Schottlandreise 1974, Teil 6

Carbisdale Castle-Kingussie-Birnam auf Umwegen-Perth

 

22. Juli 1974 (Montag)

Der nächste Morgen bringt zur Abwechslung einmal Regen und wir versuchen krampfhaft zu trampen. Zwei Französinnen aus der Herberge finden wir unweit auf der Mauer sitzend, von einem Schirm überdacht. Sie wollen lieber stundenlang warten, als 5,5 Kilometer zu Fuss zum nächsten Verkehrsknotenpunkt zu gehen. Wie ziehen dies aber vor und kommen auch ganz gut weg. Wir schlagen uns mit kurzen Lifts von Dorf zu Dorf bis nach Inverness durch. Einer der Fahrer ist ein Bauer, der uns stolz erzählt, dass er gestern sein Heu eingefahren habe, obwohl Sonntag war und die Nachbarn ihn deswegen schief angucken. Heute wäre ihm alles vollgeregnet, wie allen anderen.

In Inverness wimmelt es mit Zivilisation, was uns nach längerer Zeit im Hinterwald einigermassen verwirrt. Die Leute, die wir nach dem Weg fragen, sind sämtlichst selber Fremde, was man u. a. an dem breiten schottischen Akzent hören kann, denn in Inverness spricht man tatsächlich ein gutes Hoch-Englisch, wie wir des öfteren auf unserer bisherigen Reise feststellen konnten.

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(Inverness, die ‚wimmelnde Zivilisation‘)

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Schöne alte Stadthäuser

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Inverness Castle

Wir finden jedoch trotzdem die richtige Strasse (quer durch die central Highlands via Aviemore). Wir stehen kaum, da hält ein Wagen von AA-Service an (sowas wie der deutsche ADAC), der uns mitnimmt. Unterwegs winkt ein Ehepaar, dessen Wagen am Strassenrand steht. Pflichtbewusst hält unser Fahrer an, kommt jedoch schnell zurück. ”Sie wollten nur bis zur nächsten Werkstatt mitgenommen werden. Ihr Auto hat eine Panne, aber sie gehören zu einem anderen Strassen-Service.”

In Aviemore setzt er uns ab mit dem Rat, uns hier nach Unterkunft in der Jugendherberge zu erkundigen. Wenn es keine Betten mehr gäbe, würde er uns in zwei Stunden bis nach Kingussie mitnehmen. Es gibt sogar zwei Jugendherbergen in Aviemore, aber keine freien Betten. Aviemore gefällt uns sowieso nicht. Es ist ein mondäner Skitouristen-Ort und dementsprechend teuer. Wir fahren also mit dem AA-Herren weiter gen Kingussie. Auf der Fahrt fällt mir auf, dass an den Dorfläden überall ’Mackenzie’ dransteht. Ich schliesse haarscharf daraus, dass wir uns auf Mackenzie Boden befinden. Unterwegs versuchen wir zum ersten Mal bewusst, zu kostenloser Übernachtung eingeladen zu werden. Wie bedienen uns dabei jammernder Bemerkungen über die Möglichkeit, dass in der Jugendherberge in Kingussie auch keine Betten mehr frei sind und was wir dann wohl machen sollen. Er beisst aber nicht an.

In Kingussie erkundigt sich unser AA-Mann in der Jugendherberge für uns. Er ist nämlich mit dem Warden befreundet, der Mackenzie heisst. Er selbst heisst auch Mackenzie, aber sie sind nicht miteinander verwandt. Es seien noch Betten frei, verkündet er. Er ist bestimmt heilfroh darüber. Vielleicht hat er sogar den Warden bekniet, um uns loszuwerden. Wir bedanken uns jedenfalls überschwenglich bei ihm und betreten erwartungsvoll die Herberge. ”Diese Herberge ist belegt, wir haben keine freien Betten”, empfängt uns der Warden. Ich fange fast an zu heulen, während der Warden sich gar nicht wieder einkriegt vor Lachen. Meine beste Freunding ist feinfühliger und merkt sofort, dass er uns veräppelt. Seine Frau ist ein Drachen, wie wir bald erfahren sollen. Als meine Freundin im Schlafraum Gitarre spielen will, schiesst sie herbei wie ein geölter Blitz und meint, dass das nicht ginge. Auf unsere Frage ”Warum nicht?” Erhalten wir die Antwort: ”Es geht nicht, es ist nicht erlaubt!” – Wir fügen uns, aber verstehen es nicht, denn schliesslich stören wir niemanden und wir beschmutzen oder zerstören auch nichts mit Gitarrespiel. Später berichtet uns ein Mädchen, dass die Frau hinter der Tür gelauert habe, ob meine Freundin wohl wieder anfangen würde zu spielen (Befehlsverweigerungskomplex).

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[Das Hermitage guesthouse könnte durchaus die damalige Jugendherberge gewesen sein. Leider gibt es viele von den Herbergen nicht mehr.]

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(Kingussie Marktplatz)

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Wir gehen abends wieder einmal in einen Pub, in die Lounge. Dort macht sich ein langer, hässlicher Knabe an uns heran. Er stammt aus Glasgow und arbeitet gegenüber im Hotel. Er bietet uns zwei Schlafplätze in den Bedienstetenzimmern an, denn dann könnten wir doch morgen zum Volksfest gehen und brauchten nicht um 22.00 Uhr in der Jugendherberge zu sein. Wir gucken uns die Räumlichkeiten an, aber sie erscheinen uns genauso zweifelhaft wie der ganze Typ. Man kann die Tür nicht abschliessen! Zu alledem ist mir aufgefallen, dass uns die Leute in der Lounge alle so komisch angeguckt haben. Er scheint ein junger Mann mit ’bad reputation’ zu sein. Da wir nicht gleich wissen, wie wir ihn wieder loswerden sollen, gehen wir mit ihm in den Pub seines Hotels. Gegen die Lounge ist dies eine regelrechte Kaschemme, aber es gibt einen Fernseher! Der Freund unseres Casanovas setzt sich zu uns, ein widerlicher Fettwanst. Sie sind beide ein wenig angetrunken und reden etwas unvorsichtig. Meine Freundin schnappt einiges auf, dass wir ’unwillig’ seien oder Ähnliches. Schliesslich entschuldigen die beiden sich einen Moment, wohl, um sich abzusprechen. Ich erzähle meiner Freundin von meinen Beobachtungen in der Lounge, die uns zusammen mit dem Gehörten sehr bedenklich stimmen, und wir versuchen, die Leute auszufragen. ”Dieser Junge ist nicht gut, er ist ein Trunkenbold”, sagt meine Freundin zu ihrem Nachbarn. Der gute Mann meint nur: ”Mädels, wenn ich ihr wäre, würde ich die Tür von aussen zumachen!” – Das tun wir dann auch mit unfeiner Hast und der ganze Pub fängt brüllend an zu lachen.

Den Rest des Abends verbringen wir beschaulich im Gemeinschaftsraum. Wir treffen einige junge Leute aus dem flämischen Teil Belgiens, die eifrig auf Flämisch auf uns einreden, weil sie aus irgendeinem Grunde glauben, dass wir auch aus Belgien sind.

 

23. Juli 1974 (Dienstag)

Die nächste Nacht wollen wir am Fluss Tummel verbringen. Wir werden von einem älteren englischen Ehepaar mitgenommen. Sie erzählen uns von Lord Atholl, der als einziger noch eine Privatarmee von, ich glaube, 20 Mann besitzt. Er soll eine Frau, die ein gut gehendes Hotel führte, aus seinem county rausgeekelt haben mittels Boycott, um auch noch diese Einnahmequelle in seinen Besitz zu bekommen. Wahrscheinlich hat er auch Drohungen und Bestechung angewendet. Irgendwie wirft die Angelegenheit ein seltsames Licht auf diesen reichen Lord.

Das Ehepaar überredet uns, mit nach Pit Lochry zu kommen, wenige Kilometer über unsere Abzweigung hinaus. Da wir noch viel Zeit zu haben glauben, essen wir mit den beiden, die wirklich goldig sind und besichtigen anschliessend Pit Lochry. Es ist eine puppige kleine Stadt. In einem Buchladen treffen wir die belgische Horde aus Kingussie wieder.

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Wir sehen auch einige College-boys in Kilt und müssen feststellen, dass nicht jeder ihn tragen kann. (Der blonde Riese aus Braemar vom letzten Jahr, der sah gut aus im Kilt. Ein Bild von einem Mann!)

