Eis – Kurzgeschichte (in drei Teilen) … Ice – short story (in three parts)

IMG_20180319_113257 BLOG (3)

Eis (Teil 3 von 3)

Glaubt es oder nicht, eines Tages standen Soldaten vor der Tür. Sie wollten uns zwangsentfernen. Auf unsere Frage ”warum” schauten sie verdutzt. ”Wollen Sie denn nicht überleben?” fragten sie uns. ”Nicht um jeden Preis, nicht um jeden Preis!” Da waren sie noch mehr erstaunt. Wir erfuhren, dass sie die Nachhut waren. Nach ihnen kam kein Mensch mehr, nur noch das Eis. Es hatte an Geschwindigkeit zugenommen und fast schon Skagen erreicht. (Wir waren nicht wirklich verwundert, denn wir hatten den Temperaturabfall schon seit einiger Zeit bemerkt.) Das Meer gefror zum grossen Teil, und was nicht gefror, wurde vom Gletscher vor sich hergeschoben und verursachte Überschwemmungen. Bald würden wir hier nicht mehr leben können. Entweder würden wir ertrinken oder vom Eis zermalmt werden. Wir wollten aber trotzdem bleiben; das war unsere Entscheidung, denn diese Welt würde es nicht mehr wert sein, in ihr zu leben. Einer der jüngeren Soldaten sah uns neiderfüllt an. Ich kann es nicht anders nennen, neiderfüllt. Wir waren in der Lage, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen …

Glücklicherweise zuckte der ”Chef” der Soldaten (ich kenne mich mit militärischen Rängen nicht aus) schliesslich mit den Schultern ”es ist ihr Leben” und zog mit seinen Männern ab.

Eine Woche später geschah etwas völlig Unerwartetes: ein Mann kam die Strasse herauf, in die falsche Richtung, nach Norden! Wir gingen ihm entgegen und stellten fest, dass es sich um unseren Pastor handelte. Er war zurückgekommen! Wir luden ihn zu uns ein und bewirteten ihn. Er sah ziemlich mitgenommen aus. ”Ihr macht euch keine Vorstellung”, berichtete er, ” das Morden, die Grausamkeiten, die Unmenschlichkeit unter den Flüchtlingen … es ist unbegreiflich. Man sollte doch meinen, dass sie alle im selben Boot sässen, aber Solidarität wird nicht geübt, jeder ist sich selbst der nächste. Und bereits an der Grenze zu Deutschland werden die Flüchtlinge zurückgehalten. Man lässt sie nicht ins Land. Anscheinend hat man in kürzester Zeit einen starken, hohen Metallzaun errichtet, und zwar quer rüber von der Nordsee bis zur Flensburger Förde. Wer versucht, nach Deutschland zu schwimmen, wird von der Küstenwache erschossen.“ Er begann zu schluchzen. Wir waren froh, dass wir das nicht mitangesehen hatten und fühlten uns in unserem Beschluss bestärkt. Das half natürlich den armen Menschen an der deutschen Grenze nicht, aber wir konnten nichts für sie tun. Auch für sie war die Stunde der Entscheidung gekommen, besinne ich mich auf mein spirituelles Erbe oder mein tierisches. Die Menschen, die den Zaun errichtet hatten, hatten ihre Entscheidung bereits getroffen. Wie mochte es noch werden, wenn die Deutschen auch nach Süden ziehen mussten. Schliesslich wusste keiner, wie weit das Eis kommen würde.

Doch zurück zu unserer Situation. Unsere kleine Gruppe, bestehend aus drei Menschen, einem Hund und drei Katzen bereitete sich auf das Ende vor. Am Morgen nach der Ankunft des Pastors, plätscherte nämlich Wasser am Fusse des Abhangs und in der Ferne konnte man die sich nähernde Eiswand erkennen. Ich muss gestehen, dass ich etwas aus der Bahn geworfen war. Ich hatte gelesen, dass Erfrieren ein relativ angenehmer Tod ist. Man schläft ein und wacht nicht mehr auf, fertig. Aber Ertrinken? Daran hatte ich nicht gedacht, nicht damit gerechnet. Sollten wir alle Schlafmittel nehmen oder einfach das, was kam akzeptieren? Der Pastor war natürlich gegen die Schlaftabletten. Aber ich hatte eigentlich auch nicht daran gedacht, eine tödliche Dosis zu nehmen, nur so viel, dass wir einschliefen und nicht mitbekamen, was passierte.  Aber wahrscheinlich wachte man dann im allerletzten Moment doch auf.

Wir schliefen alle im ersten Stock in dieser Nacht, auch der Hund. Die Katzen machten, was sie wollten. Gegen Mitternacht wachte ich auf und sah aus dem Fenster. Wasser umspülte das untere Stockwerk. Ich weckte die beiden Männer. Sie schauten hinaus und sahen sich dann betroffen an. Es war zu spät für Tabletten. Wie wäre es mit den Gewehren, dachte ich, aber wer würde den letzten erschiessen? Plötzlich schlang mein Mann ein dickes Seil um mich und band uns zusammen. Das musste er heimlich geplant haben, denn das Seil hatte ich noch gar nicht bemerkt. Der Hund wimmerte. Wir brachten ihn dazu, uns in die Arme zu springen, so dass wir ihn zwischen uns nehmen konnten. Das beruhigte ihn nicht sehr, aber wenigstens starb er nicht alleine. Der Pastor begann zu beten. Das sollten wir auch tun. Schöpfer aller Dinge, wir befehlen unsere Seelen in deine Hände … Das Haus wackelte, etwas knirschte und dann brach alles zusammen. Die Kälte des hereinbrechenden Eiswassers verschlug mir den Atem und mir wurde schwarz vor Augen …

(Ende)

 

Ice (part 3 of 3)

 

Believe it or not, one day a group of soldiers came to the house. They wanted to remove us with force. When we asked “why”, they were surprised. “Don’t you want to survive?” they asked us. “Not at all costs, not at all costs!” That surprised them even more. They informed us that they were the rearguard. After them came only the ice. The glacier had accelerated and nearly reached Skagen. (That didn’t really come as a surprise; we had noticed the drop in temperature for some time.) Most of the seawater froze, and what didn’t freeze was pushed forward by the ice and caused floods.  Soon we wouldn’t be able to live here anymore, we would either drown or be crushed by the ice. But we wanted to stay anyway; that was our decision, as this world wouldn’t be worthwhile to live in anymore. One of the young soldiers looked at us full of envy. I cannot call it anything else, full of envy. We were in a position to make our own decisions …       

Fortunately the “boss” of the soldiers (I don’t know anything about military ranks) finally shrugged his shoulders. “It is your life”, and away he went with his men.

