Noch eine hitchhiker story von 1973

 Meine beste Freundin und ich wollten nach Hittfeld trampen und ihren Vetter besuchen. Ich hatte doch mit Susi in Schottland so gute Erfahrungen gemacht, und jetzt wollten wir mal für nächstes Jahr üben, für unsere 6wöchige Schottlandreise. Es muss so im September/Oktober gewesen sein. 

Auf dem Hinweg mussten wir erst einmal lange warten, bis dann ein kleines Auto mit zwei älteren türkischen Herren hielt und uns ein Stück mitnahm. Irgendwann zwischendurch hielten sie auf einmal an und der Fahrer stieg aus, was mich beunruhigte. Er wollte aber nur sein Jackett ausziehen. 

Der nächste Mitnehmer war ein Engländer, der mir an den Busen fasste, weil ich ohne BH ging. Das war damals anscheinend noch gewagt. Daher stiegen wir gleich wieder aus. 

Nach einiger Zeit hielt ein grosses teures Auto mit einem älteren grauhaarigen Herrn darin. Er meinte, dass er vielleicht nach Hittfeld führe. Meine Freundin sagt gleich zu mir, lass sein, mach die Tür zu. Aber ich in meiner Naivität sage zu ihm: Wieso vielleicht? Fahren Sie nun nach Hittfeld oder nicht? Woraufhin er meinte, dass es darauf ankäme, wenn wir beide etwas nett zu ihm wären …    Ich brach in schallendes Gelächter aus und knallte die Tür zu. 

Danach fuhren wir ein Stück mit einem Traktor mit vier netten jungen Männern mit, die gerade vom Feld gekommen waren. Die wären am liebsten gleich mit uns in die Hittfelder Mühle gefahren, mussten aber erst einmal nach Hause und das Stroh aus den Haaren fegen. 

Wir kamen irgendwie nach Hittfeld, ich kann mich nicht daran erinnern, wie und mit wem, und der Besuch beim Vetter verlief gemütlich. Aber wie sollten wir nun wieder nach Hause kommen? Die Vetterfreundin hatte die Idee, mit uns in die Hittfelder Mühle zu gehen, denn dort kämen viele Hamburger, von denen uns sicher einer mitnehmen würde. 

Gesagt getan. Wir amüsierten uns in der Mühle. Mit Hilfe des Bartenders gelang es mir, einen jungen Hamburger aufzutreiben, den ich fragte, ob er uns mitnehmen könnte, wenn er zurückführe. Er sagte ja, er führe so gegen 23.00 Uhr, und ich verliess mich natürlich darauf. 

Gegen 23.00 Uhr war der junge Hamburger nicht mehr aufzutreiben. Überhaupt waren nicht viele Leute in der Mühle, denn es war ein Wochentag. Was nun? Ich tanzte mit einem ca. 35jährigen Mann und beklagte mich darüber, dass wir versetzt worden waren. Macht nichts, meinte er, ihr könnt mit uns fahren. Na wunderbar! 

Wir gingen also mit unserem Wohltäter mit zum Auto und stellten fest, dass sie zu viert waren. Mit anderen Worten, wir mussten uns zu viert auf die Hinterbank quetschen. Zudem waren die anderen drei „Herren“ ziemlich aufgebracht, dass er uns versprochen hatte, uns „Hühner“ mitzunehmen und zeterten herum und der kleine giftige dicke auf dem Beifahrersitz fragte ihn, ob er denn schon den Finger in der Futze hätte etc. Der Typ neben meiner Freundin stimmte ein und beklagte sich, dass er ihm doch heute morgen sein Käffchen gemacht hätte. (Ich verstand den Zusammenhang nicht, hielt aber wohlweisslich meinen Mund.) Dann bedachte er meine Freundin mit Anzüglichkeiten, die vorgab, ihn nicht zu verstehen, woraufhin er stöhnte und sich die Haare raufte.

Ich verstand nunmehr, dass es sich um eine Gruppe Zuhälter handelte und hatte ziemlichen Schiss. Zum Glück war die Fahrt von Hittfeld auf der Autobahn nach Hamburg nicht allzu lang und letztendlich schmissen sie uns Süderstrasse raus. Das war ziemlich am Arsch der Welt, aber das war uns egal, bloss raus aus dem Auto und weg. Der Nachhauseweg war dann zwar reichlich lang, aber wir waren mit heiler Haut davongekommen. Das hätte bös ins Auge gehen können.

 

[Die Zuhälter scheinen mich zu verfolgen, wenn ich an die Geschichten mit Goldilock denke. Dabei finde ich solche Typen absolut widerlich. Aber zu dem Zeitpunkt war ich ja erst 18 und hatte noch keine Lebenserfahrung. Meiner Mutter erzählte ich diese Geschichte erst als ich so 30 Jahre alt war … 😉  Ich hatte auch einmal eine Periode, in der ich Besoffene magisch anzuziehen schien. Mir ist nicht immer klar, was ich denn nun eigentlich lernen soll von den Dingen, Menschen und Situationen, die mir begegnen. Dass Alkoholabhängigkeit viel Leid erzeugt, wusste ich ja bereits aus meiner eigenen Familie. Und was in aller Welt sollte das mit den Zuhältern? Die waren und sind für mich der letzte Abschaum.]

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Goldilocks Opa

 Diese Geschichte hatte ich fast schon vergessen. Sie ist teilweise lustig, teilweise merkwürdig und teilweise schrecklich.