Schliesslich trampen wir zu unserer Kreuzung zurück. Die uns bestimmte Strasse sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus, so leer und schlecht instandgehalten. Ein VW-Bus voller Kinder verschiedener Nationalität nimmt uns mit bis dorthin, wo die Jugendherberge sein musste. Aber, wo ist das Schild? Ich gehe zum Queen’s Hotel hinunter, einem schönen, gut erhaltenen Schloss, um zu fragen. Ich bekomme Hemmungen, als ich die elegante Halle betrete, die dick mit wunderbarer Teppichware ausgelegt ist. Ich komme mir in meinen Jeans und der Öljacke wie ein richtiger Satteltramp vor. Im Grunde bin ich das ja auch. Ich erfahre, dass dieses Schloss bis Ende letzten Jahres die Jugenherberge gewesen sei. (Man sollte sich also doch jedes Jahr einen neuen Jugendherbergsführer zulegen!) Das ist ein harter Schlag für uns, so verlassen an einsamer Waldstrasse gestrandet. Vor allem schüttet es alle zehn Minuten wie aus Eimern.

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[Es könnte gut dieses Hotel gewesen sein. Ein Queen’s Hotel gibt es nicht mehr.]

Da kommt wie ein rettender Engel eine Frau aus einem Haus und geht auf ihr Auto zu. Meine beste Freundin spricht sie an, ob sie uns nicht mitnehmen könnte, erklärt ihr die Situation. Wenig engelhaft schlägt sie es schroff ab und will uns nach Loch Rannoch schicken (das heisst noch weiter in die Walachei), lässt sich dann aber zögernd dazu überreden, uns einzuladen. Meine Freundin lässt nämlich nicht locker, weil wir eine reichlich schlechte Chance für uns sehen, von hier wegzukommen und dementsprechend verzweifelt sind. Meine Freundin entwickelt in solchen Situationen oftmals Mut und Selbstüberwindung, während ich resigniere. Ich habe Hemmungen gehabt, die Frau anzusprechen und bin in Gedanken schon zu Fuss unterwegs gewesen …

Unterwegs schwärmen wir von Fluss Tummel und davon, wie herrlich es sein muss, hier ein Haus zu haben. Dadurch stimmen wir sie merklich freundlicher.

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Und es ist nicht einmal gelogen, denn dies ist eine der schönsten Regionen Schottlands, also von dem was wir bisher gesehen haben. (Es ist erstaunlich, wie leicht man Leute mit Schmeicheleien und Komplimenten gewinnen kann, seien sie auch noch so klug oder gerissen.) Schliesslich kommen wir noch auf die Glaswegians zu sprechen, ein ergiebiges Thema in Schottland. Man sollte allerdings vorher sondieren, wie der Gesprächspartner über sie denkt. Wir erzählen aber frank und frei, dass wir sie gar nicht so schlimm finden, wie man sie uns immer schildert. Im Gegenteil, wir haben uns sehr wohl gefühlt in Glasgow. Damit treffen wir glücklicherweise ins Schwarze! Unsere Dame fällt enthusiastisch ein und meint wiederholt: ”There is not a thing wrong with the Glaswegians!” – Wir haben ihr Herz gewonnen. Vielleicht stammt sie oder jemand, den sie kennt, aus Glasgow.

Glücklich wieder in Pit Lochry bedanken wir uns diverse Male für ihre grosse Hilfsbereitschaft und ernten so ein Lächeln und ein ”You are welcome”. (Scheinheilige Alte, denke ich ebenso scheinheilig.) Plötzlich wankt eine total betrunkene alte Frau an uns vorbei und unsere Dame kommentiert voller Verachtung: ”What a disgrace!” – Meine Freudin findet es typisch für diese Frau, so etwas zu sagen.

Wir versuchen, nach Birnam weiterzutrampen bei einer Wechseldusche von brennender Sonne und Platzregen. Diesen Wassermengen, die auf uns herabfallen, hält nicht einmal die Imprägnierung unserer Rucksäcke stand. Schliesslich nimmt uns ein Arbeitswagen mit, mit einigen Jungs, die uns gerne bis Perth im Auto hätten. Wir wollen aber in Birnam übernachten (Macbeth!!!), wo uns wieder eine ’simple’ Jugenherberge erwartet. Ich glaube sie gehört zu den primitivsten überhaupt 

Ein jüngeres deutsches Ehepaar mit zwei Kindern trifft ein. Sie wollen mal etwas anders und abenteuerlicher übernachten. Für diese Leute ist eine Jugendherberge offensichtlich ein Riesenschritt zurück zur Natur. Sie führen sich auf wie Helden an der Front und als ob eine Herberge nun DER Geck wäre. Ich fühle mich stark genervt und erkläre ihnen, dass sie morgens vor dem Aufbrechen noch alle einen Job erledigen müssen, da dies so üblich ist. (Die Kenntnis dessen hindert sie jedoch nicht daran, am nächsten Morgen die Dummen zu spielen und ihre Ausweise zu verlangen, ohne nach ihren Jobs zu fragen. Der Warden, ohnehin kein jubilierender Typ, wird noch saurer. Ich hoffe in dem Moment nur, dass keiner bemerkt, welcher Nationalität wir sind.)

Am Abend in Birnam gehen wir in einen kleinen gemütlichen Pub. Dort treffen wir ein sehr nettes Ehepaar aus Neuseeland. Wir berichten ihnen, dass wir planen, in Neuseeland Schafe zu züchten. Sie belächeln das ein wenig, geben uns aber trotzdem ihre Adresse und laden uns ein, für ein halbes Jahr oder länger rüberzukommen. Nur Kind und Kegel sollen wir bitte zuhause lassen.

Ein alter Schotte erzählt uns von seiner Soldatenzeit im Rheinland, wo er ein sehr nettes Mädel gehabt hat. Die meisten Schotten sehen Deutschland für eine grosse Nation an, im Gegensatz zu Schottland, was mich einigermassen traurig stimmt (dass sie ihr eigenes Land so gering schätzen), aber sie warnen uns auch vor möglicher Deutschfeindlichkeit. Wir begegnen auf der ganzen Reise keiner Deutschfeindlichkeit. Nur in der Zeitung lese ich von zwei Fällen in London, wo Mädchen in der Untergrundbahn und der Eisenbahn auf Grund ihrer deutschen Nationalität umgebracht worden sind. Wie gesagt wir haben keinerlei Feindseligkeit erlebt.

 

24. Juli 1974 (Mittwoch)

Die nächste Trampstrecke nach Perth ist sehr kurz. Wir haben herrlichstes Sommerwetter, um uns die Stadt anzusehen.

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(Perth, South Inch)

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(Perth, North Inch [Perth, the smallest city in Scotland, it is situated between two inches, remember?]

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[… und die Brücke im Hintergrund, die im Mittelalter von den Römern gebaut wprden war…]

 

25. Juli 1974 (Donnerstag)

Für den nächsten Tag planen wir einen Ausflug ins Nachbar-County Angus. Ein Fischlastwagenfahrer, der nach Aberdeen will, nimmt uns mit. Der Fahrer verkündet uns, dass er jeden Morgen an derselben Stelle um 10.00 Uhr vorbeikomme, falls wir irgendwann vielleicht noch einmal mitfahren wollen.

Angus ist ein völlig von der Landwirtschaft erschlossenes Gebiet, hochzivilisiert, denn überall sind Zäune. Hier können wir uns nicht, wie in Morar, in die Landschaft setzen wo wir wollen, sondern müssen uns mit dem Strassenrand begnügen. Zurück nach Perth fahren wir auf einer anderen Strasse. Vor der Stadt wohnen Zigeuner auf den Seitenstreifen. Ohne die Menschen könnte man das Ganze für einen Schrottplatz halten. Es sieht sehr arm aus. [Ich habe in der Zwischenzeit Fahrendes Volk in verschiedenen Ländern gesehen. Nicht einmal in Rumänien sah es so schlimm aus. Am besten ist man in Frankreich organisiert. Dort gibt es an den Landstrassen spezielle Übernachtungsplätze für die Roma, mit Brunnen. Auch scheinen sie dort wohlhabender zu sein.]

Perthshire wird auch Dewar’s Country genannt, wegen der vielen Whiskey-Brennereien. Meiner Freundin gefiel Perth nicht besonders. Ich selber hege eine Vorliebe für diese Stadt, ohne genau sagen zu können, warum.

Abends führen wir wieder unsere Pubstudien durch. Der etwas feinere, hinten in einem Hotel, ist langweilig. Niemand unterhält sich mit uns. Der ordinäre Central Pub ist interessanter. Ein älterer Herr redet uns mit Geschichten voll, wo er überall schon gewesen ist, wie viele Sprachen er spreche etc., und er setzt dabei eine Connoisseur-aller-Dinge-Miene auf. Als er seine Nase pudern geht, kommen drei andere, jüngere Männer und rahmen uns ein. Sie erzählen uns, dass niemand mehr mit diesem Mann spreche, deshalb mache er sich an Fremde heran, die ihm wenigstens noch zuhören. Er ist tatsächlich ein Nerver ersten Ranges. Während wir uns mit den anderen unterhalten, versucht er uns von hinter deren Rücken auf die Schulter zu tippen und unsere Aufmerksamkeit wiederzugewinnen. Der eine junge Mann erzählt mir erst, dass seine Frau auch immer Jeans trägt. Jetzt berichtet er von einer Dänin, die einen ganzen Sommer mit ihm in seinem Wohnwagen verbracht hat: ”That was a fine lass!” (Oho, denke ich, diese feinen Anspielungen. Mit der Treue nimmt man es in Great Britain nicht so genau, habe ich den Eindruck.)

