Intuition – Epilog (Gwiazda/Astra)

Nach ihrer Rede bekam Gwiazda, nunmehr Astra, die ”Mutter der Nation”, volle Bewegungsfreiheit. Auch wurde sie in Geheimnisse eingeweiht. Sie hatte sich und letztendlich ihren Grossvater gefragt, wo denn die Menschen abgeblieben wären, die vor den neuen Siedlern in Oban (Stewart Island) gewohnt hätten. Man hätte keine einzige Leiche gefunden. Man erklärte ihr daraufhin, dass man aus Rücksicht auf die Kinder die Leichen entfernt hätte. Aber wenn Schlafspray und Exitus gleichzeitig stattfanden, wie und wann wurden dann die Leichen entfernt? Diesen Gedanken behielt sie für sich.

Die Wanderer und ihre Anhänger hatten über Jahre hinweg Material und Lebensmittel gesammelt, um die Übersiedlung zu ermöglichen. Es gab nichts woran sie nicht gedacht hätten: Wohncontainer, haltbare Lebensmittel, Geräte, Werkzeuge, Samen, Pflanzen, Tiere fast wie eine Arche Noah. Wie hatten sie das nur alles unbemerkt zusammengesammelt? Mammon war stark und hatte viele Anhänger. Es kam ihr merkwürdig vor. Doch auch diese Überlegung äusserte sie nicht laut.

Sogar Computer gab es, aber nur für die Wanderer, und die restliche Bevölkerung von Stewart Island wusste nichts davon. Gwiazda fragte natürlich, warum das so sei, aber die Antwort darauf war so vage und gleichzeitig verschnörkelt, dass sie sich keinen Reim darauf machen konnte. Man verbot ihr auch strengstens darüber zu reden. Auch bekam sie keinen Zugang zu den Computern. Auf die Frage, woher denn die Elektrizität für die Computer herkäme und anscheinend existierte auch eine Internetverbindung, bekam sie eine für sie völlig unverständliche technische Antwort. Natürlich gab es Elektrizität auf der Insel, denn selbstverständlich hatte man an Generatoren gedacht, aber das reichte nur für den täglichen Hausgebrauch. Später sollten Windmühlen im Meer aufgestellt werden und auf der benachbarten unbewohnten Insel Ruapuke, denn auch diese hatte man nicht vergessen mitzunehmen. Gwiazda konnte sich nicht vorstellen, dass es noch ein Internet geben sollte, wenn alle Menschen tot waren. Vielleicht weil einige davon beim Einschlafen online waren? Müsste dann nicht irgendwann der Strom ausfallen und dann wäre alles tot? Sie hatte nämlich auch Lichter an der neuseeländischen Küste gesehen, die ihr Grossvater damit abtat, dass es sich um automatisierte Strassenbeleuchtung handelte, die irgendwann nicht mehr funktionieren würde.

Gwiazda suchte den Kontakt zu ihren Mitbürgern und fand heraus, dass es sich um ernsthafte, dedikierte Menschen handelte, die auf der anderen Seite in dem begangenen totalen Völkermord kein Verbrechen sahen, sondern eine Notwendigkeit, wenn der Planet gerettet werden sollte. Natürlich war sie sehr vorsichtig, wenn sie andere Leute traf. Als Mutter der Nation konnte sie schliesslich nicht verräterische Äusserungen von sich geben. Es war auch gefährlich in Bezug auf die Wanderer. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie diese Leute nicht unterschätzen durfte und ihre Geduld mit ihr nicht unbegrenzt sein würde. Schliesslich hatten sie ihre Rücksichtslosigkeit bewiesen, nicht wahr? Die Verwandschaft mit einem Wanderer würde sie nicht völlig absichern.

Einmal hatte sie ihren Grossvater gefragt, wie es ihnen denn gelungen wäre die Unterwanderung durch Spione Mammons zu vermeiden. ”Ganz einfach”, hatte er geantwortet, ”man lässt alle ein Kapitel aus ”Sternchen und der Wanderer” vorlesen. Mammon-Anhänger können das nicht ertragen.” Ihre, ebenfalls stummen Gedanken dazu waren, dass ein dedikierter Spion doch sicherlich versuchen würde sich dem ”Gift” des Buches gegenüber immun zu machen.

Der Kontakt zum Festland war total untersagt. Aus eben diesem Grund hatte man ja alle Schiffe zerstört. Aber waren wirklich alle zerstört? Gwiazda meinte manchmal nachts Motorengeräusch auf dem Meer gehört zu haben. Aber sie wollte lieber nicht nachfragen, denn sie hatte sich schon als zu neugierig gezeigt und wollte nicht wieder in ein Zimmer gesperrt werden.

Im Laufe der folgenden Jahre, in denen die Gemeinschaft stärker wurde, die Anzahl der Kolonisten wuchs, die Schmelztiegelidee zu funktionieren schien und alle oder besser die meisten sich über den Erfolg des Projektes freuten, kam es immer mal wieder vor, dass sich einzelne Siedler, merkwürdigerweise alles Männer, sich Flösse bauten und sich zum Festland aufmachten. Die meisten sah man nie wieder. Einzelne kamen zurück, wurden aber nicht an Land gelassen, denn schliesslich konnten sie Träger des Virus sein, den die Wanderer und ihre Anhänger auf die Menschheit losgelassen hatten. Wer insistierte an Land zu kommen, wurde erschossen. Ja, Waffen hatte man natürlich auch nicht vergessen …

Gwiazda verstand nicht, warum man nicht einfach ein Quarantänezentrum einrichtete, anstatt diese Leute zu erschiessen, denn so viele waren es ja nicht, die zurückkamen. Wie schrecklich war dieser Virus?