One week later something completely unexpected happened: A man came up the road, in the wrong direction, north! We went out to meet him and saw that it was our parson. He had come back! We invited him home and gave him something to eat and to drink. He looked very battered. “You cannot imagine”, he reported, “the murders, the cruelties, the inhumanity among the refugees … it is unbelievable. You would think that we all were in the same boat, but there is no solidarity, everyone for himself. And already at the border to Germany they are stopping the refugees. They don’t let them enter the country. They have built a strong, high metal fence in no time, and that all the way from the North Atlantic to the sound of Flensburg. Those who try to swim over to Germany are shot by the coastguard.” He started to sob. We were glad that we didn’t have to see that and felt justified in our decision to stay. That didn’t help the poor people at the German border, of course, but we weren’t able to do anything for them. Also for them the moment of decision had come, do I focus on my spiritual heritage or my animal heritage. The people who had built the fence had already made their decision. How bad would it get, when also the Germans had to go south. Nobody knew, how far the ice would come.

But back to our situation. Our small group consisting of three humans, one dog and three cats prepared for the end. On the morning after the parson’s arrival water lapped on the foot of the hill, and further away one could see the approaching ice wall. I must admit that I felt somewhat derailed. I had read that freezing to death was relatively comfortable. One fell asleep and didn’t wake up again, that was it.  But to drown? I hadn’t thought of it, hadn’t calculated with it. Should we all take sleeping pills or just accept what was coming? The parson was, of course, against the pills. But I didn’t actually think of a deadly dose, just so much that we fell asleep and didn’t notice what happened. But most probably one would wake up at the very last moment.

That night we all slept on the first floor, also the dog. The cats did what they wanted. Around midnight I woke up and looked out of the window. Water was flooding the ground floor. I woke up the men. They looked outside and then at each other, shocked. It was too late for pills now. How about the guns, I thought, but who would shoot the last one? Suddenly my husband wound a strong rope around my waist and bound us together. He must have planned that secretly, because I hadn’t seen the rope before. The dog was whimpering. We made him jump up into our arms between us. That didn’t really calm him down, but at least he wouldn’t die all by himself. The parson started to pray. We should also do that. Creator of all things, we entrust our souls into your hands … The house shook, something creaked and then everything broke down. The cold of the incoming ice water took my breath away and everything went black …   

(The end)

Advertisements

Eis – (Kurzgeschichte in drei Teilen) … Ice – (short story in three parts)

IMG_20180319_113257 BLOG (2)

Eis (Teil 2 von 3)

Täglich zogen Heerscharen von Leuten vorbei. Einige versuchten, in die Häuser einzubrechen, um etwaige Wertgegenstände mitgehen zu lassen. Wir hatten uns tatsächlich Gewehre angeschafft und ausreichend Munition, so hofften wir, um die Leute abzuschrecken. Die  “normalen” Leute liessen sich leicht abschrecken. Ich hatte mehr Bedenken bei den professionellen Banden, die unweigerlich folgen würden, sobald alle Obrigkeit die Gegend verlassen hatte. Das hatte man schliesslich im Kino gesehen …

Erstaunlich waren all die Tiere, die durch das Dorf zogen. Ausser den gewohnten Hirschen und Wildschweinen, zogen auch Elche und Renntiere vorbei, Wölfe und sogar Bären sahen wir, und natürlich viel Kleingetier. Sie hatten es sehr eilig und waren zielgerichtet, Jäger und Beute flüchteten gemeinsam. Die Vögel waren schon lange verschwunden.

Als unser Dorf leer war, kamen nicht mehr viele Menschen vorbei, denn die Hauptstrassen lagen et­­­was weiter ausserhalb. Aber in der ersten Zeit mussten wir schon Wache halten, um nicht von Einbrechern überrascht zu werden. Ab und zu kam auch mal eine einzelne Nachzüglerfamilie mit Kindern durch den Ort, denen wir für eine Nacht Unterkunft gewährten. Aber auch hier mussten wir Wache halten, um nicht im Schlaf ermordet zu werden. Menschen in Not sind wie Tiere. Alles Menschliche verschwand in den Hintergrund, besonders, wenn man Kinder hatte, die es galt am Leben zu erhalten. Sie durften gerne unseren Kram haben, denn wir würden davon nichts mehr brauchen, nicht wahr? Aber unsere Lebensmittel und unser Wasser wollten wir behalten. Sie konnten auch in den anderen Häusern suchen gehen. Solange ich meine Todesart wählen konnte, wollte ich jedenfalls nicht verhungern. 

Natürlich hatten unsere Nachbarn versucht, uns zum Mitkommen zu bewegen. Sie sahen aber schnell ein, dass es nutzlos war. Der Nachbar von gegenüber fragte, ob er uns seinen alten Hund dalassen dürfte, denn der würde einen langen Marsch nicht überleben und er wollte ihm die Strapazen ersparen. Natürlich sagten wir ja. Nun waren wir zu dritt. Später kamen noch ein paar Katzen hinzu.