(Fortsetzung folgt)

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Schottlandreise 1974, Teil 5

Achintraid-Gairloch-Carbisdale Castle [At that time County Sutherland, now part of ’Highland’]

 

15. Juli 1974 (Montag)

Der Morgen darauf empfängt uns wieder einmal mit grauer, regnerischer Miene. Bis Shieldaig (dem Rentnerkurort) fahren wir mit einem englischen Paar, die einen englischen Schäferhund dabei haben, einer von diesen weiss-grau zottelig befellten Hunden, bei denen man nicht herausfinden kann, was Vorne und was Hinten ist. Seine Ausmasse sind wie die eines einjährigen Bernhardiners. ”Aber er wächst noch!” erzählen die stolzen Besitzer. Dieses Hündchen sitzt nun die ganze Fahrt über auf meinem Schoss und stellt seine Vorderpranken auf meinen ungepanzerten Fuss. Sein blaues Auge (denn das andere ist braun) schielt mich hinter einer Locke hervor vertraulich an, in Augenhöhe! Wenigstens friere ich einmal nicht. (Er ist ein ganz Lieber!)

In Shieldaig werden wir wegen des Wetters noch herzlich bedauert, aber ihre Reiseroute wollen diese mitleidigen Leute dann doch nicht unseretwegen ändern.

Wir müssen schliesslich bis Kinlochewe den Bus nehmen, da so gut wie überhaupt kein Verkehr herrscht und das Wetter immer feuchter und unangenehmer wird. Auch dort stehen wir noch einige Stunden, bis uns ein Lieferwagen bis nach Gairloch mitnimmt, ein bei den Schotten beliebter Urlaubsort. Hier am Meer scheint auf einmal die Sonne, und wir fühlen uns sofort viel besser. Die schottischen Hügel können nämlich bei Nebel und Regen eine reichlich deprimierende Wirkung haben. Wir treffen doch tatsächlich eine Nachbarin von Margaret in Gairloch, mit der wir in Glasgow im Bus gefahren sind.

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Die Jugendherberge Carn Dearg liegt direkt an den Klippen, an einer schmalen Asphaltstrasse, die wenige Kilometer weiter im Sande verläuft. [Das tut sie nicht mehr.] Dies war die erste Herberge, auf die wir treffen, in der man sich mittels Extrajobs eine freie Übernachtung erarbeiten konnte (z. B. Fenstermalen). Wir sind aber zu faul dazu, schliesslich haben wir Ferien!

 

16. Juli 1974 (Dienstag)

Am folgenden Morgen ist das Wetter sonnig aber kalt. Wir besichtigen den Ort Gairloch, etwa 2 Kilometer von der Jugendherberge entfernt, und klettern in den Klippen umher. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht kann man die Berge sehen, aus denen wir am Vortage gekommen sind. Verglichen mit dem Grasland hier sind sie gewaltig und durch die tiefhängenden weissen Wolken, die ihre Gipfel verdecken, wirken sie geheimnisvoll und mit dem Himmel verbunden.

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[Aquarell von meinem Bruder nach einem Foto gemalt. Da müssen also doch Fotos von mir rumschwirren. Ich schaue noch einmal nach. Vielleicht habe ich von den Dias Papierbilder machen lassen.]

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Mir, die hier in der Sonne am Wasser sitzt, sind die Berge ein Symbol für das gelobte Land, sie sind meine Brüder, gross und stark. Ich fühle mich eins mit der Erde und glaube an den Frieden.

Ich will:
mich zu den Bergen gesellen;
den Vögeln und dem Wind zuhören,
die mir ihre Weisheit mitteilen,
ohne zu prahlen;
mir Kraft geben lassen von der Sonne;
die Harmonie dieser Schöpfung bewundern
und ein Teil von ihr werden.

 

17. Juli 1974 (Mittwoch)

Als wir wir am nächsten Tag wieder spazierengehen hält ein Auto voller Mädchen neben uns an und sie laden uns zum Kaffetrinken ein. Das weibliche Rudel besteht aus Margaret (17 Jahre) mit zwei Schwestern, die auf mich beide den Eindruck machen, als hätten bei ihnen die Zutaten nicht ganz gereicht, sowie einer befreundeten jungen Frau mitsamt zwei kleinen Töchtern, aus denen Margaret mit Gewalt feine Damen machen will. Sie stammen alle aus Edinburgh. Margarets Eltern leben beide nicht mehr, und jetzt plant sie, das Haus, in welchem wir Kaffee trinken, zu modernisieren. Es handelt sich um eine ehemalige Schule, die sie gemeinsam mit ihren Brüdern gekauft hat. An den Kleiderhaken im Korridor sieht man noch die Namen der früheren Schüler eingebrannt: Gillivray, Farquharson und ähnliche, urgälische Namen. Die junge Frau mit den beiden Töchtern wird in einigen Wochen nach Australien auswandern.

Zurück in der Herberge treffen wir auf einen baumlangen, dürren Radwanderer, der uns schon in Morar aufgefallen ist wegen der ungeheuren Lebensmittelmengen, die er verschlingt. Er verspeist mindestens drei gehäuft volle Teller mit undefinierbaren Cereals und zum Nachtisch patscht er sich grünen Salat auf sein Weissbrot. Er erinnert sich nicht an mich, als ich ihn anspreche, was er aber sehr bedauert und sich dementsprechend oft entschuldigt. ”Ich kann mir keine Gesichter merken”, sagt er.

 

18. Juli 1974 (Donnerstag)

Am nächsten Morgen brechen wir wieder in Richtung Norden auf. Wir wollen so weit wie möglich die Westküste hinauf. Wir haben sagenhaftes Glück und sind kurze Zeit später in Ullapool, einem netten kleinen Fischerort mit einer netten kleinen Jugendherberge. Ullapool ist sehr touristisch, aber nicht so voller Tand wie z. B. Aberfoyle oder Fort William, sondern mit Niveau. Man rät uns, nachts mit den Fischlastern nach Norden zu trampen, aber das erscheint uns doch zu riskant und unbequem.

 

19. Juli 1974 (Freitag)

Von Ullapool nimmt uns James Munro mit, ein älterer Herr aus Lairg am Fluss Shin, mit dem wir noch lange Jahre danach brieflich in Verbindung stehen werden. ”I like a good knee in the front”, meint er, als ich mich neben ihn setze, was ich in meiner Dusseligkeit mal wieder nicht kapiere. Er überzeugt uns sehr schnell davon, dass es Unsinn wäre weiter nach Norden zu trampen, weil dort so gut wie kein Autoverkehr ist. Das merken wir ja jetzt schon. Stattdessen nimmt er uns mit nach Invershin im Herzen Sutherlands, wo er uns im Pub einen Drink spendiert. Für meine Freundin gibt es einen Hot Toddy (ein Grog mit Whiskey), da sie stark erkältet ist. Neidisch ruhen meine vom Alkohol ungetrübten Augen auf ihr.

Der Weg zur Jugendherberge ist recht ungewöhnlich. Wir gehen zu einem stillgelegten Bahnhof, auf dessen Auffahrt in grossen, weissen Buchstaben ’SNP’ steht (Scottish National Party. Wir sind im erzpatriotischen Teil angelangt.) Von dort geht es auf einer Eisenbahnbrücke über den ’Kyle of Sutherland’, über diverse Zäune, durch ein Loch in der Mauer und einen endlosen Hügel hinauf. Diese Herberge ist in einem grossen Schloss, Carbisdale Castle, untergebracht. Irgendein englischer Adeliger hatte seine Gemahlin hierher abgeschoben. Der Abenteuerweg ist zu empfehlen, wenn man nicht 5,5 Kilometer bis zur nächsten Brücke (Bonar Bridge) wandern will und auf der anderen Seite dann 5,5 Kilometer wieder zurück.
[Leider musste das schottische Jugendherbergswerk Carbisdale Castle aufgeben, da die Instandhaltung zu kostspielig wurde. Es steht jetzt zum Verkauf. Die Wikipedia ist noch nicht ganz auf dem Laufenden, da steht immer noch, dass es eine Jugendherberge ist:

Carbisdale Castle was built in 1907 for the Duchess of Sutherland (die abgeschobene Dame) on a hill across the Kyle of Sutherland from Invershin in the Scottish Highlands.]

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Carbisdale Castle mit schottischer Fahne.