Oder hatten diese Leute auf dem Festland etwas entdeckt, von dem die Wanderer nicht wollten, dass es herauskam? Hatten die Wanderer Gwiazda und allen anderen ein fantastisches Märchen aufgetischt? Aber warum? Was steckte dahinter? Wie war die Situation auf dem Festland wirklich? Vielleicht waren gar nicht alle tot?

Gwiazda würde sich hüten, darüber mit ihrem Grossvater zu sprechen. Er war bereits misstrauisch geworden als sie sich so sehr für die Computer interessierte. Ausserdem hatte sie bei ihm einen Erfolg verbucht. Die Wanderer hatten tatsächlich geplant, dass Gwiazda und Holger heiraten und somit als Volksheldenpaar auftreten sollten, und dann kleine Volksheldenkinder auf die Welt brachten. Das hatte Gwiazda kategorisch abgelehnt, denn einen Ehepartner wollte sie sich selber wählen, wenn überhaupt. Sie hatte gedroht, dass sie versuchen würde zum Festland zu schwimmen, wenn der Plan nicht fallen gelassen würde. Die Wanderer waren wütend, aber in diesem Fall hatten sie nicht darauf bestanden. Sie musste vorsichtig sein, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten. Holger war natürlich gekränkt und ignorierte sie momentan völlig, doch das war ihr nur Recht.

Sie fühlte sich sehr verunsichert. Einerseits schien die Besiedelung der Insel und die Versorgung der Gemeinschaft einwandfrei zu funktionieren, aber andererseits befielen sie Zweifel über den Hintergrund dieses Projektes. Hatten sie wirklich die Menschheit gerettet? Oder hatten sie die Welt vor der Menschheit gerettet? Den Erreger sozusagen eingekapselt?

Hatte sie das Richtige getan, als sie einwilligte, die Mutter der Nation zu spielen? Hatten die Wanderer sie vielleicht alle belogen? Die Zukunft würde es zeigen. Sie musste wachsam bleiben und bereit sein für das, was kommen würde.

END

Intuition, Teil 7 (Astras Rede)

Eine motivierende Rede zu schreiben erwies sich schwieriger als erwartet. Astra, alias Gwiazda, tat sich schon mit dem Anfang schwer. Wie sollte sie diese Leute anreden? Kameraden wäre wohl etwas zu plump vertraulich und klang entweder nach Pfadfindern oder nach Kommunisten. ”Mithelden”? Damit könnte sie sich vielleich einschmeicheln, aber es klang ziemlich dämlich.

”Mitstreiter”? Sie stritten ja nicht, die Gegenseite war schliesslich ausgemerzt oder? Sie sollte die Wanderer fragen, wozu sie eigentlich keine Lust hatte.

”Freunde und Freundinnen”, ja, schlicht und einfach. Vielleicht regt sich dann jemand auf, dass ich die männliche Form zuerst gebrauche, aber wenn Gleichberechtigung herrscht, können Frauen ja nicht verlangen, immer an erster Stelle genannt zu werden, nicht wahr? Ausserdem hatten die Menschen hier auf Stewart Island sicherlich wichtigere Dinge im Kopf.

Freunde und Freundinnen,
ich bin keine grosse Rednerin, eher eine Frau der Tat, [Wirklich? Was hast du denn Grosses getan?] genau wir ihr alle, die ihr hier mit mir auf Stewart Island versammelt seid. [”gestrandet” klingt so hilflos, selbst wenn es stimmt]. Jahrelang haben wir Projekt Exitus vorbereitet, immer in der Gefahr, von den Dienern Mammons entdeckt und getötet zu werden, wie meine Eltern [ich habe letztendlich keine Ahnung, ob das stimmt, aber es scheint mir strategisch klug, es hier zu erwähnen von wegen Märtyrer und Heldin, ha, so ein Schwachsinn]. Ihr Tod ist nicht vergebens gewesen, mit offenen Augen und wachem Sinn haben wir uns auf den Weg zu dieser Insel, unserer neuen Heimat gemacht [die Ironie dieser Bemerkung verstehen zwar nur die Wanderer, aber ich kann sie mir nicht verkneifen. Die Anderen wissen sicherlich nicht, dass ich betäubt und entführt worden bin]. Hier werden wir zusammen neu beginnen, eine neue Menschheit heranwachsen sehen und eine bessere Welt als die alte schaffen. In der Zwischenzeit kann der Planet gesunden und wird unsere Nachkommen später mit offenen Armen aufnehmen.
Lasst uns daher nicht so viele Worte machen, sondern schreiten wir zur Tat. Per aspera ad astra, nur durch Mühsal erreicht man die Sterne bzw. die Ziele, die man vor Augen hat. Es gibt viel zu tun. Die Zukunft der Welt und der Menschheit liegt in unseren Händen. Mögen wir uns der grossen Verantwortung bewusst sein und dementsprechend handeln.
Unsere Herzen sind verbunden; seid tapfer!
[Dann mache ich einen Verbeuger, um meine angeborene Demut zu demonstrieren und winke in die Menge oder so. Mit der Rede konnten die Wanderer doch zufrieden sein oder?] (*Am Ende kommt noch einmal die Rede ohne die eckigen Klammern mit Astras Gedanken.)