Bereits gehacktes Feuerholz konnten wir von den Häusern im Dorf einsammeln, denn alle hatten fleissig für Vorrat gesorgt, den sie natürlich nicht mitgeschleppt hatten. Obwohl wir es erstaunlich fanden, was alles mitgenommen wurde … nun, vielleicht hatte man dabei an Tauschhandel gedacht.

Es war nun an der Zeit, sich um einen Generator zu kümmern. Wir fuhren dazu in unseren lokalen Baumarkt. Unser Auto hatten wir noch. Es war normalerweise in der Scheune versteckt. Stellt euch vor, der Baumarkt war abgeschlossen … Das fand ich sehr erheiternd. Es war sehr schwer, die dicken Fensterscheiben zu zerbrechen. Zum Schluss fuhr mein Mann mit einem herumstehenden Bagger hinein, das half. Wer auch immer du bist, danke dafür, dass du die Schlüssel hinterlassen hast! Wir fanden alles was wir brauchten, um Strom herzustellen, ausser Kraftstoff. Den mussten wir uns aus der Tankstelle am Ortsausgang besorgen. Wir nahmen uns Kannister aus dem Laden dort, der übrigens auch abgeschlossen war. Glaubten die Leute wirklich, dass sie bald zurückkämen? Dort brauchten wir nicht einzubrechen, denn das hatten andere für uns erledigt. Alles, was man essen oder trinken konnte, war verschwunden, genau wie im Supermarkt.

Einige Tiere hatten die Leute mitgenommen. Sie hatten tatsächlich Kühe vor sich her getrieben und Schweine. Letztere würden sie nicht lange festhalten können. Wenn sie Freiheit vernahmen, würden sie weglaufen. Hunde und Katzen waren mitgefolgt, bis auf einige wenige. Aber die Hühner von einem Nachbarn waren noch da. Solange die lebten und nicht von durchziehenden Banden getötet wurden, konnte man vielleicht ab und zu ein Ei bekommen. Vielleicht sollte man sie in unsere Scheune umsiedeln … Futter hatte der Nachbar noch reichlich in seinem Schuppen liegen. Bald würde es sehr kalt werden; das würden sie auf sich allein gestellt nicht überleben. Wir liessen es dann doch bleiben; wir konnten weder die Welt noch die Hühner auf Dauer retten.

(Forsetzung folgt)

 

Ice (part 2 of 3)

Every day legions of people and animals trekked by. Some tried to break into the houses to steal eventual valuables. We had gotten hold of guns and, so we hoped, sufficient ammunition to scare people away. The “normal” people were easily scared. I was more concerned about the professional gangs that would undoubtedly follow as soon as all authorities had left. We have all seen that in movies, haven’t we?

We were surprised about all the animals that came through the village. Beside the local deer and wild boars, we also saw moose, reindeer, even wolves and bears, and the usual small animals. They were very much in a hurry and very purposeful. Hunters and prey fled together. The birds had disappeared a long time ago.

When our village was finally empty, there were not so many people passing through anymore, as the main roads were a bit further away.  But during the first weeks we had to keep watch because of burglars. Once in a while, a family with children came through, whom we offered shelter for the night. But even then we had to keep watch, so that we weren’t murdered in our sleep. Desperate people are like animals. All human qualities are pushed into the background, especially when they have children, who they want to keep alive. They were welcome to our stuff, we wouldn’t need it anymore, would we? But we wanted to keep our food and water. They could forage in the other houses, couldn’t they? As long as I could choose my death, I didn’t want it to be starving.

Our neighbours had, of course, tried to persuade us to follow with them. But they soon saw that it was futile. The neighbour from across the road asked us, if we would take his old dog. He wouldn’t survive the long march and he wanted to spare him the strain. Of course we said yes. Now we were a group of three. Later some cats joined us.  

We collected firewood from the other houses; people had been industrious splitting wood for the winter, which naturally they hadn’t carried along. Although we found it astonishing what people had taken along … but maybe they had thought of barter trading.

Now it was high time to get a generator. We drove to our local hardware store. We still had our car. Usually it was hidden in the barn. Imagine, the store was locked … I found that quite amusing. It proved difficult to break the thick window panes. In the end my husband just drove into them with a digger that was standing on the parking lot; that helped. Whoever you are, thanks for leaving the keys! We found everything we needed to generate electricity, except petrol. We would have to procure it from the petrol station at the village exit. We took cannisters from the shop there, which actually was locked as well. Did people really believe that they would soon return? We didn’t have to break in there, others before had done it. Everything that could be eaten or drunk had disappeared, just like in the supermarket.

Some people had taken their animals along. They had actually driven their cows and pigs. The latter they would not be able to keep very long. If they smelled freedom, they would run away. Dogs and cats followed their owners with very few exceptions. But the chickens of one of our neighbours had been left behind. As long as they lived and were not killed by passing bands, we might be able to get an egg now and then. Maybe we should move them to our barn … the neighbour had a lot of food for them in his shed. Soon it would get very cold; they wouldn’t survive all by themselves. In the end we didn’t do it anyway; we couldn’t save neither the world nor the chickens for good.

(To be continued)

Eis – (Kurzgeschichte in drei Teilen) … Ice – (short story in three parts)

Psychologisch ist es vielleicht nicht so schlau, jetzt mit Eis zu kommen, wo wir alle Frühling haben wollen, aber die nachstehende Thematik beschäftigt mich schon seit einiger Zeit, und daher habe ich erst einmal alle anderen längeren Geschichten (z. B. Kater) zurückgestellt. Es ist keine lustige Geschichte; zarte Seelen sollten sie lieber nicht lesen.

… Maybe it is psychologically not so clever to write about ice, when we all want it to be spring, but the below topic has been on my mind for some time, and, therefore, I put all other longer stories on hold (e. g. my tomcat). It is not a funny story, so delicate souls should better not read it! (The English version is further down.)