Da das Wetter erträglich warm ist, legen wir uns später auf eine Wiese in der Nähe der Herberge. Mir ist so wohl, dass ich kurzerhand einschlafe. Daher bin ich etwas konfus, als uns wenig später ein Junge anruft und nach dem Weg fragt. Ich erkläre es ihm ausführlich, einschliesslich Loch in der Mauer. Ich muss nicht sehr zuverlässig gewirkt haben, da er den Weg nicht nimmt, wie er mir später mitteilt. Er geht den langen Weg über die nächste Brücke. Selber Schuld! [Das mit der Eisenbahnbrücke ist immer noch so.]

 

10. Juli 1974 (Sonnabend)

Am nächsten Morgen erspähe ich den langen Radwanderer wieder, der dieses Mal schnurstracks mit einem Waschbottich voller Cornflakes auf mich zukommt mit den Worten: ”Diesmal erkenne ich dich wieder!” (Raffiniert dieser Charme.)

Nachmittags mache ich einen Ausflug zu Fuss in das nächstliegende winzige Dorf, da meine beste Freundin das Bedürfnis hat, allein zu sein. Unterwegs treffe ich eine alte Dame, die mir erzählt, dass der Salat dieses Jahr ganz wunderbar sei und mir aus einer Riesentüte Bonbons anbietet. So eine nette Dame!

Abends zieht es uns in den Pub (wir müssen dazu wieder über die Eisenbahnbrücke), wo wir die Künstlerseele der Umgebung, Joe, den Maler, mit seinem schönen Collie kennenlernen. Einer der Schotten an unserem Tisch erzählt dauernd Witze über Iren, die ich aber nur zur Hälfte verstehe. Er ist der erste und vielleicht einzige Schotte, der in wahrhaft italienischem Tempo spricht. Meine Freundin unterhält sich derweil mit einem jungen, betrunkenen und kaputten Typ, der ihr leid tut. Er will am nächsten Tag heiraten, scheint aber nicht sehr begeistert von der Idee zu sein und bittet meine Freundin, bei ihm zu bleiben. Immer wieder zeigt er ihr Patronen, die er in der Hand hält und prophezeit, dass es in drei Jahren das Schloss nicht mehr geben würde und den Pub auch nicht, da beides Engländern gehört. ”Wir werden sie alle töten, alle, mit Frauen und Kindern! Wir müssen sie auslöschen”, sind seine Worte. Den anderen ist das peinlich und sie erklären ihn für verrückt und meinen, dass er nur so reden kann, weil er nicht weiss, wie schrecklich ein Krieg ist.

Schliesslich trifft mein Radwanderer ein. Nach einiger Zeit der Unterhaltung fragt er mich, ob ich mit ihm Spazieren komme, seine Freunde vom Campingplatz abholen. Das fehlt mir gerade noch, keine Lust, so lehne ich ab. Kaum ist der Eine fort, kommt der Nächste: Keith der tooling engineer (Werkzeugmacher), der Junge, der nach dem Weg zur Herberge gefragt hat. Er wird von einem bärtigen jungen Mann begleitet, der sich als Australier herausstellt, aber erst nachdem ich ihn natürlich gefragt habe, ob er Amerikaner sei, worüber er ziemlich beleidigt ist (scandalo, scandalo). Keith fragt, ob sie sich zu uns setzen dürfen und ohne auf die Antwort zu warten sitzt er auch schon neben mir und zwängt mich derartig zwischen sich und dem Stuhl meiner Freundin ein, dass ich sie mit offenem Mund anstarre und es mir die Sprache verschlägt ob seiner Frechheit. Der Radwanderer kommt zurück, sieht uns mit den anderen und ertränkt seinen Kummer in Whiskey. Er geht dann auch früher nach Hause, während sich seine so genannten Freunde über ihn lustig machen, weil er keinen Alkohol verträgt. Tolle Freunde!

 

21. Juli 1974 (Sonntag)

Am nächsten Tag wandern wir zu den Shin-Fällen. Die Strasse, die hinauf führt, ist wunderbar angelegt: ruhig, bergig, herrlich! Am Wegrand finden wir Walderdbeeren, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe und esse. Auf dem ’Gipfel’ erwartet uns eine Überraschung, denn dort stehen eine Lunchbude, ein Andenkenladen und Autos in stattlicher Anzahl. Ich fühle mich an den Ausflug zum Loch Kathrine vom Vorjahr erinnert. Die Leute strömen am Wochenende (es ist Sonntag) zu den Fällen, um die Lachse springen zu sehen. Die Shin-Fälle sind mir jedenfalls vergällt. Ich sehe sie mir nicht einmal an. Meine Freundin kauft eine Postkarte, wo natürlich ein Lachs beim Springen drauf zu sehen ist. Es ist allerdings eine derartig plumpe Trickaufnahme, dass sie mir nur ein müdes Grinsen abringt. Der Lachs ist nicht nur fast so gross, wie der ganze Wasserfall, sondern es ist auch deutlich zu sehen, dass er aufgemalt ist (der Lachs). Aber die Karte hat absolut Kitschwert.

 

(Fortsetzung folgt)

Nur ganz kurz …

Jackie schläft gerade auf meinem Schoss. Sie muss angenehme Träume haben, denn sie wedelt kräftig mit dem Schwanz. Neulich hat sie im Schlaf gebellt, sie bellt sonst nie. Gestern Abend zum ersten Mal. Da war ein Geräusch, dass sich anhörte, als ob jemand versucht die Türklinke zu bewegen. Wir gingen nachgucken und da war nichts. Sie hörte auch schnell wieder auf zu bellen. Wahrscheinlich war das nur unser äusserst gesprächiger Kühlschrank. Der gibt für einen Kühlschrank recht ungewöhnliche Laute von sich.

Hängen eigentlich Welpen generell gerne mit dem Kopf nach unten???

Morgen bauen wir ihr einen grossen Auslauf, in dem sie dann ohne Leine rumwetzen kann. Das liebt sie. Leider ist sie noch nicht 100% zuverlässig zu kommen, wenn wir sie rufen. Das ist uns zu gefährlich mit der baufälligen Ruine auf dem Grundstück. Der Ostflügel hat unter den letzten Stürmen sehr gelitten.

Euch allen eine gute Nacht!

 

Schottlandreise 1974, Teil 4

Mehr Morar und dann nach Achintraid auf Umwegen

 

11. Juli 1974 (Donnerstag)

Am nächsten Morgen scheint die Sonne! Daher setzen meine Freundin und ich uns in die Landschaft und musizieren. Am gegenüberliegenden Ufer der Bucht erspähe ich die Streifen des weissen Strandes ’The white sands of Morar’, der Morar als Badeort beliebt gemacht hat (bei den Schotten jedenfalls). Wir haben kaum unsere Instrumente ausgepackt, als es wieder anfängt zu giessen.

 

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Im nächsten Sonnenmoment wandern wir zum vier Kilometer entfernten Morar. Bei Licht besehen ist diese Strecke sehr malerisch, aber trotzdem hätte ich gefroren, wenn ich, wie einige Schotten, im Badeanzug am Strand sitzen würde. Aber sie sind ihr Wetter ja gewohnt. Ich bin in einen Rollkragenpullover gekleidet. Am Ende der Reise sind mein Gesicht, die Hände und ein kleines Stück der Unterarme braungebrannt … 

In Schottland sagt man, es ist gutes Wetter, wenn ein Stück blauer Himmel zu sehen ist, das gross genug ist, um einen Kilt daraus zu schneidern.

Die Lachsbäche, an denen wir vorbeikommen, sind alle eingezäunt und privat. Sie sind hauptsächlich im Besitz von Adeligen oder einflussreichen Engländern oder der königlichen Familie, wie praktisch alles Wertvolle in diesem Land. Das muss ein Überbleibsel sein, trotz SNP (Scottish National Paryy) und ”A man’s a man for all that … ”. Das scheint nur Wunschdenken zu sein. Hier der Originaltext des Liedes: (für diejenigen, die nicht das ganze Lied lesen wollen, hier eine kurze Zusammenfassung des Inhalts:

Lieber arm als ein Sklave;
ein ehrlicher Mann, auch wenn arm, ist ein König;
ein selbständig denkender Mann lacht über Titel und Orden;
Lasst uns dafür beten, das Vernunftgefühl und Selbstwert siegen und die Menschen in der ganzen Welt Brüder werden.
Ganz schön fortschrittliche Ideen für das 18. Jahrhundert in Schottland, wo in den Clans immer noch eine ziemlich strenge Hierarchie vorgeherrscht hat.)

Hier der Text des Liedes:

Is there for honest Poverty
That hings his head, an‘ a‘ that;
The coward slave-we pass him by,
We dare be poor for a‘ that!
For a‘ that, an‘ a‘ that.
Our toils obscure an‘ a‘ that,
The rank is but the guinea’s stamp,
The Man’s the gowd for a‘ that.

What though on hamely fare we dine,
Wear hoddin grey, an‘ a that;
Gie fools their silks, and knaves their wine;
A Man’s a Man for a‘ that:
For a‘ that, and a‘ that,
Their tinsel show, an‘ a‘ that;
The honest man, tho‘ e’er sae poor,
Is king o‘ men for a‘ that.