Die Wanderer waren mehr als zufrieden. Sie sahen Astra erstaunt an; dann erhellten sich ihre Augen.

”So viel Einfühlungsvermögen hätten wir nicht von dir erwartet”, gestand Astras Grossvater, ”schliesslich warst du bei den Vorbereitungen gar nicht dabei. Aber du hattest schon immer einen wachen Sinn.” Der Bemerkung folgte ein Augenzwinkern. Aha, er hatte also die Ironie bemerkt, gut so. Sie sollten nicht denken, dass sie sie für dumm verkaufen konnten. Wenn sie mitspielen sollte, musste in Zukunft Klartext geredet werden. Sie hegte allerdings den nagenden Zweifel, dass sie den Wanderern bezüglich Manipulation und Strategie gewachsen war. Sie hatte ihre Emotionen noch nicht im Griff.

An dem Tag, an dem Astra ihre Rede hielt, herrschte schönstes Sonnenwetter mit azurblauem Himmel und nur einer sanften Brise. Die versammelten Menschen waren ernst, aber nicht feindselig. Die Rede weckte grossen Widerhall, einige Leute begannen sogar zu weinen. Als Astra ihnen am Schluss zuwinkte, begannen sie einstimig zu rufen ”Astra, Astra, Astra” und ”Per aspera ad astra”.

Die Wanderer warfen sich verstohlen zufriedene Blicke zu. Das Einzige, was Astra Sorgen machte war die Tatsache, dass während ihrer gesamten Rede Holger direkt hinter ihr stand. Sie hatte das nicht gleich bemerkt, aber sie konnte sehen, dass einige Zuhörer tuschelten und hinter sie schauten. Als sie sich umdrehte stand dort Holger und strahlte sie an. Sie musste mit ihrem Grossvater sprechen. Wenn es bedeutete, was sie glaubte, dass es bedeutete, musste sie ihm die Idee ausreden. Verkuppeln lassen wollte sie sich verdammt nochmal nicht, was bildeten die sich ein. Aber vielleicht täuschte sie sich ja auch …

 

 

* Freunde und Freundinnen,
ich bin keine grosse Rednerin, eher eine Frau der Tat, genau wir ihr alle, die ihr hier mit mir auf Stewart Island versammelt seid.
Jahrelang haben wir Projekt Exitus vorbereitet, immer in der Gefahr, von den Dienern Mammons entdeckt und getötet zu werden, wie meine Eltern. Ihr Tod ist nicht vergebens gewesen, mit offenen Augen und wachem Sinn haben wir uns auf den Weg zu dieser Insel, unserer neuen Heimat gemacht. Hier werden wir zusammen neu beginnen, eine neue Menschheit heranwachsen sehen und eine bessere Welt als die alte schaffen.
In der Zwischenzeit kann der Planet gesunden und wird unsere Nachkommen später mit offenen Armen aufnehmen.
Lasst uns daher nicht so viele Worte machen, sondern schreiten wir zur Tat. Per aspera ad astra, nur durch Mühsal erreicht man die Sterne bzw. die Ziele, die man vor Augen hat.
Es gibt viel zu tun. Die Zukunft der Welt und der Menschheit liegt in unseren Händen. Mögen wir uns der grossen Verantwortung bewusst sein und dementsprechend handeln.
Unsere Herzen sind verbunden; seid tapfer!

 

Intuition, Teil 6

Intuition, Teil 6

 

Gwiazda verbrachte Stunden damit hin- und her zu überlegen. Nur eines war sicher: sie würde die Gasmaske nicht benutzen. Sie wollte nicht Teil eines Verbrechens dieses Ausmasses sein. Irgendwann siegte die Erschöpfung und Gwiazda schlief auf dem Sofa ein.

So bemerkte sie nicht, dass Holger zurückkam, ihr etwas in den Arm spritzte und zwei junge Männer mit einer Tragbahre in ihre Wohnung liess, die sie in einen Krankenwagen trugen, der mit Blaulicht vor dem Haus hielt. Ihre Entführung wurde als Notfall getarnt. Holger schloss die Wohnung ab, warum eigentlich?

 ————————–  ***  ————————–

Als Gwiazda aufwachte, wusste sie nicht, wo sie wahr. Dieses Zimmer hatte sie noch nie gesehen. Sie wühlte sich schwach, benommen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Jemand klopfte an die Tür und trat ein. Es war Holger. ”Du bist wach, wie schön!” rief er aus, ”wie fühlst du dich?”

”Ich weiss nicht. Wo bin ich, was ist passiert?”

”Wir sind alle auf Stewart Island, einer grossen Insel vor der Küste Neuseelands. Exitus ist vorbildlich verlaufen. Menschen, Tiere, Lebensmittel etc. etc. alles ist reibungslos rübergeschafft worden. Und dann haben wir die Boote zerstört.”

Gwiazda war sprachlos und starrte Holger stumm an.