Goldilocks Opa kam nach Hamburg, um seine Enkelin zu besuchen. (Wir wohnten damals noch zusammen in Wilhelmsburg.) Ich wurde vorbereitet: Opa ist ein richtiger Schwabe, trennt sich ungern vom Geld. Zuhause dosiert er das Abwaschmittel, damit seine Frau nicht zu viel benutzt und zählt das Wechselgeld nach dem Einkauf. Der Einkauf selbst geht so vor sich: Oma legt in den Wagen, Opa legt ins Regal zurück.

Wir zogen also mit Opa über die Hamburger Reeperbahn. An den Blicken der Leute konnten wir sehen, dass wir in deren Augen ein klarer Fall von Abzocke eines alten Mannes waren. Von wegen! Das meiste musste Goldilock bezahlen, denn Opa war ja Rentner und hatte kein Geld. Beim Cafe Keese trat er ein und fragte als erstes „Haben Sie auch Rentnerpreise?“ und liess eine Bemerkung über das geizig geschenkte Bier fallen.

Opa liess sich ausführlich darüber aus, was er alles machen würde, wenn Oma erst einmal tot war. Er hätte heimlich Geld beiseite gelegt. Und als erstes würde er sich nach einer jüngeren Frau umsehen. Aber der würde er nicht verraten, dass er Geld auf der Kante hatte.

Als wir wieder nach Hause kamen, drückte er Goldilock 20 DM in die Hand mit der Bemerkung, dass sie sich davon einen schönen Abend machen sollte … 😉

Aber Opa hatte sich verrechnet; er starb zuerst! Goldilock berichtete, dass er es gar nicht fassen konnte, dass er abtreten sollte und sich mit Händen und Füssen dagegen gesträubt hätte. Das war wahrscheinlich der Grund dafür, dass er dann in seinem alten Hause spukte, er wollte nicht gehen. Das ist kein Witz!

Oma war jetzt eigentlich frei von ihrem Plagegeist, aber was passierte? Sie sah und fühlte ihn überall im Haus. Und ihre daraus entstehende Angst verstärkte seine Präsenz im Haus. Ich meinte zu Goldilock, dass ihre Oma am besten umziehen sollte, aber das wollte die alte Dame dann nicht. Es endete damit, dass Oma ins Heim eingewiesen wurde, weil ihre „Zwangsvorstellungen“ immer schlimmer wurden, u. a. trat ein Gynäkologenstuhl in ihnen auf.

Die alte Dame tat mir so leid. Wäre sie doch nur umgezogen. Vielleicht hätte sie dann noch ein paar angenehme Jahre gehabt.

Goldilock und ich ziehen nach Wilhelmsburg

[Genau, zum Wochenende noch eine Goldilock-Geschichte, was zum Schmunzeln oder Kopfschütteln, wie man nun so geartet ist. Wenn ich manchmal zurückdenke, wo ich in meiner Naivität – obwohl ich selber mich natürlich für enorm welterfahren hielt – überall hineingeschlittert bin, kann ich nur froh sein, dass es immer glimpflich ausging.)

 

Wilhelmsburg grenzte 1979 direkt an den Hamburger Freihafen an. Ich meine, dass Goldilock und ich in der Ernastrasse wohnten, und zwar ganz am Ende, vor dem Zaun zum Freihafen. Da stand ein einsamer Wohnungsblock. Zwischen ihm und den anderen war eine grosse Lücke mit gar nichts. Goldilock fand das soooo romantisch. Ich habe nur schallend gelacht, als ich das Haus sah, aber ich hatte nichts dagegen, dort einzuziehen. Es war billig mit guter Bus- und Bahnverbindung in die Innenstadt. Ich hatte nämlich, genau wie Goldilock, die kleinkarierten Nachbarn von unserem Vorortkaff satt und wollte da weg. Wir hatten von unserem jungen Kollegen, der uns das Haus vermietete, erfahren, dass unsere ’Sache’ im Dorfrat diskutiert wurde. Da war für mich Schluss mit lustig.

Wilhelmsburg war damals auch unter dem Namen ’Klein Istanbul’ bekannt, denn 80% der Einwohner waren Türken. Vielleicht gab es 10% Deutsche und 10% andere Nationalitäten, z. B. Italiener, Portugiesen, Spanier und auch ein paar Afrikaner. Es war ein sehr altes, durch den Hafen geprägtes Viertel. Spannend eigentlich, mit Brücken und Wasser und sogar viel grün. Von unseren Zimmerfenstern aus konnten wir den Freihafen beobachten; das Küchenfenster lag zur Strasse hin und das letzte Zimmer hinten hatte direkten Blick auf das Einzelhaus der italienischen Grossfamilie. Da war immer etwas los, besonders am Wochenende. Wir benutzten das Zimmer hauptsächlich zum Bügeln und hatten dann gleichzeitig immer Unterhaltung. Am Wochenende fielen nämlich sämtliche Sippenmitglieder ein und veranstalteten ein grosses Hallo. Der Höhepunkt war das Wochenende, an welchem sie mit einer Ziege nach Hause kamen, die sie alle in Atem hielt, weil sie nicht dafür gesorgt hatten, dass die Umzäunung in Ordnung war. Man wird mich der Vorurteile beschuldigen, aber die Italiener waren bei weitem die lautesten Nachbarn. In unserer Strasse konnte man immer hören, wo Italiener wohnten.