 IMG_20180319_113257 Blog

Eis (Teil 1 von 3)

Es war so weit … es passierte … schneller als je vorausgesehen … denn zwei der zu erwartenden, so genannten Naturkatastrophen waren gleichzeitig eingetreten: der Golfstrom war umgekippt und ein 2000 m grosser Meteor aus einem der Meteorringe, durch die die Erde zweimal im Jahr hindurchwandert, war auf das nördliche Australien gestürzt.

Alles ging so schnell jetzt, die Abkühlung, die Erdbeben als Folge des Meteors, die Welt war ins Chaos gestürzt. Auf einmal waren weder Zeit noch Mittel zur Verfügung, die laufenden Kriege weiterzuführen oder etwaige Freiheitskämpfer zu unterstützen. Keiner interessierte sich mehr dafür. Die Probleme waren jetzt global existenzieller Art. Ganz Amerika war in Panik, denn der Supervulkan ”Yellowstone Caldera” hatte angefangen ungewohnte Aktivitäten zu zeigen. War der lang überfällige Ausbruch jetzt zu erwarten? Hatte der Meteor das ausgelöst? Wenn ein Ausbruch eines Supervulkans noch dazu kam, dann würden nicht viele Menschen überleben. Ha, dachte ich, und was nützt dann all den “Elitisten” ihr Reichtum? Glaubten sie wirklich, dass ihre Bunker sie beschützen würden? Und für wie lange? Würde es ausreichen? Und in was für eine Welt würden sie dann eines Tages kommen, wenn sie überlebten und endlich ihre Bunker verliessen?

Das waren jedoch müssige Gedanken. Das Hier und Jetzt forderte uns voll und ganz. Aus Norwegen, Finnland und Schweden flüchteten Menschen und Tiere vor der Kälte nach Süden. Was auf den anderen Kontinenten passierte, konnten wir nicht nachvollziehen, aber höchstwahrscheinlich sah es dort ähnlich aus. Mein Mann und ich waren uns einig, dass wir das Theater nicht mitmachen würden. Wir waren alt und wollten lieber in Ruhe sterben, wenn man uns liess …  Auch hier in Dänemark wurde die Bevölkerung gewarnt, langsam nach Süden zu ziehen, weil es hier im Norden bald zu kalt sein würde. Glaubte man, dass man die Eis-Flüchtlinge in Südeuropa oder Nord-Afrika mit offenen Armen aufnehmen würde? So wie wir damals die Flüchtlinge liebevoll aufgenommen hatten? Der Gedanke daran brachte mich zum Lachen. Gott hilf uns, denn sie wissen nicht, was sie tun! Wir natürlich auch nicht.

Wir versuchten eine Liste zu erstellen mit all den Dingen, die uns für eine kurze Zeit am Leben erhalten konnten, wie z. B. Lebensmittel, Wasser, einen Generator, Benzin etc. Die Frage war, ob wir das alles jetzt schon stehlen mussten oder ob man genug für uns zurückliess. Sicherlich würde man so viel wie möglich auf die Flucht mitnehmen, aber wohl nicht alles oder? Lebensmittel und Wasser kauften wir noch einmal reichlich ein, hauptsächlich Konserven aller Art. Der Rest musste warten, denn so viel Geld hatten wir nicht mehr.

(Fortsetzung folgt)

 

Ice (part 1 of 3)

The time had come … it happened … quicker than ever expected … because two of the predicted, so called natural catastrophes had happened at the same time: the gulf stream had turned cold, and a size 2000 metres  (6561 feet) meteor from one of the two rings of meteors through which the earth moves twice a year had fallen on Northern Australia.

Everything was moving so fast now, the cooling, the earthquakes after the meteor strike, the world had fallen into chaos. All of a sudden there was neither time nor money to fight all the current wars or to support freedom fighters. Nobody seemed to be interested anymore. The problems were now globally existential. The whole of America was in panic, because the super volcano ”Yellowstone Caldera” had started to show unusual activities. Should we expect its long overdue eruption now? Had the meteor triggered that? If the eruption of a super volcano came on top of it all, not many people would survive. Ha, I thought, of what use would all their wealth be to the so-called elite? Did they really believe that their bunkers would protect them? And for how long? Would it suffice? And into what kind of world would they one day emerge, if they survived and finally left their bunkers? 

But these thoughts were useless. The here and now demanded our full attention. People and animals from Norway, Finland and Sweden fled south from the cold. We didn’t know what happened on the other continents, but most probably it was similar to Europe. My husband and I agreed that we didn’t want to be part of the drama. We were old and preferred to die in peace, if they let us … Also here in Denmark people were warned and urged to go south, because it soon would be too cold here up north. Did they think that the ice refugees would be welcomed with open arms in the south of Europe or in North Africa? Just as we before had caringly received the refugees, who came to us? That thought made me laugh. God help us, because they don’t know what they are doing! Us included, of course.

We tried to make a list with all the things that could keep us alive for a short while, as for example food, water, a generator, petrol etc. The question was, if we had to steal everything already now or if people would leave enough for us behind. They would certainly take as much as possible along on their flight, but not everything, right? For a last time we bought a lot of food and water, mainly preserves. The rest had to wait, we didn’t have so much money left.

(to be continued)

Altenfürsorge (Kurzgeschichte)

Irgendetwas stimmt nicht, da ist ein Laut, der sich dauernd wiederholt und einfach nicht aufhören will, die Türklingel … wie bitte? Ein Blick auf die Uhr … es ist 08.00 Uhr morgens, wer kommt denn so früh? Die Post?

Ich stehe mühsam auf, denn mit 75 Jahren geht das nicht mehr so schnell, ziehe meinen Morgenmantel über und gehe die Treppe hinunter. Da klingelt jemand Sturm, was denn ….

Ich öffne die Tür, mittlerweile bin ich stinksauer, wer zum Teufel …

”Guten Morgen”, flötet es mir aus einem strahlend lächelnden Gesicht entgegen, ”darf ich rein kommen?”