”Ich musste dich betäuben, sonst hättest du die Gasmaske nicht aufgesetzt, das war mir klar!” sagte Holger, ”aber wir brauchen dich als Leitfigur für die neue Menschheit. Du bist die Mutter des neuen Volkes. Verfolgt von den Anhängern Mammons, deine Eltern von ebendiesen ermordet, du bist unsere Heldenfigur, die diese Gruppe zusammenhalten soll.”

Gwiazda fühlte sich nicht sehr heldenhaft. Noch nie in ihrem Leben war sie so schockiert gewesen wie jetzt. Sie war gefangen genommen worden, ganz einfach. Jetzt war sie an dieses Projekt gebunden, ob sie wollte oder nicht. Sie gab vor wieder zu schlafen. Sie war einfach noch nicht stark genug, sich dieser neuen Realität zu stellen.

Am nächsten Tag kam ihr Grossvater zu Besuch. Er war der ’einsame Wanderer’ und ging immer noch in Hut und wehendem Mantel gekleidet. Er erzählte Gwiazda, wie sie jahrelang diese Operation vorbereitet hatten, immer in der Gefahr schwebend, dass die Diener Mammons sie entdecken würden. Aber es war ihnen gelungen 900 Menschen auf diese Insel zu bringen. Familien aller Nationalitäten, Hautfarben und Religionen. Das Ziel war diese Menschen sich vermischen zu lassen, so dass am Ende alle sehr individuell aussahen und es keine Gruppen mehr geben würde, zu denen man zugeordnet werden konnte. ’Die haben keine besonders gute Menschenkenntnis’, dachte Gwiazda, ’ohne Schubladen können die meisten Menschen gar nicht leben; Schubladendenken gibt ihnen Sicherheit.’ Aber natürlich konnten diese Wandereranhänger besondere Menschen sein.

”Wir haben nur zwei Gesetze, die für ein friedliches Miteinander ausreichen sollten: ’Einer für alle, alle für einen’ und ’was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu’, das reicht völlig. Alle arbeiten drei Stunden am Tag in den Feldern und drei Stunden in ihrem anderen Beruf, wenn sie einen haben, ansonsten 6 Stunden in den Feldern oder beim Fischen. Bis alles eingerichtet ist, wird die Nahrung hauptsächlich aus Fisch und anderen Meerestieren bestehen. Die Leute sind in guter Stimmung und zuversichtlich. Ich hoffe, dass du sehr bald zu ihnen reden können wirst.” erzählte ihr Grossvater.

’Zu ihnen reden? Ach ja, sie war ja die Mutter der Nation’, dachte Gwiazda spöttisch.

Von dem Tag an wurde sie nicht in Ruhe gelassen. Holger kam, der Grossvater kam, und eine ältere Dame kam sie besuchen. Sie war auch ein Wanderer oder würde man hier Wanderin sagen? Sie machte ihr klar, wie wichtig ihre Rolle war. Sie müsste sich überlegen, wie sie die Leute ansprechen und motivieren würde und, das Wichtigste, sie müsste einen neuen Namen bekommen, der einer ’Mutter der Nation’ würdig war. Gwiazda benutzte diesen Ausdruck nur in Gedanken. Die Wanderer nannten sie ’unsere Heldin’.

Sie hatte den Eindruck, dass man sie erst aus dem Zimmer lassen würde, wenn sie sich fügte. Da sie ins Zimmer gesperrt nichts herausfinden konnte, musste sie wohl oder übel erst einmal mitspielen und dann weitersehen. Nun gut, eine motivierende Ansprache und ein Heldenname. Das würde sie können oder? Erst einmal der Name.

Ihr Name Gwiazda bedeutete ’Stern’ auf Polnisch, und Freunde nannten sie normalerweise ’Sternchen’. Die jetzigen Kinder glaubten, dass sie das Sternchen aus dem Buch ’Sternchen und der Wanderer’ war, hatte Holger ihr erzählt. Aber Sternchen passte nicht mehr als Name, bei all der Verantwortung, die Gwiazda anscheinend tragen sollte.

Wie wäre es mit ’Kind der Sterne’ oder ’Sternenkind’, aber sie war kein Kind mehr, dann könnte sie genausogut ’Sternchen’ beibehalten. ’Madame Etoile’? Das klang nach Puffmutter. ’Star Girl’? ’Star Woman’? Das klang nach Superheldin, nicht ideal, aber besser als die anderen Namen. ’Sternenkönigin’? Ziemlich anmassend, nicht wahr? ’Orion’? Das müsste doch Respekt einflössen, klang aber irgendwie männlich. ’Pleijada’? Oh, nein, dann konnte sie sich gleich ’Asteroida’ nennen.

Warum nicht ”Astra”? Per aspera ad astra, durch Mühsal zu den Sternen. Dann war Stewart Island auf jeden Fall noch Teil der Aspera …

Eines stand fest, sie musste aus diesem Zimmer raus, damit sie sich ein Bild von der Lage der Dinge machen konnte. Sie musste mit den anderen Leuten sprechen, hören wie sie dachten, warum sie bei diesem Verbrechen mitgemacht hatten. Ihr war klar, dass sie so natürlich nicht reden durfte, aber denken konnte sie schliesslich immer noch was sie wollte.