Unsere Küche hatten wir so eingerichtet, dass Goldilock vom Stuhl aus den Kühlschrank bedienen konnte und ich die Besteckschublade und das Geschirr, ungemein praktisch. Von dort aus konnten wir alle Leute sehen, die die Strasse heraufkamen, z. B. den Postboten (mit dem Goldilock dann noch unbedingt eine Affäre anfangen musste) und wer das Haus verliess. In unserem Haus wohnten zwei türkische Familien und ansonsten, wenn man ehrlich ist, ziemlich fertige Typen, von denen einer den Hausmeisterposten innehatte. Wir können uns nicht beklagen, sie waren alle sehr nett zu uns, aber so ganz geheuer waren sie mir nicht immer alle.

Anscheinend hatten diejenigen, die vorher in unserer Wohnung gewohnt hatten, ein Bordell betrieben (ist das nicht ein Ding, das Bordell verfolgte uns). Als da nun wieder zwei Frauen einzogen, nahm man in der Nachbarschaft an, dass dem wieder so wäre. Eines Morgens hörte ich lautes Schimpfen im Treppenhaus. Goldilock, die gerade die Treppe fegte, wurde von einem nichtdeutschsprachigen Türken ’angesprochen’. Er machte eine unzweideutige Geste, die Goldilock später als ’obzön’ bezeichnete und sie schimpfte indigniert mit ihm unter anderem mit dem Ausspruch: ”Dies ist ein anständiges Haus!” Ich wäre fast die Treppe runtergefallen vor Lachen. Ein anständiges Haus voller kleiner Krimineller und Schwindler und Kindern, die die Nachbarn beklauten. Ich konnte mich gar nicht wieder einkriegen, was Goldilock dann noch mehr erboste. Sie hatte mehr Unterstützung von meiner Seite erwartet. Ich meinte nur zu ihr, dass sie doch mal die rosarote Brille abnehmen sollte, wenn sie die Strasse runterging

Goldilock hatte zu dem Zeitpunkt ihren Führerschein verloren. Wir hatten leider eines Nachts ’auf dem Zwutsch’, wie der Hamburger sagt, die Aufmerksamkeit von Polizisten auf uns gezogen, da wir uns nicht entscheiden konnten, wo wir hinwollten und daher dauernd die Fahrspur wechselten. Leider hatte Goldilock etwas Alkohol im Blut …

Zwischenzeitlich hatte sie sich um einen Job beworben, wo sie eigentlich einen Führerschein brauchte. Da hat sie ganz cool gesagt, sie hätte einen, obwohl der bei der Polizei lag. Sie sollte 6 Monate Schulung mitmachen und erst danach zu Kunden fahren und ging davon aus, dass sie nach dem halben Jahr ihren Führerschein wiederhaben würde. Bei sowas konnte sie wirklich eiskalt sein. Das wäre mir zu nervenaufreibend gewesen. Sie hatte keine Garantie dafür, dass sie den Schein zu dem Zeitpunkt wiederhaben würde. Aber, sie hatte! Glück muss der Mensch haben. Ich hätte mich von dem Gedanken zurückhalten lassen, wie peinlich es doch wäre, wenn die Sache aufflöge. Solcherlei Überlegungen hatte sie gar nicht. Für sie war das ein Glücksspiel, mal gewinnt man, mal verliert man. Das gab ihr natürlich ein wesentlich freieres Auftreten. Sie war eine ziemlich gute Vertreterin. Ich meine, sie hätte den Leuten im ewigen Eis Kühlschränke verkaufen können. Oder einem Wüstenscheich Sand. 

Von Wilhelmsburg aus plante Goldilock dann ihre diversen Projekte, um schnell und mit wenig Anstrengung viel Geld zu verdienen. Leider traf sie dann auch noch einen verkrachten, kleinkriminellen Steuerhinterzieher auf Bewährung, der mit Zuhältern Geschäfte machte und sie darin bestärkte, dass nur Idioten Steuern bezahlen. (Hm, und wohin hat ihn das gebracht?) Die grosse Frage war, wer denn der wirkliche Idiot war, denn der gute Mann hatte die Zuhälter betrogen und sich ausserdem nicht bei der Polizei gemeldet, wie er hätte sollen. Jetzt wurde er sowohl von der Polizei als auch von den Zuhältern gesucht. Da war er im Grunde in Wilhelmsburg ganz richtig gelandet und so zog er bei uns ein. Aber jetzt hingen wir plötzlich mit drin. Davon war ich nicht so begeistert. Da er ’Geschäfte’ machen wollte, konnten wir unser Telefon nicht mehr frei benutzen. Aber einmal hing ich fast eine Stunde lang am Telefon. Darüber war er so wütend, dass er sich bei der armen Goldilock lautstark über mich beschwerte. Ich wüsste doch … und ich wäre doch nicht dumm, ich hätte schliesslich Abitur. Das fand ich wieder urkomisch. Ich hätte den undankbaren Typen rausgeworfen, wenn ich Goldilock gewesen wäre. Nun musste der arme Mann doch tatsächlich aus dem Haus gehen und von einem öffentlichen Telefon anrufen! (Letztendlich hinterliess er eine unbezahlte Telefonrechnung von mehr als 500 DM.