Die rundliche Frauenperson, die vor der Tür steht will schon Anstalten machen einfach ins Haus zu gehen, aber ich mache die Tür nicht frei.

”Nein”, antworte ich, ”eigentlich nicht. Sie haben mich wachgeklingelt, ich lag noch im Bett. Wer sind Sie eigentlich?”

”Wie bitte, um 08.00 Uhr morgens schlafen Sie noch?” Fragt sie mich ungläubig und ich frage mich, was sie das angeht. Doch dann stellt sie sich endlich vor: ”Mein Name ist Gitte. Ich komme von der Altenfürsorge. Wir wollen gerne sicherstellen, dass es Ihnen gut geht.”

”Mir geht es blendend”, erwidere ich, ”vielen Dank und guten Tag!”

Ich will die Tür zumachen, aber Frohgesicht hält sie fest. ”Darf ich nicht ganz kurz reinkommen? Ich möchte Sie gerne kennenlernen.” Sie versucht hinter mich ins Haus zu gucken. ”Es sieht ja sauber und ordentlich bei Ihnen aus!”

Jetzt werde ich richtig stinkig: ”Warum sollte es wohl nicht sauber und ordentlich bei mir sein? Wollen Sie mich beleidigen?”

”Verzeihen Sie”, macht Frohgesicht einen Rückzieher, ”es ist nur unsere Erfahrung, dass ältere Leute, deren langjähriger Partner gestorben ist, sich vernachlässigen, sozusagen den Lebenswillen verlieren. Nur aus dem Grunde bin ich hier.”

Aha, eine wohlmeinende Person, das sind die Schlimmsten. Die können alles entschuldigen mit ”ich habe es doch nur gut gemeint”, denke ich im Stillen.

”Wissen Sie was, wenn Sie mich treffen wollen, rufen Sie mich an und wir machen einen Tag und eine Zeit aus. Anrufe und Besuche bitte nicht vor 10.00 Uhr morgens. (Und ich will einen Zeugen dabei haben, denke ich bei mir.) Ich habe meinen Biorythmus jahrzehntelang vergewaltigt, weil ich arbeiten gehen musste. Jetzt schlafe ich wann und so lange ich will. Das werden Sie sicher verstehen.”

”Aber natürlich”, flötet sie, ”aber wo ich schon einmal hier bin, darf ich nicht ganz kurz reinkommen?”

”Haben Sie eine Visitenkarte?” frage ich sie stattdessen, wobei sich meine Stinkigkeit zu kalter Wut entwickelt hat. Sieht sie nicht, dass ich im Morgenmantel bin, ungekämmt und ungewaschen? Ich habe doch gesagt, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Freudig steckt sie mir eine Karte entgegen.

”Danke sehr”, sage ich zu ihr mit einem süffisanten Lächeln, ”rufen Sie mich nach 10.00 Uhr an”, mache ihr die Tür vor der Nase zu und schliesse ab. Vorsichtshalber stelle ich die Klingel aus. Frohgesicht steht noch eine Weile vor der Tür, verdutzt nehme ich an und geht dann langsam zu ihrem Auto zurück, sich noch mehrmals umdrehend, wie ich vom Badezimmer aus beobachten konnte.

Und ich habe ihre Karte. Jetzt weiss ich, wo und über wen ich mich beschweren kann, denn das muss ich schnellstens tun, noch bevor sie in der Lage ist, einen Bericht zu schreiben, in dem sie mich als verrückte alte Frau schildert. Frohgesicht ist nicht die Erste, die mich aufgesucht hat. Ich finde es ja gut, wenn sie sich um Leute kümmern, die es nötig haben, aber können sie uns andere nicht in Ruhe lassen?

Noch eine hitchhiker story von 1973

 Meine beste Freundin und ich wollten nach Hittfeld trampen und ihren Vetter besuchen. Ich hatte doch mit Susi in Schottland so gute Erfahrungen gemacht, und jetzt wollten wir mal für nächstes Jahr üben, für unsere 6wöchige Schottlandreise. Es muss so im September/Oktober gewesen sein. 

Auf dem Hinweg mussten wir erst einmal lange warten, bis dann ein kleines Auto mit zwei älteren türkischen Herren hielt und uns ein Stück mitnahm. Irgendwann zwischendurch hielten sie auf einmal an und der Fahrer stieg aus, was mich beunruhigte. Er wollte aber nur sein Jackett ausziehen. 

Der nächste Mitnehmer war ein Engländer, der mir an den Busen fasste, weil ich ohne BH ging. Das war damals anscheinend noch gewagt. Daher stiegen wir gleich wieder aus. 

Nach einiger Zeit hielt ein grosses teures Auto mit einem älteren grauhaarigen Herrn darin. Er meinte, dass er vielleicht nach Hittfeld führe. Meine Freundin sagt gleich zu mir, lass sein, mach die Tür zu. Aber ich in meiner Naivität sage zu ihm: Wieso vielleicht? Fahren Sie nun nach Hittfeld oder nicht? Woraufhin er meinte, dass es darauf ankäme, wenn wir beide etwas nett zu ihm wären …    Ich brach in schallendes Gelächter aus und knallte die Tür zu. 

Danach fuhren wir ein Stück mit einem Traktor mit vier netten jungen Männern mit, die gerade vom Feld gekommen waren. Die wären am liebsten gleich mit uns in die Hittfelder Mühle gefahren, mussten aber erst einmal nach Hause und das Stroh aus den Haaren fegen. 

Wir kamen irgendwie nach Hittfeld, ich kann mich nicht daran erinnern, wie und mit wem, und der Besuch beim Vetter verlief gemütlich. Aber wie sollten wir nun wieder nach Hause kommen? Die Vetterfreundin hatte die Idee, mit uns in die Hittfelder Mühle zu gehen, denn dort kämen viele Hamburger, von denen uns sicher einer mitnehmen würde. 