’Astra’ also, das klang gut. Das lateinische Motto könnte sie in ihre motivierende Ansprache einbauen. Am besten war, sie würde mit ”ich bin keine grosse Rednerin” beginnen, denn dann waren die Erwartungen nicht so hoch und sie musste keine lange Rede schreiben. Sie liess sich Papier und Kugelschreiber bringen und begann, ihre Antrittsrede als Heldin der neuen Nation zu entwerfen.

Intuition, Teil 5

Es vergingen wiederum einige Wochen, Gwiazda zählte sie nicht, und nichts geschah. ’Typisch’, dachte Gwiazda, ’all diese Geheimniskrämerei für nichts und wieder nichts!’

Als sie an dem Tag abends nach Hause kam, sass Holger in ihrem Wohnzimmer und lächelte ihr freudig entgegen. Anstelle einer Begrüssung platzte es aus ihr heraus: ”Was fällt euch eigentlich ein, immer einfach so in meine Wohnung einzudringen? Wie zum Teufel kommt ihr hier herein?”

Holger sah sie verdattert an und meinte: ”Wieso, ich dachte du wüsstest Bescheid!”

”Nichts weiss ich, gar nichts weiss ich, ich werde immer nur mit Geschwafel abgespeist und jetzt reicht es mir! Ausserdem weiss ich nicht einmal, für wen du eigentlich arbeitest und was du mit dem Attentat auf den jungen Mann zu tun hattest!”

Holger war verletzt, das konnte man deutlich sehen. ”Wie kannst du nur so etwas von mir denken! Ich habe den jungen Mann gerettet! Und jetzt bin ich hier, um dich zu retten und Phase Exitus einzuleiten!”

”Phase Exitus? Was soll das denn sein?” fragte Gwiazda, ”sollen wir in eine neue, schönere Welt auswandern?” Letztere Frage hatte einen stark sarkastischen Unterton.

”So könnte man das nennen”, erwiderte Holger, ”hier ist übrigens deine Gasmaske. Pünktlich um 24.00 Uhr morgen Nacht musst du sie aufhaben, sonst schläfst du ein und wachst nie wieder auf.”

Gwiazda starrte ihn mit offenem Mund an. ”Was redest du da? Wollt ihr die ganze Menschheit umbringen? Seid ihr völlig verrückt geworden?”

”Sternchen, es geht nicht mehr anders. Die Mammon-Krankheit ist zu weit fortgeschritten, und der Grossteil der Menschheit hängt ihm an oder ist total gleichgültig. Nur die Wanderer und ihre Anhänger und Familien werden gerettet werden und an einem sicheren Ort eine neue Menschheit aufbauen.”

Gwiazda traute ihren Ohren nicht. ”Ihr grössenwahnsinnigen, selbstgerechten …. ” ihr fehlten die Worte. ”Ich werde die Maske nicht aufsetzen! Ausserdem werde ich sämtliche Geheimdienste der Welt informieren, die werden euch schon das Handwerk legen!” Sie schrie jetzt.

”Uns?” fragte Holger süffisant, ”du und deine Familie sind tief in alles involviert. Spiel hier nicht die Heilige! Wenn wir untergehen, gehst du mit uns!”

Gwiazda war sprachlos. Vieles hatte sie erwartet, aber nicht so eine radikale Massnahme. ”Was ist mit all den Kindern, die könnt ihr doch nicht einfach umbringen! Was können die für die Taten oder Gleichgültigkeit ihrer Eltern”, räsonierte sie.

”Gwiazda”, sagte Holger, ”ich finde es auch furchtbar, aber es gibt keinen anderen Weg mehr, glaube mir! Die Menschheit muss von vorne beginnen. Und besser mit uns als mit den Anhängern Mammons, denn sie sind dabei, den ganzen Planeten zu zerstören.”

”Ich weiss nicht”, erwiderte Gwiazda, ”es erscheint mir Unrecht Gott zu spielen. Wenn der ganze Planet stirbt, kann doch auch ein neuer Anfang gemacht werden, aber dann hat niemand von uns ein Urteil über andere ausgesprochen.”

”Doch Gwiazda, die Anhänger Mammons sind bereits dabei, die Menschheit nach ihren eigenen Kriterien ’auszudünnen’, wie sie das nennen. Unsere Massnahme kann daher sogar als Notwehr angesehen werden.”

”Aber so viele Unschuldige werden sterben”, rief Gwiazda verzweifelt.

”Niemand ist unschuldig”, erwiderte Holger, ”und jetzt musst du entscheiden, was du willst. Wenn du wirklich Alarm schlagen willst, muss ich dich betäuben bis morgen Nacht. Bitte mache das nicht notwendig! Du kannst natürlich selber entscheiden, ob du die Maske anlegen willst oder nicht, aber ich hoffe, dass du es tun wirst! Wir brauchen dich!”