Durch meine Schusseligkeit (trotz Abitur) endete sein Aufenthalt bei uns. Das Telefon ging so gegen 1 Uhr morgens, ich hatte schon geschlafen und nahm ab, noch nicht ganz wach. Ein Mann erzählte irgendetwas von einem Paket, dass er für den Steuerhinterzieher abliefern wollte, aber die Adresse brauchte. Wenn ich nicht so schlaftrunken gewesen wäre, hätte ich sicher Lunte gerochen, aber ich gab ihm unsere Adresse. Goldilock und Steuerhinterzieher waren zwischenzeitlich aus ihrem Zimmer gekommen und wollten wissen, was denn los sei. Ich erzählte. Steuerhinterzieher wurde leichenblass, ”Wie konntest du nur so blöd sein!” Blitzschnell, aber nicht ohne noch viel Gezeter, zog er sich an und verschwand in die Nacht. Nicht sehr viel später klopfte es an unsere Tür. Ohne zu öffnen fragte ich: ”Wer ist da?” Da stand ein Mann draussen vor der Tür, der sagte, wir sollten den Chef anrufen. ”Welchen Chef?” fragte ich. Er nannte einen Namen und irgendwas mit einer Mühle, aber ich wusste nicht wovon er redete. Wir sollten den Chef anrufen oder er würde die Tür eintreten. Inzwischen war Goldilock gekommen und sie wusste, wen wir anrufen sollten. Das war der Oberzuhälter. Der sprach dann mit ihr und versprach ihr, wenn man jemals den Steuerhinterzieher bei uns finden würde, dann würden sie unsere Wohnung kurz und klein schlagen. Das machte mich wütend und ich sagte zu Goldilock: ”Jetzt legst du auf und ich rufe die Polizei an. Jetzt reicht es mir!” Ich wurde dann auch etwas lauter, so dass der ’Chef’ mich hören konnte. Als er mich mit der Polizei drohen hörte, war er überzeugt, dass der Steuerhinterzieher nicht bei uns war, denn der wurde schliesslich von der Polizei gesucht. Er konnte ja nicht wissen, dass mir zu dem Zeitpunkt ziemlich gleichgültig war, was mit dem Steuerhinterzieher passierte. Goldilock sprach dann noch etwas mit ihm und dann war anscheinend auf einmal alles in Ordnung. Der Mann hinter der Tür verschwand. Goldilock meinte dann zu mir, dass die Leute völlig harmlos wären. Völlig harmlos? Man hatte gerade damit gedroht, unsere Tür einzutreten und unsere Wohnung zu verwüsten

Ich gab dann noch einen kleinen Extraauftritt mit ”der Mann kommt hier nicht mehr über die Schwelle” und Ähnlichem. Goldilock fragte dann, was sie machen sollte, wenn er seine Sachen holen käme. ”Bring sie ihm raus. Lass ihn nicht in die Wohnung!” meinte ich. Im Gegensatz zu ihr war mir klar, das man mit den ach so harmlosen Leuten nicht spassen sollte. Es dauerte dann noch eine Weile bis er kam. In der Zwischenzeit ging Goldilock die Sachen durch, die er bei uns im Keller deponiert hatte, denn sie wollte schliesslich ihre 500 DM wiederhaben (ich hatte mich geweigert, das mitzubezahlen) und wollte sehen, ob man vielleicht etwas fand, was man verkaufen könnte. Und sie fand! Eine ganze Ladung Pornofilme, die sie dann verscherbelte.

Letztendlich liess sie ihn dann doch in die Wohnung … Leider war ich nicht da, als er kam. Er machte wohl ein ziemliches Theater, besonders wegen der Pornofilme. Das hätte ich gerne miterlebt und ihm meine Meinung gesagt. Das war das Wilhelmsburg-Kapitel. All das brachte Goldilock jedoch nicht von ihren Plänen ab, schnell und ohne Anstrengung viel Geld zu verdienen, doch das ist ein anderes Kapitel.

 

Intuition – Ganz bestimmt das Ende jetzt, Version 2

Hier kommt jetzt das Ende, so wie ich es mir gedacht hatte … allerdings mit einem selbst für mich unerwarteten „Twist“.

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Es dauerte sehr lange, bis die Wanderer es Astra verziehen hatten, dass sie Holger nicht heiraten wollte. Aber in dieser einen Angelegenheit blieb sie fest. Ansonsten gab sie sich die grösste Mühe, zu dem Gelingen des Projektes beizutragen. Trotzdem hatte sie immer das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Wann würden sie ihr endlich vertrauen?

Nun, sie konnte nicht mehr tun als sich voll und ganz für die Siedler einzusetzen. Sie dankten es ihr und kamen immer öfter zu ihr, wenn sie einen Rat brauchten. Auch das bemerkten die Wanderer natürlich.

Eines Abends als Astra sich mit den Wanderern treffen sollte, sass sie allein im Konferenzzimmer. Die Tür zum benachbarten Computerraum war nur angelehnt. War das jetzt eine Probe, die sie bestehen sollte? Wollten sie sie in Versuchung führen, auf die Computer zu schauen? Diese Probe würde sie nie bestehen, denn dazu war sie viel zu neugierig! Ihr einziges Problem war, ob es im Konferenzzimmer Kameras gab, die jemand überwachte …

Sie versuchte standhaft zu bleiben, aber ihr Blick heftete sich immer öfter auf die angelehnte Tür. Ich schleiche mich hin und spähe hinein. Wenn jemand dort ist, schleiche ich mich ebenso leise zurück. Gedacht, getan, sie schlich hin. Niemand war im Computerraum. Aber dort waren bestimmt Kameras. Sie würden sie sofort entdecken und dann konnte sie wieder von vorne anfangen mit dem Vertrauen gewinnen. Wenn ihr nicht Schlimmeres passierte. Man konnte sowas immer als Unfall tarnen. Warum war sie nur so wissbegierig? Sie fand, dass das Wort besser klang als „neugierig“ und auch die Tatsachen besser wiedergab.