Gesagt getan. Wir amüsierten uns in der Mühle. Mit Hilfe des Bartenders gelang es mir, einen jungen Hamburger aufzutreiben, den ich fragte, ob er uns mitnehmen könnte, wenn er zurückführe. Er sagte ja, er führe so gegen 23.00 Uhr, und ich verliess mich natürlich darauf. 

Gegen 23.00 Uhr war der junge Hamburger nicht mehr aufzutreiben. Überhaupt waren nicht viele Leute in der Mühle, denn es war ein Wochentag. Was nun? Ich tanzte mit einem ca. 35jährigen Mann und beklagte mich darüber, dass wir versetzt worden waren. Macht nichts, meinte er, ihr könnt mit uns fahren. Na wunderbar! 

Wir gingen also mit unserem Wohltäter mit zum Auto und stellten fest, dass sie zu viert waren. Mit anderen Worten, wir mussten uns zu viert auf die Hinterbank quetschen. Zudem waren die anderen drei „Herren“ ziemlich aufgebracht, dass er uns versprochen hatte, uns „Hühner“ mitzunehmen und zeterten herum und der kleine giftige dicke auf dem Beifahrersitz fragte ihn, ob er denn schon den Finger in der Futze hätte etc. Der Typ neben meiner Freundin stimmte ein und beklagte sich, dass er ihm doch heute morgen sein Käffchen gemacht hätte. (Ich verstand den Zusammenhang nicht, hielt aber wohlweisslich meinen Mund.) Dann bedachte er meine Freundin mit Anzüglichkeiten, die vorgab, ihn nicht zu verstehen, woraufhin er stöhnte und sich die Haare raufte.

Ich verstand nunmehr, dass es sich um eine Gruppe Zuhälter handelte und hatte ziemlichen Schiss. Zum Glück war die Fahrt von Hittfeld auf der Autobahn nach Hamburg nicht allzu lang und letztendlich schmissen sie uns Süderstrasse raus. Das war ziemlich am Arsch der Welt, aber das war uns egal, bloss raus aus dem Auto und weg. Der Nachhauseweg war dann zwar reichlich lang, aber wir waren mit heiler Haut davongekommen. Das hätte bös ins Auge gehen können.

 

[Die Zuhälter scheinen mich zu verfolgen, wenn ich an die Geschichten mit Goldilock denke. Dabei finde ich solche Typen absolut widerlich. Aber zu dem Zeitpunkt war ich ja erst 18 und hatte noch keine Lebenserfahrung. Meiner Mutter erzählte ich diese Geschichte erst als ich so 30 Jahre alt war … 😉  Ich hatte auch einmal eine Periode, in der ich Besoffene magisch anzuziehen schien. Mir ist nicht immer klar, was ich denn nun eigentlich lernen soll von den Dingen, Menschen und Situationen, die mir begegnen. Dass Alkoholabhängigkeit viel Leid erzeugt, wusste ich ja bereits aus meiner eigenen Familie. Und was in aller Welt sollte das mit den Zuhältern? Die waren und sind für mich der letzte Abschaum.]

Goldilocks Opa

 Diese Geschichte hatte ich fast schon vergessen. Sie ist teilweise lustig, teilweise merkwürdig und teilweise schrecklich.

Goldilocks Opa kam nach Hamburg, um seine Enkelin zu besuchen. (Wir wohnten damals noch zusammen in Wilhelmsburg.) Ich wurde vorbereitet: Opa ist ein richtiger Schwabe, trennt sich ungern vom Geld. Zuhause dosiert er das Abwaschmittel, damit seine Frau nicht zu viel benutzt und zählt das Wechselgeld nach dem Einkauf. Der Einkauf selbst geht so vor sich: Oma legt in den Wagen, Opa legt ins Regal zurück.

Wir zogen also mit Opa über die Hamburger Reeperbahn. An den Blicken der Leute konnten wir sehen, dass wir in deren Augen ein klarer Fall von Abzocke eines alten Mannes waren. Von wegen! Das meiste musste Goldilock bezahlen, denn Opa war ja Rentner und hatte kein Geld. Beim Cafe Keese trat er ein und fragte als erstes „Haben Sie auch Rentnerpreise?“ und liess eine Bemerkung über das geizig geschenkte Bier fallen.

Opa liess sich ausführlich darüber aus, was er alles machen würde, wenn Oma erst einmal tot war. Er hätte heimlich Geld beiseite gelegt. Und als erstes würde er sich nach einer jüngeren Frau umsehen. Aber der würde er nicht verraten, dass er Geld auf der Kante hatte.

Als wir wieder nach Hause kamen, drückte er Goldilock 20 DM in die Hand mit der Bemerkung, dass sie sich davon einen schönen Abend machen sollte … 😉

Aber Opa hatte sich verrechnet; er starb zuerst! Goldilock berichtete, dass er es gar nicht fassen konnte, dass er abtreten sollte und sich mit Händen und Füssen dagegen gesträubt hätte. Das war wahrscheinlich der Grund dafür, dass er dann in seinem alten Hause spukte, er wollte nicht gehen. Das ist kein Witz!

Oma war jetzt eigentlich frei von ihrem Plagegeist, aber was passierte? Sie sah und fühlte ihn überall im Haus. Und ihre daraus entstehende Angst verstärkte seine Präsenz im Haus. Ich meinte zu Goldilock, dass ihre Oma am besten umziehen sollte, aber das wollte die alte Dame dann nicht. Es endete damit, dass Oma ins Heim eingewiesen wurde, weil ihre „Zwangsvorstellungen“ immer schlimmer wurden, u. a. trat ein Gynäkologenstuhl in ihnen auf.

Die alte Dame tat mir so leid. Wäre sie doch nur umgezogen. Vielleicht hätte sie dann noch ein paar angenehme Jahre gehabt.