Ye see yon birkie, ca’d a lord,
Wha struts, an‘ stares, an‘ a‘ that;
Tho‘ hundreds worship at his word,
He’s but a coof for a‘ that:
For a‘ that, an‘ a‘ that,
His ribband, star, an‘ a‘ that:
The man o‘ independent mind
He looks an‘ laughs at a‘ that. 

A prince can mak a belted knight,
A marquis, duke, an‘ a‘ that;
But an honest man’s aboon his might,
Gude faith, he maunna fa‘ that!
For a‘ that, an‘ a‘ that,
Their dignities an‘ a‘ that;
The pith o‘ sense, an‘ pride o‘ worth,
Are higher rank than a‘ that.

Then let us pray that come it may,
(As come it will for a‘ that,)
That Sense and Worth, o’er a‘ the earth,
Shall bear the gree, an‘ a‘ that.
For a‘ that, an‘ a‘ that,
It’s coming yet for a‘ that,
That Man to Man, the world o’er,
Shall brothers be for a‘ that.
(1795, Robert Burns)

[Wer an schottischer Geschichte interessiert ist, dem kann ich die Bücher von John Prebble empfehlen: The Highland Clearances, Glencoe und Culloden.]

In Morar setzen wir uns in den niedlichen, wirklich puppigen kleinen Pub. Dort lockt unsere Musik bald ein junges schottisches Ehepaar an, mit dem wir uns angeregt unterhalten. Sie heissen Margaret und Malcolm und stammen aus Bannockburn. Gleich für den nächsten Tag laden sie uns zum Essen in ihrem Wohnwagen ein. Malcolm ist verliebt in die Gitarre meiner Freundin. Am liebsten würde er sie wohl mitnehmen.

 

12. Juli 1974 (Freitag)

Margaret und Malcolm machen mit uns am Nachmittag eine Sightseeing-Tour in der Umgebung, und wir besichtigen eine salmon nursery (Lachszucht oder wie nennt man das auf Deutsch?) am Loch Aylort. Malcolm würde gerne hier an der Küste Arbeit finden, denn sein Wunschtraum ist, einen Fischkutter zu besitzen.

Abends sitzen wir gemütlich beisammen. Vom Wohnwagen aus kann man die bizarren Umrisse der Inseln sehen (Hebriden), mit den seltsamen Namen ’Rum’, ’Eigg’ und ’Muck’. Margaret zeigt mir eine typische schottische Handarbeit, Schmucksteine aus gepresster Heide (heather gem). Das sieht sehr hübsch aus, und je nachdem, welche Gewächsteile benutzt werden, sind die Ringe oder Manschettenknöpfe oder Kettenanhänger überwiegend grün oder violett. Ich kaufe mir später einen Ring, dessen ’Stein’ aus in Scheiben geschnittenen Heidestämmchen gemacht ist. Der ist dann natürlich in Brauntönen.

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Malcolm ist auch einmal in Glencoe gewesen. Dort hat der Wirt im Pub ihn gefragt: ”Are you a Cambalaich?” – ”No, I am a MacInnes, why?” – ”Because I am not serrrving a Campbell over this counter!” – Fast 300 Jahre nach dem Massaker noch so ein unversöhnlicher Hass.

 

13. Juli 1974 (Sonnabend)

Margaret und Malcolm geben uns am nächsten Morgen einen Lift bis zur Hauptstrasse bei Fort William, wofür wir äusserst dankbar sind, denn die Strasse dorthin ist total ’deserted’. Ausser uns ist kein Fahrzeug weit und breit zu sehen. Ein Pärchen sitzt bereits am Strassenrand und auf unsere Frage, ob sie auch trampen wollen, bekommen wir zur Antwort: ”Wir warten auf den Bus! Trampen ist ARBEIT!”

Wir werden ziemlich schnell von zwei Jungen Männern aus Glasgow mitgenommen, David und Joe. Inzwischen hat der ’Glasgow Fair’, die Industrieferien in der zweiten Julihälfte, begonnen. Während dieser zwei Wochen trifft man die Glaswegians über ganz Schottland verstreut an. David und Joe stellen sich als sehr nett heraus. David hat lange, glatte, blonde Haare und anscheinend ein sanftes Wesen, das meine beste Freundin sofort anzieht. Joe dagegen ist klein und gedrungen, mit dunklem, kräftigen Haar und einem prächtigen Schnurrbart. Seine Augen blitzen vor Lebensfreude und Humor, wenn er Witze macht oder Geschichten erzählt.

Eigentlich wollen wir alle vier nach Skye. ’Failteach an Eileann’ steht auf einem Schild, ’Willkommen auf der Insel’, was ich später, dank meines Büchleins ’Gaelic without groans’ mühelos übersetzen kann. [Damals gab es eine Fähre von Kyle of Lochalsh nach Skye. Seit 1995 gibt es die Skye Bridge.] Leider sind alle Jugendherbergen besetzt (ja, ja, Glasgow Fair) und wir müssen aufs Festland zurück. In Kyle of Lochalsh gibt es noch Betten, aber man bittet uns, nach Achintraid weiterzufahren, da wir ein Auto haben und man Wanderer berücksichtigen möchte. Wir rufen vorher dort an, ob wir unterkommen würden, bevor wir uns auf den Weg machen. David und Joe sind so nett, uns den ganzen Weg mitzunehmen.

Achintraid ist ein winziges Nest am Loch Kishorn, mit Blick auf die Applecross Mountains auf der anderen Seite des Lochs. [Applecross ist auch ein sehr beliebter Urlaubsort bei den Schotten. Das County hiess damals Ross & Cromarty, wurde aber 1975 aufgelöst und in ’Highland’ und ’Western Isles’ unterteilt.]

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[In Achintraid hat sich anscheinend nicht viel verändert. Eines der Häuser direkt an der Wasserkante war früher die Jugendherberge. Auf dem Foto ist gerade Niedrigwasser.]

Idyllisch bei Sonnenschein, der hier seltener ist als Kühe. Es gibt hier nur Schafe, und zwar von einer besonderen Art, mit dichtem, sehr weissem, krausem Fell, anders als die sonst üblichen schmuddeligen und zotteligen Hochlandschafe.

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Wir bieten an, für David und Joe zu kochen. Wir wollen etwas Besonderes machen, Curry-Bananen auf Reis. Die Mahlzeit übernehme ich. Neben mir kocht ein junger Mann eine einsame Muschel. Er guckt interessiert in meinen Topf und findet den Inhalt sehr ’aussergewöhnlich’, man ist ja höflich in Grossbritannien. Er gefällt mir auf Anhieb! Ich schätze ihn auf Anfang 30, das Gesicht sehr männlich, aber nicht auf Macho-Art, und sein Haar ist wie Schafwolle, nur schwarz. Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis ich das Ergebnis meiner Kochkünste zu Tisch trage. Joe und David sind nicht sehr begeistert. Dazu muss ich sagen, dass wir weder Curry noch Salz übrig haben, und ich auch nicht die Geistesgegenwart besitze, meinen neuen Bekannten, den mit der Muschel, um Salz zu bitten. Wahrscheinlich haben mich seine blaugen Augen zu sehr abgelenkt! Unsere beiden ’Chauffeure’ fanden das Essen ”very filling” und pickten sich nur die Rosinen und die Bananen heraus.

Als Gegenleistung laden sie uns nach Strathcarron in den Pub ein. Es ist sehr voll dort. Wahrscheinlich ist Strathcarron eine Art ’Kreisdorf’, wo sich am Wochenende alle Welt trifft.

strathcarronhotelpub

Ich habe das Gefühl, als ob David und Joe uns unter sich verteilt haben, und zwar meine Freundin zu Joe und mich zu David. Das klappt nun aber nicht, denn ich halte mich an Joe, da ich weiss, dass meine Freundin sich David ausgeguckt hat, und ich denke ja eigentlich an den Muschelmann. Sie machen jedoch gute Miene zum bösen Spiel und es wird ein sehr netter Abend. Eine Band spielt Folklore, aber erst, als wir schon auf dem Weg zurück zur Jugendherberge sind, denn um 22.00 Uhr werden die Haustüren abgeschlossen. David und Joe sind ein bisschen angetörnt und fahren extra langsam, um das Beisammensein zu verlängern. ”Wenn die Tür zu ist, übernachten wir eben draussen!” meinen sie. Darüber sind wir nun nicht so begeistert. Wir kommen aber rechtzeitig an. Es ist auch noch kaum jemand im Bett. Ich frage Schwarzkopf nach seiner Muschel. ”Ich habe sie weggeworfen, sie sah nicht gut aus!” meint er. Er hat eine Zeichnung vom Aufenthaltsraum gemacht, mitsamt den nassen Klamotten, die über dem Ofen trocknen. Ich finde sie sehr gut, und er zeigt mir noch andere. ”Ist Zeichnen ihr Hobby?” frage ich ihn. – ”Nein, es ist sozusagen mein Beruf!” – Mehr lässt er sich nicht aus, und ich finde es unhöflich, weiterzufragen.