Sie ging hinein. Alle Wände des Raumes waren mit Bildschirmen in verschiedenen Grössen bedeckt. Szenen aus aller Welt liefen dort ab. Europa, Asien, Afrika … wie konnte das sein? Überall waren Menschen zu sehen, Autos fuhren, was war das hier, ein Museum? Astra schaute auf das Datum auf einem der Bildschirme; es war das heutige Datum. Ihr wurde schwindelig. Hatte sie Recht gehabt und die ganze Geschichte war von vorne bis hinten erstunken und erlogen? Aber warum? Warum?

Sie fühlte eine Bewegung hinter sich und im nächsten Moment einen Stich im Hals. ‚Die Wanderer und ihre blöden Spritzen‘, dachte sie, kurz bevor sie umsank.

Als Astra aufwachte, befand sie sich wieder in dem Zimmer, in dem sie am Anfang ihrer Zeit auf Stewart Island so viele Tage verbracht hatte. Sie seufzte, in banger Ahnung, was da wohl kommen mochte.

Erst am nächsten Tag kamen Holger und ihr Grossvater zu ihr. Sie sahen Ernst aus. „Astra, deine Lage ist prekär, trotz deiner Beliebtheit bei dem neuen Volk“. ‚Selbst jetzt musste er noch die Lüge aufrechterhalten‘, dachte Astra. „Wir können dich nur schützen, wenn du jetzt Holger heiratest. Du hast zu viel gesehen.“

„Warum erklärt ihr mir nicht erst einmal, was ich da eigentlich gesehen habe? Waren das vielleicht alles Zombies auf den Bildschirmen?“

„Das Witzeln wird dir schon noch vergehen!“ brach es aus Holger hervor. „Und dich soll ich heiraten?“ fragte Astra, „hast du vor mich zu prügeln?“ Über Holgers Gesicht breitete sich ein tiefes Rot.

Ihr Grossvater mischte sich ein. „Wir haben Stewart Island von Mammon zur Verfügung gestellt bekommen als Wohnplatz für alle, die uns folgen wollten. Dafür hat man uns am Leben gelassen. Die Siedler wissen nichts davon, für sie ist das Projekt Realität. Und man sollte ihnen diese glückliche Illusion lassen. Mammon war zu stark für uns, er hatte zu viele Anhänger. Wir hatten nicht die geringste Chance. Deshalb gingen wir auf diese Absprache ein.“

„Und was passiert, wenn das ’neue Volk‘ wächst? Wo sollen die dann hinwandern?“ Astras Ton war spöttisch. „Das neue Volk wird nicht wachsen. Das gehört zur Absprache. Wir werden aussterben, aber zumindest brauchen wir dann nicht ständig unter der Angst zu leben verfolgt und getötet zu werden.“

„Wie könnt ihr jemandem wie Mammon vertrauen?“ „Liebe Enkeltochter, von Vertrauen kann keine Rede sein. Wir haben das Schlafgift überall auf der Welt verteilt, und wenn uns hier etwas geschehen sollte, wird es automatisch freigesetzt. Mammons Diener sind natürlich dabei, die Depots zu finden. Es wird ihnen nie gelingen!“ Wenn es sich nicht um ihren Grossvater gehandelt hätte, hätte sie gesagt er gluckste fröhlich vor sich hin. Es hörte sich ganz so an.

Astra war im Zwiespalt. Auf der einen Seite war sie erleichtert, dass kein weltweiter Volksmord geschehen war. Auf der anderen Seite war sie erbost, dass man sie so hinters Licht geführt hatte. Letztendlich siegte die Erleichterung. „Weisst du was, Grossvater, ich spiele mit bis zum Ende, auch wenn ich über all eure Lügen enttäuscht bin, aber Holger heirate ich nicht, egal was mit mir passiert. Habt ihr mich mit Absicht in Versuchung geführt mit der angelehnten Tür, damit ich vor lauter Angst doch noch Holger heirate? Eigentlich seid ihr ziemlich bemitleidenswert!“ Sie begann schallend zu lachen und nach einiger Zeit fiel ihr Grossvater mit seinem Bass ein, während Holger beleidigt das Zimmer verliess.

Die Wanderer, die die ältesten der Siedler waren, starben als erste. Doch unter Astra hatte sich eine neue Gruppe gebildet, die das Leben auf der Insel überwachte. Holger hatte zum Schluss eingesehen, dass man niemanden dazu zwingen sollte eine Ehe einzugehen und half tatkräftig mit.

Als schliesslich Astras Grossvater auf seinem Sterbebett lag flüsterte er ihr ins Ohr: „Das Schlafgift existiert überhaupt nicht, aber verrate es niemandem, nicht einmal Holger!“ Alle, die draussen vor der Tür standen, wunderten sich, dass aus dem Sterbezimmer schallendes Gelächter zu hören war.

„Grossvater, eines musst du mir noch verraten, wer ist dieser uralte Mann mit dem faltigen Gesicht und der Zipfelmütze?“ – „Keine Ahnung“, erwiderte er, „irgend so ein Wichtigtuer, der sich überall einmischen muss!“

„Puff“ machte es und der uralte Mann stand am Fussende des Bettes, hochrot im Gesicht vor Zorn. „Darüber werden wir noch reden, wenn du ankommst, du überheblicher alter Esel!“

Astra krümmte sich vor Lachen, der Ausdruck auf dem Gesicht ihres Grossvaters war zu köstlich. Bevor sie etwas fragen konnte, war der Alte natürlich längst wieder verschwunden. „Das kann ja heiter werden“, brummte ihr Grossvater, „ich glaube ich bleibe noch ein bisschen hier!“ Und so geschah es.