Gwiazda war wie zu einer Salzsäule erstarrt. Sie kam nicht einmal auf die Idee „Warum braucht ihr mich?“ zu fragen. Holger sah sie prüfend an. Sie nickte und Holger verliess die Wohnung. Gwiazda liess sich auf das Sofa fallen; sie fühlte sich schwindelig. Die Gasmaske lag anklagend auf dem Boden. Was sollte sie tun? Sollte sie die Wanderer verraten und gemeinsam mit ihnen bestraft werden? Sollte sie ganz einfach die Maske nicht aufsetzen? In beiden Fällen würde sie nie erfahren, wie die Wanderer sich eine neue Menschheit vorstellten und wie sie das zuwege bringen wollten. Das war ein zynischer Gedankengang. Der Zweck heiligt die Mittel? Das war nie ihre Devise gewesen. Ob das mit dem ’Ausdünnen’ wohl stimmte? Sie würde es bis morgen Mitternacht nicht schaffen können, alle Aussagen, die man ihr gegenüber gemacht hatte, zu überprüfen. Wie hatte sie nur so naiv sein können?

Intuition, Teil 4

Ich war der Meinung, dass ich diesen Abschnitt gestern Nacht so gegen 02.00 Uhr morgens „gepublished“ hätte. War aber nicht so.

[Für die Nachteulen schon mal vorab:]

Es gingen einige Wochen ins Land, wie man so schön sagt, und nichts tat sich, aber auch gar nichts. Gwiazda hatte keine plötzlichen ”zufälligen” Treffen, weder der einsame Wanderer noch die Ledermantelmänner tauchten auf, und sie bekam nicht den geringsten Hinweis darauf, was sie unternehmen sollte. Auch wusste sie immer noch nicht, was aus Holger und dem jungen Verletzten geworden war.

Sie kam daher auf die Idee, den alten Mann ”anzulocken”, und zwar mit dem Buch ”Sternchen und der Wanderer”.

Am kommenden Sonnabend fand Gwiazda ein Cafe in der Nähe des Restaurants, wo sie die Ledermantelmänner gesehen hatte und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Sie legte das Buch von aussen gut sichtbar auf den Tisch.

Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass sich von fast allen Tischen im Cafe mindestens eine Person umwenden und sie anstarren würde. In den Blicken dieser Menschen war Ekel, Schrecken, ja sogar Wut zu lesen. Schliesslich kam ein jüngerer Mann mit wutverzerrter Miene an ihren Tisch und fragte sie, ob das ihr Buch wäre. Intuitiv verneinte Gwiazda. ”Es lag auf dem Stuhl als ich kam.”
”Tun Sie es weg, verbrennen Sie es, vernichten Sie es!” rief der junge Mann mit Verzweiflung in der Stimme.
”Es ist doch nicht mein Eigentum, vielleicht kommt der Besitzer zurück um es zu holen!” erwiderte Gwiazda.
”Dann legen Sie es wenigstens zurück auf den Stuhl, mit dem Titelbild nach unten!” flehte er sie an.
”Na gut, regen Sie sich nicht auf!” sagte Gwiazda und tat wie er sie gebeten hatte. Doch was war das? Auf der Rückseite des Buches, wo normalerweise eine Zusammenfassung des Inhalts stand, war auf einmal das Gesicht des alten Mannes mit der Zipfelmütze zu sehen. Gwiazda versuchte, nicht erstaunt zu wirken, denn schliesslich hatte sie ja behauptet, das Buch nicht zu kennen.

Die Wirkung des Bildes auf den jungen Mann war jedoch verblüffend: er wurde kreidebleich, fasste sich mit der rechten Hand ans Herz und bekam anscheinend keine Luft mehr.

Gwiazda sprang auf und klopfte ihm auf den Rücken. ”Was ist denn mit Ihnen?” fragte sie den jungen Mann, ”das ist doch nur irgendein alter Mann!”
Der junge Mann schaute sie erschreckt an. ”Ja, natürlich, Sie haben völlig Recht”, sagte er und verschwand eilends aus dem Cafe.

Um die Gemüter zu beruhigen, deckte Gwiazda das Buch mit einer Serviette zu und liess es liegen, als sie aus dem Cafe ging. Sie wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es gab anscheinend unzählige Anhänger Mammons. Wie sollte sie nur die Menschheit retten bei so vielen Widersachern? Sie schienen überall zu sein.

Als sie nach Hause kam, sass der alte Mann mit der Zipfelmütze in ihrem Wohnzimmer. ”Bist du denn völlig wahnsinnig geworden? fuhr er sie an, ”willst du in allerletzter Minute noch alles verderben?”

Anstatt zu antworten fragte Gwiazda ihn, wie er in ihre Wohnung gekommen sei und ausserdem sei sie das alles leid, denn sie solle angeblich die Menschheit retten, bekomme aber keine Antwort auf Fragen, sondern nur mystische, vage Andeutungen.

Der Ton des alten Mannes veränderte sich. ”Du hast Recht, es ist nicht einfach für dich. Habe nur noch ein ganz klein wenig Geduld. In wenigen Wochen ist alles vorbei und eine neue Ära mit dir an der Spitze beginnt. Bitte vertraue mir, um deines Grossvaters willen! Du wirst benachrichtigt, wenn es so weit ist. Es wird nicht mehr lange dauern, einen Monat höchstens.”

Bevor Gwiazda nachfragen konnte was ”mit dir an der Spitze” bedeutete, war der alte Mann wieder verschwunden. Das war doch eine irritierende Angewohnheit!

Sie hatte die Nase gestrichen voll, endgültig! Sie würde das alles vergessen, und die Wanderer konnten sie mal an die Füsse fassen. Aus, Schluss, vorbei!