 

14. Juli 1974 (Sonntag)

Am nächsten Morgen ist meine einzige Sorge, ob er schon fort ist. Er ist nicht! Meine Freundin und ich begleiten die beiden Jungs zur Strassenkreuzung. Auf dem Rückweg treffen wir den Schwarzgelockten. ”Ich dachte ihr seid abgereist!” sagt er. – ”Nein, nur die Jungs”, antworten wir. – ”Ich dachte ihr seid zusammen!” er wieder. – ”Nein, sie haben uns nur einen Lift bis hierher gegeben”, stellen wir die Sache klar. Es folgt noch ein kleines Geplänkel, woher, wohin demnächst und ein beiderseitiger, tief bedauernder Blick.

Den Nachmittag verbringen wir in Shieldaig (ca. 15 km von Achintraid entfernt, an Loch Torridon gelegen). Ein deutscher Tourist nimmt uns mit. ”Da stehen zwei Mädchen so einsam im Moor, das ist ja wie bei Shakespear!” meint er. Er fühlt sich ganz offensichtlich als unser Retter und Gönner. Shieldaig ist ein Vier-Häuser-Luftkurort für Rentner. Der Tearoom ist aber wunderbar. (Rentner wissen immer, wo es das beste Essen und den besten Kuchen gibt, besonders die älteren Damen.) Hier kaufe ich auch meinen Gälischleitfaden ’Gaelic without groans’. Wegen schlechten Wetters machen wir uns jedoch bald auf den Rückweg.

Gegen Abend klart es auf, Sonnenschein und blauer Himmel über der Bucht! Meine Freundin und ich setzen uns auf etwas weiter voneinander entfernt liegende Felsen und spielen Musik. Ich fürchte, dass man meine Flöte bis zur anderen Seite des Lochs hören kann. Ich muss allerdings zugeben, dass mein Instrument einen guten Klangt hat und es sich im Freien über dem Wasser wunderbar anhört. Dieser Abend war wirklich ein schöner Wochenendabschluss. [Aha, das war also ein Sonntagabend!]

Fortsetzung folgt

Nostalgie und andere Gedanken …

Nostalgie

Mein Mann träumte schon immer davon, Motorrad zu fahren. Also machte er seinen Führerschein und dann erstanden wir eine GoldWing 1200 Aspencade. Mit dieser Maschine waren wir auf einer wunderschönen Reise in die Toskana (von München aus, bis dahin Autozug). Auch im Harz sind wir damit rumgegurkt und nach Berlin hat es uns auch damit verschlagen. Nach der Italienreise fuhren wir extra nach Holland, um einen Anhänger für etwas mehr Gepäck zu besorgen.

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Das Bild mit Anhänger auf dem Weg nach Berlin. In Italien waren wir nur mit den eingebauten Boxen und einer Tasche auf der Topbox, was nicht optimal für die Balance war.

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Meinem Mann war die GoldWing dann aber doch zu alt und zu schwer zu handhaben (wir sind ja nicht mehr so jung). Daher verkauften wir sie und erstanden eine neuere BMW K1200LT. Wir haben mit der BMW viele Ausflüge gemacht, sind aber nie richtig damit auf Reisen gewesen. Stimmt nicht, wir waren sowohl in Ratzeburg, von wo aus wir eine Reihe lange Ausflüge gemacht haben, und im Weserbergland.

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Dann verliebten wir uns in einen Chopper, eine Shadow, die wir mit Profit gegen die BMW eintauschten. Für den Profit kauften wir einen MC-Trailer in Deutschland, weil der Chopper nicht für lange Touren geeignet war, jedenfalls nicht mit zwei Personen drauf. Wir waren damit in Kärnten und fuhren über den Loibl-Pass nach Slowenien rüber. Auch eine tolle Reise. Über die Pässe war es allerdings ein wenig zu viel für die Shadow mit zwei Personen Fracht.

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Hier das gute Stück in der Winteraufbewahrung, unserem Wohnzimmer.

Jetzt haben wir das letzte Motorrad gegen einen Wohnwagen eingetauscht. Wir sind eben älter und gesetzter geworden. Allerdings haben wir Helme und Kleidung behalten, denn wir können ja immer noch im Urlaub ein Motorrad leihen.

Mein Mann sagt, dass für ihn nur noch eine GoldWing 1800 infrage kommt, wenn er noch einmal eine Maschine kaufen sollte. Das ist allerdings ziemlich illusorisch, denn so etwas können wir uns nicht leisten.

War schon alles recht abenteuerlich. Toskana mit der GoldWing war wohl die beste Reise, die wir zusammen unternommen haben, und wir sind viel gereist! Das war in dem Jahr mit den schlimmen Erdbeben in der Emilia Romagna, 2012. Zum Glück kamen wir erst einen Tag danach auf dem Rückweg wieder durch diese Gegend. Vielleicht sollte ich mal einen Bericht über diese Reise schreiben. 

Vom Aussehen her gefiel mir die Shadow am besten. Was die Bequemlichkeit anging, also für mich als ”Hintersitzer”, war eindeutig die GoldWing am angenehmsten. Auf der GoldWing konnte ich ungehindert mit der Kamera hantieren und unterwegs fotografieren. Auf der BMW sassen wir schon zu dicht aneinander.

Der Wohnwagen ist schön und hat genau die richtige Grösse für uns. Es war gut, dass wir ihn hatten, als mein Mann im September 2015 den Job als Tanklastwagenfahrer in Fredericia bekam, so weit weg von zuhause. Dank des Wohnwagens konnten wir dann die vier Tage in der Woche, an denen mein Mann arbeitete, in der Nähe von Fredericia auf einem Campingplatz wohnen. Er brauchte nur noch bis Oktober 2016 zu arbeiten, daher wäre eine erneute, permanentere Wohnungsumlegung unsinnig gewesen. Im Winter war das allerdings ganz schön hart … wir zogen im Februar 2016 auf den Campingplatz, nachdem mein Mann bereits vier Monate gependelt war und die Nase voll davon hatte.

Auf der Autobahn von Padborg nach Kolding (E45) gibt es nämlich oft Unfälle, besonders bei Christiansfeld, und zwar in beide Richtungen. Es kann vorkommen, besonders im Winter, dass stundenlang die ganze Autobahn gesperrt ist. Wenn man dann nach einer 10-12 Stundenschicht in so eine Verkehrslage gerät, ist das mehr als irritierend. Niemand kann verstehen, warum es ausgerechnet an der Stelle so viele Unfälle gibt, denn dort herrscht keine komplizierte Verkehrssituation vor, kein Ein- und Rüberflechten über mehrere Spuren, nur eine einfache Abfahrt und auf der anderen Seite eine einfache Zufahrt. Urlauber, die ihr nach Norden reist, nehmt euch in Acht vor Christiansfeld!
Das war jetzt ein langer Abschweifer …

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Unser zweites Zuhause in Trelde Næs, wo ich all die schönen Waldspaziergänge gemacht habe.

Mit dem Wohnwagen wollen wir, zusammen mit unserem Wuffer, noch viele schöne Zigeuner-Urlaube erleben. Es stünden da an Süditalien, Schottland (das ich meinem Mann gerne zeigen möchte) und Nordkap. Ich möchte in diesem Leben gerne einmal nach Kirkenes. Nach Kärnten und Tirol würde ich auch jederzeit wieder fahren.

Leider kann man in Europa nirgendwo eine GoldWing leihen. Wenn man das will, muss man nach Amerika reisen. Kanada vielleicht auch. Von Toronto quer rüber nach Vancouver, immer auf der kanadischen Seite, das wäre doch auch mal was. Wir haben ständig viele Pläne. Nur ein Bruchteil davon wird realisiert. Es hält sich wohl auch in Grenzen, was wir noch schaffen können.

Es war gar nicht so einfach …

… Anfang der Siebziger 18 Jahre alt zu sein. 1970 hatte man das Wahlalter von 21 auf 18 herabgesetzt. Wenn man der Wikipedia Glauben schenken kann, wurde erst im Januar 1975 die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Im Jahr 2015 kommt einem das vorsintflutlich vor, aber um von zuhause auszuziehen brauchte ich damals mit 18 noch das Einverständnis meiner Eltern. Raus musste ich. Meine Mutter und ich gingen einander allzusehr auf die Nerven. Ich war so weit, dass ich fast permanent Magenschmerzen hatte. Also zog ich ein halbes Jahr vor dem Abitur in ein Zimmer in einem Vorort von Hamburg. Für alle die interessanten Dinge, wie Studentenunruhen und Hippie-Bewegung war ich zu jung gewesen. Baader-Meinhof dagegen bekam ich noch voll mit. Das war die reine Hysterie; überall wurden Autos angehalten und mit Maschinenpistolen herumgewedelt. Menschen, die keine Angst davor haben, zu sterben, sind die gefährlichsten. Ich hatte genauso viel Angst vor den panischen Polizisten …

Einige Jahre vorher hatte man uns die Notstandsgesetze beschert. Deutschland hat nach dem 2. Weltkrieg einen Statusvertrag anstatt eines Friedensvertrags bekommen, was auch immer das bedeutet, und das Wort ”Krieg” wurde aus dem deutschen Wörterbuch ausgemerzt und mit ”Verteidigung” ersetzt. Das bisherige Kriegsministerium hiess jetzt somit Verteidigungsministerium usw. Somit gab es dann auch plötzlich eine „Angriffsverteidigung“. Die Berliner Stachelschweine machten sich damals gekonnt lustig darüber.