Ende, aus und Schluss … 😉

 

 

Intuition – Ganz bestimmt das Ende jetzt

… oder eines der Enden, denn ich bin in einem Dilemma. Ich habe neulich meinem Mann die Geschichte in einem Stück vorgelesen, und ihm drängte sich ein ganz anderes Ende auf, noch viel zynischer als meine eigene Idee, aber das ist vielleicht Ansichtssache. Ich bin jetzt zu dem Entschluss gekommen, euch beide vorzustellen.

 

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Es dauerte sehr lange, bis die Wanderer es Astra verziehen hatten, dass sie Holger nicht heiraten wollte. Aber in dieser einen Angelegenheit blieb sie fest. Ansonsten gab sie sich die grösste Mühe, zu dem Gelingen des Projektes beizutragen. Trotzdem hatte sie immer das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Wann würden sie ihr endlich vertrauen?

Manchmal sollte man vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht. Eines Abends wurde sie zu einer Besprechung mit den Wanderern eingeladen oder war es eher geladen? Als sie in den Besprechungsraum trat, standen die Wanderer mit feierlicher Miene im Halbkreis. Astra bemerkte, dass alle eine Gasmaske in der Hand hielten. Was sollte denn das nun wieder?

Ihr Grossvater sprach sie an: „Astra, fünf Jahre sind ins Land gegangen und endlich, endlich hast du uns überzeugt, dass wir dir volles Vertrauen schenken können, dass du die dir zugedachte Rolle übernehmen wirst. Ohne eine zentrale Figur wie dir ist so ein Projekt nicht durchzuführen. Wir waren nicht ganz ehrlich zu dir.“ [Aha, hier kommt es, dachte Astra.] „Das Projekt Exitus ist noch gar nicht vom Stapel gelaufen. Wir haben die Einwohner von Oban bezahlt, damit sie woanders hinziehen und ansonsten sieht die Welt noch aus wie vor fünf Jahren. Aber alles ist bereit, ich brauche nur auf diesen Knopf zu drücken, und das Schlafgift wird über die Welt verteilt. Deshalb müssen wir jetzt die Gasmasken anlegen. Alle auf der Insel sind informiert.“ Er hielt ihr eine Gasmaske hin, die sie automatisch entgegennahm. Wie bitte? Wenn sie sich geweigert hätte mitzuspielen, hätte sie die Menschheit retten können? Was für ein wahnsinniges Gehirn hatte sich das ausgedacht?

Astra wollte schreien, brachte aber keinen Ton hervor. Mit offenem Mund starrte sie entsetzt ihren Grossvater an. Er wirkte auf einmal besorgt. „Wir hätten es doch heimlich machen sollen, ohne ihr Wissen“, murmelte er, „sie ist nicht genügend vorbereitet.“

Er gab ein Handzeichen und jemand trat von hinten an Astra heran. Genau wie damals wurde sie betäubt und dann legte man ihr die Gasmaske an. Ihr letzter Gedanke war ‚Wenn es dich gibt, Gott, dann bitte ich dich: lass mich nie wieder aufwachen!‘

ENDE 1

Goldilock tritt in mein Leben

[Goldilock ist ein Pseudonym für eine schwäbische Kollegin und später Freundin, die ich am Arbeitsplatz kennengelernt habe und die mich in die merkwürdigsten Situationen brachte. Dies ist die erste von fünf kleinen Geschichten.]

Es war so um 1979 herum, ich war 24 Jahre alt und arbeitete in einer mehr oder weniger privaten Reisebusgesellschaft in Hamburg. Goldilock wurde im Bereich Reiseplanung angestellt. Sie stammte aus Schwaben und war rein äusserlich alles, was ich blöd fand: stark geschminkt, viele Klunker, jedes Haar perfekt in einer Aussenrolle mit literweise Haarspray fixiert und gerne in eine kurze silberfarbene Pelzjacke gekleidet. Ich fand jedoch schnell heraus, dass sie Humor hatte und man mit ihr viel Spass haben konnte.

Unser Chef war eine Person, die man nicht richtig respektieren konnte. Ein kleiner nichtssagender Typ mit schütterem Haar und einer netten Frau, der ganz offensichtlich die rothaarige Leiterin des Reisebüros anbetete. Wann immer wir etwas durchsetzen wollten, wurde sie gebeten, es mit ihm aufzunehmen. Erfolg war fast immer garantiert. Er war total lächerlich in seiner Offensichtlichkeit.

Aber hier geht es um Goldilock. Wir haben viele Mittagspausen zusammen mit einer anderen jungen Kollegin gegenüber in der Kneipe verbracht, wo man morgens auch belegte Brote kaufen konnte. Dort tranken wir Orangensaft und Wodka oder Apfelschnaps, weil man das nicht riechen konnte, denn unser Chef hatte Alkohol während der Arbeitszeit 100% verboten. Weniger unauffällig war der Rotweinpunsch, den wir in der Kaffeemaschine zubereiteten und der leider einen penetranten Geruch verbreitete. Ein anderes Versteck einer Flasche war hinter der Fassade eines Ordners mit der Aufschrift ”Blitzreisen”. Das Peinlichste passierte einem männlichen Kollegen, der ein Schnapsglas mit Cognak in der Einstecktasche seines Jackets für später versteckt hatte. Er wurde vom Chef aufgehalten und über eine Landkarte befragt. Als er sich darüber beugte … ihr könnt es euch denken!