Intuition, Teil 3

Wiederum ein Beitrag zu dem Projekt ”Schreib mit mir” von Frau OFFENSCHREIBEN

Es dauerte mehrere Wochen, bis Gwiazda langsam anfing, sich mit den Umständen abzufinden. Erst der merkwürdige Auftritt der Lederbekleideten im Restaurant; dann der junge Mann, der fluchtartig das Restaurant verlassen hatte und den sie später halbtot auf dem Gehsteig gefunden hatte; der Komplott hinterher, der seine gesamte Existenz ableugnete. Das war eine ganze Menge, die sie verarbeiten musste. Aber letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass sie mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wollte, wirklich ganz und gar nichts.

Sie hatte sich auch eine Zeit lang von ihrer Arbeit als Krankenschwester beurlauben lassen. Doch jetzt wollte sie ihr Leben gerne wieder normalisieren.

Der erste Arbeitstag lief friedlich ab. Die Kolleginnen und Kollegen waren alle sehr rücksichtsvoll. Irgendwie hatte ihre Geschichte sich herumgesprochen. Gwiazda wollte aber nicht wissen, was genau erzählt wurde. Es würde sowieso nicht stimmen.

Am Abend ging sie zufrieden nach Hause. Sie würde die Fäden ihres Lebens wieder aufnehmen und alles würde sich ordnen.

Als sie in die Strasse einbog, in der sie wohnte, stand auf einmal ein alter Mann vor ihr. Er sah alt aus, enorm alt, mit unzähligen Falten im Gesicht. Auf dem Kopf trug er eine altmodische Zipfelmütze, die im Gegensatz zu seinem strengen Gesicht und den scharf, ja fast stechend blickenden Augen stand. Sein Mantel war mehr ein Umhang. Was er darunter trug, war nicht zu sehen. Gwiazda fand, dass er der Beschreibung des alten Busfahrers aus der Halluzination ihrer Freundin Sofia nach deren Unfall ähnelte. Genauso hätte sie ihn sich vorgestellt.

”Du verschwendest deine Zeit, Mädchen”, fuhr der Alte sie an. ”Geh nach Hause und finde das Buch, dein Lieblingsbuch, das du sogar mit ins Bett nahmst. Erinnerst du dich denn nicht daran? Öffne es, damit sein Zauber sich dir zeigen kann. Tu es solange du noch kannst!” Nach diesen Worten eilte der alte Mann um die Ecke und verschwand in der Dunkelheit.

Gwiazda erinnerte sich natürlich an das Buch. Es war ein Märchenbuch: Sternchen und der Wanderer. Der Wanderer? Wie hatte sie das nur vergessen können! Die Neugier packte sie, vergessen waren Frustration und Angst. Sie eilte in ihre Wohnung und kramte das Buch hervor. Es lag in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks, wo sie es unter einer Decke versteckt hatte. Warum eigentlich? Sie wusste es nicht mehr. Vielleicht hing es mit dem Tod ihrer Eltern zusammen, die ihr als Kind daraus vorgelesen hatten.

Unter der Decke lag auch ihr alter Wecker mit einer Abbildung des Sternenbilds Orion auf der Scheibe. Beide Gegenstände waren eng mit ihrer glücklichen Kindheit verknüpft, die ein jähes Ende fand, als erst ihre Mutter und später ihr Vater verunglückten; ihre Mutter wurde auf dem Weg nach Hause überfahren und ihr Vater wurde am Arbeitsplatz von einer Palette mit Gasbetonsteinen erschlagen, die sich auf mystische Weise aus den sie haltenden Ketten gelöst hatte, als der Kran sie anhob, um sie in das dritte Obergeschoss des entstehenden Verwaltungsgebäudes zu heben. Ihr Vater hatte die Aufsicht über die Baustelle geführt.

Gwiazda öffnete das Buch. – Nichts tat sich. Sie wartete ein wenig. Plötzlich stieg eine Art Nebel aus dem Buch auf und formte ein Hologramm, das Bild eines Mannes in wehendem Mantel und schwarzem Hut.

Das Hologramm begann zu sprechen. ”Du, der dieses Buch geöffnet hast, bist der letzte Nachkomme der Wanderer. Die Gruppe der Wanderer bildet das Gewissen der Welt. Einstmals waren wir Tausende, jetzt gibt es nur noch fünf. Dein Grossvater ist einer von uns. Dein Vater hat sich geweigert, die Aufgabe zu übernehmen. Er wollte lieber ein normales Leben führen. Es hat ihm nichts genützt. Die Wanderer werden von den Dienern Mammons gejagt, der sich die Menschheit untertan machen will. Sie sind überall! Sie sind gnadenlos! Du musst die Aufgabe weiterführen, du bist das letzte Glied, die letzte Hoffnung!”

”Aber ich bin eine Frau”, warf Gwiazda ein, ”wie kann ich ein Wanderer sein?”

Das Hologramm antwortete nicht, denn es handelte sich hier um eine Aufzeichnung. Gwiazda fragte sich, wann die wohl gemacht worden war, denn früher war sie nicht im Buch gewesen, da war sie sich völlig sicher. Vielleicht hatte ihr Grossvater sie hergestellt nach dem Tod ihrer Eltern? Warum konnte sie sich überhaupt nicht an ihren Grossvater erinnern?