Goldilock und ich ziehen nach Wilhelmsburg

[Genau, zum Wochenende noch eine Goldilock-Geschichte, was zum Schmunzeln oder Kopfschütteln, wie man nun so geartet ist. Wenn ich manchmal zurückdenke, wo ich in meiner Naivität – obwohl ich selber mich natürlich für enorm welterfahren hielt – überall hineingeschlittert bin, kann ich nur froh sein, dass es immer glimpflich ausging.)

 

Wilhelmsburg grenzte 1979 direkt an den Hamburger Freihafen an. Ich meine, dass Goldilock und ich in der Ernastrasse wohnten, und zwar ganz am Ende, vor dem Zaun zum Freihafen. Da stand ein einsamer Wohnungsblock. Zwischen ihm und den anderen war eine grosse Lücke mit gar nichts. Goldilock fand das soooo romantisch. Ich habe nur schallend gelacht, als ich das Haus sah, aber ich hatte nichts dagegen, dort einzuziehen. Es war billig mit guter Bus- und Bahnverbindung in die Innenstadt. Ich hatte nämlich, genau wie Goldilock, die kleinkarierten Nachbarn von unserem Vorortkaff satt und wollte da weg. Wir hatten von unserem jungen Kollegen, der uns das Haus vermietete, erfahren, dass unsere ’Sache’ im Dorfrat diskutiert wurde. Da war für mich Schluss mit lustig.

Wilhelmsburg war damals auch unter dem Namen ’Klein Istanbul’ bekannt, denn 80% der Einwohner waren Türken. Vielleicht gab es 10% Deutsche und 10% andere Nationalitäten, z. B. Italiener, Portugiesen, Spanier und auch ein paar Afrikaner. Es war ein sehr altes, durch den Hafen geprägtes Viertel. Spannend eigentlich, mit Brücken und Wasser und sogar viel grün. Von unseren Zimmerfenstern aus konnten wir den Freihafen beobachten; das Küchenfenster lag zur Strasse hin und das letzte Zimmer hinten hatte direkten Blick auf das Einzelhaus der italienischen Grossfamilie. Da war immer etwas los, besonders am Wochenende. Wir benutzten das Zimmer hauptsächlich zum Bügeln und hatten dann gleichzeitig immer Unterhaltung. Am Wochenende fielen nämlich sämtliche Sippenmitglieder ein und veranstalteten ein grosses Hallo. Der Höhepunkt war das Wochenende, an welchem sie mit einer Ziege nach Hause kamen, die sie alle in Atem hielt, weil sie nicht dafür gesorgt hatten, dass die Umzäunung in Ordnung war. Man wird mich der Vorurteile beschuldigen, aber die Italiener waren bei weitem die lautesten Nachbarn. In unserer Strasse konnte man immer hören, wo Italiener wohnten.

Unsere Küche hatten wir so eingerichtet, dass Goldilock vom Stuhl aus den Kühlschrank bedienen konnte und ich die Besteckschublade und das Geschirr, ungemein praktisch. Von dort aus konnten wir alle Leute sehen, die die Strasse heraufkamen, z. B. den Postboten (mit dem Goldilock dann noch unbedingt eine Affäre anfangen musste) und wer das Haus verliess. In unserem Haus wohnten zwei türkische Familien und ansonsten, wenn man ehrlich ist, ziemlich fertige Typen, von denen einer den Hausmeisterposten innehatte. Wir können uns nicht beklagen, sie waren alle sehr nett zu uns, aber so ganz geheuer waren sie mir nicht immer alle.

Anscheinend hatten diejenigen, die vorher in unserer Wohnung gewohnt hatten, ein Bordell betrieben (ist das nicht ein Ding, das Bordell verfolgte uns). Als da nun wieder zwei Frauen einzogen, nahm man in der Nachbarschaft an, dass dem wieder so wäre. Eines Morgens hörte ich lautes Schimpfen im Treppenhaus. Goldilock, die gerade die Treppe fegte, wurde von einem nichtdeutschsprachigen Türken ’angesprochen’. Er machte eine unzweideutige Geste, die Goldilock später als ’obzön’ bezeichnete und sie schimpfte indigniert mit ihm unter anderem mit dem Ausspruch: ”Dies ist ein anständiges Haus!” Ich wäre fast die Treppe runtergefallen vor Lachen. Ein anständiges Haus voller kleiner Krimineller und Schwindler und Kindern, die die Nachbarn beklauten. Ich konnte mich gar nicht wieder einkriegen, was Goldilock dann noch mehr erboste. Sie hatte mehr Unterstützung von meiner Seite erwartet. Ich meinte nur zu ihr, dass sie doch mal die rosarote Brille abnehmen sollte, wenn sie die Strasse runterging

Goldilock hatte zu dem Zeitpunkt ihren Führerschein verloren. Wir hatten leider eines Nachts ’auf dem Zwutsch’, wie der Hamburger sagt, die Aufmerksamkeit von Polizisten auf uns gezogen, da wir uns nicht entscheiden konnten, wo wir hinwollten und daher dauernd die Fahrspur wechselten. Leider hatte Goldilock etwas Alkohol im Blut …

Zwischenzeitlich hatte sie sich um einen Job beworben, wo sie eigentlich einen Führerschein brauchte. Da hat sie ganz cool gesagt, sie hätte einen, obwohl der bei der Polizei lag. Sie sollte 6 Monate Schulung mitmachen und erst danach zu Kunden fahren und ging davon aus, dass sie nach dem halben Jahr ihren Führerschein wiederhaben würde. Bei sowas konnte sie wirklich eiskalt sein. Das wäre mir zu nervenaufreibend gewesen. Sie hatte keine Garantie dafür, dass sie den Schein zu dem Zeitpunkt wiederhaben würde. Aber, sie hatte! Glück muss der Mensch haben. Ich hätte mich von dem Gedanken zurückhalten lassen, wie peinlich es doch wäre, wenn die Sache aufflöge. Solcherlei Überlegungen hatte sie gar nicht. Für sie war das ein Glücksspiel, mal gewinnt man, mal verliert man. Das gab ihr natürlich ein wesentlich freieres Auftreten. Sie war eine ziemlich gute Vertreterin. Ich meine, sie hätte den Leuten im ewigen Eis Kühlschränke verkaufen können. Oder einem Wüstenscheich Sand. 