Zurück zu Goldilock. Sie konnte eiskalt sein. Sie sollte zum Beispiel eine Kurzreise nach Polen planen und dem Chef vorlegen. Einmal war sie zu lang, dann wieder zu kurz. Am Ende hatte sie die Nase voll und legte ihm ihren allerersten Entwurf wieder vor, den sie aufbewahrt hatte. ”Sehen Sie, Frau Goldilock, genauso wollte ich es haben”, war seine Reaktion. (…)

Es verging nicht viel Zeit und Goldilock und ich unternahmen auch private Dinge nach der Arbeit, trotz meiner anfänglichen Vorurteile bezüglich ihres Äusseren. Und als mein damaliger Verlobter und ich uns trennten, zogen wir sogar zusammen in ein Haus in einem winzigen Kaff südlich von Hamburg, das einem anderen jungen Kollegen gehörte und der es an uns vermietete.

Wir machten mit unserer Umzugscrew einen unauslöschlichen Eindruck auf die Dorfgemeinschaft. Von Goldilocks Seite war da ihre Schwester mit ihrem türkischen Verlobten, die sich entweder anbrüllten oder sich mit Koseworten überschütteten (Blume meines Herzens etc.). Von meiner Seite war da mein Ex-Verlobter aus Nigeria, der gross und breit war mit langer Afrofrisur (er half noch beim Umzug, bevor er nach Nigeria zurückging); mein älterer Bruder in Schottenkilt und -bonnet sowie mein ganz normal aussehender Cousin. Um den Eindruck der Dorfgemeinschaft zu verstehen muss dazu noch gesagt werden, dass die Blume des Herzens solange sie bei uns wohnte so bis mittags im durchscheinenden Nachthemd herumlief und so auch aus dem Fenster hing. Allen war klar, dass da ein Bordell eingezogen war. Dass Goldilock und ich jeden Morgen um 07.00 Uhr zur Arbeit fuhren, täuschte keinen. Sie wussten Bescheid.

Dieser Eindruck verschärfte sich dann noch, als wir beide englische Freunde bekamen, die jeder drei verschiedene Autos hatten und mal mit dem einen oder dem anderen kamen. Dann übernachteten auch einige Leute von der Housewarmingparty bei uns; wieder viele Autos. Und dann kam die Syrer-Clique, die wir kennengelernt hatten, mit 7 oder 8 Leuten zu uns zum Baden, weil bei ihnen wegen Reparaturen das Wasser abgestellt war; wieder drei Autos.

Eines Abends kam also ein rechtschaffener Nachbar und erzählte uns, dass wir ein schlechtes Vorbild für die Dorfjugend wären. Ich versuchte noch mit ihm zu reden, aber Goldilock war ausser sich vor Wut und brüllte von oben aus dem ersten Stock, dass er sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte und dass es ihn gar nichts anginge, was wir in unserem Haus machten. Sie konnte nicht runterkommen, weil sie nämlich gerade aus dem Bad kam und splitterfasernackt war. Das wäre Wasser auf seine Mühlen gewesen. Die Nachbarn glaubten tatsächlich, dass bei uns Orgien veranstaltet wurden. Was für eine schmutzige Fantasie manche Leute haben und wie wenige Freunde offensichtlich!

Aber dass unser direkter Nachbar im Suff seine Frau schlug, das war völlig in Ordnung … das vermittelte der Dorfjugend einen guten Eindruck.

(Fortsetzung folgt)

Intuition – Epilog (Gwiazda/Astra)

Nach ihrer Rede bekam Gwiazda, nunmehr Astra, die ”Mutter der Nation”, volle Bewegungsfreiheit. Auch wurde sie in Geheimnisse eingeweiht. Sie hatte sich und letztendlich ihren Grossvater gefragt, wo denn die Menschen abgeblieben wären, die vor den neuen Siedlern in Oban (Stewart Island) gewohnt hätten. Man hätte keine einzige Leiche gefunden. Man erklärte ihr daraufhin, dass man aus Rücksicht auf die Kinder die Leichen entfernt hätte. Aber wenn Schlafspray und Exitus gleichzeitig stattfanden, wie und wann wurden dann die Leichen entfernt? Diesen Gedanken behielt sie für sich.

Die Wanderer und ihre Anhänger hatten über Jahre hinweg Material und Lebensmittel gesammelt, um die Übersiedlung zu ermöglichen. Es gab nichts woran sie nicht gedacht hätten: Wohncontainer, haltbare Lebensmittel, Geräte, Werkzeuge, Samen, Pflanzen, Tiere fast wie eine Arche Noah. Wie hatten sie das nur alles unbemerkt zusammengesammelt? Mammon war stark und hatte viele Anhänger. Es kam ihr merkwürdig vor. Doch auch diese Überlegung äusserte sie nicht laut.

Sogar Computer gab es, aber nur für die Wanderer, und die restliche Bevölkerung von Stewart Island wusste nichts davon. Gwiazda fragte natürlich, warum das so sei, aber die Antwort darauf war so vage und gleichzeitig verschnörkelt, dass sie sich keinen Reim darauf machen konnte. Man verbot ihr auch strengstens darüber zu reden. Auch bekam sie keinen Zugang zu den Computern. Auf die Frage, woher denn die Elektrizität für die Computer herkäme und anscheinend existierte auch eine Internetverbindung, bekam sie eine für sie völlig unverständliche technische Antwort. Natürlich gab es Elektrizität auf der Insel, denn selbstverständlich hatte man an Generatoren gedacht, aber das reichte nur für den täglichen Hausgebrauch. Später sollten Windmühlen im Meer aufgestellt werden und auf der benachbarten unbewohnten Insel Ruapuke, denn auch diese hatte man nicht vergessen mitzunehmen. Gwiazda konnte sich nicht vorstellen, dass es noch ein Internet geben sollte, wenn alle Menschen tot waren. Vielleicht weil einige davon beim Einschlafen online waren? Müsste dann nicht irgendwann der Strom ausfallen und dann wäre alles tot? Sie hatte nämlich auch Lichter an der neuseeländischen Küste gesehen, die ihr Grossvater damit abtat, dass es sich um automatisierte Strassenbeleuchtung handelte, die irgendwann nicht mehr funktionieren würde.