Mein älterer Bruder war bei einer der Studentendemonstrationen dabei, die dann in Polizeigewalt ausarteten. Was er mir darüber berichtete hat mir für immer das Vertrauen in die Polizei genommen. Und ich war damals naiv, wenn man mich mit den 15- bis 18jährigen von 2015 vergleicht. Wenn ich so zurückdenke, war ich wohl damals selbst für meine Zeit naiv … also im Vergleich zu meinen Schulkameraden. Gegen unbewaffnete Studenten waren sie mutig genug, die Bullen, aber wenn es gegen Rocker ging, die mit Ketten bewaffnet waren, zogen sie den Schwanz ein, das habe ich selber einmal beobachtet. Klar, dass die Studenten dann auch rabiater wurden.

Heute sind die 18jährigen bereits so weltklug und selbständig. Sie wissen, was sie wollen und haben Selbstvertrauen. Bei mir war das damals eine Mischung aus Unsicherheit und Minderwertigkeitskomplexen. Ich wusste gar nichts über die Welt, ausser was ich in Abenteuerbüchern gelesen hatte. 

Ich hatte das Glück, ins Gymnasium gehen zu dürfen, damals waren das noch 9 Jahre (5.-13. Schuljahr). Das gab mir eine Gnadenfrist, denn ich wusste mit 15 oder 16 Jahren nicht, was ich für den Rest meines Lebens machen wollte. Ich wusste es nicht einmal mit 18. Nichts erschien mir so faszinierend, dass ich es fünf Jahrzehnte lang als Beruf haben wollte.

Ich entschied mich dann für zwei Kriterien für eine Berufsausbildung: 1) sie musste kurz sein und 2) ich wollte Spanisch lernen. Diese Gelegenheit erhielt ich dann in der Fremdsprachenschule Hamburg, wo ich zur fremdsprachlichen Sekretärin ausgebildet werden sollte. Die Schulzeit betrug ein Jahr, und ich lernte Spanisch, zwar Geschäftsspanisch, aber die Grundkenntnisse waren ja für alle Bereiche dieselben. Zudem war die Ausbildung kostenlos. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass die Zeit in der Fremdsprachenschule wohl eine der langweiligsten war, die ich je durchlebt habe, obwohl ich viel fehlte, u. a. wegen der Hepatitis, die ich mir im April 1973 angelacht hatte; obwohl ich später dankbar für die Ausbildung war, denn sie hat mich damals aufgefangen. Glücklicherweise teilte meine beste Freundin dieses Jahr mit mir, was die Situation einigermassen erträglich machte.

Später entdeckte ich dann, dass ich gerne Sekretärin war. Unterstützend im Hintergrund zu arbeiten war genau das Richtige für mich. Auf Leute zugehen und Waren anpreisen war dagegen so gar nicht mein Ding.

Im September 2013 habe ich mich vorzeitig pensionieren lassen … war wohl doch nicht so toll! Aber das kann auch an meinem letzten Arbeitsplatz liegen … 😉

[Jetzt wisst ihr mal ein bisschen mehr über mich, was für eine alte Tante ich eigentlich bin und so weiter … im Herzen ein Heavy-Rock-Hippie mit Sozi-Hintergrund (in Hamburg geboren und aufgewachsen, aber eben nicht in Blankenese, sondern in Barmbek).]

Schottlandreise 1974, Teil 3

Glasgow-Crianlarich-Morar 

9. Juli 1974 (Dienstag)

Zum Glück wissen wir am nächsten Morgen, wohin wir uns wenden müssen, denn ich kenne den Weg zum Loch Lomond noch vom letzten Jahr. Auf unserem Weg zur Autobahn kommen wir durch ein seltsames Viertel. Das Erste was auffällt ist, dass da so viele Menschen einfach nur rumstehen, hauptsächlich Männer. Wenn man in die Innenhöfe hineinschaut, hinter einer hohen Mauer oder einem hohen Zaun, sieht man, dass die Häuser einstöckige Baracken sind mit einem Brunnen im Hof. Bei dem einen Haus kann man das Innenleben sehen. Der Fussboden ist aus gestampfter Erde … Dies ist für mich das erste Mal, dass ich Slums sehe. Ich hätte nie gedacht, dass es in Westeuropa derartige Armut geben könnte. [Nach der Entdeckung des Nordseeöls geht es wohl besser.] Als wir einen älteren Herrn in sehr abgetragenen Kleidern nach dem Weg fragen, antwortet er uns in schönem, gepflegtem Englisch. Man kann eben nie nach dem Äusseren gehen.

Hier passiert es uns zum ersten Mal, dass uns dumme Typen mitnehmen wollen: Ein etwa 18-19jähriger Bubi mit drei 10-12jährigen, von einem Ohr zum anderen grinsenden Jungen. Erst wollen wir nicht mit, weil der Wagen schon so überfüllt ist, dann lassen sie uns im Unklaren, ob sie überhaupt in unsere Richtung fahren, ”we might”! Wir steigen trotz alledem ein. Unterwegs hält der Älteste noch einmal an, um unsere Rucksäcke im Kofferraum zu verstauen. Dieser ist mittels eines Drahtes verschlossen, den der Junge umständlich losnestelt. Während er am Basteln ist, fragt er uns, was von Sex hielten. Als wir unsere Abneigung bekunden, hat er es gerade geschafft, den Draht zu lösen. Jetzt muss er ihn unverrichteter Dinge wieder zutüteln, während wir hohngrinsend daneben stehen. Wir brechen jedoch erst in lautes Gelächter aus, als sie abfahren. Wir wollen ihn vor den Kleinen nicht allzu sehr blamieren.

Nach einigen kurzen Lifts wandern wir am schönen Loch Lomond entlang. Das Wetter ist leider gemischt, und wir sind sehr froh, als uns schliesslich ein Kleinlaster mit nach Crianlarich nimmt. Wir können von Glück sagen, dass überhaupt jemand hält, denn die Hauptstrasse am Loch Lomond und durch die Trossachs ist nur eben gerade so breit, dass zwei Touristenbusse aneinander vorbeikommen und mit ihren Dächern die untersten Zweige der Bäume abrasieren. 

lochlomond_panorama

Hier gibt es noch mehr schöne Bilder: [Ich habe im offline Text die Links verkürzt, aber dann kommt beim Kopieren die URL nicht mit rüber, daher also leider die langen Links]

https://www.google.dk/search?q=Loch+Lomond&biw=1366&bih=586&tbm=isch&imgil=ZjC631yqBh6HWM%253A%253BCxCUUPcNlNr9lM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fwww.visitscotland.com%25252Faccommodation%25252Finns-restaurant-with-rooms%25252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%25252F&source=iu&pf=m&fir=ZjC631yqBh6HWM%253A%252CCxCUUPcNlNr9lM%252C_&usg=__x3XNFED4pmFU5y2pYROEIVUJVfA%3D&ved=0CCsQyjc&ei=olv8VOgvxrc8m5iAgAQ#imgdii=ZjC631yqBh6HWM%3A%3Bs8_-kB-Qbwg8xM%3BZjC631yqBh6HWM%3A&imgrc=ZjC631yqBh6HWM%253A%3BCxCUUPcNlNr9lM%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.visitscotland.com%252Fcms-images%252F2x1%252Fregions%252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%252Floch-lomond-north%3Bhttp%253A%252F%252Fwww.visitscotland.com%252Faccommodation%252Finns-restaurant-with-rooms%252Floch-lomond-trossachs-forth-valley%252F%3B740%3B370

Crianlarich ist ein sehr kleiner, netter Ort. Die Jugendherberge dort gehört zur Gattung ’simple’ und ist dementsprechend kalt. Daher gehen meine Freundin und ich in den Dorfpub, um uns aufzuwärmen. Dieser Pub ist der erste und letzte, in dem wir Volksmusik zu hören bekommen, allerdings vom Plattenteller.

yha_crianlarich

(Jugendherberge in Crianlarich, hier noch mehr Bilder:

https://www.syha.org.uk/where-to-stay/highlands/crianlarich.aspx (die haben schöne neue Betten bekommen)

 

10. Juli 1974 (Mittwoch)

Am nächsten Morgen erkundigen wir uns beim Warden nach unserem obligatorischen Job, den jeder erledigen muss, bevor er die Jugendherberge verlässt. Das kann zum Beispiel so etwas sein wie Fussboden im Schlafsaal fegen oder ähnliche kleine Arbeiten. Wir sollen in unserem Schlafsaal die Wolldecken ordentlich zusammengelegt am Fussende der Betten anbringen. Wir erledigen das, und als er zur Besichtigung kommt, fängt er unfein an zu lachen. Er will nämlich die Decken auf eine ganz bestimmte Art und Weise gefaltet haben. Woher soll ich denn das wissen? Ich Ausländer! Beim Lachen stösst er mit dem Rücken gegen den Feuerlöscher, der hinter einem Vorhang an der Wand hängt. Das reizt ihn zu erneutem Kichern, und er tastet den Gegenstand ab, weil er glaubt, dass da jemand hinter dem Vorhang steht. (Und da tastet er ab?) Mir wird ein wenig mulmig zumute, als er sich so aufführt, völlig normal ist das nicht, und schaue beunruhigt zu meiner Freundin hinüber. Aber er kriegt sich wieder ein und wir falten erneut Decken.