Das Hologramm hatte ihr weder gesagt, was sie tun könnte noch wie sie es tun könnte. Sehr hilfreich war das alles nicht. Jetzt war sie wieder aus ihrem Alltag gerissen, den sie doch so gerne wiederherstellen wollte und hatte noch nicht einmal Anweisungen oder Ratschläge für die von ihr anscheinend erwartete Rettung der Menschheit erhalten. Ob es wohl Pflicht für einen Wanderer war, in der seltsamen Kleidung herumzulaufen? Und welche Rolle spielte ihr ehemaliger Nachbar und angeblicher Freund Holger eigentlich? Diente er Mammon? Der junge Mann, den sie auf der Strasse gefunden hatte, war ein Sympathisant des Wanderers, denn er hatte ihn warnen wollen. Hatte Holger wohlmöglich etwas mit dem Anschlag auf den jungen Mann zutun? Das wäre schrecklich, unvorstellbar! Aber es war sehr merkwürdig, dass Holger am Abend so spät gerade dort war. Und dann war er sang- und klanglos verschwunden. Oder war auch ihm etwas zugestossen und sie verdächtigte ihn ungerechtfertigt?

Sie würde alle diese Fragen nicht am selben Abend beantwortet bekommen, so viel war sicher! Als Erstes würde sie jetzt das Buch noch einmal durchlesen. Vielleicht waren Hinweise darin versteckt. Ansonsten konnte sie nur hoffen, dass sie dem alten Mann noch einmal begenen würde. Das nächste Mal würde sie ihm gezielte Fragen stellen.

Versprechen

 

Mein Mann und ich hatten die 80 überschritten, und das Leben begann wirklich mühsam zu werden: Wehwehchen, Schmerzen, Bewegungslosigkeit. Dann wurde bei meinem Mann die Alzheimer-Diagnose gestellt.

Wir hatten eine Absprache: keine aktive Sterbehilfe, aber auch keine künstliche Lebensverlängerung. Der Gesundere würde auf den anderen aufpassen, bis er starb.

Ich löste unseren Haushalt auf und verkaufte, verschenkte, vererbte all unser Habengut und unsere Wertgegenstände. Dann suchte ich uns einen kleinen stillgelegten Bauernhof in Nordschweden, in der Nähe von Haparanda, wo niemand wohnen will, dicht an der Grenze zu Finnland.

Dort schlugen wir im Sommer 2003 unsere Zelte auf. Das ist im übertragenen Sinne zu verstehen, denn dort stand ein wunderschönes, gemütliches, kleines Holzhaus in schwedisch Rot mit weissen Kanten. Fliessend Wasser und Elektrizität gab es natürlich nicht, aber das Haus hatte einen grossen Eisenofen, einen alten Kochherd, der mit Holz betrieben wurde und einen Dieselgenerator für Licht. Was brauchte man mehr? Ein Ziehbrunnen befand sich direkt vor dem Haus. Ein junger Mann aus Haparanda sorgte für Feuerholz. Die langen dunklen Winter waren hart, aber ich war entschlossen durchzuhalten.

Meinem Mann ging es nach und nach schlechter, bis er mich nicht mehr erkannte. Das war eine schwere Zeit. Eines nachts im August 2006 schlief er dann ganz friedlich ein. Ich hatte so viele Jahre Zeit gehabt, mich darauf vorzubereiten, aber es traf mich trotzdem wie ein Schlag. Ich war wie gelähmt. Was jetzt? Ich wäre ja gerne gleichzeitig mit ihm gegangen, um ihn vor Unbilden auf der anderen Seite zu bewahren. Er liess sich so leicht durch schöne Bilder vom eigentlichen Weg ablenken. Anscheinend hatte es nicht sollen sein. Ich fühlte mich auch nicht dem Sterben nahe.

Ich konnte es im Haus nicht aushalten und beschloss, in den Wald zu gehen. Dort setzte ich mich an einen Baum gelehnt an einen kleinen Bach und begann zu dösen. Nach einer Weile, ich weiss nicht wie lange ich geschlafen hatte, wachte ich auf und sah einen Wolf vor mir stehen, der mich intensiv betrachtete. Ich streckte ihm die Arme entgegen und rief: ”Freund, hilf mir auf die andere Seite!”

Der Wolf sah mich nur an und legte sich dann quer über meine Beine zum Schlafen. Ein unbändiges Lachen stieg in mir auf und am liebsten hätte ich losgegluckst, aber ich wollte den Wolf nicht stören, er lag da so friedlich. Ich beherrschte mich also mit Mühe und Not und fand mich mit der merkwürdigen Situation ab. Ich schlief sogar wieder ein. Vielleicht war das alles nur ein Traum?

Hier könnte die Geschichte enden.

Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Ich wurde durch einen Gewehrschuss geweckt. Ich fühlte den Wolf hochzucken und dachte nur: ”Oh, nein!”

Es waren drei Männer. Der eine hatte geschossen. ”Sind Sie verletzt?” riefen sie mir zu. Ich war wie rasend und schrie sie an: ”Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Müsst ihr immer alles Schöne verderben?”

Sie sahen mich verständnislos an, denn in ihren Augen hatten sie mir ja gerade das Leben gerettet. Ich beugte mich über den Wolf und brach in hemmungsloses Schluchzen aus.