Gwiazda suchte den Kontakt zu ihren Mitbürgern und fand heraus, dass es sich um ernsthafte, dedikierte Menschen handelte, die auf der anderen Seite in dem begangenen totalen Völkermord kein Verbrechen sahen, sondern eine Notwendigkeit, wenn der Planet gerettet werden sollte. Natürlich war sie sehr vorsichtig, wenn sie andere Leute traf. Als Mutter der Nation konnte sie schliesslich nicht verräterische Äusserungen von sich geben. Es war auch gefährlich in Bezug auf die Wanderer. Sie war sich im Klaren darüber, dass sie diese Leute nicht unterschätzen durfte und ihre Geduld mit ihr nicht unbegrenzt sein würde. Schliesslich hatten sie ihre Rücksichtslosigkeit bewiesen, nicht wahr? Die Verwandschaft mit einem Wanderer würde sie nicht völlig absichern.

Einmal hatte sie ihren Grossvater gefragt, wie es ihnen denn gelungen wäre die Unterwanderung durch Spione Mammons zu vermeiden. ”Ganz einfach”, hatte er geantwortet, ”man lässt alle ein Kapitel aus ”Sternchen und der Wanderer” vorlesen. Mammon-Anhänger können das nicht ertragen.” Ihre, ebenfalls stummen Gedanken dazu waren, dass ein dedikierter Spion doch sicherlich versuchen würde sich dem ”Gift” des Buches gegenüber immun zu machen.

Der Kontakt zum Festland war total untersagt. Aus eben diesem Grund hatte man ja alle Schiffe zerstört. Aber waren wirklich alle zerstört? Gwiazda meinte manchmal nachts Motorengeräusch auf dem Meer gehört zu haben. Aber sie wollte lieber nicht nachfragen, denn sie hatte sich schon als zu neugierig gezeigt und wollte nicht wieder in ein Zimmer gesperrt werden.

Im Laufe der folgenden Jahre, in denen die Gemeinschaft stärker wurde, die Anzahl der Kolonisten wuchs, die Schmelztiegelidee zu funktionieren schien und alle oder besser die meisten sich über den Erfolg des Projektes freuten, kam es immer mal wieder vor, dass sich einzelne Siedler, merkwürdigerweise alles Männer, sich Flösse bauten und sich zum Festland aufmachten. Die meisten sah man nie wieder. Einzelne kamen zurück, wurden aber nicht an Land gelassen, denn schliesslich konnten sie Träger des Virus sein, den die Wanderer und ihre Anhänger auf die Menschheit losgelassen hatten. Wer insistierte an Land zu kommen, wurde erschossen. Ja, Waffen hatte man natürlich auch nicht vergessen …

Gwiazda verstand nicht, warum man nicht einfach ein Quarantänezentrum einrichtete, anstatt diese Leute zu erschiessen, denn so viele waren es ja nicht, die zurückkamen. Wie schrecklich war dieser Virus?

Oder hatten diese Leute auf dem Festland etwas entdeckt, von dem die Wanderer nicht wollten, dass es herauskam? Hatten die Wanderer Gwiazda und allen anderen ein fantastisches Märchen aufgetischt? Aber warum? Was steckte dahinter? Wie war die Situation auf dem Festland wirklich? Vielleicht waren gar nicht alle tot?

Gwiazda würde sich hüten, darüber mit ihrem Grossvater zu sprechen. Er war bereits misstrauisch geworden als sie sich so sehr für die Computer interessierte. Ausserdem hatte sie bei ihm einen Erfolg verbucht. Die Wanderer hatten tatsächlich geplant, dass Gwiazda und Holger heiraten und somit als Volksheldenpaar auftreten sollten, und dann kleine Volksheldenkinder auf die Welt brachten. Das hatte Gwiazda kategorisch abgelehnt, denn einen Ehepartner wollte sie sich selber wählen, wenn überhaupt. Sie hatte gedroht, dass sie versuchen würde zum Festland zu schwimmen, wenn der Plan nicht fallen gelassen würde. Die Wanderer waren wütend, aber in diesem Fall hatten sie nicht darauf bestanden. Sie musste vorsichtig sein, bis sich die Wogen wieder geglättet hatten. Holger war natürlich gekränkt und ignorierte sie momentan völlig, doch das war ihr nur Recht.

Sie fühlte sich sehr verunsichert. Einerseits schien die Besiedelung der Insel und die Versorgung der Gemeinschaft einwandfrei zu funktionieren, aber andererseits befielen sie Zweifel über den Hintergrund dieses Projektes. Hatten sie wirklich die Menschheit gerettet? Oder hatten sie die Welt vor der Menschheit gerettet? Den Erreger sozusagen eingekapselt?

Hatte sie das Richtige getan, als sie einwilligte, die Mutter der Nation zu spielen? Hatten die Wanderer sie vielleicht alle belogen? Die Zukunft würde es zeigen. Sie musste wachsam bleiben und bereit sein für das, was kommen würde.