An der Strasse brauchen wir nicht lange zu warten, als ein junges, englisches Ehepaar anhält und uns fragt, wo sie seien. ”In Crianlarich”, antworten wir, und unsere ’perfekte’ Aussprache lässt sie fragen, ob wir Schottinnen seien. Sie nehmen uns mit in Richtung Nord-Westen.

Wir fahren am Rannoch Moor vorbei und dann durch Glencoe. Ein Teil der Schlucht sieht sehr seltsam aus, völlig platt und grün mit kleinen Pfützen oder fast Seen durchsetzt sowie einzelnen Bäumen und Findlingen. Diese Felsen sind ausnahmslos abgerundet (Gletscher?) und liegen wahllos verstreut, so als hätten zwei Armeen von Riesen sich damit gegenseitig beworfen. Ich muss an die Geschichte der Feinnh denken, der Urbewohner dieser Gegend aus der gälischen Sage, ein Volk von Helden, das seinen Wohnsitz auf dem angrenzenden Gebirge hatte.

glencoe

(Das ist schon ziemlich atemberaubend!)

Es gibt auch eine Geschichte die besagt, dass nach dem Gemetzel von Glencoe seitens der Campbells an den MacDonalds hier nie wieder die Sonne scheinen würde. Tatsächlich werfen die Gebirge auf beiden Seiten dunkle Schatten in das Tal und das übrige Licht wird von den tief hängenden Wolken bzw. dem aufsteigenden Nebel gedämpft. Ich neige zu der Ansicht, dass dieses an der allgemeinen hohen Luftfeuchtigkeit des Tales liegt, und dass auch vor dem Massaker hier nie oder selten die Sonne geschienen hat.

Das Pärchen lädt uns in das Glencoe Nationalmuseum ein, ein kleines, uraltes Shieling (ein traditionelles Haus aus Natursteinen gebaut und mit Stroh gedeckt https://www.google.dk/search?q=Glencoe&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b&gws_rd=cr&ei=-PN5WOnOCciOsgHev5qICQ#q=Glencoe+national+museum). Ausser den alten Trachten und Waffen kann man sich diverse Bücher über die Sagen und die geschichtlichen Ereignisse ansehen. In solchen Momenten bedaure ich immer, dass man von einem Autobesitzer abhängig ist und nicht unbegrenzt Zeit hat. [Jetzt gibt es zusätzlich noch sowas: Before you explore, find out more about the landscape, history and wildlife at the award-winning Glencoe Visitor Centre. Including exhibition, viewing platform, cafe, shop and ranger information point. Das sind relativ neue Gebäude. Die gab es damals noch nicht.]

Wir brechen dann nach einer Weile in Richtung Westküste auf. Zu unserem Glück fahren die Engländer die Strasse am Loch Leven entlang, einem wunderschönen, zwischen bewaldeten Steilhängen gelegenen See. Anstatt die Autofähre über den Loch Head zu nehmen, wie die meisten Autofahrer, setzen wir mit der Ballahulish Fähre über, zwei verrückten, umgebauten Schiffen, die jedesmal umdrehen müssen vorm Anlegen, da man nur am Heck hinauffahren kann und rückwärts wieder runterfahren muss. [Es sieht auf der Karte so aus, als ob es jetzt eine Brücke über den Loch Head gibt. Sicherlich hat sich viel verändert!]

[Guckt mal, was ich gefunden habe, einen YouTube Film mit der Fähre! https://www.youtube.com/watch?v=ubCyOTkGJIw Ich habe mich aber getäuscht mit dem rückwärts runterfahren, die hatten eine drehbare Ladefläche!]

In Fort William setzt uns das Pärchen ab. Diese Stadt ist noch genauso wie letztes Jahr: Gefüllt mit Touristen und Souvenir-Läden. Meine Freundin und ich besorgen uns erst einmal einige Sandwiches, um dann in einem Pub bei Hot Pie über unsere nächsten Schritte zu beraten. Wir planen, uns die Westküste etwas näher anzusehen.

invernesszivilisation

Link zur Webseite, von wo dieses Bild stammt: https://www.google.dk/search?q=fort+william+scotland&biw=1366&bih=586&tbm=isch&imgil=CMrXSP8NkH-x8M%253A%253B-JNm8r9ZUjJyCM%253Bhttp%25253A%25252F%25252Fen.wikipedia.org%25252Fwiki%25252FFort_William%25252C_Scotland&source=iu&pf=m&fir=CMrXSP8NkH-x8M%253A%252C-JNm8r9ZUjJyCM%252C_&usg=___C8nMv0UiP-VrcLCfVXlyGRP5HI%3D&ved=0CDkQyjc&ei=fVj8VN20MoeZ7Aa8yYDQBA#imgdii=CMrXSP8NkH-x8M%3A%3Bs8WLgE5d8yWEPM%3BCMrXSP8NkH-x8M%3A&imgrc=CMrXSP8NkH-x8M%253A%3JNm8r9ZUjJyCM%3Bhttp%253A%252F%252Fupload.wikimedia.org%252Fwikipedia%252Fcommons%252F1%252F1f%252FFort_William_High_Street.jpg%3Bhttp%253A%252F%252Fen.wikipedia.org%252Fwiki%252FFort_William%252C_Scotland%3B2576%3B1932

Die Strasse nach Westen ist leider sehr unbefahren. Das wäre nicht so schlimm, wenn es nicht so regnen würde. Ein junger Mann nimmt uns schliesslich einige Dörfer weit mit bis Corpach, das hauptsächlich aus Hotel und Bahnhof besteht. Dort stehen wir einige Stunden in einer Telefonzelle, denn es giesst in Strömen und nicht ein einziges Auto kommt vorbei.

Auf einmal gesellen sich zwei Jungen zu uns, Franzosen, die uns eröffnen, dass in 15 Minuten ein Zug nach Morar und Mallaig fahren würde. Wir packen diese Gelegenheit beim Schopfe. Die beiden Franzosen sind sehr nett, der eine lang und dünn, der andere rund und klein. Der Dünne trägt ein schwarz-weisses Bonnet und ich frage ihn, ob das der Tartan ’Scott black and white’ wäre. Er ist verärgert und sagt stolz, dass das die Nationalfarben der Bretagne seien! (Mein Talent, einen Scandalo zu verursachen scheine ich ja nicht verloren zu haben.) – Auf meiner Flöte spielt er uns bretonische Tänze vor, die mich an alt-schottische und irische Weisen erinnern 

In Morar steigen wir aus. Die Jungen wollen weiter, quer über die Inseln. Von Morar-Bahnhof sind es nur noch vier Kilometer bis zur Jugendherberge. Das ist keine grosse Entfernung, jedenfalls bei gutem Wetter! Es giesst aber immer noch und wir sind bald überzeugt, dass wir an der Herberge schon vorbei sind. Dann kommen wir an Häusern vorbei und auf unsere Frage nach dem Weg zur Jugendherberge Garramore antwortet man uns: ”Just carry on!” – Also schleppen wir uns weiter, hügelauf, hügelab, gegen Wind und Wetter. Unterwegs treffen wir auf den jungen Mann, der uns in Fort William aufgesammelt hat. Er bastelt mit einem Freund an einem Boot. Er erkennt uns wieder und winkt uns zu.

Schliesslich kommen wir doch an, klitschnass und völlig fertig. Eine heisse Mahlzeit bringt uns jedoch bald wieder in gute Laune. [Ja, damals waren wir noch kernig und sportlich!]

http://www.privatehousestays.com/l/Accommodation/Garramore-House- [Garramore ist jetzt ein Bed & Breakfast, keine Jugendherberge mehr. Die Bilder sind beschützt, ich konnte sie nicht runterladen. An dieses Haus erinnere ich mich. Da waren wir ja auch drei Nächte, und es ist ein sehr schönes Haus.]

Fortsetzung folgt