hatte, denn sie wollte schliesslich ihre 500 DM wiederhaben (ich hatte mich geweigert, das mitzubezahlen) und wollte sehen, ob man vielleicht etwas fand, was man verkaufen könnte. Und sie fand! Eine ganze Ladung Pornofilme, die sie dann verscherbelte.

Letztendlich liess sie ihn dann doch in die Wohnung … Leider war ich nicht da, als er kam. Er machte wohl ein ziemliches Theater, besonders wegen der Pornofilme. Das hätte ich gerne miterlebt und ihm meine Meinung gesagt. Das war das Wilhelmsburg-Kapitel. All das brachte Goldilock jedoch nicht von ihren Plänen ab, schnell und ohne Anstrengung viel Geld zu verdienen, doch das ist ein anderes Kapitel.

 

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr 24 Jahre verheiratet und in Dänemark lebend (2017).

3 Gedanken zu „Goldilock und ich ziehen nach Wilhelmsburg“

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