Von Wilhelmsburg aus plante Goldilock dann ihre diversen Projekte, um schnell und mit wenig Anstrengung viel Geld zu verdienen. Leider traf sie dann auch noch einen verkrachten, kleinkriminellen Steuerhinterzieher auf Bewährung, der mit Zuhältern Geschäfte machte und sie darin bestärkte, dass nur Idioten Steuern bezahlen. (Hm, und wohin hat ihn das gebracht?) Die grosse Frage war, wer denn der wirkliche Idiot war, denn der gute Mann hatte die Zuhälter betrogen und sich ausserdem nicht bei der Polizei gemeldet, wie er hätte sollen. Jetzt wurde er sowohl von der Polizei als auch von den Zuhältern gesucht. Da war er im Grunde in Wilhelmsburg ganz richtig gelandet und so zog er bei uns ein. Aber jetzt hingen wir plötzlich mit drin. Davon war ich nicht so begeistert. Da er ’Geschäfte’ machen wollte, konnten wir unser Telefon nicht mehr frei benutzen. Aber einmal hing ich fast eine Stunde lang am Telefon. Darüber war er so wütend, dass er sich bei der armen Goldilock lautstark über mich beschwerte. Ich wüsste doch … und ich wäre doch nicht dumm, ich hätte schliesslich Abitur. Das fand ich wieder urkomisch. Ich hätte den undankbaren Typen rausgeworfen, wenn ich Goldilock gewesen wäre. Nun musste der arme Mann doch tatsächlich aus dem Haus gehen und von einem öffentlichen Telefon anrufen! (Letztendlich hinterliess er eine unbezahlte Telefonrechnung von mehr als 500 DM.

Durch meine Schusseligkeit (trotz Abitur) endete sein Aufenthalt bei uns. Das Telefon ging so gegen 1 Uhr morgens, ich hatte schon geschlafen und nahm ab, noch nicht ganz wach. Ein Mann erzählte irgendetwas von einem Paket, dass er für den Steuerhinterzieher abliefern wollte, aber die Adresse brauchte. Wenn ich nicht so schlaftrunken gewesen wäre, hätte ich sicher Lunte gerochen, aber ich gab ihm unsere Adresse. Goldilock und Steuerhinterzieher waren zwischenzeitlich aus ihrem Zimmer gekommen und wollten wissen, was denn los sei. Ich erzählte. Steuerhinterzieher wurde leichenblass, ”Wie konntest du nur so blöd sein!” Blitzschnell, aber nicht ohne noch viel Gezeter, zog er sich an und verschwand in die Nacht. Nicht sehr viel später klopfte es an unsere Tür. Ohne zu öffnen fragte ich: ”Wer ist da?” Da stand ein Mann draussen vor der Tür, der sagte, wir sollten den Chef anrufen. ”Welchen Chef?” fragte ich. Er nannte einen Namen und irgendwas mit einer Mühle, aber ich wusste nicht wovon er redete. Wir sollten den Chef anrufen oder er würde die Tür eintreten. Inzwischen war Goldilock gekommen und sie wusste, wen wir anrufen sollten. Das war der Oberzuhälter. Der sprach dann mit ihr und versprach ihr, wenn man jemals den Steuerhinterzieher bei uns finden würde, dann würden sie unsere Wohnung kurz und klein schlagen. Das machte mich wütend und ich sagte zu Goldilock: ”Jetzt legst du auf und ich rufe die Polizei an. Jetzt reicht es mir!” Ich wurde dann auch etwas lauter, so dass der ’Chef’ mich hören konnte. Als er mich mit der Polizei drohen hörte, war er überzeugt, dass der Steuerhinterzieher nicht bei uns war, denn der wurde schliesslich von der Polizei gesucht. Er konnte ja nicht wissen, dass mir zu dem Zeitpunkt ziemlich gleichgültig war, was mit dem Steuerhinterzieher passierte. Goldilock sprach dann noch etwas mit ihm und dann war anscheinend auf einmal alles in Ordnung. Der Mann hinter der Tür verschwand. Goldilock meinte dann zu mir, dass die Leute völlig harmlos wären. Völlig harmlos? Man hatte gerade damit gedroht, unsere Tür einzutreten und unsere Wohnung zu verwüsten

Ich gab dann noch einen kleinen Extraauftritt mit ”der Mann kommt hier nicht mehr über die Schwelle” und Ähnlichem. Goldilock fragte dann, was sie machen sollte, wenn er seine Sachen holen käme. ”Bring sie ihm raus. Lass ihn nicht in die Wohnung!” meinte ich. Im Gegensatz zu ihr war mir klar, das man mit den ach so harmlosen Leuten nicht spassen sollte. Es dauerte dann noch eine Weile bis er kam. In der Zwischenzeit ging Goldilock die Sachen durch, die er bei uns im Keller deponiert hatte, denn sie wollte schliesslich ihre 500 DM wiederhaben (ich hatte mich geweigert, das mitzubezahlen) und wollte sehen, ob man vielleicht etwas fand, was man verkaufen könnte. Und sie fand! Eine ganze Ladung Pornofilme, die sie dann verscherbelte.

Letztendlich liess sie ihn dann doch in die Wohnung … Leider war ich nicht da, als er kam. Er machte wohl ein ziemliches Theater, besonders wegen der Pornofilme. Das hätte ich gerne miterlebt und ihm meine Meinung gesagt. Das war das Wilhelmsburg-Kapitel. All das brachte Goldilock jedoch nicht von ihren Plänen ab, schnell und ohne Anstrengung viel Geld zu verdienen, doch das ist ein anderes Kapitel.